Habt ihr eurer ältesten Tochter eine Wohnung gekauft? Dann zieht zu ihr ein – erklärte Friedrich den Eltern.

Liebes Tagebuch,

Mama, darf ich kurz rein? Ich muss mit dir reden, sagte ich, Liselotte, während ich die schwere Kuriertasche an meiner Seite festhielt und vor der Wohnungstür meiner Eltern im Berliner Vorort stand.

Komm rein, zieh deine Schuhe vorsichtig aus ich habe den Boden frisch gewischt, rief meine Mutter Anke, die den Flur freimachte, während sie mir ein Nicken zuwarf. Dein Vater Klaus ist zu Hause, liest gerade die *Frankfurter Allgemeine*.

Der Duft von Bratkartoffeln und Frikadellen zog durch das Wohnzimmer. Mein jüngerer Bruder Fritz sollte von seiner LKWTour zurückkehren, und Anke hatte bereits sein Lieblingsessen vorbereitet.

Ich ließ meine Tasche auf dem Couchtisch ab, setzte mich erschöpft auf das Sofa; das lockere Sommerkleid spannte über meinem Bauch, der jetzt deutlich hervorschob.

Schwellt dir wieder die Beine?, fragte Klaus, während er die Zeitung beiseite legte. Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen.

Alles gut, Papa. Erstes Mal, oder?, erwiderte ich, richtete das Kissen hinter meinem Rücken und fuhr fort: Ich wollte eigentlich ein Thema ansprechen Ich räusperte mich. Mir kam da eine Idee, und zwar wegen der Wohnung.

Welche Wohnung?, kam Anke zurück, gerade mit einer dampfenden Tasse Kaffee für mich.

Eurer, sagte ich, nahm einen Schluck. Ihr habt hier doch genug Platz für dich und Fritz, richtig? Er wäre in einem Zimmer, ihr im anderen. Wenn wir das ZweizimmerApartment verkaufen, könnten wir euch ein EinzimmerFlatApartment anbieten

Ein spöttisches Lachen ertönte an der Tür. Fritz lehnte lässig im Türrahmen, noch in seiner Arbeitsweste mit dem Logo einer Logistikfirma. Siehst du, Schwesterchen, du verschwendest keine Zeit.

Fritz, bist du schon zurück?, rief Anke, während sie den Tisch deckte. Ich wärme dir gleich etwas auf

Später, winkte er ab, ohne mich aus den Augen zu lassen. Erzähl erst, welche Idee du hast.

Fritz, warum musst du immer sofort loslegen?, verzog ich das Gesicht. Ich rede hier nur. Würde euch ein EinzimmerFlat nicht passen?

Wem wäre es lieber?, stellte er die Frage, ließ seinen schweren Koffer lautstark in die Ecke fallen. Mir mit meinen Eltern in einer EinzimmerWohnung? Oder dir mit unserem Geld?

Junge, bitte nicht so laut, versuchte Klaus zu beschwichtigen. Lass uns ruhig reden.

Worüber reden wir hier?, begann Fritz im Raum umherzugehen. Vor fünf Jahren haben wir das Ferienhaus verkauft, das Geld haben wir euch gegeben. Jetzt das mit der Wohnung? Wisst ihr, dass unser Vater das Haus an die ältere Schwester verkauft hat? Dann sollt ihr dort einziehen.

Ich bekomme ja erst mein drittes Kind!, erhob ich die Stimme. Wir brauchen mehr Platz, das Zweizimmer ist viel zu eng!

Und was soll ich machen?, drehte sich Fritz zu mir. Ich bin jetzt zweiunddreißig, habe noch keine eigene Wohnung, weil das ganze Familiengeld an dich geflossen ist! An deine ZweizimmerWohnung!

Genau, schnaufte ich. Ich habe endlich etwas erreicht. Mein Mann ist ordentlich, wir haben ein Geschäft und Kinder.

Ein ordentliches Geschäft?, lachte Fritz höhnisch. Er schließt Laden um Laden. Die ganze Stadt kennt schon Markus, dass er tief in den Schulden steckt.

Mir fiel ein kalter Schauer über den Rücken.

Was redest du da für Unsinn?, fragte ich verwirrt.

Ach, mach dir keinen Kopf, Schwesterchen. Ich fahre LKW durch das ganze Land. Weißt du, wie viele Gerüchte sich verbreiten? In der Nachbarstadt wurden schon zwei Geschäfte geschlossen, hier noch drei, die kaum überleben. Lieferanten stehen nicht mehr bereit, weil du die alten Rechnungen nicht bezahlt hast. Warum brauchst du eigentlich das Geld der Eltern?

