Ertrage das, meine Tochter! Du bist nun Teil einer anderen Familie und musst dich ihren Gepflogenheiten beugen. Du hast geheiratet, nicht nur zu Besuch gekommen.
Welche Gepflogenheiten, Mutter? Hier ist alles wirr! Besonders die Schwiegermutter! Sie hasst mich, das ist doch klar.
Hast du je gehört, dass Schwiegermütter freundlich sein können?
Fei! Fei! Was für ein Aufruhr! rief Elisabeth Schneider, die Schwiegermutter, mit geröteter Stirn und funkelnden Augen, in der Mitte der Küche. Wenn der Mann tröstet, liegt die Schuld bei der Frau. Was soll ich dir noch alles erklären?
Elisabeth stand wie ein wütender Sturm im Haus. Sie schrie die Schwiegertochter Anneliese an, als wäre sie verrückt, weil Anneliese den Verdacht hegte, ihr Mann Friedrich sei untreu.
Anneliese, eine zierliche junge Frau mit großen, vertrauensvollen Augen, lehnte sich an die Wand und versuchte, die rasende Frau zu beruhigen.
Elisabeth, das ist doch unsinnig. Er hat eine Familie, Kinder begann Anneliese, doch die Schwiegermutter schnitt ihr mit einer Handbewegung zu, als würde sie eine lästige Fliege verscheuchen.
Ist das deine Familie? Oder das Kind, das uns beide nicht in die Nähe lässt? spottete Elisabeth. Deine Erziehung, übrigens!
Erziehung? Mein Sohn Klaus ist gerade erst ein Jahr alt. Er ist noch ganz klein, flüsterte Anneliese widerschwer.
Klein? Der Enkel der Egger ist noch kleiner. Und er läuft schon, er krabbelt nicht mehr, während dein Elisabeth winkte in Richtung Kinderzimmer.
Er ist ja eigentlich unser Enkel, korrigierte Anneliese, die Stimme zitterte. Kinder spüren schlechte Menschen. Vielleicht sucht er deshalb nicht zu Ihnen.
Wir seien die Schlechten? Das ist doch lächerlich! schrie die Schwiegermutter. Und wo lebst du, schöne Anneliese, auf Kosten anderer? Wessen Lebensmittel, wessen Geld verbrauchst du? Undankbare!
Anneliese wollte nicht länger streiten. Sie hatte Friedrich schon tausendmal gesagt, dass sie getrennt von seinen Eltern wohnen wolle, doch Friedrich, ein verwöhnter Sohn, sah keinen Grund dafür.
Er liebte das Leben im elterlichen Haus; dort fühlte er sich geborgen wie ein Lamm im Arm seiner Mutter. Er ging ruhig zur Arbeit, während die Alltagsarbeiten von den Greisen erledigt wurden Wäsche, Putzen, Kochen. Es war kein Leben, sondern ein Märchen!
Im Gegensatz dazu stellte Elisabeth immer neue Forderungen. Anneliese versuchte anfänglich, die Schwiegermutter zu gefallen: sie half im Haushalt, hörte deren endlose Klagen über Nachbarn und das Leben, doch bald merkte sie, dass alles vergeblich war.
Wie gut sie auch für Elisabeth sein wollte, sie verabscheute sie insgeheim und verbarg das nicht.
Ich habe dieses armselige Mädchen ins Haus gebracht, weil es keine anständigen Töchtern mehr gab, erzählte Elisabeth einer Nachbarin, während Anneliese hinter dem Hauswinkel die herumgeworfenen Spielsachen von Friedrich einsammelte und alles mitlauschte.
Sie fuhr sogar bis ins Nachbardorf, um sie zu holen! Unsere Schwiegermütter sind weit besser, fleißiger und klüger.
Da sagst du recht!, stimmte die ortsansässige Tratschtante Frau Müller zu, die bereits das neueste Dorfgerücht kannte.
Ich weiß, du hast keine geschickten Hände. Du kannst nichts richtig machen.
Du ahnst nicht, wie sehr! Man kann ihr kein Vertrauen schenken, sie verliert oder zerbricht alles.
