— Mama, wir haben uns im Ferienhaus vergnügt und ihr könnt zurückgehen, — die Schwiegertochter wirft die Schwiegermutter von ihrem Garten.

Heike konnte immer noch nicht fassen, was gerade geschehen war. Hatten sie endlich ihr eigenes Schrebergartenhaus? Seit über zehn Jahren träumten sie davon, doch das Leben stellte immer wieder Hindernisse in den Weg: die Baufinanzierung, die Kinder und ihre Schule, die nächste Wirtschaftskrise Und plötzlich sahen sie ihre Konten und entschieden: jetzt oder nie.

Ihr Mann Johann arbeitete bei einer Versicherung ein ganz normaler Bürojob und Heike war Kindermasseurin. Sie verdiente gut, aber ein Haus auf dem Land war noch fern. Dann nahm das Schicksal einen unerwarteten Zug: fast gleichzeitig verstarben Heikes Großmutter und Johanns Großmutter. Jede hatte in einer kleineren Stadt Erfurt und Chemnitz eine Eigentumswohnung hinterlassen.

Nach langen Gesprächen beschlossen die beiden, beide Wohnungen zu verkaufen, das Geld zu bündeln und endlich ihr Traumgrundstück zu kaufen.

Ein Angebot kam schnell. Im Winter wollen die meisten Menschen keine Immobilien loswerden, weil sie auf die Gartensaison warten. Doch Johann war entschlossen.

Wir bereuen es später, finden tausend Gründe und bleiben ohne Schrebergarten, knurrte er.

Heike stimmte ihm voll und ganz zu. Alles fügte sich wie ein Puzzle.

Das Stück Land war praktisch perfekt: Strom, Gas und alle Leitungen lagen bereits. Es fehlte nur noch ein kleiner Bau für das Sommerwohnen.

Man einigte sich, dass Johann mit seinem Freund Niklas in den kommenden warmen Wochen Urlaub nehmen und den Bau anpacken würde.

Sie arbeiteten Hand in Hand, ohne unnötige Pausen, und nach einem Monat feierten die junge Familie das Einzugfest.

Schlafen war eng: auf dem Boden lagen aufblasbare Matratzen, und aus Berlin hatten sie warme Decken mitgebracht. Aber das Wichtigste war da eine funktionierende Küche und Wasseranschluss. Der Rest konnte später nachgerüstet werden.

Herzlichen Glückwunsch, Johann!, rief Niklas und hob das Glas.

Die Männer warfen die Gläser auf den Tisch, schnitten sich saftige Würstchen, übergossen sie großzügig mit Zwiebeln und Ketchup und stürzten sich darauf.

Wer hätte gedacht, dass das alles so schnell geht!, sagte Heike begeistert. Noch vor Neujahr habe ich nicht einmal von einem Schrebergarten geträumt, und jetzt steht er hier. Sie zeigte auf das kleine Häuschen.

Obwohl die Dämmerung hereinbrach, verließ die Gruppe nicht sofort den Platz, sondern setzte ihr improvisiertes Picknick im Freien fort.

Hallo, mein Sohn, wie läufts bei euch?, fragte Heikes Schwiegermutter, Elisabeth, freundlich am Telefon.

War sie so lieblich am Telefon, musste sie etwas im Schilde führen.

Mama, alles bestens!, jubelte Johann.

Ich weiß Bescheid. Haben die Enkel erzählt, dass ihr ein Schrebergartenhaus gekauft habt?

Ja, nicht nur ein Gartenhaus, sondern eine echte Landresidenz!, prahlte Johann stolz.

Ach, das sagst du nur, weil du willst, lachte Elisabeth laut, doch plötzlich wurde ihre Stimme leiser. Na gut, weiter so

Mama, wie gehts dir?, fragte Johann plötzlich besorgt.

Ach, in meinem Alter Die Ärzte raten zu Ruhe, kein Stress. Dann kann sich der Körper erholen Aber wo finde ich so einen Ort? Die Heilbäder sind zu teuer für mich, sagte Elisabeth nachdenklich.

Komm doch zu uns!, schlug Johann begeistert vor.

Ach, mein Junge, ihr könnt doch ohne mich gar nichts machen! Und Heike würde bestimmt etwas einwenden, begann Elisabeth zu protestieren.

Mama, hör bitte. Komm einfach, das ist alles, drängte Johann.

Na gut, lieber Johann, wenn du darauf bestehst. Ich bringe dir dann den Napfkuchen, den du liebst, mit, erwiderte Elisabeth.

Als Johann seiner Frau die bevorstehende Ankunft der Mutter mitteilte, war Heike nicht sehr begeistert.

Also haben wir jetzt ein Schrebergartenhaus, und plötzlich empfiehlt der Arzt meiner Mutter, dort zu entspannen? fragte Heike spöttisch.

Ja, antwortete Johann schlicht.

