Es war einmal ein Mädchen namens Liselotte, das im Kinderheim von Hamburg verkehrte. Sie verabscheute fast alles und vor allem ihre Mutter. Liselotte war sich sicher, dass sie, sobald sie das Heim verließ, ihre Mutter eines Tages finden und ihr das zurückzahlen würde, was ihr an Kindheit und Liebe genommen worden war.
Doch sie hatte nicht vor, ihr plötzlich in den Arm zu springen und zu rufen:
Hallo, Mama!
Stattdessen wollte sie erst beobachten, dann rächen. Die Jahre im Heim, das ständige Tränentränen, während ihre Mutter ihr genüsslich das Leben in vollen Zügen lebte, hatten Liselotte tief verinnerlicht, dass ihre Mutter niemals bereuen würde.
Liselotte kannte das Kinderheim, weil sie von ihrer frühesten Erinnerung an das Leben dort festhielt. Mehrfach wurde sie wegen ihrer heftigen Streitereien in andere Häuser versetzt ihr war es völlig egal, ob ihr Gegenüber ein Junge oder ein Mädchen war. Sie wurde eingesperrt, bekam keinen Zucker mehr und trotzdem hasste sie die Erzieher, die anderen Kinder und die ganze Welt.
Mit vierzehn Jahren ließ sie das Kämpfen nach. Nicht, weil ihr plötzlich das Herz geöffnet hätte, sondern weil die anderen sie ohnehin zu sehr fürchteten. Die Langeweile drückte schwer auf sie. Sie zog sich oft in ein abgelegenes Eck des Hains zurück und träumte davon, eines Tages ihre Mutter aufzuspüren und zu vergelten.
Eines Nachmittags hörte sie ein fremdes, doch wunderschönes Spiel. Das Klänge einer Flöte, zart und ein wenig traurig, drangen durch das Laub. Liselotte stand auf, schob die Weidenbüsche beiseite und sah einen alten Hausmeister, der gerade am Gehweg fegte. Er stellte sein Besen zur Seite, sah zu ihr hinüber und fragte plötzlich:
Möchtest du es lernen?
Liselotte war überrascht. Könnte sie das wirklich? Der Hausmeister war etwa fünfzig, grau meliert und wirkte, als hätte er sein ganzes Leben im Kinderheim verbracht. Er hieß Heinrich Pfeiffer und wohnte in einem kleinen Haus am Rand des Geländes.
Von diesem Tag an kam Liselotte jeden Tag zu ihm. Zuerst zeigte er ihr die Grundgriffe der Blockflöte, die er selbst aus Holz schnitzte jedes Stück ein kleines Kunstwerk, zugleich witzig und elegant. Als die ersten klaren Töne aus Liselottes Flöte erklangen, umarmte sie Heinrich, und zum ersten Mal spürte sie Wärme in ihrem Herzen.
Heinrich erzählte ihr von seiner eigenen Geschichte: Ich hatte einst ein Haus, eine Frau namens Katharina und einen Sohn, den ich Sigi nannte. Vor zehn Jahren verlor ich Katharina. Ich dachte, ich würde nicht mehr weiterleben, doch Sigi hielt mich am Leben. Later heiratete er, doch die Frau war gierig, und fünf Jahre später kam ein Unfall, bei dem Sigi ums Leben kam. Das Haus, eine schöne Dreizimmerwohnung im Zentrum von Hamburg, wurde dann an die Schwiegertochter überschrieben, die ihm alles nahm. Warum habt ihr nicht gekämpft?, fragte er Liselotte einst. Wozu kämpfen, wenn niemand mehr da ist?, antwortete er.
Liselotte fühlte plötzlich, dass ihr Hass auf Heinrichs Schwiegertochter größer war als ihr Hass auf ihre eigene Mutter. Sie dachte noch, erst die Schwiegertochter zu rächen, dann die Mutter. Heinrich sah, wie Liselotte sich veränderte, milder wurde, das Haar nicht mehr kratzte und ihre Faust nicht mehr zum Beweis ihrer Richtigkeit einsetzte.
Eines Tages fragte er sie:
Liselotte, du gehst in einem Jahr weg. Hast du schon entschieden, was du werden willst?
Sie zuckte mit den Schultern. Ich dachte nur an Rache.
Stell dir vor, du würdest doch nicht rächen, sondern erst nach ihr suchen, sagte er. Welches Geld bräuchtest du? Das lassen wir außen vor.
Liselotte schwieg, ging weg und kehrte erst nach einer Woche zurück: Ich will bauen.