Bei den Eggern ist das völlig anders ein ruhiger, kluger Junge. Dieser hier macht nur Unsinn.
Als das Zusammenleben unerträglich wurde, rief Anneliese ihre Mutter im Nachbardorf an, klagte und weinte.
Ertrage das, meine Tochter! Du bist jetzt Teil einer anderen Familie, halte dich an deren Regeln. Du hast geheiratet, nicht nur besucht.
Welche Regeln, Mutter? Alles ist hier wirr! Besonders die Schwiegermutter! Sie hasst mich, das ist klar.
Hast du je gehört, dass Schwiegermütter freundlich sein können? Wir alle haben das durchgemacht, und du musst es ebenso ertragen. Zeig nicht, dass es dir schwerfällt. Ertrage es.
Da ihre ängstliche Mutter kaum zu beruhigen war, drohte Anneliese, den Vater anzurufen.
Mach dir Sorgen um deinen Vater! Du weißt, er hat eine bedingte Strafe. Ein Fehltritt und er sitzt hinter Gittern!
Anneliese kannte das gut. Ihr Vater liebte seine einzige Tochter über alles. Er hatte wegen einer Streitszene in der Dorfladerei eine Bewährungsstrafe erhalten, weil er sich wehrte, als jemand Anneliese beleidigte.
Sie wusste, dass er nicht schweigen würde, wenn er erfuhr, wie sehr seine geliebte Tochter in einer fremden Familie schikaniert wurde. Er war ein hitziger Mann.
Ich sage es meinem Vater nicht, erwiderte Anneliese. Aber wenn die Schwiegermutter so weiter macht ich weiß nicht, was ich tun soll.
Alles wird sich regeln, mein Kind, wiederholte die Mutter beruhigend. In ein paar Wochen wirst du diese Geschichte kaum noch erinnern.
Anneliese wollte das nicht weiter denken, doch das Verhältnis zur Schwiegermutter verschlechterte sich weiter. Elisabeth schien immer wütender zu werden, als wäre Anneliese schuld an all ihren Nöten. Selbst ihr Mann, der alte, müde Heinrich Braun, hielt es nicht mehr aus.
Warum schreist du die junge Frau ständig an? versuchte er eines Morgens, als der Streit seinen Höhepunkt erreicht hatte, zu vermitteln. Sie wird ja von uns gehen! Und das ist richtig!
Ich werde sie wegschicken!, rief Elisabeth, ihr Zorn auf den Vater gerichtet. Ich verklage euch, will jedes Geld zurück, das wir in diesen Jahren verloren haben, und nehme das Kind, damit es nicht in so einer schlechten Familie aufwächst!
Anneliese wusste, dass Elisabeth Unsinn redete, doch die Angst blieb. Sie liebte ihren Mann Friedrich noch immer.
Gerüchte, dass Friedrich heimlich mit seiner ExFreundin Oskarchen rumhing, waren nichts weiter als Dorftratsch, den Frauen wie Elisabeth weiterverbreiteten.
Wie lange diese Schikanen der Schwiegermutter noch andauern würden, blieb ungewiss, wäre ihr spitzer Zunge nicht im Weg gestanden. Eines Tages, nach einem weiteren Sieg über die Schwiegertochter, erzählte Elisabeth ihrer besten Freundin, Frau Müller, von ihren Heldentaten, schmückte die Geschichte weiter aus und ließ sie an andere weitergeben bis schließlich ihr Vater, der estrenge Nikolaus Schneider, davon erfuhr.
Nikolaus war ein zweimeter, breit geschulter Mann, der kaum nachdachte. Er griff nach seiner Axt, die er gerade zum Holzspalten benutzte, ließ die Arbeitsjacke an und setzte sich auf seinen alten MotorradUral, sprach kein Wort zu seiner Frau und fuhr ins Nachbardorf, um seine Tochter zu befreien.
Zur gleichen Zeit brach im Haus von Elisabeth ein richtiger Skandal aus. Die junge Mutter ließ für einen Moment ihren kleinen Lukas auf dem knallgelben Sofa zurück, um frische Windeln zu holen. Als sie zurückkam, sah sie eine braune Stelle unter dem Kind. In Elisabeths Augen wuchs diese Stelle zu einem schwarzen Loch, das die ganze Wohnung zu verschlingen drohte.
