Hallo, Liselotte, du kannst nicht kommen, mir geht es nicht gut, flüsterte die Stimme aus dem Telefon. Dieter und Anke haben mir den kleinen Klaus zurückgelassen und sind zu Besuch gegangen, ich erreiche sie nicht.
Schon wieder? Was soll das denn! Ich komme sofort, Mama.
Eine halbe Stunde später stand Liselotte vor der Tür der Mutter in einem alten Mietshaus in BerlinMitte.
Der Blutdruck ist hoch, ich kann ihn nicht senken. Der Kopf zerreißt gerade.
Willst du den Rettungswagen rufen?
Nein, ich will nur liegen. Und Klaus springt durch das Zimmer, klettert überall hin, ist noch so klein, versteht gar nichts
Liselotte nahm den Enkel in ein anderes Zimmer und murmelte:
Wieder sind sie gegangen, haben das Kind bei der kranken Urgroßmutter zurückgelassen, das ist schon ein Stück weit grausam. Die Mutter ist schon alt, es fällt ihr schwer, ein Kind zu betreuen, und sie hat keine eigenen Angelegenheiten. Nur Feiern, Trinken, ihr Kopf ist voller Wölkchen.
Eine Stunde später kamen Sohn und Schwiegertochter zurück, leicht beschwipst, doch mit einem Anflug von Respekt.
Dieter, Oma ist krank, und ihr nehmt meine Anrufe nicht entgegen. Warum habt ihr Klaus wieder bei ihr gelassen?!
Mama, alles in Ordnung! Oma tut nur so, aber sonst ist sie fit wie ein Turnschuh!
Sag das nicht! Ihr habt beide kein Gewissen! Ihr seid hier eingezogen und belastet die ältere Dame zusätzlich!
Aber ihr wollt uns doch keine Wohnung kaufen, wo wir wohnen sollen?
Vielleicht sollt ihr beide arbeiten gehen? Klaus kann jetzt in den Kindergarten, die nehmen schon ab zwei Jahren, und ihr sollt arbeiten!
Wir arbeiten doch, wir führen einen Blog mit Anke. Sobald wir durchstarten, fließt das Geld wie ein Strom. Wir haben ins Marketing investiert, das Ergebnis kommt bald!
Das ist doch Unsinn! Blogger sind wie Flöhe im Fell einer Katze! Und wir haben kein Geld für eine Wohnung, das weißt du. Bevor man eine Familie gründet, sollte man darüber nachdenken.
Ich bin nicht schuld, dass Anke so schnell… heiraten musste!
Im Sinne, du bist nicht schuld? Ich habe das selbst entschieden, oder was?, sprang Anke mit dem Geruch von Alkohol in die Diskussion ein.
Hör nicht damit an! Ich habe dir gesagt, du sollst dich verteidigen jetzt bist du schuld
Ich will eure betrunkenen Träume nicht hören, ich gehe. Und beleidigt Oma nicht!
Liselotte schlich sich zurück zur Mutter, die inzwischen schlief. Das Mittel wirkte.
Und seid leise, die Oma schläft. Ich gehe.
Nach der Meldung, dass Anke überraschend schwanger war, geriet alles in ein wirres Durcheinander.
Sie mussten hastig eine kleine Hochzeit organisieren, nur die engsten Verwandten waren eingeladen.
Die jungen Leute wollten nicht in die gemietete Wohnung ziehen, sondern baten um Aufnahme bei Oma Anna, die in einem Altbau in Hamburg wohnte.
Oma, du hast zwei Zimmer, das reicht uns. Anke hilft beim Putzen, Kochen und Einkauf.
Nun denn, ihr laute Nachwuchs, ihr macht bestimmt Musik, ladet Gäste ein, bald kommt noch ein Kind, und ich habe Hypertonie.
Das wird schon gehen, mach dir keine Sorgen! Die Urenkel werden dich verwöhnen.
Liselotte erfuhr erst, als Dieter und Anke zu ihrer Mutter gezogen waren, dass sie darum gebeten hatten, nichts zu sagen sie wussten, sie würde protestieren.
Kindchen, hör doch nicht so viel zu schimpfen. Sie werden bald ausziehen, sie wohnen nicht auf der Straße.
Du hast dich fehlgeschlagen. Hätte Dieter schneller einen Job gefunden, wäre das alles nicht so ein Wirrwarr.
Dieter ließ das Studium liegen, bekam wegen Asthma keine Wehrpflicht, und verfiel nun in ein wirres Leben.
