— Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich „praktisch“ bin! — Und? — Er zuckte mit den Schultern. — Ist das schlimm?

Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich ‘prakti­sch’ bin!
Und was denn? zuckte er mit den Schultern. Ist das denn was Schlechtes?

Jetzt wieder dieser alte Bademantel? Max musste sich das Hemd zurech­trücken, als würde er seine Rüstung vor der Schlacht anlegen.

Liselotte hielt die Tasse Kaffee wie erstarrt. Der dünne Dampf stieg nach oben, brannte ihre Fingerspitzen, doch sie ließ die Tasse nicht los.

Er ist praktisch.

Ja, praktisch, schnappte er, richtete seine Krawatte vor dem Spiegel. Genau wie alles an dir.

Liselotte senkte den Blick. Der Kaffee verdunstete, die Oberfläche wurde dunkel und spiegelte die Decke wie ein kleines, zerbrochenes Spiegelchen.

Max, du

Was? er zog bereits die Schlüssel, das Metall klimperte an seinem Ehering.

Nichts.

Die Tür schlug so heftig zu, dass das Porzellanregal leicht vibrierte.

***

Sie hatten sich im Büro kennengelernt. Sie die stille, zurückhaltende Buchhalterin, die ihr Haar zu einem lässigen Dutt gesteckt hatte; er der selbstbewusste Abteilungsleiter, dessen Lachen durch die Flure hallte. Max umwarb sie mit Rosen, deren Blüten noch vom Morgentau glänzten, CandleLightAbendessen, bei denen er ihr ein mediumgebratenes Steak bestellte, ohne nach ihren Vorlieben zu fragen.

Du bist doch nicht jemand, der über Kleinigkeiten nörgelt, oder?, fragte er beim dritten Date, während er die Serviette auf ihren Knien glattstrich.

Nein, lächelte Liselotte, als hätte sie das läutende Klingeln der Tür nicht gehört.

Gut. Meine Ex hat ständig Dramen gemacht

Sie schenkte dem keine Beachtung. Dann kamen Hochzeit, Kinder, das Haus ganz normal.

Manchmal, wenn sie ein ToplessKleid anzog, meinte er:

Das ist nichts für dich, das passt nicht zu deinem Stil.

Oder wenn sie die Lippen vor dem Spiegel färbte, warf er beiläufig:

Warum? Du sitzt doch sowieso nur zu Hause.

Einmal, als sie ein neues Parfüm mit leichtem Blumenduft kaufte, verzog er die Nase:

Riecht wie aus der Drogerie. Versuchst du, dich mit Tante Liese aus der Buchhaltung zu messen?

Seitdem ließ sie das Parfüm liegen.

Zum Geburtstag schenkte er ihr einen Staubsauger.

Der ist schon etwas wackelig, erklärte er, während er zusah, wie sie die Verpackung öffnete. Du seufst ja ständig, wenn du putzt.

Sie dankte, dann starrte sie lange aus dem Fenster, bis die Kinder riefen, den Kuchen anzuschneiden.

Sie schwieg. Denn im Großen und Ganzen war er ein guter Mann. Er schlug nicht zu, trank nicht, brachte Geld nach Hause. War das nicht genug?

***

Hast du mich je geliebt?

Genau jener Abend, dieselbe Diskussion. Max wandte den Blick ab, als prüfe er, ob das Fenster verschlossen sei.

Na ja du bist die perfekte Ehefrau.

Das ist keine Antwort.

Er seufzte, als müsse er ihr die EinmaleinsTabelle erklären.

Liselotte, warum machst du dir den Kopf? Bei uns ist alles in Ordnung.

In Ordnung?! Ihre Stimme bebte nicht vor Tränen, sondern vor einer Wut, die endlich nach außen brach. Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich prakti­sch bin!

Und?, zuckte er mit den Schultern. Ist das ein Problem?

