Liselotte hasste jeden Menschen. Besonders ihre Mutter. Sie schwor sich, dass sie, sobald sie das Kinderheim in Köln verlässt, diese finden und ihr das Leben schwer machen würde.
Doch sie würde nicht einfach an die Tür der Mutter rennen und mit loser Stimme rufen:
Hallo, Mama!
Stattdessen wollte sie beobachten, dann rächen. All die Jahre im Heim, in denen Tränen über ihr Gesicht liefen, während ihre Mutter ihr Leben in Saus und Braus führte, brannten sich tief ein.
Liselotte war ihr ganzes Leben lang im Heim. So lange, wie sie sich erinnern konnte.
Mehrfach wurde sie in andere Heime verlegt, weil sie ständig stritt. Ob vor ihr ein Junge oder ein Mädchen stand, war ihr egal.
Sie wurde bestraft, in den Abteilungsraum gesperrt, bekam keinen Zucker mehr, doch sie verabscheute die Erzieher, die anderen Kinder und die ganze Welt.
Im Alter von vierzehn hörte sie auf zu kämpfen nicht weil ihr plötzlich das Herz größer wurde, sondern weil alle Angst vor ihr hatten.
Die Langeweile drückte sie. Sie schlich in eine abgelegene Ecke des Spielhofs und ließ den Blick in die Ferne schweifen, während sie davon träumte, die Mutter zu finden und zu vergelten.
Eines Tages hörte sie eine fremde Melodie. Sie spitzte die Ohren. Es war nichts, was sie je gekannt hatte.
Musik liebte sie, und jedes schöne Stück ließ ihr Herz höher schlagen. Doch diese Melodie war traurig, leicht melancholisch, fast flehend, und sie konnte nicht erfassen, woher sie kam.
Liselotte stand auf, schritt zu einem dichten Lindenbusch und schob die Zweige beiseite. Das ist ja unser neuer Hausmeister! dachte sie, während ein alter Mann mit schmutzigen Händen das kleine Instrument spielte.
Sie stolperte über die Wurzeln, fiel in das Gestrüpp und blieb dort liegen. Der Mann stoppte das Spiel und wandte sich ihr zu. Sie richtete sich wütend auf und wollte gehen, doch er rief plötzlich:
Willst du lernen?
Das Mädchen war überrascht. Könnte sie das auch? Würde es ihr gelingen?
Sie trat näher. Der Hausmeister sah aus, als sei er Ende fünfzig, grauhaarig und knochig. Warum er in diesem Alter noch das Kinderheim bewachte, blieb rätselhaft.
Liselotte kam jeden Tag zu ihm. Zuerst zeigte er ihr, wie man eine Flöte spielt und schnitzte die Instrumente selbst aus Holz, leicht verspielt, doch elegant.
Als die ersten Töne aus Liselottes Mund kamen, umarmte sie den alten Mann. Das war ihr erstes Gespräch.
Er hieß Herr Dietrich, lebte in einem kleinen Fachwerkhaus auf dem Gelände des Heims.
Warum? Hast du keine Verwandten, kein Zuhause?, fragte er.
Ich hatte alles, Dietrich. Ein Haus, Familie Vor zehn Jahren starb meine Katharina. Ich dachte, ich würde nie wieder lieben, wenn mein Sohn nicht mehr da wäre
Er erzählte von seiner Ehe, seiner schönen, aber habgierigen Frau, von seinem Sohn Sascha, der bei einem Autounfall ums Leben kam, und von seiner eigenen kleinen Wohnung, die nach dem Tod des Sohnes an dessen Witwe überging. Ein hübsches Dreizimmer im Stadtzentrum, sagte er, doch meine Schwiegertochter packte meine Koffer und schickte mich in alle Himmelsrichtungen.
Warum hast du dich nicht gewehrt?, fragte Liselotte.
Wozu, Kind? Ich habe hier niemanden mehr. All meine Lieben sind gegangen. Ich will nur die verbleibende Zeit überstehen, bis meine Stunde schlägt, antwortete er bedrückt.
Liselotte fühlte plötzlich, dass sie Dietrichs Schwiegertochter mehr verabscheute als ihre eigene Mutter. Der Gedanke, zuerst ihr zu schaden und dann der Mutter, wuchs in ihr.
Als Dietrich erfuhr, dass Liselotte ein wildes Herz wie ein Wolf im Schafspelz hatte, erschrak er. Wie sollte das arme Mädchen ihre Hassflammen bändigen?
Sie sprachen oft. Dietrich merkte, dass Liselotte weicher wurde, ihr Haar nicht mehr nach Jungen aussah, sondern zarter. Der Wunsch, alles mit den Fäusten durchzusetzen, schwand.
Eines Tages fragte er:
Liselotte, du gehst in einem Jahr. Hast du schon eine Idee, was du werden willst?
Sie sah verwirrt zu ihm.
Nein Ich habe nur daran gedacht, meine Mutter zu rächen.
Stell dir vor Du rätest dich, aber zuerst müsstest du sie finden. Ohne Geld, ohne Plan das ist ein Irrweg.
Sie blieb schweigend sitzen, verschwand eine Woche, dann kehrte sie zurück:
Ich will bauen.
Ein ganzes Jahr widmeten sie der Vorbereitung für die Bauakademie. Liselotte wusste, das Studium sei ein weiter Weg, vielleicht erst in der Zukunft.
Am Tag ihrer Abreise saßen sie lange auf der hölzernen Bank vor dem Haus. Am Abend fuhr Liselotte in ein anderes Bundesland, um zu studieren und dort zu wohnen. Tränen rollten über ihr Gesicht das erste Mal seit Jahren.
