Leni! Wo willst du dich denn verstecken?!Nur wenn du dich mir endlich stellst, darfst du nicht mehr heimwärts laufen!Hörst du mich?Ich lasse dich nicht!
Das fünfjährige Mädchen hatte sich in das dichte Rohrkraut hinter dem Lattenzaun eines kleinen Bauernhauses gekrallt. Sie saß auf dem von der Sonne erwärmten Boden, hielt die Ohren mit den Händen zu und murmelte leise vor sich hin.
Ruf mich!Leni hört nicht!
Wenn sie nur die Augen schließen könnte und die stattliche, schöne Frau auf dem Vorgarten der Großmutter nicht sehen müsste!Doch das geht nicht sonst würde die Frau Leni entdecken. Das ist schon einmal passiert. Damals versteckte sich Leni hinter dem kleinen Häuschen für den Hund Balu und saß ganz still so still, dass sie sogar einschlief.Sie wachte erst auf, als ein kräftiger Ohrfeßenschnalzer sie aus den Träumen riss, und dann zog die Tante sie am Ohr so kräftig, dass Leni Angst bekam, das Ohr jemals wieder zu berühren. So tut das weh!
Die schöne Frau ist nicht ihre Mutter, sondern Tante Anke, die Schwester von Lenis Mama. Anke liebt Leni nicht, weil sie väterlich vernachlässigt ist. Was das bedeutet, weiß Leni noch nicht, aber sie hat schon einen Tipp von Sascha, dem Nachbarsjungen, bekommen. Sascha ist bereits elf Jahre alt ein ganzes Stückchen älter als Leni und weiß deshalb mehr. Er erklärte ihr, dass das hieße, Leni brauche niemanden. Sie habe weder Vater noch Mutter, nur die Tante und die alte Oma. Sobald die Oma sterben würde, müsste Anke die Kleine übernehmen, aber das wolle sie gar nicht. Ihre eigenen Kinder seien genug.
Wofür diese Strafe, Mama?Du schweigst ja!Du bist doch schuld!Du hast Natashka verwöhnt, solange sie noch im Bauch war, und jetzt?Ich habe keine Gummiwohnung!Da drängeln wir uns wie Heringe in der Dose!Ich, mein Mann, zwei Kinder und die Schwiegermutter und das alles auf zwei Zimmer!Wo soll das alles hin?Wozu das Ganze?
So geht das nicht, Anke!Sie ist doch deine Familie!
Für mich ist sie nichts!Ich habe sie nicht um ein Kind gebeten!Und Natashka habe ich gesagt, dass sie mit ihrem Liebling nichts zu schaffen hat!Rechte?Natürlich habe ich Rechte!Natashka ist weg, und der andere ist wie ein Geist verschwunden!
Woran ist das Kind denn schuld?
Gar nichts!Ein ÄrgernisIch kann nicht, verstehst du, Mama?Keine Kraft!Alle machen ihr eigenes DingMan kann nicht mit ihnen mithalten!Ich schlage und schlage, um noch einen Pfennig zu verdienen, aber alles vergebens!Einmal geht die Fensterscheibe in der Schule zu Bruch, das nächste Mal verlangen sie neue JeansWo soll ich das Geld hernehmen?Ein Millionär ist gefunden!Der Vater pfeift drauf!Er kriegt das Gehalt und wandert ab!Ich schaule um jeden Cent!Und das ist ja auch nur ein Krümel, den er nicht mal sehen will!Ich arbeite an zwei Stellen, er an einer und ist schon erschöpft, der Arme!Und Arbeit heißt nicht Kopf ausschlagen!Man sitzt im Kreis und spuckt die halbe Nacht in die Decke, bis der Chef einen an die Kehle gibt!Dann gehts weiter, ein bisschen geknabbert und zufrieden!Wie soll ich da leben, Mama?!
Es tut mir leid, Kind, ich kann dir nicht helfenNur ein Heim zu geben, das mit Verwandten geteilt ist, das ist Sünde!
Sünde, Mama, heißt nicht, dass ich das nicht will!
Wer streitet da noch?
