Ist diese böse, einem gehetzten Tier ähnelnde Frau – seine Mutter? Ihre Worte: „Du bist mein Fehler der Jugend“ – so klangen sie in seinen Ohren.

Ist diese böse Frau, die aussieht wie ein gehetztes Tier, wirklich seine Mutter?fragt er wütend. Ihre Worte: Du bist mein Fehler aus der Jugend hallen in seinem Kopf.

Lukas weiß über sich selbst nur, dass er schreiend vor Hunger und Angst an der Tür einer Kinderkrippe in Berlin gefunden wird. Die Mutter des kleinen Jungen hat noch einen Funken Gewissen, wickelt das Kind in eine warme Decke, legt darüber ein ZiegenfellTuch und legt das weinende Baby in einen Karton, damit es nicht erfriert.

Es gibt keine Geburtsurkunde, keinen Namen, keine Herkunft. Stattdessen hält das Baby in seiner kleinen Faust einen großen silbernen Anhänger in Form des Buchstabens A ein Erbstück seiner Mutter.

Der Anhänger ist kein Massenprodukt, sondern ein handgefertigtes Schmuckstück mit dem Stempel eines seltenen Juweliers. Die Ermittler nutzen diese Spur, um die verantwortungslose Mutter zu finden, doch die Sache gerät in eine Sackgasse. Der Juwelier, der den Anhänger gefertigt hat, ist bereits im hohen Alter verstorben, und in seinen Aufzeichnungen fehlt jede Erwähnung dieses Stückes.

So wird das Kind im Heim als Lukas Unbekannt registriert ein weiteres staatlich gefördertes Kind.

Seine gesamte Kindheit verbringt Lukas im Kinderheim, komplett staatlich finanziert. Er sehnt sich nach elterlicher Liebe und träumt davon, eines Tages seine leiblichen Eltern zu finden.

Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein, dass meine Mutter so mit mir umgegangen ist. Sie wird mich doch irgendwann finden und mitnehmen, denkt er, wie all seine Mitgeplagten.

Als er das Heim verlässt und ins große Leben eintritt, legt die Erzieherin ihm den Anhänger um den Hals und erzählt ihm die Geschichte.

Will meine Mutter also wollen, dass ich sie später finde? sagt Lukas verwirrt.

Vielleicht, erwidert die Erzieherin, oder du hast den Anhänger einfach zufällig von ihrem Hals gerissen. Kleine Kinder zupfen gern. Der Anhänger steckt ohne Kette in deiner Faust.

Der Staat stellt Lukas eine kleine, aber eigene Wohnung zur Verfügung; er beginnt eine Ausbildung an einer Fachschule für Fahrzeugtechnik, schließt sie ab und arbeitet in einer Autowerkstatt.

Er lernt Anke zufällig kennen: Sie stoßen frontal zusammen auf einer belebten Straße in Köln. Zuerst prallen sie zusammen, Anke verliert die Modezeitschriften, die sie in den Armen hält, und dann kniet Lukas sich, um die verstreuten Blätter aufzusammeln. Der Aufprall lässt beiden Tränen in die Augen sprudeln, Funken fliegen. Sie stehen mitten im Gedränge, die Leute weichen ihnen aus, und sie lächeln einander durch die Tränen hindurch. In diesem Moment erkennt Lukas, dass er sich verliebt hat für immer.

Ich muss meine Schuld begleichen! Darf ich Sie einladen, mit mir einen Kaffee zu trinken? schlägt er vor.

Anke nickt überrascht, weil sie seine tollpatschige, fast schon bärenhafte Art charmant findet.

Weißt du, Lukas, ich habe das Gefühl, ich kenne dich schon mein ganzes Leben! sagt sie nach fünf Minuten Gespräch.

Du glaubst nicht, dass ich das gleiche fühle!

Sie beginnen, sich zu treffen, schreiben und telefonieren ständig. Sie spüren einander, selbst wenn einer von beiden sich verletzt oder einen Unfall hat Anke ruft sofort an.

Du bist ich, ich bin du. Ich fühle, du bist mein Schicksal! sagt Lukas einst zu ihr. Schade, dass ich dich nicht meinen Eltern als Braut vorstellen kann ich habe niemanden.

