Liselotte erstarrte mit kleinen, feinen Rechen im Griff, und ihre Finger öffneten sich wie von selbst vor Überraschung. Das hölzerne Werkzeug klapperte leise und fiel auf die trockene, rissige Erde. Noch bevor sie ein Aufschrei entglitten war, ertönte hinter ihr ein schriller Laut, so plötzlich und schneidend wie das Knarren eines alten Eichenbaums, doch zugleich voller unbeirrbarer Sicherheit ein Schauer lief ihr über den Rücken.
In deinem Garten wächst nichts, mein Kind, weil dich ein Toter besucht. Siehst du ihn nicht? Schau genauer hin, Tochter, achte gut darauf, sagte eine fremde, knorrige Alte, streng zugleich mit einem Hauch Mitleid, während sie Liselotte mit ihren von der Zeit verblassten, aber durchdringenden Augen musterte.
Liselotte drehte sich langsam, fast mechanisch, und erblickte zum ersten Mal den kleinen Stückchen Erde vor dem frisch erworbenen, begehrten Einfamilienhaus. Ein seltsames, unerklärliches Klagelied zog ihr Herz zusammen. Jeden Tag hatte sie hier gestanden, doch erst jetzt begriff sie das Grauen, das sich ausbreitete. Direkt vor dem kunstvoll geschnitzten Gartenzaun, den sie so stolz in Szene gesetzt hatte, lag ein völlig verkohltes, lebloses Erdfeld.
Kein Grashalm, kein Knospenwuchs, kein Hauch von Leben. Hinter dem Haus, in den liebevoll gepflegten Beeten und Blumenbeeten, gediehen Rosen in voller Pracht, Pfingstrosen streckten sich zur Sonne, und die Johannisbeeren bildeten ein sattes Grün. Der Kontrast war erschreckend, fast unnatürlich. Sie versuchte, die Erde zu beleben düngte, lockerte, goss Tränen fast aus Verzweiflung, doch alles blieb vergebens.
Ganz vertieft in ihr gärtnerisches Sorgenkind bemerkte sie nicht, wie die knarrende Torflüchse einer mageren, bückenden Gestalt, deren Geist noch nicht gebeugt war, zur weiten, offenen Toröffnung hinaustrat.
Du hättest heute noch ein Ballkleid anziehen können, um so prachtvoll im schwarzen Erdreich zu wühlen, flüsterte die Alte mit kaum merklicher Spöttelei, doch ohne Bosheit, während sie Liselottes Outfit musterte: ein teurer, exakt sitzender rosafarbener Top und dazu passende, aus HighTechStoff gefertigte Radlerhosen.
Instinktiv strich Liselotte die widerspenstige, rote Haarsträhne aus der Stirn und schämte sich leicht. Das das ist doch Spezialkleidung, Oma. Für die Gartenarbeit. Atmungsaktiv, technologisch, versuchte sie zu erklären, doch ihre Stimme klang schwach. Und die Nachbarn hier im neuen, feinen Vorort gehen alle so sauber und ordentlich Niemand hat hier vorher gewohnt, alles ist von Grund auf neu
Die Alte hörte nicht mehr zu. Sie drehte sich um, stützte sich auf einen selbstgebastelten, knüppelartigen Stab und glitt, wie vom Sommerstaub verweht, um die Ecke der Straße. Liselotte blieb allein zurück, das einzige Geräusch war das dröhnende, ohrenbetäubende Schweigen, das nur vom Schlag ihres eigenen Herzens durchbrochen wurde.
Wie konnte das geschehen?, dachte sie fieberhaft, zog die Gartenhandschuhe aus und prüfte automatisch ihren makellosen Maniküre. Wie kommt ein Toter zu mir in mein neues, helles Haus? Wer ist er? Was will er?
Zum Glück hatte sie noch kurz vor dem Umzug fast einer Flucht aus dem lärmenden Großstadtgetümmel in die Ruhe der Vorstadt einen Manikürekurs abgeschlossen. Jetzt bleiben meine Hände immer top gepflegt, dachte sie bitter ironisch, wie wäre es, wenn der Garten genauso wäre dass alles blüht und keinen Geist mehr zu Besuch schickt.