Wie ein Gewitter kam sie herbei, schrie die Schwiegermutter die Schwiegertochter an:
Du hast das Sofa ruiniert! Mein Lieblingsstück! Weißt du, was das gekostet hat? Ich könnte dir die Hände abschneiden und dir dann nähen, damit du nicht mehr schmutzig wirst!
Ich werde alles wieder gutmachen, alles reinigen, flehte Anneliese mit zitternden Händen.
Was willst du reinigen? Es ist neu! Und woher sollst du das wissen? Du hast noch nie etwas aus eigenem Geld gekauft!
Und Sie kaufen immer alles von anderen? platzte Anneliese.
Genug! Zeig endlich Respekt vor deiner Schwiegermutter! rief Elisabeth, die noch röter wurde.
Wisch die Stelle weg und dann marschiere mit deinem Sohn nach draußen! Ihr werdet bei mir wohnen und ekeln, bis ihr euch anständig benimmt!
Anneliese, in Tränen, versuchte, die Flecken zu entfernen, doch die braune Markierung weigerte sich, von der leuchtend gelben Polsterung loszulassen, fast als würde sie ihr Unvermögen verspotteln.
Der kleine Lukas, der die Sorgen seiner Mutter spürte, schrie laut, sein Weinen verstärkte die angespannte Atmosphäre.
Elisabeth stand drohend über Anneliese und schüttete weitere Flüche aus. Sie bemerkte nicht, dass im Türrahmen ihr Schwiegersohn Nikolaus erschien, die Axt fest im Griff.
Ein kurzer Moment, und Elisabeth drehte sich, sah das Werkzeug. Sie kannte Nikolaus gut wusste um sein hitziges Temperament und seine bevorstehende Bewährung. Angst kroch ihr sofort ins Mark.
Ach, Nikolaus! Und ich ziehe hier deine Tochter groß versuchte sie, das Gesicht zu wahren.
Ich hörte, wie du sie erziehst, donnerte Nikolaus und trat nackt in die Stube.
Er hob die Axt über den Kopf, ließ Elisabeth instinktiv zusammenzucken. Statt zu schlagen, legte er die Axt locker auf die Schulter und streckte die Hand zu seiner Tochter.
Komm, Anneliese, du hast hier nichts mehr zu suchen, sagte er und führte sie zur Tür.
Stopp, Schwiegersohn!, rief Elisabeth, nun wieder gefasst, was soll ich meinem Sohn sagen?
Lass deinen Sohn zu mir kommen, wenn er bereit ist. Ich rede mit ihm wie ein Mann. Nikolaus schenkte ihr einen kurzen, eisigen Blick, der mehr sagte als Worte.
Nikolaus nahm Anneliese und den kleinen Lukas mit. Friedrich wagte lange nicht, sie abzuholen, aus Angst vor dem Schwiegervater, doch schließlich stellte er sich der Konfrontation.
Nikolaus redete lange, ruhig und fest mit seinem Schwiegersohn. Er drohte nicht, er schwang nur die Stimme und die Axt, die ruhend auf dem Tisch lag, verlieh seinen Worten Gewicht.
Friedrich versprach, künftig getrennt von den Eltern zu wohnen, dass seine Mutter sich nicht mehr einmischen würde und dass er seine Frau und das Kind schützen würde.
Als Nikolaus Friedrich die Hand drückte, spürte dieser die Ernsthaftigkeit des Versprechens.
Von diesem Tag an mied Elisabeth die Schwiegertochter und den Enkel. Sie grüßte sie nicht mehr, wenn sie die Straße kreuzten.
Friedrich und Anneliese lebten nun allein, in Frieden und Eintracht. Ob es die Ratschläge des Schwiegervaters waren oder die wahre Liebe das bleibt ein Geheimnis der alten Zeiten.
Damals, als wir uns noch an die DorfbewohnerGeschichten klammerten, erzählten wir uns diese Begebenheit, damit man nicht vergisst, wie lange Geduld und ein entschlossener Vater eine drückende Situation lösen können.