Liselotte hatte nie aufgegeben, den Enkel zu betreuen, doch als er jeden Tag gebracht wurde, platzte ihr der Kragen.
Ihr seid Eltern, ihr solltet Zeit mit dem Kind verbringen, nicht nur mit Freunden und dummen Videos. Einenzweimal pro Woche könnt ihr den Enkel bringen, ich habe meine eigenen Angelegenheiten.
Daraufhin ließen sie den Jungen bei Oma Anna zurück. Sie fand es schwer, doch Dieter versprach jedes Mal, dass es nicht wieder vorkommen würde.
Liselotte, deine Mutter ist jetzt ein Internetstar, hast du das mitbekommen?
Die Frau sah verwirrt.
Wie bitte? Sie nutzt das Internet ja nicht.
Dieter stellt ihr immer dämliche Fragen, nimmt ihre ernsten Antworten auf und macht sich darüber lustig.
In den Kommentaren schockierten die Leute, dass die Jugend die Großmutter verspottete. Und die Oma wusste nichts davon, sie wurden wohl heimlich gefilmt.
Liselotte war rasend, das war die Grenze des Unverschämten. Sie verließ das Büro, wählte die Nummer ihres Sohnes.
Hallo, hier ist Mama.
Dieter, warum filmst du Oma und stellst das ins Netz? Bist du verrückt geworden?
Was ist daran schlimm? Das ist jetzt ein Trend! Sie beantwortet nur simple Fragen Was ist das Problem?
Das hat Anke ausgedacht. Unser Content lebt vom Klick, weißt du, wie viele Likes ihre Videos haben?
Keine Ahnung, und ich will es auch nicht wissen! Jetzt wurden alle Videos gelöscht! Das ist hinterhältig, verstehst du das nicht?
Nichts hinterhältig. Sie hilft uns, das Konto zu pushen, wir verdienen schneller und können ausziehen.
Regelt eure Probleme selbst! Beschmutzt die Oma nicht vor aller Welt! Entfernt das Video, sonst seid ihr obdachlos.
Danke, Mama für die Unterstützung. Das Video lösch ich nicht. Unser Blog ist dank der Aufnahmen in den TopCharts, wir bekommen Werbung. Mischt euch nicht ein!
Sie legte auf. Liselotte schrie laut, ihre Stimme hallte wie ein Schrei im Traum.
Am Abend erzählte sie ihrem Mann davon, und er war ebenso wütend.
Liselotte, wir fahren hin, ich spreche mit ihm!
Dieter war zu Hause, Anke spazierte mit dem Kind, Oma Anna ruhte.
Warum seid ihr hier? Bei uns läuft alles, ignoriert die Neider. Jeder verdient, was er bekommt.
Aber nicht, indem ihr Oma heimlich filmt! Löscht das Video vor mir!
Das ist nicht ernst, Mama! Ich bin erwachsen, du musst mir nicht sagen, was ich tun soll!
Erwachsen? Dann zieh in deine eigene Wohnung! Du klebst wie ein Floh an Oma! Und ihr wollt mir noch die Rente rauben, das ist nicht zu fassen!
Sie hat selbst angeboten zu helfen. Und Oma ist nicht unsterblich, nach ihrem Tod fällt die Wohnung mir zu. Warum soll ich in Mietwohnungen umherziehen? Ich warte nur.
Von dieser Dreistigkeit überrascht, fielen Liselotte und ihr Mann aus den Socken.
Die Wohnung gehört mir, ich bin die Tochter! Nach diesem Verhalten überlege ich erst, ob ich sie euch überlasse.
Beweise zuerst, dass du die Familie selbst erhalten kannst. Und löscht endlich das Video!
Um Gotteswillen! Wir gehen, wir sehen den Enkel nicht mehr! Morgen fahren wir von hier weg!
Doch am nächsten Tag fuhr Dieter nirgends hin. Oma Anna schritt ein.
Liselotte, das ist meine Wohnung, ich habe sie nicht ausgewiesen. Sie können bleiben. Ich habe mich schon daran gewöhnt. Es geht nicht um das Kind.
Sie sah das Video, das Dieter ihr gezeigt hatte, fand nichts Schändliches und sagte: Filmt weiter, vielleicht verdient ihr damit etwas.
Die Frau war erstaunt über diese Entscheidung.
Mama, schau selbst, du musst mit ihnen leben. Ich sorge dafür, dass du Ruhe hast.
Dieter, der gewissenlos war, handelte weiterhin so. Beschwere dich nicht.
Zwei Wochen später wurde Oma Anna plötzlich sehr krank, der Rettungswagen kam, half aber nicht.