Dem ewig beschäftigten Ehemann Dieter sagte sie nichts von der unheimlichen Besucherin. Sie fürchtete seine praktische, rationale Miene. Doch die Gedanken an das Gespräch kehrten immer wieder zurück, wurden zu einem hartnäckigen Gespenst. Keine noch so teuren, modernen Dünger, keine Ratschläge aus dem Internet und von erfahrenen Nachbarschaftsgärtnern halfen. Das Stück Erde vor dem Haus blieb trocken, leblos wie ein Grabstein.
Liselotte wollte das Gärtnern mit ganzer Seele. Sie absolvierte OnlineKurse, sammelte zahlreiche Gartenmagazine und ließ sich von der Idee berauschen, die Erde zu fühlen, ihren Duft einzuatmen und zarte Triebe zu pflegen. Und es gelang ihr! Erste Erfolge zeigten sich. Doch das verfluchte Erdstück direkt vor dem Hauseingang weigerte sich, als wolle eine unsichtbare Mauer das Leben fernhalten.
Vielleicht muss ich doch einen teuren Landschaftsarchitekten und Bodenkundler beauftragen, murmelte sie traurig, während sie aus dem Fenster auf das schwarze Fleckchen ihres Versagens starrte. Doch wenn unser flüchtiger Besucher wirklich existiert, werden sie kaum helfen können.
Einige Tage vergingen. Liselotte sah sich ein weiteres detailliertes Video eines erfahrenen Gärtners an, legte das Handy beiseite. Die Nacht draußen war lautlos und sternenlos. Dieter schlief schon lange, schnarchte im Takt seiner Geschäftspläne, und auch Liselotte sollte längst im Bett liegen, doch der Schlaf ließ sich nicht erhaschen.
Pfui, wie drückend kaum zu atmen, flüsterte sie und schob die seidige Decke beiseite, trat zur gläsernen Balkontür.
Sie öffnete sie leise, trat hinaus in die kühle Nachtluft, die süß und frisch roch. Vom zweiten Stock aus war das unheilvolle Stück Erde kaum zu sehen, verdeckt vom Dachüberhang und dem Schatten einer großen Linde. Getrieben von einem plötzlichen Impuls, kroch sie über die kalten Geländer, um in die Dunkelheit zu blicken.
Unter dem scharfen Licht des sichelförmigen Mondes, der durch zerrissene Wolken schnitt, schritt eine fremde Gestalt über die durchwühlte, aber tote Erde. Ein Mann, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Seine Bewegungen waren eigenartig, verlangsamte, als kämpfte er gegen eine unsichtbare Barriere. Er stolperte, hockte, stand wieder auf, stieß mit der Zehe eines alten, abgewetzten Schuhs in die Erde, tastete mit langen, bleichen Fingern, als suche er etwas.
Liselottes Herz blieb stehen, dann pochte es so heftig, dass sie erzitterte. Sie starrte in die Dunkelheit, versuchte Details zu erfassen. Je länger sie hinblickte, desto klarer wurde ihr, dass etwas nicht stimmte. Er war halb durchscheinend, das Mondlicht drang schwach durch seine dürftige Gestalt, gekleidet in einen altmodischen Anzug. Seine Bewegungen waren nicht nur langsam, sondern schwebten, als fehlte ihm die Erdanziehung er war kein lebender Mensch.
Ein panischer Schwall erfasste sie, ihr Kopf drehte sich, ein schwarzer, klebriger Wellenrausch drohte ihr das Bewusstsein zu rauben. Gerade als sie vom Balkongeländer fallen wollte, drehte der Gespenstmann sich um.
Er blickte direkt zu ihr. Sein Gesicht war ausdruckslos, wie aus bleichem Marmor gemeißelt, ein buschiger Schnurrbart aus einer anderen Epoche, das Haar zu einem strengen Scheitel frisiert. Die Augen waren leer, tiefschwarz, bodenlos.
Plötzlich streckte er beide Hände nach vorne, als wolle er die Distanz, die Höhe überwinden, sie packen, seine eisigen Finger nach ihr ausstrecken. Liselotte spürte, wie sein bleicher Kopf näher kam, das Gesicht immer mehr den Raum ausfüllte. Ein leiser, erstickter Stöhnlaut verließ ihre Lippen, sie drückte sich mit letzter Kraft von den Geländern zurück, stolperte rückwärts ins Schlafzimmer und fiel auf den kalten Fußboden.