Ein ganzes Jahr widmeten sie der Vorbereitung auf die Bauhochschule. Liselotte wusste, dass ein Studium lange dauern würde, doch es war ein erster Schritt. Am Abend vor ihrer Abreise nach Köln, wo sie ihr Studium beginnen würde, saßen sie lange auf der hölzernen Bank im Garten. Sie weinte das erste Mal seit Jahren.
Heinrich, ich komme wieder, versprochen.
Wir machen einen Handel: Du machst deine Ausbildung, ich halte das Haus für dich. Und wenn du zurückkehrst, bist du hier willkommen.
Er schenkte ihr eine neue Flöte, die aus dunklem Ahorn gefertigt war.
Fast fünfzehn Jahre vergingen. Liselotte heiratete spät, fand kaum jemanden, der sie verstand. Mit dreißig bekam sie eine Tochter, die sie Kerstin nannte, und fast sofort ließ sie ihren Mann zurück. Ihre ganze Freude war das kleine Mädchen. Als Liselotte endlich genug verdiente, um sich leisten zu können, was sie wollte, stellte sie eine Suchanzeige nach ihrer Mutter. Es stellte sich heraus, dass die Mutter, eine alleinstehende, arme Frau, zwei Monate vor der Geburt schwer erkrankt war. Die Ärzte gaben ihr ein Jahr zu leben. In der Hoffnung, das Kind zu retten, verzichtete die Mutter im Kreißsaal darauf, die Tochter zu bekommen. Niemand verurteilte sie damals; Liselotte fand später das Grab ihrer Mutter und sah dort ein großes Denkmal mit einem Engel.
Sie dachte oft an Heinrich Pfeiffer, doch als sie nach all den Jahren nach Hamburg zurückkehrte, war er verschwunden. Der Direktor des Kinderheims hatte gewechselt, das gesamte Personal war neu. In den seltenen freien Momenten schlenderten Liselotte und Kerstin im Stadtpark. Kerstin, ein aufgewecktes Mädchen, wollte stets die Welt retten. Bereits mit sechs Jahren überzeugte sie Liselotte, jeden noch so kleinen Kauf zu tätigen: Süßigkeiten für alle Kinder, Brot für die Enten, zehn Portionen Eis an einem heißen Sommertag.
Eines Tages bat Kerstin: Mama, kauf mir bitte Wurst, ein Brötchen und etwas zu trinken.
Liselotte sah sie skeptisch an. Wer fragt das diesmal?
Vielleicht sollten wir das nicht wissen, murmelte Kerstin.
Mama, das ist ein älterer Herr, er hat kein Zuhause, sagte Kerstin.
Wer? rief Liselotte fast. Kerstin lächelte nur und sagte: Siehst du, ich habe dich gewarnt.
Ein dünn bekleideter alter Mann saß am Teich, umgeben von Kindern. Liselotte beruhigte sich. Am Abend, während sie ein Buch las, hörte sie plötzlich wieder die vertraute Melodie. Sie sprang ins Kinderzimmer, sah Kerstin mit einer Flöte in der Hand.
Mami, ich hab’s versucht, aber der Übergang klappt nicht, stöhnte das Mädchen.
Liselotte spielte die Melodie nach, Tränen flossen. Kerstin sah sie besorgt an: Mami, warum bist du so traurig? Hast du zu viel geweint?
Liselotte schüttelte den Kopf, ging hinaus und kehrte mit derselben Flöte, nun etwas abgenutzt, zurück.
Kersti, wo wohnt der Herr?
Am Teich, hinter den Sträuchern.
Sie fanden ihn sofort. Kerstin rief: Opa! und er kletterte aus dem Gebüsch.
Was ist los, Kleine, warum bist du nicht zu Hause? fragte er.
Heinrich Pfeiffer, guten Tag. Er zuckte zusammen, drehte sich langsam um und starrte Liselotte an.
Das kann nicht sein. Sie umarmte ihn fest.
Alles ist möglich. Lass uns nach Hause gehen.
Wohin?
Nach Hause, Heinrich. Hätten wir dich nicht, wäre ich nie hier. Dein Haus ist mein Haus.
Auf dem Weg nach Hause wischte Heinrich Pfeiffer Tränen weg, die ihm immer wieder in die Augen stiegen. Er dankte Liselotte, dass sie seine Hand hielt, sonst wäre er gefallen. Nun spürte er, dass er nicht mehr allein in der Dunkelheit wandern musste, weil Liselotte ihm ein neues Zuhause geschenkt hatte.