Ich glaube, ich habe heute deinen Ex-Mann gesehen.

Es scheint, ich habe heute deinen Ex-Mann gesehen, – seufzte Helga Meyer, während sie ihre Winterstiefel auszog.

In der Zwischenzeit zog Anneliese die Zwillinge nach dem Spaziergang mit der Oma aus.

— Allein oder mit einer neuen Liebe?

— Er war allein. Er stand etwa fünf Minuten da und beobachtete, wie ich den Kinderwagen über den Spielplatz schob, und als ich ihn bemerkte, drehte er sich schnell um und ging weg. Kann mich natürlich irren, aber er sah ihm sehr ähnlich. Hat er sich überhaupt mal gemeldet, sich nach den Kindern erkundigt?

Anneliese runzelte die Stirn.

— Er ruft alle zwei Tage an. Ich gehe nicht ans Telefon.

— Warum das? Vielleicht könntet ihr euch wieder versöhnen!

— Er hat mich schwanger wegen irgendeiner Dahergelaufenen verlassen, worüber sollte ich mit ihm reden?!

Die Tochter wurde aufgewühlt, doch Helga Meyer ließ sich davon nicht beirren.

— Vielleicht will er ja die Kinder sehen? So schlimm ist das nicht! Und vielleicht würdet ihr euch ja auch wieder versöhnen.

“Und ich müsste nicht jede Woche zu euch kommen,” dachte die Großmutter still bei sich.

— Er kennt die Adresse. Wenn er wirklich will, kommt er. Versöhnen will ich mich nicht mit ihm, Verräter brauche ich nicht.

— Ach, Anneliese, in deiner Lage kannst du dir übertriebene Stolz nicht leisten! Ihr habt die Kinder zusammen in die Welt gesetzt, also müsst ihr euch auch zusammen um sie kümmern.

— Würdest du Papa also vergeben?

— Was für ein Vergleich! Dein Vater hat mich auf Händen getragen und immer von einer großen Familie geträumt. Leider hatte der Herrgott andere Pläne für ihn… Und ihr? Tsk! – winkte Helga Meyer ab und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen, – Alles geht schief.

Nach einem Monat fast durchgehender Betreuung der neugeborenen Enkel erkannte Helga Meyer, dass sie in diesem Rhythmus nicht lange durchhalten würde. Zudem vermisste ihr kleiner Hund Ludwig sie stark und fraß kaum noch. Anneliese ließ daher ihren Versuch, der Mutter die Mietwohnung in Freiheit schmackhaft zu machen, indem sie solche Argumente wie “Warum leer stehen lassen” anbrachte. Stattdessen bot sie ihr an, drei Tage die Woche vorbeizuschauen, damit sie sich als frischgebackene Mama etwas erholen könne.

Helga Meyer legte sich neben die vier Monate alten Enkel. Knuddelig waren sie! Oh, und wie anstrengend! Paulchens Augen färbten sich bereits braun und die Haare wuchsen dunkel und wirr wie die des Vaters, während Polinas Augen strahlend blau waren, wie Leinenblüten, und ihre Haare weiß und flauschig… Unterschiedliche Kinder. Völlig verschieden. Doch ein Ansturm – ihre Wangen waren mit roten, rauen Flecken der Diathese übersät. Und wenn sie erst zu schreien anfingen…!

— Ich glaube nicht, dass es eine Allergie gegen Ludwig ist, – vermutete Helga Meyer, – sie waren mit und ohne ihn über und über bedeckt. Du hast meinen Hund zu Unrecht bestraft.

— Wirklich bestraft! Er ist ein Tier, Mama, übertreib nicht. Und wegen der Allergie hast du wahrscheinlich recht. – Anneliese korrigierte aus irgendeinem Grund den ohnehin gut sitzenden Body von Paulchen und sah unbehaglich zu ihrer Mutter.

“Sie denkt sich schon wieder was aus,” erkannte Helga Meyer und lag richtig.

— Ich habe da was überlegt… – fing Anneliese an, – vielleicht sollte ich halbtags arbeiten? Mit der Hypothek ist es dank Elterngeld zwar jetzt einfacher, aber das Kindergeld ist nicht wirklich viel, und die Alimente sind gering. Von den Ersparnissen ist fast nichts mehr übrig, und die Ausgaben mit den Kindern sind hoch!