Sie sah ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig: Der sonnengebräunte Fleck am Hals kam vom Tennis mit Kollegen, nicht von ihr. Die Falte zwischen den Augenbrauen war nicht Sorge, sondern Ärger darüber, dass er sich ständig rechtfertigen musste.

Und Katrin?

Max Gesicht verzog sich, als würde jemand an einer unsichtbaren Schnur ziehen.

Was hat das mit mir zu tun?

Du hast sie geliebt.

Ja, gab er kurz zu, und in diesem einen Wort war mehr Gefühl als in all den Jahren zusammen. Ich habe sie geliebt. Aber mit ihr hätte ich keine normale Familie aufbauen können.

Liselotte spürte, wie etwas in ihr mit einem leisen Klicken zerbrach, wie ein hoher Absatz, der knackt: Man kann weitergehen, nur nicht mehr wie vorher.

Also bin ich nur die gehorsame Ersatzfrau?

Mach kein Drama, winkte er ab, als würde er eine Mücke abschlagen. Wir haben Kinder. Ein Haus. Was willst du noch?

***

Sie zögerte.

Vielleicht hatte er recht? Vielleicht war Liebe ein Luxus, und die Familie wichtiger? Liselotte stand am Fenster und sah, wie die ersten Regentropfen über das Glas liefen. Im Spiegel sah sie die Spuren ihrer Finger sie hatte dort in letzter Zeit viel Zeit verbracht, als wartete sie darauf, dass die Welt ihr eine Antwort schenkt.

Und Max Max lebte, als hätte sich nichts geändert.

Eine Woche später, als sie wieder geduldig aushielt, ließ er das Vorspielen ganz fallen.

Wieder Spaghetti?, pickte er mit der Gabel in den Teller, als würde er Beweise für ihre Unfähigkeit sammeln. Wenigstens würze etwas.

Du hast doch gesagt, du magst nichts Scharfes, erwiderte sie, doch ihre Stimme klang fremd, als käme sie aus einem anderen Mund.

Na und?, schob er den Teller beiseite, als ob er ihr einen Teller Brei servieren würde. Katrin hat immer gekocht

Liselotte sprang abrupt auf. Der Stuhl schrammte am Boden und hinterließ eine Kerbe ein weiteres Zeichen im Haus, ein weiterer unsichtbarer Riss.

Willst du zu Katrin? Geh!

Lass mich doch, lachte er, und dieses Lachen hallte lauter als ein Schrei. Wohin soll ich gehen? Du weißt doch, dass es mir mit dir bequem ist.

In diesem Moment verstand sie endlich.

Er versuchte nicht einmal, sie festzuhalten nicht, weil er sicher war, dass sie ihn liebte, sondern weil er sicher war, dass sie sich fügte.

Sie bemerkte das überall: Wie er ihr nicht mehr korrigierte, wenn sie falsch gekleidet war er ging einfach vorbei. Wie er den Blick nicht mehr an ihr hängen ließ, als wäre sie ein Möbelstück, das man nur zum Anlehnen nutzt. Wie seine ruhigen Tage wochenlang andauerten ohne Streit, ohne Vorwurf, einfach nichts.

Und das Nichts war lauter als jeder Schrei.

Sie stand in der Küche, drückte die Tischkante, und plötzlich wurde ihr klar: Er war nicht einmal wütend. Er wartete nur darauf, dass sie sich fügte. So wie sie sich mit dem Staubsauger anstatt einem Geschenk abgefunden hatte. So wie sie aufgehört hatte, Parfüm zu tragen. So wie sie nicht mehr zu den Kleinigkeiten nörgelte.

Dann drehte sich etwas in ihr um.

Kein Schmerz, keine Wut Befreiung.

Denn wenn dich niemand mehr liebt, aber du noch wütend bist, existierst du noch. Und wenn du nicht mehr wütend bist dann bist du nicht mehr da.

***

Ein Monat später reichte sie die Scheidung ein.