Aber ich habe dich! Und ich bin sicher, deine Eltern werden dich mögen.

Also bist du mein Freund aus dem Heim? Bist du verrückt geworden? Dort seien alle schlecht sozialisiert! ruft Lidia Wagner, Ankes Mutter, und sinkt dramatisch in ihren Ledersessel.

Mama, aber Lukas ist ein netter, fröhlicher Junge! Man kann nicht alle über einen Kamm scheren! Warum sagst du das? versucht Anke zu verteidigen.

Genau, meine Tochter! Bevor du dir ein Bild von jemandem machst, musst du ihn erst sehen und mit ihm reden! Bring ihn her, dann schauen wir, was dein Lukas aus dem Heim macht. interveniert ihr Mann, Hans Wagner, Personalrat.

Hans! Wir wollten dich nicht dazu bringen, dass unsere Tochter jemanden heiratet, der keinen Stammbaum hat! Was, wenn seine Eltern unmoralisch sind? schreit Lidia hysterisch.

Dann klären wir das, wenn wir ihn sehen! erwidert Hans grimmig.

Lidia gibt nicht weiter nach, zieht sich schweigend in ihr Zimmer zurück und schlägt die Tür hinter sich zu.

Hans zwinkert schelmisch Anke zu: Keine Sorge, wir kriegen das hin!

Danke, Papa! kichert Anke und küsst ihn auf die Wange. Also lade ich Lukas mal zu uns am Samstag ein, ja?

Natürlich! Ich will wissen, wer die große Liebe meiner Tochter ist.

Am vereinbarten Tag steht Lukas, ordentlich gekleidet, mit zwei Blumensträußen (einem für Anke, einem für die zukünftige Schwiegermutter) und einer Torte vor der Tür von Ankes Wohnung.

Anke, strahlend, führt ihn in die Küche.

Mama, Papa, das ist mein Lukas!

Hans schüttelt Lukas die Hand, Lidia nimmt die Blumen entgegen und wird plötzlich bleich, als hätte sie für einen Moment die Sprache verloren.

Nachdem sie sich gesammelt hat, lädt sie alle zum Essen ein.

Entschuldigung, ich habe mich nur kurz übergeregt, erklärt sie.

Beim Abendessen fragt sie neugierig:

Lukas, dein Anhänger ist wirklich außergewöhnlich. Er sieht nicht nach Massenware aus.

Er ist das einzige Andenken an meine Mutter. Als man mich an der Tür des Kinderheims fand, hielt ich den Anhänger fest umklammert.

Lidia spricht den Rest des Abends kaum ein Wort. Sie isst nichts, sondern schiebt nur Erbsen auf den Teller.

Hans scheint den zukünftigen Schwiegersohn zu mögen. Sie finden viele gemeinsame Themen: Fußball, Skifahren, Angeln.

Ein großartiger Junge!, sagt er, als Lukas geht.

Ein großartiger Junge?, schreit Lidia plötzlich wütend. Keine Erziehung, kein Benehmen, arrogant

Lydia, was machst du? Bist du verrückt? Was hat er dir getan? fragt Hans erschrocken.

Lydia bleibt hart. Sie wendet sich an ihre Tochter:

Du musst dich von ihm trennen! Sofort!

Sie schließt erneut ihr Zimmer.

Was soll ich tun? Was soll ich tun? kreisen panische Gedanken in Lydias Kopf. Wie kann es sein, dass diese beiden unter diesem weiten Himmel und dieser großen Erde zusammenkommen? Sie schaut mit tränenerfüllten Augen auf ein altes Foto, das zwischen den Glastüren des Bücherregals steckt.

Auf dem SchwarzweißBild sieht sie ein jüngeres Ich, stolz und spöttisch lächelnd. Um den Hals trägt sie denselben Anhänger, den sie heute bei Lukas sieht.

Ich habe ihn damals nicht verloren! Dieser kleine Wicht hat ihn wohl gerissen! denkt sie.

Sie steckt das Foto in die Tasche: Ich darf nicht zulassen, dass Hans und Anke das jetzt sehen! Ich muss etwas ausdenken!

