28.Februar2026 Eintrag im Tagebuch
Heute Morgen, als ich gerade das Frühstück zubereitete, hörte ich das leise Knurren der alten Dachrinne, die über die Hauseingangstür klapperte. Es war der Tag, an dem das zottelige, schmutzige Kätzchen, das ich nur noch Maus nenne, zum ersten Mal in den Hinterhof unseres Reihenhauses in Berlin kam. Niemand erinnerte sich mehr daran, wann es dort gelandet war es schlich sich fast unsichtbar wie ein Schatten, ein dünner, abgemagerter Streuner, der im Frühling zum Vorschein kam.
Ein junges Mädchen aus dem Haus nebenan, Anneliese, fütterte es, wann immer sie konnte. Sie öffnete bei eisiger Kälte den Keller, legte alte Decken darunter und einmal, als sie eine Wunde sah, strich sie das Pfötchen vorsichtig mit grüner Farbe ein, um die Blutung zu stillen. So lebte die Katze still, vorsichtig, fast unsichtbar.
Eines Tages sah ich sie, wie das gleiche Mädchen, gekleidet in ein weißes Kleid und mit Blumen im Haar, aus dem Treppenhaus trat, in den Arm eines Mannes gehüllt, der festlich gekleidet war. Lachen, Applaus, Menschen drängten sich zu Autos, die mit Girlanden geschmückt davonfuhren. Seit jenem Tag war Anneliese nicht mehr zu sehen.
Maus blieb allein. Vom Hunger getrieben, schlich sie nachts zu den Mülltonnen, wo sie im Dunkeln wenigstens ein bisschen Ruhe fand, bevor die streunenden Hunde zurückkehrten. Wichtig war vor allem, die heimtückischen Ratten zu meiden das war ihr einziger Schutz.
Als der Winter besonders hart wurde und ein neuer Hausmeister die Kellertür abschloss, musste Maus einen anderen Weg finden. Sie versuchte, das Treppenhaus zu betreten, doch die Bewohner schrieben sie ab: Der eine schob sie weg, ein anderer schrie sie an. Keiner wollte das zitternde Tier hereinlassen.
Verzweifelt schlüpfte sie in der Nacht schließlich in den Flur des obersten Stocks. Sie war zu erschöpft, um zu fürchten oder zu hoffen ihr einziges Ziel war, nicht zu erfrieren. Dort bemerkte sie zuerst Frau Liese Becker, die im zweiten Stock wohnte. Sie prüfte gerade ihren Briefkasten, erwartete die nächste Mietabrechnung in Euro. Frau Becker war streng, aber gerecht, und im Haus genoss sie Respekt sie sprach die Wahrheit ohne Umschweife, weshalb sie sogar im Mieterschutzverein Ansehen genoss.
Maus kauerte sich an den Heizkörper in der Ecke des Treppenhauses, ihr Fell war vom Frost weiß, die Augen voller Bitte und Erschöpfung.
Ich sehe dich, du musst nicht weglaufen, sagte Liese mit rauer Stimme. Bist du gestorben vor Kälte? Bist du hungrig?
Die Katze hob zaghaft den Kopf, ihre Pfoten zitterten, während das Eis auf ihrem Fell zu schmelzen begann.
Was soll ich nur mit dir anfangen, murmelte Liese. Warte kurz. Sie kannte das Gefühl des Hungers. Trotz ihrer wackeligen Beine brachte sie ein Tablett mit etwas Suppe, Wasser und einem Stück altem Wollknäuel zurück.
Hier, iss. Du armes Ding, fürchte dich nicht, ich nehme dich nicht weg, seufzte sie, während sie zusah, wie Maus vergeblich versuchte, das Korn zu fressen. Liese legte das Wollknäuel hin und vergaß völlig die fällige Mietzahlung.
Maus, die einst ein gutes Zuhause kannte, beschloss, dass dies ihr neues Heim sein sollte und dass die strenge, aber gutherzige Frau Becker ihre Besitzerin werden würde. Um nicht wieder vertrieben zu werden, verhielt sie sich leise und folgsam, so wie früher, als sie noch ein Haustier war. Liese gab ihr den Namen Maus.