Die rätselhafte Alte zu finden, erwies sich als überraschend einfach. Liselotte war sich sicher, solche Frau konnte nicht in ihrer makellosen Vorstadtsiedlung wohnen. Also suchte sie das Haus hinter der Brücke, im alten, schlummernden Dorf. Die genaue Lage der Hexe erfragte sie bei den älteren Frauen, die auf der Bank am Brunnen saßen.
Sie hielt ihren gepflegten StadtKleinwagen vor einem verwitterten, längst nicht mehr gestrichenen Häuschen mit verrosteten Fensterläden an. Das Tor hielt einzig ein rostiges Scharnier, also klopfte sie zögerlich.
Oma!, rief sie, blickte durch die Lücke im Zaun. Oma Gerta? Ich bin Liselotte! Letzte Woche haben Sie mir von meinem Stück Erde von dem Besucher erzählt.
Die Tür öffnete mit einem Quietschen, und die alte Frau trat hervor, musterte die Besucherin.
Ach du meine Güte Schon wieder in Paradekleidung, murmelte sie leise, doch deutlich, während sie das schicke, schimmernde KleidTunika und die eleganten HighHeels von Liselotte musterte. Dann winkte sie ihr zu. Komm rein, denn du bist ja schon hier! Nur pass auf, dass du die Stufen nicht zerbrichst! Was willst du denn?
Liselotte trat ein und spürte, wie ein Kloß ihr in die Kehle stieg.
Er er kommt wirklich. Er stampft dort, wo Sie gesagt haben. Ich sah ihn letzte Nacht, ihre Stimme zitterte. Ich dachte, wenn Sie solche Dinge sehen und nicht ängstlich sind, haben Sie das schon früher erlebt. Vielleicht wissen Sie, wie man ihn vertreibt? Ihre Hände zitterten, ihr makelloser Maniküre glänzte im schummrigen Licht des Flurs.
Dachte ich ja, mein Kind, nickte die Alte, und in ihren Augen flackerte etwas Unaussprechliches, das Liselotte nicht entziffern konnte. Willst du, dass ich ihn vertreibe?
Liselotte nickte hilflos, griff dann hastig in ihre elegante Lederhandtasche und zog ein Bündel großer, knisternder Scheine heraus.
Ich weiß nicht, wie viel das kostet. Ich bin nicht geizig, ehrlich! Wenn mehr nötig ist, fahre ich zum Geldautomaten, bringe mehr! Sagen Sie einfach, was Sie wollen!
Gerta Müller sah die Scheine prüfend an, dann Liselotte tief in die Augen. Ihr Blick erweichte sich.
Genug, sagte sie leise, fast sanft. Ich helfe dir. Setz dich, nimm Platz, ich mache das gleich, sie stockte, senkte verlegen den Blick. Entschuldige, ich kann keinen Tee anbieten. Der ist gestern aus und das Geschäft drei Meilen entfernt, meine alten Knochen tragen das nicht mehr.
Liselotte setzte sich vorsichtig auf den Rand eines bunt gestrichenen Stuhls und musterte das Haus. Ein sauberer, aber alter, mehrfach reparierter Vorhang zierte das einzige Fenster. Auf dem Tisch fehlte eine Tischdecke, und tiefe Risse durchzogen die einst glänzende Oberfläche. Der kleine Buffet hatte eine fehlende Tür, dahinter ein leeres Vakuum. Die Zuckerdose war leer, ebenso das geflochtene Brotkörbchen. Es war arm, leer und einsam.
Hol mir aus dem Kühlschrank eine Flasche, bitte, rief Gerta aus dem Nebenzimmer. Dort habe ich einen Kräutertrank, selbstgemacht. Bitter, aber er gibt Kraft und Gesundheit.
Liselotte öffnete den knarrenden Kühlschrank. Ihr Herz zog sich noch weiter zusammen. Neben einer trüben halben Liter Flasche saßen drei Eier, ein halbvolles Glas Sauerkraut und ein leeres, durchlöchertes Butterfass.
Gott im Himmel, dachte sie, ein scharfer Schmerz durchfuhr sie. Sie lebt in solcher Armut, und ich kam mit teurem Auto und Seidenkleid.
Gefunden?, dröhnte Gertas Stimme.
Ja, Oma Gerta, gleich!
Gerta trat hervor, reichte ein eng zusammengebundenes Stück Zeitung, mit einer Schnur zusammengebunden.