Ich kann sie nicht lieben, verstehst du das oder nicht?
Ach, das ist egal!Hauptsache, sie bleibt im Haus!Schäm dichAch, AnkeHast du nicht selbst gesagt, dass das Leben leichter wäre, wenn man geliebt würde?Sie braucht das genauso ein lebendiges Herz
Ein HerzEin Herz kannst du nicht mit Liebesfabeln füttern, wenn es wirklich schlägt!Es wird trotzdem nach mehr fragen. Und woher soll ich das nehmen?Kannst du das sagen?Und reden wir nicht über Liebe!Die Zeit, in der ich dich brauchte, ist vorbei!Genug!Das Kind ist erwachsenKlug geworden
Leni verstand nur die Hälfte des Gesprächs, das sie unter dem Bett der Großmutter belauschte, aber sie behielt fast alles im Gedächtnis. Immer wieder lobten die Erzieherinnen im Kindergarten ihre gute Erinnerung. Also bemühte sich Leni, aufmerksam zu hören, und konnte fast alles Wort für Wort nacherzählen!
Leni!Wie oft soll ich dich rufen?!Wenn du jetzt nicht auftauchst, wirst du hungrig ins Bett fallen!Tante Anke stand kurz wieder auf dem Vorgarten, doch nur für einen Moment.
Die Großmutter klagte erneut, und Leni hörte das Stöhnen sogar aus ihrem Versteck, obwohl der Zaun und das Rohrkraut weit entfernt vom Haus standen.
Hungrig ja, aber nicht geschlagen!Leni wusste, warum sie für die Tante so wichtig war. Anke hatte am Morgen befohlen, die Treppe und die Stufen der Veranda zu putzen. Leni vergaß das sie war beim Spielen. Sascha schenkte ihr sein altes Spielauto, das rot und ein Rad fehlte, und Leni freute sich trotzdem. Sie hatte nur wenige Spielzeuge: die alte Puppe Marie, die Oma aus einem Taschentuch genäht hatte, ein grauer Hase mit einem fehlenden Auge, den Leni über alles liebte, und Mamas blaue Perlenkette, die Oma ihr geschenkt hatte. Oma meinte, die Perlen seien an einem Markttag nichts wert, doch Leni war egal, wie viel sie kosten mochten. Sie spannte die Perlenkette über die Stufen der Veranda für sie war das ein Meer, ein Berg und ein Drache, genau wie in dem verbotenen Buch, das man nicht aus dem Regal nehmen durfte. Oma hatte ihr verboten, das Buch zu zerreißen, weil Leni es ja nie gescheitert hätte.
Wie schade!Leni hatte nie ein Buch zerrissen!Sie liebte sogar solche ohne Bilder. Die Buchstaben kannte sie noch nicht alle, aber drei hatte sie schon gelernt. Jedes Mal, wenn sie ein Wort auf den Buchseiten sah, jubelte sie. Sobald sie ein Zeichen erkannte, würde sie das nächste ebenso lernen nur ein bisschen Mühe nötig.
Der Abend legte einen leichten Schleier aus dunkler Schwüle über den Hof. Mücken summten um die Ohren, und Leni seufzte. Es war Zeit zu gehen. Vielleicht würde es keinen Nachtisch mehr geben, aber Tante Anke war schon mehrmals durch den Hof gerannt, hatte die Hausarbeit erledigt und war jetzt müde. Leni würde ihr nicht mehr viel Kraft kosten. Ein kurzer Schimpf und das wars.
Leni kroch aus ihrem Versteck und stapfte zur Veranda, wo bereits Tante Anke, mürrisch auf den Stufen sitzend, wartete.
Schon da?Ach, mein UnglückWo warst du nur?Ganz dreckigGeh ins Haus!