Schon komisch, oder?

Nein, ihr Blutdruck ist zu hoch, erwiderte er.

Johann, du verstehst das nicht. Sie fährt nicht zur Genesung, sondern will das neue Anwesen mit eigenen Augen sehen!

Hör auf. Sie wird nur eine Woche da sein und dann zurück.

Du hast vergessen, was beim letzten Besuch passiert ist?

Johann vergaß zwar, aber Heike erinnerte sich gut. Elisabeth hatte damals versucht, ihre Ehe zu sabotieren: Gerüchte verbreiten, den ältesten Sohn als nicht von uns bezeichnen, das Essen zu versalzen oder den Zucker durch Natron zu ersetzen. Heike hatte daraufhin Elisabeth nach dem ersten Flug nach Hause geschickt.

Heike war sicher, dass Elisabeth diesmal nicht wieder Chaos stiften würde, aber sie wollte Johann nicht gegen seine Mutter aufbringen. Vielleicht würde das Schicksal diesmal gnädig sein.

Ach, wie schön hier! Ein echtes Paradies Luft, Bäume, ein entzückendes Häuschen, schwärmte Elisabeth, während sie das Grundstück bewunderte. Das muss Heike gewesen sein, die das ausgedacht hat! Sie ist wirklich eine kluge Frau. Du hast Glück, so eine Frau wie Heike zu haben!

Was ist das für eine Veränderung, Elisabeth?, fragte Heike verwundert.

Du warst immer meine Lieblingsschwiegertochter. Dein Mann ist zwar ein Tollpatsch, aber du bist ein Goldstück. Wir hatten Schwierigkeiten, doch wir haben sie überwunden. Wer das Alte erinnert sich

Heißt das, ich bin ein Tollpatsch?, lachte Johann.

Ja, aber liebenswert, grinste Elisabeth. Übrigens, was gibt es heute zum Abendessen?

Wir haben jeden Tag Grill!, antwortete Heike fröhlich. Hoffentlich habt ihr nichts dagegen? Wir können gar nicht genug vom Grillen im Freien bekommen.

Gerne. Das letzte Mal habe ich Kebap in Antalya gegessen, damals war ich noch in der Schule, sagte Johann schmunzelnd. Stell dir das vor, das ist lange her!

Johann, kümmer dich um den Grill. Ich hole das Fleisch aus dem Kühlschrank.

Darf ich mitkommen? Ich will das Haus noch einmal sehen.

Natürlich, bitte!, nickte Heike.

Elisabeth wirkte diesmal freundlicher, scherzte und plauderte herzlich mit Heike. Heike dachte, die Zeit habe die Menschen geändert; vergangene Konflikte hatten Elisabeth wohl zum Nachdenken gebracht. Schließlich wollte sie die Beziehung zu Johann nicht zerstören sie waren seit vielen Jahren verheiratet, hatten erwachsene Kinder, und jetzt das Schrebergartenhaus.

Während Johann und Elisabeth Teller holten, klingelte das Handy. Der Bildschirm lag offen, und Heike sah eine Nachricht:

Wann kommst du zurück in die Stadt? Hast du ihr von uns erzählt? Ich warte auf Neuigkeiten. Küsse.

Heike ließ das Telefon auf das Gras fallen. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

Wie soll ich den Kindern das erklären? Wie teilen wir die Wohnung? Wer ist diese Frau? Und vor allem wie konnte Johann so etwas tun?

Da ist das Geschirr!, rief Johann und stellte die Teller auf den Tisch.

Ich muss kurz weg, sagte Heike, weil sie etwas kaltes Wasser über ihr Gesicht gießen wollte, um klar zu werden.

Sie eilte ins Haus und sprang zur Spüle.

Was ist passiert?, fluchte Elisabeth, als sie beinahe eine Ketchupflasche fallen ließ.

Heike wusch sich fieberhaft das Gesicht, mischte Tränen mit Wasser und trocknete sich dann mit einem Handtuch ab.

Johann hat jemanden, murmelte Elisabeth und nahm Heike in den Arm.

Heike fragte: Warum hast du das nicht früher gesagt?

Ich wusste es, aber ich hoffte, er bereut es. Ihr seid vom ersten Tag an zusammen, ihr habt Kinder, einen Schrebergarten. Ich sage doch nur der Tollpatsch ist

Heike brach erneut in Tränen aus. Wenn er es seiner Mutter erzählt hatte, war die Situation ernst.

Beruhige dich, trockne deine Tränen. Du willst doch keinen Sturm entfachen, oder?, sagte Elisabeth beruhigend.

Heike nickte und wischte ihr Gesicht.

Wir entscheiden später, was wir tun. Wir geben ihn nicht einfach dieser Frau.

Diese Worte ließen Heikes Herz ein wenig leichter schlagen.