Ein bedrücktes Schweigen legte sich über den Raum. Anke sah ängstlich von mir zu Fritz.

Lisel, sag, das ist nicht wahr, flehte sie. Es kann doch nicht sein.

Ich sank auf das Sofa, die Stimme zitterte. Ich wollte euch nicht belügen Markus hat wirklich ein Problem. Ernsthafte Probleme. Die Läden bringen keinen Gewinn mehr, wir mussten zwei schließen. Die Lieferanten wollen das Geld zurück, sonst geht alles den Bach runter.

Und du willst uns ohne Wohnung zurücklassen?, fuhr Fritz fort, Kopfschütteln. Damit wir alle in einer EinzimmerWohnung zusammenziehen, während du die Schulden deines Mannes deckst?

Was soll ich tun?, platzte ich heraus, Tränen liefen meine Wangen hinab. Ich habe zwei kleine Kinder! Das dritte kommt bald! Wir könnten alles verlieren!

Dann löse deine Probleme selbst!, brüllte Fritz. Hör auf, dich an die Eltern zu lehnen! Sie haben euch das Ferienhaus und ihr Erspartes gegeben, und jetzt willst du das Letzte rauben!

Du bist neidisch!, schrie ich, fast die Tasse fallend. Neidisch, weil ich es geschafft habe, einen anständigen Mann zu heiraten, nicht wie du ein Fahrer!

Ja, du hast Glück gehabt, schnaufte Fritz. Jetzt willst du die Eltern ausnehmen. Warum nimmst du sie nicht zu dir? Sie haben dir ja alles gegeben das Ferienhaus, das Geld lass sie bei dir wohnen.

Was?, ich zog mich zurück. Nein! Ich habe meine eigene Familie, meine kleinen Kinder

Du nimmst von ihnen, aber willst nicht helfen? Nur nehmen, was? 

Du verstehst das nicht!, ich packte die Tasche, meine Hände zitterten. Unsere Situation ist schlimm Markus könnte alles verlieren!

Also sollen wir ohne Dach über dem Kopf bleiben?, fuhr Fritz fort und trat näher. Hör auf, die Eltern zu melken. Reguliere deine Probleme selbst.

Ich schob die Tür so zu, dass das Glas im Sideboard klirrte. Anke setzte sich schwer auf einen Stuhl, vergrub das Gesicht in den Händen.

Warum benimmst du dich so gegenüber deiner Schwester? Sie ist doch schwanger

Und wie soll ich mit ihr umgehen?, murmelte Fritz, erschöpft, die Nackenmuskulatur massierend nach der langen Fahrt. Ihr könnt euch doch nicht einmal entscheiden. Das Geld ist das Wichtigste.

Aber ihr seid fast in Rente, Papa. Mama, dein Blutdruck schwankt. Und sie will, dass ihr in ein neues Viertel zieht, weit weg von der Klinik

Vielleicht überdenkt sie ja noch, sagte Klaus leise.

Eine Woche verging, ohne dass ich etwas von Liselotte hörte. Anke versuchte anzurufen, doch ich ließ die Anrufe unbeantwortet. Dann kam die Überraschung: Markus stand plötzlich vor der Tür.

Fritz sollte gerade zu seiner nächsten LKWTour starten, als das Klingeln ertönte. Vor mir stand mein Schwager, in einem zerknitterten Anzug, die Augen leer.

Darf ich reinkommen?, krächzte seine Stimme, müde. Ich muss mit dir reden.

Anke führte ihn schweigend in die Küche. Fritz wollte gehen, doch Klaus hielt ihn zurück:

Setz dich, Sohn. Das betrifft die ganze Familie.

Markus schwieg lange, drehte den kalten Becher mit abgekühltem Kaffee in den Händen. Dann begann er zu sprechen:

Ich bin hier, um mich zu entschuldigen für mich und für Liselotte. Wir hätten euch nicht in dieses Chaos ziehen dürfen.

Was ist passiert?, fragte Anke leise.

Alles, murmelte er, ein bitteres Lächeln. Das Geschäft ist gescheitert. Gestern haben wir den letzten Laden geschlossen. Die Gläubiger kamen, nahmen das Inventar, das Fahrzeug, alles. Ich dachte, ich kriege das hin, habe immer weiter geliehen Liselotte hat an mich geglaubt und dachte, ihr könntet die Wohnung verkaufen

Und ihr habt an die Eltern gedacht?, brach Fritz ein. Dass ihr das Letzte von den Rentnern verlangt?