Leni atmete tief ein. Heute wollte sie nicht mehr schimpfen. Auch Erwachsene werden müde vom Schreien. Sie könnte zur Oma gehen, ihre trockene, warme Hand an die Wange legen und ein bisschen warten. Der Schmerz würde nachlassen, die Oma wäre kurzzeitig nachsichtig und würde Leni doch ein Stückchen Mitleid zeigen das war das Wichtigste am Tag: ein zarter Hauch, ein leises Flüstern und ein paar Worte
Ich liebe dich, mein kleines Mäuschen!Ich liebe dich
Niemand hatte Leni solche Worte je gesagt. Mama war schon lange fort, und Anke schien das nie zu kennen. Leni hatte mal gehört, wie Anke die Oma dafür kritisierte, dass sie nur kleine Worte zu ihr sagte, nie aber zu ihrer eigentlichen Tochter.
Leni traute Anke nicht. Das musste doch ein Traum sein. Erwachsene sind doch komisch schlechte Erinnerungen bleiben, gute vergessen sie. Leni fragte einmal Anke, warum sie das tue. Es war, als würde man an einer Wunde herumzupfen. Zieht man die Kruste ab, tut es wieder weh. Und das immer wieder, bis die Wunde heilt. Doch zieht man weiter dran, bleibt eine Narbe. Warum das? weil die Hände jucken, sagte die Oma, und schimpfte mit Leni, wenn sie das tat. Was tut die Seele, wenn man nicht geliebt wird? Die Oma meinte, das ist es. Und warum juckt dann diese Seele so sehr, dass Erwachsene immer wieder dem eigenen Schmerz nachgehen? Seltsam, nicht wahr?
Würde man Leni fragen, was sie für die Erwachsenen tun würde, damit alle zufrieden sind, würde sie sagen: Sag Oma, dass du Anke liebst, und sei lieb zu ihr, weil sie Leni abends immer ein bisschen trostet. Das ist doch kinderleicht!Einfach machen und lieb sein! Und Ankelass sie doch die Oma das machen lassen. Tante Anke ist stark!Und sehr klug!Doch Leni hat Mitleid mit ihr, weil Anke, wie sie selber sagt, niemanden habe liebenNiemand hat sie je geliebt. Das ist natürlich übertrieben, aber sie würde doch nicht nachts ins Kissen weinen, wenn man sie lieben würde! Leni weiß das, weil sie selbst weintSie weiß, dass wenn die Oma nicht mehr da ist, dann wird auch niemand Leni lieben
Die Oma strich Leni über den Kopf, sprach ihre Worte und ließ sie gehen.
Geh, Kind!Schlafenszeit!
Leni gehorchte wie gewohnt. Sie drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne zu merken, dass die Oma ihr fast die Schulter geküsst hatte, während sie etwas murmelte.
Ein richtiges Durstgefühl überkam sie, und sie schlich in die Küche, um zu prüfen, ob Tante Anke dort war.
Was hast du?
Wasser
Viel Wasser für dichknurrte die Tante und goss ein Glas Milch vor Leni, stellte eine Schale mit Kartoffeln und ein großes Stück Brot hin.Iss!Ich habe das Wasser erhitzt. Ich wasche Mama, dann dich. Du dreckiges Schätzchen wie ein kleiner Teufel!
Anke streichelte automatisiert Leni über den Kopf, als sie vorbeiging, und Leni tat plötzlich das, worauf sie schon lange gewartet hatte: Sie rutschte vom Hocker und umarmte die Beine von Tante Anke, weil sie nicht höher kommen konnte.
Was machst du da?rief Anke erschrocken und schob Leni zurück.
Ich will dich lieben. Wenn sonst niemandDarf ich?
Die Frage blieb unbeantwortet. Anke weinte plötzlich und rannte aus dem Raum, wobei sie Leni fast von sich stößte. Leni wusste: Es ist nichts Schlimmes jetzt kann sie in Ruhe ihr Milchchen trinken. Anke wird weinen und sich beruhigen. Es wird ihr nicht viel besser gehen, aber ein kleines bisschen Erleichterung ist schon was. Leni weiß das ebenfalls. Und wenn es auch nur ein winziger Funken ist, ist das großartig! Denn Leni hat genug von den kurzen Momente mit Oma am Abend, um nicht mehr an das Schlechte, sondern an das Gute zu denkenVielleicht klappt das ja auch bei Anke? Wenn man an das Gute denkt, wird es leichter. Selbst wenn jemand dich ärgert.