Am nächsten Tag fuhr Johann in die Stadt, um warme Kleidung zu holen die Wettervorhersage sprach von einem möglichen Frost. Doch Heike kannte den wahren Grund und tat so, als sei nichts.

Als das Auto um die Kurve verschwand, setzte Elisabeth sich zu Heike auf die Veranda und legte ihren Plan offen.

Du musst einen Mann finden.

Was?

Nicht unbedingt ernsthaft. Wichtig ist, dass Johann dich eifersüchtig macht. Manchmal wird die Liebe träge, der Ehemann schaut sich um. Wenn er sieht, dass du ebenfalls attraktiv bist, erinnert er sich vielleicht wieder an dich.

Heike staunte über die Absurdität, doch in Elisabeths Worten lag ein Funke Sinn.

Und wen haben wir im Auge?

Vielleicht Kolja? Er ist ledig und hat beim Hausbau geholfen.

Ruf ihn an, lade ihn ein. Grill, Drinks, ein kurzes Kleid damit Johann sieht, dass sein Platz schon besetzt ist, grinste Elisabeth diabolisch.

Kolja, der sonst kaum Kontakt zu ihnen hatte, sagte zu und kam. Er fragte sofort:

Wo ist Johann?

Er kommt erst abends, antwortete Heike schüchtern. Ich kann das Fleisch nicht allein grillen, ich brauche Männerhände.

Elisabeth beobachtete das Spiel durch das Fenster.

Möchten Sie noch Wein?, fragte Kolja und griff zur Flasche.

Gern, nur nicht zu viel, sonst werde ich schwindelig, flötete Heike.

Du bist hübsch, Heike, sagte Kolja und reichte ihr eine Schale mit Früchten. Schade, dass ich keine Frau habe. Sag Johann nichts, das bleibt unser kleines Geheimnis.

Heike wurde rot. Sie hatte nicht mit diesem Verlauf gerechnet. Was, wenn er sich jetzt weiter einmischt? Was blieb ihr noch?

Plötzlich hörte sie das Dröhnen eines Motors. Johann bremste hart und kam fast gegen den eigenen Zaun.

Was steckt hier vor, während ich weg war?!, schrie er, als er aus dem Auto sprang.

Johann, warum bist du so früh zurück?, fragte Heike überrascht.

Meine Mutter hat angerufen und gesagt, nach meinem Weggang kam ein Bewunderer zu dir! Und das war Kolja, mein bester Freund!

Was hat dich das angeht? Regel deine angebliche Affäre. Ich werde bald frei sein.

Eine Affäre?

Mit der Frau, zu der du heute in die Stadt gefahren bist! Ich habe deine Nachricht gesehen.

Ich habe die SMS auch gesehen, dachte, jemand hat die Nummer verwechselt. Ich habe niemanden!, versuchte Johann die Lage zu beruhigen, doch das Durcheinander blieb.

Heike blickte zur Tür, Elisabeth zog hastig die Vorhänge zu.

Mama! Bitte gehen Sie sofort!

Ach, das war nur ein Scherz!, lachte Elisabeth, wischte sich Tränen mit dem Taschentuch ab. Ihr Gesicht!

Glaubt ihr, das Zerstören einer Familie ist ein Spaß?, kochte Heike vor Wut.

Na gut, ich gehe, wir klären das später, sagte Kolja, aber niemand hörte mehr auf ihn.

Hast du das alles bewusst arrangiert? Und die Nachricht?

Ja, das war ich. Ich habe zwei Handys, also kein Problem, gestand Elisabeth ohne Scham.

Mama, das ist nicht lustig. Ich habe fast meine Familie und meinen Freund verloren, sagte Johann ernst.

Aber ich habe euren Bund ja gerade gestärkt! Ich muss mich nur ein wenig beschäftigen, weil mir sonst langweilig ist, erwiderte Elisabeth.

Macht weiter, aber nicht hier. Johann wird euch morgen alles zurückbringen, was ihr hierhergebracht habt, und am Morgen zum Bahnhof fahren, erklärte Heike bestimmt.

Sie packte Elisabeth am Arm und zog sie entschlossen zum Ausgang.

Entfernt euch, ihr wollt uns vertreiben?, begann Elisabeth zu begreifen, was geschehen war.

Mama, Sie haben genug Spaß hier gehabt. Verschwinden Sie bitte, sagte Heike ohne Gnade.

Wo soll ich übernachten?

Im Auto. Es ist nicht Winter, du wirst nicht frieren.

Am Morgen fuhr Johann Elisabeth zum Bahnhof und setzte sie auf den Zug. Die ganze Fahrt war von Stille geprägt.

Durch diese Erfahrung lernten Heike und Johann, dass Vertrauen und Ehrlichkeit das wahre Fundament einer Familie sind. Nur wenn man ehrlich miteinander umgeht, bleiben die Mauern des Hauses egal ob in Berlin oder auf dem Land stark und beständig.

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