Die ganze Nacht schläft Lidia kaum. Die einzige vernünftige Idee, die ihr einfällt, ist, Lukas zu bitten, die Stadt zu verlassen.

Lydia, bitte entschuldige mich, ich habe gestern etwas falsch gemacht! Ich möchte mich bei Lukas entschuldigen. Gib mir seine Telefonnummer.

Anke, ahnungslos, gibt ihrer Mutter sofort Lukas Nummer und geht gut gelaunt aus dem Haus.

Lydia, allein zu Hause, wählt sofort Lukas Nummer.

Hallo Lukas, kannst du heute zu uns kommen? So gegen eine Stunde?

Natürlich, ich komme.

Eine Stunde später steht Lukas, wie ein König, vor Ankes Tür. Lidia öffnet, wirkt krank und weint.

Wir müssen reden! sagt sie kurz und führt ihn ins Wohnzimmer.

Lukas, du musst dich von Anke trennen. Das ist mein Geheimnis. Schwöre mir jetzt, dass weder meine Tochter noch mein Mann davon erfahren.

In Ordnung, ich schwöre!, bricht Lukas aus und setzt sich zitternd auf das Sofa. Seine Beine zittern vor Unbehagen.

Lukas, Anke deine Schwester!, erklärt Lidia entschlossen und legt ihm das Foto vor, wo ihr Anhänger zu sehen ist.

Mama? fragt Lukas verwirrt, Tränen steigen in seine Augen. Und der Vater?

Lidia schüttelt den Kopf: Nein, Hans ist nicht dein Vater. Ich war damals mit Vano zusammen, er ging ins Militär. Ich war jung, töricht. Als ich schwanger wurde, verließ er mich. Ich sagte Vano nichts, zog in eine andere Stadt zur Großmutter, erzählte ihr, das Kind sei tot, legte dich ins Kinderheim und kam später zurück. Nach ein paar Monaten heiratete ich Hans.

Und ich?, schluchzt Lukas. Was bin ich für dich?

Du bist mein Jugendfehler, verstehst du? Du hast kein Recht, das zu zerstören, was ich mühsam aufgebaut habe! Du bist ungebeten in diese Welt gekommen, jetzt bist du hier, wo niemand auf dich gewartet hat! Geh, verschwind! Lass meine Familie in Frieden!

Lukas steht, unfähig zu sprechen.

Ist diese böse Frau, die wie ein gehetztes Tier aussieht, wirklich seine Mutter? hallen ihre Worte erneut in seinem Kopf.

Er seufzt schwer, steht vom Sofa auf:

Auf Wiedersehen, Frau Wagner! Ich verrate niemandem das Geheimnis.

Doch ich erzähle es meinem Mann!, ruft eine Stimme hinter ihm.

Lukas und Lidia zucken zusammen vor Schreck. An der Tür, mit verschränkten Armen, steht Anke, wütend und voller Hass.

Ich hielt dich immer für ein gutes Menschenkind, du bist eine Schande!

Entschuldige, Schwesterchen!, flüstert Lukas leise, senkt den Blick, um seine Tränen zu verbergen. Er rennt dahin, wo seine Augen hinsehen, fühlt sich wie eine platzende Seifenblase, die in tausend Stücke zerbricht und aus dem Leben verschwindet.

Einige Tage später meldet sich Lukas beim Wehramt und wird zum Wehrdienst eingezogen. Hans und Anke begleiten ihn zum Abschied. Hans umarmt ihn fest, männlich.

Halte durch, mein Junge! Und weiß, dass wir du, ich und Anke deine Familie sind. Wir warten auf dich, komm zurück!

Anke drückt ihn an sich und flüstert: Komm zurück, Bruder, wir lieben dich.

Lukas spürt Wärme im Herzen. Zwar hat er keine Mutter, doch er ist nicht allein. Jetzt hat er einen Vater und eine Schwester. Leider hat er Anke mehr geliebt als seine neue Schwester.

Lydia bleibt völlig allein. Hans trennt sich von ihr und sagt, er habe nie ein solches Grausamkeit von ihr erwartet. Sie beschuldigt weiter Lukas, der ständig zur falschen Zeit auftaucht.

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