Herr Dietrich, ich komme wieder vorbei. Ich schwöre es, sagte sie.
Lass uns ein Abkommen schließen. Ich bleibe hier, du beendest deine Ausbildung, stehst fest auf eigenen Beinen, und dann kommst du zu mir zurück, erwiderte er.
Wie alt bist du denn noch?, fluchte sie lachend.
Zum Abschied schenkte er ihr eine kleine Flöte.
—
Fast fünfzehn Jahre später heiratete Liselotte spät, fand nie den Mann, der sie wirklich verstand. Mit dreißig bekam sie eine Tochter, die sie sofort nach der Geburt verließ. Ihre ganze Freude lag nun in der kleinen Katharina.
Jetzt konnte sie sich vieles leisten. Als sie endlich verdiente, was sie wollte, suchte sie nach ihrer Mutter.
Alles klärte sich schneller, als Liselotte gedacht hatte. Ihre Mutter, eine arme, alleinstehende Frau, erfuhr zwei Monate vor der Entbindung, dass sie krank war. Die Onkologie hatte ihr nur ein Jahr Prognose gegeben. In der Klinik entschied die Mutter, ihr Kind sofort im Kreißsaal abzugeben ein Schritt, den kein Arzt verurteilte. Liselotte fand das Grab ihrer Mutter, dort stand ein großer Engel.
Sie erinnerte sich oft an Dietrich. Als sie Jahre später in die Stadt zurückkehrte, war er nicht mehr zu finden; der Heimdirektor hatte gewechselt, das Personal war erneuert.
In freien Momenten ging Liselotte mit Katharina in den Stadtpark. Ihre kleine Katharina, die immer die Welt retten wollte, überzeugte ihre Mutter zu allen möglichen Ausgaben: Süßigkeiten für die Kinder, Brot für die Enten, Eis für die heißen Sommertage. Heute bat sie:
Mama, kauf mir bitte Wurst, ein Brot und ein Getränk.
Liselotte starrte sie an.
Ich fürchte, ich weiß nicht, wer das diesmal ist, antwortete sie.
Mama, vielleicht sollst du es gar nicht wissen? Warum gleich nervös werden?, erwiderte Katharina.
Wir gehen jetzt nirgendwo hin, sagte Liselotte.
Mama, das ist ein älterer Herr, der kein Zuhause hat, flüsterte das Mädchen.
Wer?, schrie Liselotte, fast ohnmächtig. Katharina lächelte, als wolle sie sagen: Ich habe dich gewarnt.
Mama, beruhige dich. Er ist nur ein alter Mann, allein, erklärte sie.
Der Mann bat nicht laut, sondern schämte sich. Er kannte unzählige Märchen und Gedichte, die keiner kannte. Mach dir keine Sorgen um die Wurst, sagte er leise.
Liselotte, nun eine erwachsene Frau und leitende Angestellte einer großen Baufirma, fand keine Worte. Still kaufte sie alles, was Katharina verlangt hatte, und sie gingen zum Park.
Katharina setzte sich auf die Bank.
Mama, setz dich hin, ich gehe zum Teich. Siehst du den alten Mann dort?, rief sie.
Liselotte sah tatsächlich einen bärtigen, schlecht gekleideten Greis, umgeben von Kindern, und beruhigte sich langsam. Wichtig war, dass ihre Tochter im Blick blieb.
Abends legte sie sich mit einem Buch auf die Couch. Plötzlich hörte sie die vertraute Melodie. Stille. Und wieder dieselbe Melodie, die von Anfang an gespielt wurde. Sie rannte ins Zimmer ihrer Tochter, ängstlich.
Mami, habe ich dich geweckt?
Katharina! Was war das?
Der alte Mann lehrt uns Flöte spielen. Ich kriege den Anfang nicht hin.
Katharina seufzte schwer. In ihrer Hand lag die Flöte. Liselotte sah mit tränenerfüllten Augen zu ihr.
Lass mich dir zeigen. Auch mir fiel es anfangs schwer
Liselotte spielte die ganze Melodie und brach in Tränen aus. Erinnerungen überschwemmten sie, und sie konnte nicht mehr anhalten. Katharina erschrak zutiefst.
Mami, warum weinst du? Macht dich die Musik so traurig? Soll ich nicht mehr zu Hause spielen?
Liselotte schüttelte den Kopf. Sie ging hinaus und kam nach einer Minute zurück, die gleiche, aber vom Zahn der Zeit leicht dunklere Flöte in der Hand.
Katharina, weißt du, wo der alte Mann wohnt?
Mama, direkt am Teich. Hinter den Büschen hat er seine Kisten.
Komm, mein Kind.
Sie fanden ihn sofort. Katharina rief:
Opa!
Er kroch aus den Büschen.
Was ist geschehen, Kleine? Warum bist du nicht zu Hause?
Herr Dietrich, guten Tag.
Er zuckte zusammen, als wäre er von einem Schlag getroffen. Langsam drehte er sich um, starrte ihr ins Gesicht.
Liselotte, das kann nicht sein.
Sie umarmte ihn fest.
Alles ist möglich. Lass uns nach Hause gehen, genug von Mücken, wir gehen nach Haus.
Wohin?
Nach Hause, Herr Dietrich. Hätten Sie mich nicht gehabt, hätte ich nichts. Mein Zuhause ist immer Ihres.
Auf dem Heimweg wischte Dietrich Tränen von den Wangen. Sie hatten ihn lange verfolgt, doch jetzt hielt Liselotte seine Hand fest, damit er nicht allein im Dunkeln versank.
In ihrem Herzen keimte die Zuversicht, dass er nicht mehr im Schatten der Einsamkeit versinken würde.