Hier, vergrabe das auf deinem Stück Erde. Nicht tief, nur mit dem Spatenstiel. In drei Tagen wird dein Besucher gehen und nie zurückkehren. Fürchte dich nicht. Es ist nur trockenes Kraut, Zweige, Waldbeeren ein guter Schutz. Und der Trank, schmeckt er?
Liselotte nahm einen Schluck des bitteren, aber aromatischen Gebräus.
Sehr lecker, lächelte sie aufrichtig, nahm das Bündel entgegen. Danke! Darf ich Ihnen auch etwas anbieten? Ich habe im Laden vor meiner Anreise ein Sonderangebot gesehen zwei Stück, und jetzt weiß ich nicht, wohin damit. Vielleicht brauchen Sie etwas? Ich bringe es sofort!
Ohne zu warten, verließ Liselotte das Haus, kehrte nach einer Minute mit einem schweren Papiersack zurück und begann, den Inhalt auf den Tisch zu legen, während sie ununterbrochen redete:
Sonnenblumenöl warum habe ich zwei Flaschen? Ich koche immer zu zweit, für Dieter, weil er Magenprobleme hat Tee ach, Schwarztee, obwohl wir eigentlich immer Grün trinken Süßes ich liebe das, aber ich muss abnehmen, und zu Hause liegt noch jede Menge Schokolade Kekse, passen gut zum Tee! Pastillen die mag ich nicht so sehr Fleisch oh mein Gott, wie viel habe ich gekauft? Der Gefrierschrank ist schon voll bis obenhin! Wären Sie nicht böse, wenn ich das hier lasse? Kann ich das bei Ihnen abstellen? Getreide brauner Reis, grüner Buchweizen. Nach Dieters Problemen habe ich Kurse für gesunde Ernährung besucht, jetzt kaufe ich nur noch so etwas
Sie sortierte die Lebensmittel sorgfältig in die Ecke des Tisches, wagte kaum, Gerta in die Augen zu sehen. Es war ihr peinlich, sie fürchtete, die alte Frau könnte die Geste als Almosen missverstehen und verärgert werden.
Doch als sie schließlich blickte, sah sie milde Tränen über Gertas Wangen laufen. Gerta wischte sie mit einem kleinen Tuch ab.
Danke, mein Kind, flüsterte sie, fast wie das Rascheln von Blättern im Wind.
Danke Ihnen, hauchte Liselotte erleichtert, zuckte mit den Schultern, versuchte, die Tränen zu verbergen. Ich werde den Garten retten! Und wenn Sie nichts dagegen haben, schaue ich noch mal vorbei? Ich bin sehr neugierig.
Sie vergrub das Bündel genau dort, wo Gerta es ihr gezeigt hatte. Der bleiche Mann mit dem Schnurrbart erschien nie wieder. Und exakt eine Woche später, wie die alte Frau vorhergesagt hatte, brachen die ersten zaghaften Triebe aus der einst toten Erde Unkraut, Löwenzahn und ein wenig Gras. Liselotte weinte vor Glück, denn das bedeutete, die Erde war wieder lebendig.
Am selben Tag schritt Gerta, gestützt auf einen knorrigen Stock, zum alten Dorffriedhof. Sie ging den schmalen Pfad entlang, nickte einem unsichtbaren Bekannten zu, grüßte alte Bekanntschaften. Schließlich blieb sie vor einem unscheinbaren, unbeschrifteten Grabstein stehen. Auf dem vergilbten Stein war ein Foto zu sehen, das einen düsteren Mann mit üppigem Schnurrbart zeigte.
Danke dir, Peter Steinmann, murmelte sie leise, kniete nieder und begann, das trockene Gras um das Grab zu fegen. Du hast mir geholfen, und ich dir. Jetzt kannst du ruhen. Leb wohl.
Zwei Wochen später klopfte Liselotte erneut an Gertas Tür. Ein raues Komm rein! hallte, und sie stellte die schwere, bis oben gefüllte Tasche an den Eingang.
Gerta, ich bin’s, Liselotte! Ich komme, wie versprochen.
Willkommen, willkommen, hieß die Stimme der Alten, die ein wenig frischer wirkte. Ist dein nächtlicher Besucher endlich weg?
Ja, danke! Alles wächst!, begann Liselotte begeistert, dann schämte sie sich und deutete auf die Tasche. Und das ich habe noch einUnd das ich habe noch ein paar alte Vorhänge, die ich dir gerne schenken möchte.