Max glaubte es zunächst nicht. Er trat in die Küche, wo Liselotte die Kinderkleidung in Kartons verteilte, und blieb wie erstarrt in der Tür stehen, als säße nicht seine Frau, sondern eine fremde Frau vor ihm.

Ernsthaft?, fragte er, und zum ersten Mal seit langer Zeit klang Unsicherheit in seiner Stimme.

Liselotte hob den Kopf nicht, sortierte weiter die kleinen Pullover.

Ja.

Wegen so was?, er trat einen Schritt vor, und sie spürte, wie sich ihre Schultern anspannten.

Das ist kein Unsinn, flüsterte sie. Ich bin keine Möbel.

Er lachte abrupt, nervös.

Ach, wieder Drama! Du übertreibst immer alles.

Liselotte sah endlich in sein Gesicht. Es war schmerzhaft vertraut, doch jetzt erkannte sie die zusammengepressten Lippen, die trüben Augen er war zerrissen, nicht weil er sie verlor, sondern weil seine bequeme Welt einen Riss bekommen hatte.

Ich übertreibe nicht, sagte sie. Ich bin einfach müde, immer nur praktisch zu sein.

Max schwieg, dann riss er die Schlüssel vom Tisch.

Na und! Denkst du, mir wird das schwerfallen?, warf er einen Blick auf die Kartons. Du kannst ja nicht mal ordentlich kochen.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken ein alter, bekannter Stich. Früher hatten diese Worte sie klein gemacht, doch jetzt klangen sie hohl.

Vielleicht, erwiderte sie, aber manch einer sieht das anders.

Sein Gesicht verzog sich.

Ach, da ist doch was! Du hast ja schon jemand anderen, oder?, hauchte er böse. Na, klar, wer braucht das schon? Sieh dich an wer braucht dich noch?

In Liselottes Inneren drückte sich ein alter, bekannter Schmerz zusammen. Sie wollte gerade den Mund öffnen, um zu sagen: Du hast recht, es tut mir leid, wie sie das tausendmal vorher getan hatte.

Stattdessen wurde ihr klar: Sie wollte das nicht mehr.

Ich brauche mich selbst, sagte sie entschieden.

Max blieb wie erstarrt stehen. Das hatte er nicht kommen sehen.

Du bist verrückt, schnappte er. Und die Kinder? Denkst du an die?

Sie schloss für einen Moment die Augen. Die Kinder Ja, sie dachte jede Sekunde an sie.

Sie werden sehen, was es heißt, sich selbst zu respektieren, antwortete sie.

Genug!, schwenkte er die Hand. Du bist egoistisch. Wir haben Haus, Geld Und du würdest das alles um ein paar Kleinodien aufgeben?

Liselotte sah ihn an und erkannte plötzlich, dass er wirklich nicht verstand. Für ihn waren das nur Kleinodien.

Für dich ja, sagte sie. Für mich nicht.

Er drehte sich um und trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch.

Na gut. Du wirst es bereuen.

Am Tag, an dem sie die letzten Sachen packte, fragte Max plötzlich:

Und was, glaubst du, findest du jemanden Besseren?

Sie blieb am Türrahmen stehen, spürte den leichten Frühlingswind, der von außen ihr Gesicht streichelte.

Besser?, wiederholte sie. Weiß nicht. Aber zumindest jemanden, der mich sieht und nicht nur die Leere.

Er sagte nichts.

Und sie trat nach draußen, wo der Regen nachsprüte und Freiheit in der Luft lag.

***

Zwei Jahre später.

Liselotte war wieder verheiratet, ihr Mann küsste sie jeden Morgen zärtlich auf die Schulter, selbst wenn sie verärgert grummelte, weil es noch zu früh war. Er flüsterte: Du bist wunderschön, wenn sie im alten Bademantel mit zerzaustem Haar und müden Augen das Haus betrat. Einmal, als er denselben Staubsauger im Ausverkauf sah, lachte er und kaufte ihr stattdessen einen Strauß Pfingstrosen weil die Farbe an ihre Lippen erinnerte.