Anke kehrte in die Küche zurück, füllte einen großen Topf mit warmem Wasser und wusch Leni. Sie wusch sie leise, schrie nicht. Und sie rieb sie mit einem Schwamm auf eine eigenartige Art ganz sanft, nicht wie sonst.
Geh!Leg dich hin. Es ist Zeit!
Ein kurzer Befehl, und Leni seufzte. Sie ging in das kleine Zimmer, in dem ihr Bett stand, schlüpfte unter die leichte Decke, kuschelte den Kopf hinein und sprach leise mit ihrer Mama. Jeden Abend redete sie mit ihr, Stück für Stück über alles. Oma hatte einmal gesagt, das sei gut. Und Mama hörte zu. Heute wollte Leni zum Beispiel über Tante Anke reden und darüber, dass sie morgen früh die Stufen der Veranda putzen würde, wie Anke es verlangt hatte. Leni liebt Ordnung, vergisst aber manchmal, dass sie das tun muss.
Am nächsten Morgen schaffte Leni nichts, weil Anke früh aufstand, sie küsste das war seltsam und schickte sie aus dem Haus, wo schon die Nachbarin der Oma wartete.
Lass sie kurz bleiben. Sie hat hier nichts zu suchen
Darf ich mich verabschieden?
Muss man?Solange sie noch nicht gesehen hat, bleibt sie lebendig. Sie ist noch klein
Stimmt. Gut, ich füttere sie und helfe später.
Danke.
Einige Tage später fuhr Leni mit Anke im Bus in die Stadt. Sie würde nie mehr ins Haus der Oma zurückkehren; das Haus würde in einem Jahr verkauft werden, und Anke würde Leni sagen, dass sie jetzt offiziell ihre Tochter sei. Das Wort offiziell war Leni neu, aber es klang irgendwie schön.
Am meisten freute sie jedoch, dass Anke ihr gestattete, den alten einäugigen Hasen mitzunehmen, den die Oma ihr vor langer Zeit geschenkt hatte. Leni erinnerte sich kaum noch daran; er sah immer so abgenutzt aus, ein Ohr abgerissen. Jetzt war das Ohr wieder angenäht, aber die neue AugenknopfStoffe fehlten noch. Anke versprach, das später zu erledigen Leni hatte Zeit.
Das Wichtigste war jedoch, dass Leni jeden Abend nun zu Anke ging und dieselben Worte hörte, die die Oma ihr einst gesagt hatte. Anke streichelte Leni an der Wange und flüsterte:
Ich liebe dich
Als Anke das das erste Mal sagte, glaubte Leni ihr am nächsten Tag nach dem Tod der Oma nicht. Sie zweifelte lange, doch schließlich antwortete sie immer:
Ich liebe dich auch!
Jetzt glaubt Leni. Denn Anke spricht diese Worte nicht nur zu Leni, sondern auch zu ihren Kindern und ihrem Mann. Letzteren sagt sie nicht jeden Tag, aber gelegentlich. Auch er glaubte lange nicht fast so wie Leni doch jetzt glaubt er und erwidert, nur nicht mit Worten, dafür mit Taten.
Natürlich ärgern sich Lenis Bruder und Schwester gelegentlich, doch das ist nicht schlimm. Schlimm ist es nur, wenn überhaupt niemand mehr da ist. Leni weiß nicht genau, wie das ist, aber sie ahnt es. Jetzt kann sie lesen, und in den Büchern steht so viel. Leni vertraut das, was dort steht, ohne Zeit mit Unsinn zu verschwenden.
Manchmal erinnert sie sich an das Haus der Oma, das Rohrkraut am Zaun, die riesigen Blätter, die wie echte Schirme waren. Dort war es warm, grün und gemütlichDoch jetzt darf sie nicht mehr zurück, und das muss auch nicht. Oma ist nicht mehr da, und Leni hat bei Tante Anke nicht mehr schlecht.
Nur eines versteht Leni nicht: Warum hat Anke gelogen, wenn sie sagte, sie brauche nicht, dass jemand sie liebt?
Jeder braucht Liebe!Leni weiß das.