Hallo, Mama, Oma Anna ist weg Der Krankenwagen konnte nichts tun Das Herz hat aufgegeben.
Wie kann das sein? Gestern war sie noch okay Wir kommen sofort mit dem Vater.
Liselotte war vom Schock gebrochen, sie hatte nicht einmal Abschied nehmen können.
Auf der Beerdigung weinte Dieter, und Liselotte schien das ehrlich zu meinen. Er hatte die Oma doch geliebt, auch wenn er ihr die Nerven raubte.
Mama Oma hat mir die Wohnung überschrieben. Das war ihr Wille, kurz bevor sie starb. Ich habe sie nicht gedrängt.
Liselotte war fassungslos, sagte nichts. Was nun? So war ihr Schicksal.
Einige Tage nach der Beerdigung kam die Frau in das alte Zimmer ihrer Mutter, um einige Sachen zu holen und an die Nachbarn zu verteilen. Die Tür stand offen, sie schlich hinein. Im Schlafzimmer hörte sie Ankes Stimme.
Mutter, wie lange sollen wir noch mit dieser Oma leben, es nervt! Immer noch knarrt es, sie will keinen Lärm, will nicht mit Klaus zusammen sein.
Ich will endlich in meiner eigenen Wohnung wohnen.
Wir kriegen die Hypothek nicht hin, das Einkommen ist klein, der Blog bringt kaum was. Dieter will arbeiten, aber wer braucht ihn? Er ist schwach, hat Asthma.
Als ihr nicht da wart, brauchte sie Tabletten und den Rettungswagen, ich war zu beschäftigt, sagte, sie sei beschäftigt, gab das falsche Medikament.
Er rief den Krankenwagen erst, als sie zu ersticken begann. Dann hat sie geklappt.
Sie hatte vorher doch die Schenkung an Dieter unterschrieben, ich drückte den Knopf für das Erbverfahren, die Oma hat jetzt Mitleid.
Dieter denkt, sie hat es allein gemacht. Das ist alles, was ich dir erzählen kann, Schwester, so ist das. Aber jetzt haben wir ein Haus! Schwiegermutter wird nicht mehr reinreden.
Liselotte stürmte wütend in das Zimmer, die Hände zitternd.
Verdammt! Du hast die Oma fertiggemacht und jetzt noch damit geprahlt? Ich melde dich der Polizei! Du bist ein Ungeheuer!
Anke legte hastig auf und starrte erschrocken die Schwiegermutter an.
Ihr habt das missverstanden ich habe alles erfunden Was macht ihr hier überhaupt?
Was mache ich hier? Was machst du hier? Ich erzähle das sofort Dieter!
Er wird euch nicht glauben. Und selbst wenn, es ist mir egal! Klaus ist nicht sein Sohn!
Du kannst nichts beweisen. Oma hatte ein schwaches Herz, kein Rettungswagen hätte sie gerettet. Es war Zeit.
Der Sohn ist nicht von dir, sondern von Viktor. Er hat mich verlassen, ich bin sofort mit dir zusammengekommen.
Irgendwann wird die Wahrheit ans Licht kommen, früh oder spät. Ich gehe, kein Moment bleibt hier.
Dieter wollte sie schlagen, doch Liselotte hielt ihn zurück. Fassungslos verließ er den Raum. Anke packte schnell ihre Sachen und ging mit dem Kind.
Sie gingen nicht zur Polizei, denn es gab keine Beweise, niemand würde sich damit befassen. Dieser Sünde blieb Ankes Gewissen.
Dieter, du bist auch schuld. Wie oft habe ich gesagt, ihr sollt ausziehen. Oma war gut, ihr habt sie verraten.
Ich bin schockiert, Mama Klaus ist nicht mein Sohn, Oma ist tot
Ich gehe zur Arbeit, lösche den Blog. Das ist alles Unsinn. Wir müssen unser Leben ändern.
Gut, Sohn, jetzt wird Vernunft gebraucht.
Dieter ließ sich scheiden, klagte um das Sorgerecht. Er fand schließlich einen gut bezahlten Job und verdiente anständiges Geld.
Liselotte beobachtete, wie ihr Sohn sich veränderte. Er hörte auf ihren Rat, fragte nach Meinung.
Kurz darauf heiratete er eine nette Frau, das genaue Gegenteil von Anke.
Liselotte und ihr Mann freuten sich, dass ihr Sohn endlich erwachsen, menschlich handelte. Und sie hofften, dass solche Probleme nie wieder sein würden.