— Denk gar nicht daran! – erschrak Helga Meyer. – Ich schaffe das nicht allein, hast du den Verstand verloren? Willst du mich ins Grab bringen? Ich habe verstanden, was du bist, habe ich ja, Töchterchen… Eine Egoistin, das ist es! Und sei nicht beleidigt. Man muss ein bisschen Anstand haben! Merkst du nicht, dass ich schon… am Ende meiner Kräfte bin… Alles für dich! Sogar Ludwig habe ich allein gelassen! – sagte die Mutter aufgeregt und stockend. Auch sie fühlte sich schlecht, als egoistisch. Sie dachte an sich selbst, wagte es dennoch zuerst, nicht an ihr 35-jähriges Kind!

Helga Meyer schaute ihre Tochter an – diese senkte den Blick. Sie fuhr fort:

— Nein, du verstehst es nicht. Dann eben nicht!

— Mama, nun lass es doch…

— Ich mache mir Sorgen um den Hund! Wer braucht ihn außer mir? Er wird sich noch zu Tode sehnen, und dabei ist er noch gar nicht alt.

Helga Meyers Augen füllten sich mit Tränen.

— Du übertreibst ständig! – beschwerte sich Anneliese.

— Nein, im Gegensatz zu dir sehe ich die Dinge realistisch. Und außerdem, welchen Sinn hat es, dass du halbtags arbeitest? Sie werden dir noch das Kindergeld streichen!

— Es geht nicht um meine Stelle, sondern um einen Laden. Zwei Tage die Woche, inoffiziell. Eine Bekannte hat es angeboten. Lass gut sein, Mama, du hast recht, es ist sehr schwer mit ihnen. Nur weiß ich nicht, wie ich das mit dem Geld regeln soll.

Anneliese fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, strubbelte sie auf und ließ sich aufs Bett fallen.

— Wenn Venni anruft, tu nicht so, nimm ab. Du brauchst ihn. Genau jetzt brauchst du ihn. Hörst du?

Die Tochter murmelte etwas Unverständliches. In die Wohnung stürmte Julia nach der Schule herein. Das Mädchen liebte es, wenn die Großmutter da war. Ihr Herz wurde sofort leichter und fröhlicher.

— Hallo zusammen! Ich habe einen Magen, der einem Löwen gleicht, ich würde sogar einen Krokodil verschlingen!

Zum Jahreswechsel wurde Ludwig als Versuch mit in die Stadt genommen. Den Babys ging es nach ein paar Tagen nicht schlechter. Enkelin Julia herzte den Hund und band ihm am Silvesterabend eine goldene Schleife um den Hals. Helga Meyer bemerkte, dass sich die Tochter mit ihrer Schönheit vorm Spiegel besonders viel Mühe gab. Sie zog ein Kleid an, Strumpfhosen, schminkte sich und fummelte an ihrer Frisur. Und den Tisch deckte sie definitiv nicht für drei.

— Kommt jemand zu uns? Für wen machst du das alles?

— Warum mach ich das? Ich mache gar nichts Besonderes! Ich will nur den Jahreswechsel schön feiern, – konterte Anneliese, während sie die Lippen schminkte? und fügte dann widerwillig hinzu: – Venjamin hat sich angekündigt. Aber ich habe mich nicht für ihn hübsch gemacht! Schon gar nicht!

Venni kam nach einer halben Stunde mit einem Sack voller Geschenke herein. Auf seinem abgemagerten Gesicht wechselten sich irritierte Gefühle ab: Schuld, Erwartung, Bereitschaft, die Vorwürfe der Ex-Frau abzuwehren. Er versuchte unbeholfen, fröhlich und unbeschwert zu wirken.

— Allen ein frohes neues Jahr! Draußen ist es herrlich frostig! – lächelte er mit allen Zähnen.

Anneliese klimperte mit ihren stark getuschten Wimpern, wollte gerade den Mund öffnen, als die überrascht wirkende Julia hereinstürmte. Sie hatte den Vater seit dem Frühling nicht gesehen und wusste nicht, dass er heute kommen würde. Venni breitete die Arme aus, um sie zu umarmen. Er war offensichtlich überrascht, wie erwachsen die ältere Tochter geworden war.

— Julia, bist du schön geworden! Lass dich umarmen!

Julia rannte… Und schlug mit aller Kraft, wie eine junge Tigerin, mit den Fäusten auf seine ausgestreckten Arme.

— Ich hasse dich! Du bist nicht mein Papa! – schrie das Mädchen und verschwand in ihrem Schlafzimmer, knallte die Tür mit voller Wucht zu.

Sogleich fingen die Zwillinge lautstark an zu weinen, und Anneliese eilte zu ihnen.

Venni wurde blasser und warf die warme Jacke in den Schrank. Helga Meyer konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

— Was hattest du erwartet? Etwas anderes? Ach, ihr Eltern…

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