Doch nicht alle Nachbarn waren begeistert. Aus dem dritten Stock kamen die Albertsons, die Familie Albert. Eduard Albert, ein markanter Mann mit strenger Miene, stellte sich vor Liese und blickte missbilligend auf die Katze.
Was soll das hier, ein Tierpark in unserm Haus?, fragte er.
Seine Frau, in einen prachtvollen Pelzmantel gehüllt, verzog die Nase.
Edik, das Tier riecht nach Unrat!
Wir werfen das hier raus!, befahl Eduard.
Liese richtete sich auf: Wieso? Es stört niemanden. Es bleibt hier.
Gut, ich rufe die Hausverwaltung, die Desinfektionsfirma, das Ordnungsamt. Sie werden das Tier entfernen und eine Strafe verhängen. Das ist ein Gemeinschaftsbereich!
Perfekt. Ich wende mich an das Gesundheitsamt. Mal sehen, wie ein einfacher Lagerhausleiter wie ich, der täglich fehlende Artikel nach Hause trägt, sich als Landbesitzer ausgeben kann. Die Nachbarn bestätigen das niemand darf das Tier belästigen, sonst wird er sich selbst bestrafen, erwiderte Eduard.
Von da an ließ man die Katze in Ruhe. Selbst Gerd, der sonst immer laut schimpfte, ging an ihr vorbei, als hätte er sie nie gesehen.
Wochen vergingen, und die Bewohner gewöhnten sich an Maus. Liese wusste jedoch, dass die Katze nicht völlig sicher war. Auch wenn sie sich ihr näherte, blieb sie ein Streuner. Liese überlegte, die Katze zu adoptieren, doch Maus mied die Wohnungen, als ob sie Angst vor ihnen hätte etwas Schreckliches musste ihr widerfahren sein.
Liese drängte nicht, sondern hoffte, dass Maus eines Tages aus eigenem Antrieb wieder aus dem Haus trat.
Und tatsächlich, jedes Mal, wenn die Tür hinter dem Vermieter zuschlug, folgte Maus lautlos, lauschte, blieb aber nie weit entfernt.
Im Februar, mitten im Schneesturm, wachte Liese plötzlich panisch auf sie konnte kaum atmen, Schmerzen durchzuckten ihren Körper, und alles um sie herum schien im Nebel zu versinken. Die Nachbarn wurden von Maus verzweifeltem Miauen geweckt. Mit angefressenem Hals kratzte sie an der Tür, schabte mit den Krallen am Türrahmen.
Die Menschen eilten herbei, klopften, doch niemand antwortete. Dann kam aus dem dritten Stock die Nachbarin Nina Schmitt, die den Schlüssel hatte.
Sie öffnete die Tür, rief den Rettungsdienst. Maus blieb still sie saß unter dem Bett und maunzte kläglich.
Liese hatte keine Verwandten. Der lange Blockadekrieg hatte sie alle genommen. Allein blieb sie zurück
Doch die Nachbarn besuchten sie im Krankenhaus, brachten kleine Geschenke. Und jedes Mal sagte sie:
Passt gut auf Maus auf. Füttert sie, lasst sie zurückkommen. Sie hat mir das Leben gerettet
Drei Wochen später, an einem Märzmorgen, kam Liese zurück nach Hause. Maus wartete bereits an der Tür, als hätte sie gewusst, dass ich zurückkehre.
Ich streckte meine Hand aus:
Komm, Maus, wir gehen nach Hause.
Gemeinsam traten wir ein. Am Abend nahm Liese die Katze zum ersten Mal in den Arm. Maus schnurrte, schmiegte sich an ihre Besitzerin.
Alles wird gut, meine Kleine Wir haben noch ein bisschen Zeit, flüsterte ich, während das alte Haus in Berlin im kalten Frühlingslicht leise knarrte.