Sie trug wieder Parfüm, färbte die Lippen, wählte schulterfreie Kleider. Und jedes Mal, wenn sie den bewundernden Blick ihres Mannes spürte, wärmte sich ihr Herz, als schmelze Eis, das lange dort gelegen hatte.

Und Max

Eines Tages traf sie ihn zufällig in einem Café. Er saß allein am Ecktisch, trank Kaffee und starrte aufs Handy. Vor ihm lag ein leicht zerknittertes Foto ihrer Kinder, als wäre es oft von den Fingern durchwühlt worden.

Liselotte wollte vorbei gehen, doch er hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.

Und sie sah nichts.

Weder Wut, noch Sehnsucht, kein Ärger. Nur Leere, so weit und bodenlos wie das leere Fenster einer Wohnung, aus der schon seit Jahren die Möbel weggeräumt waren.

Er nickte. Sie lächelte. Sie gingen getrennte Wege.

Später, zu Hause, im Arm ihres Mannes, dachte Liselotte plötzlich daran, wie sehr sie früher Angst hatte, allein zu bleiben. Jetzt wusste sie: Das Schlimme ist nicht die Einsamkeit.

Das Schlimme ist, allein zu sein, wenn jemand neben einem steht.

Und Max

Max blieb unverheiratet.

Katrin, als er sie ein halbes Jahr nach der Scheidung anrief, lachte und sagte, dass ihr Leben jetzt ganz anders läuft.

Die Kinder besuchten ihn am Wochenende, aber in ihren Augen lag immer mehr höfliche Distanz.

Abends goss er sich einen Whisky ein und sah stumm fern, während Menschen ohne Ton vorbeizogen.

Denn praktische Menschen gehen, und geliebte bleiben.

Aber man muss erst lernen, sich selbst zu lieben, bevor man geliebt werden kann.

Ende Sie zog den Schal vom Haken, ließ ihn locker über die Schulter fallen und setzte sich an das kleine Eckcafé, das ihr immer noch nach dem ersten Tag ihres neuen Lebens duftete. Der Barista, der sie seit Wochen mit dem gleichen Lächeln bediente, bemerkte, wie sie die Hände auf die Tasse legte, als würde er das Gewicht ihrer Entscheidung spüren. Ein doppelter Espresso, sagte sie, ohne zu zögern, und ein Stück Apfelkuchen.

Der erste Schluck des Kaffees brannte, doch nicht mehr wie ein Gift, sondern wie ein Funke, der das verkohlte Herz neu entfachte. Sie sah aus dem Fenster, wo die Stadt in das goldene Licht des späten Nachmittags getaucht war, und erinnerte sich an das leere Bild, das sie einst in Max Haus gefunden hatte das Bild, das nun in ihrem Kopf von Farben überflutet war.

Plötzlich klingelte ihr Handy. Es war eine Nachricht von den Kindern: Mama, wir haben im Garten ein neues Beet gepflanzt. Es riecht nach Tomaten. Ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht, nicht weil die Worte sie trösteten, sondern weil sie in ihnen das Echo ihrer eigenen Stimme hörte: die Stimme einer Frau, die nicht mehr nur praktisch genannt werden wollte, sondern die gelernt hatte, ihr eigenes Glück zu kultivieren.

Sie stand auf, zahlte und verließ das Café, während die Sonne hinter den Dächern unterging und die Schatten länger wurden. Auf dem Weg nach Hause drehte sie sich noch einmal um, sah den Himmel, der nun in Purpur und Blau erglühte, und flüsterte leise zu sich selbst:

Ich bin nicht mehr das, was man mir gegeben hat. Ich bin das, was ich selbst erschaffe.

Die Tür öffnete sich, die Kinder sprangen ihr entgegen, und ihr Lachen hallte durch das Haus wie ein Versprechen, das nie wieder gebrochen werden würde.

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