Du hast recht, nickte Markus. Ich habe zu viel geträumt, wollte ein großer Unternehmer sein, habe Kredite aufgenommen. Und jetzt ist alles zusammengebrochen. Es ist mir peinlich, euch anzusehen.

Wie geht es Liselotte?, fragte Anke besorgt.

Sie weint die ganze Zeit. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll. Sie schämt sich, zu euch zu kommen nach diesem Gespräch. Ihr kennt ihre Stolz

Und ihr?, fragte Anke. Wie schafft ihr das mit den kleinen Kindern?

Wir versuchen, gestand Markus. Ich arbeite jetzt als Speditionskaufmann bei einer Großfirma, Liselotte hat eine Stelle als Administratorin im Einkaufszentrum gefunden, sobald sie nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen ist. Wir leben jetzt wie jeder andere bitte verzeiht uns.

Als Markus ging, hüllte eine schwere Stille die Küche. Fritz blickte aus dem Fenster auf den grauen Herbsthof.

Weißt du, Sohn, sagte Klaus plötzlich, du hast das Richtige getan, uns die Wohnung nicht zu verkaufen. Wir haben Liselotte immer verhätscht, ihr alles verziehen. Und jetzt

Ein Monat später stand Liselotte erneut vor der Tür dünner, das Bauche noch sichtbar, in einem schlichten Kleid, ohne Schmuck und MakeUp. Sie setzte sich mitten im Flur und brach in Tränen aus.

Bitte verzeiht mir, flüsterte sie. Ich habe so viel von euch bekommen und doch

Anke sprang ihr entgegen:

Alles wird gut, du schaffst das.

Fritz sah seine Schwester an, erkannte die einstige stolze Liselotte kaum wieder jetzt ein abgegriffenes, unverhülltes Gesicht in abgetragenen Schuhen.

Na gut, sagte er schließlich. Wir gehen weiter. Du wirst jetzt wie alle anderen leben, ohne Aufschlag.

Danke, erwiderte Liselotte, Tränen noch in den Augen. Dass ihr die Wohnung nicht verkauft habt. Ihr hattet recht wir müssen selbst für uns sorgen.

Den Abend verbrachten wir zusammen in der Küche. Liselotte erzählte, wie alles zusammengebrochen war zuerst ein Laden, dann der nächste, Markus rannte durch die Stadt, suchte Geld, sie verlor den Schlaf.

Ich dachte, wir wären die Besten, weil wir Geld haben. Doch jetzt ich fahre für Markus Lastkraftwagen, er arbeitet im Einkaufszentrum, wie jeder andere.

Das ist in Ordnung, nickte Fritz. Ich drehe auch meine Runden, und ich bin nicht unglücklich.

Ein Jahr später war das dritte Kind ein Junge geboren. Markus arbeite weiterhin als Speditionskaufmann, kam immer mit Lebensmitteln nach Hause. Liselotte hatte einen Job als RemoteCopywriter gefunden, bekam bereits eine Auszeichnung für das erste Quartal.

Eines Abends fuhr Fritz nach seiner Tour zu seiner Schwester. Sie stand in der Küche, kümmerte sich um die Kinder.

Hey, Bruder, komm rein, ich hol dir eine Suppe.

Nur kurz, sagte er, zog ein Paket mit Süßigkeiten und Spielzeug aus seiner Tasche. Die älteren Kinder stürzten sich mit einem Kreischen auf ihn.

Du verwöhnst sie ja immer.

Warum nicht?, warf er einem der Jungen einen Ball zu. Sie wachsen zu guten Kerlen heran.

Als die Kinder ins Wohnzimmer liefen, goss Liselotte Fritz Tee ein.

Ich wollte dich noch etwas fragen. Kennst du die Firma Transoil? Markus bekommt dort ein Angebot, mehr Gehalt.

Ein solides Unternehmen, bestätigte Fritz. Ich arbeite oft mit denen, zahlen pünktlich.

Sag ihm, dass er zusagen soll. Er hat Angst vor Veränderungen.

Nach seinem eigenen Geschäft?, erwiderte Fritz. Na klar, das Gehalt ist gut.

Liselotte schwieg einen Moment, dann:

Neulich ging ich an unseren alten Läden vorbei. Dort steht jetzt eine Apothehekette. Es macht mich fast traurig, als wäre das alles aus einem anderen Leben.

Dann ist es gut so, sagte Fritz, nahm einen Schluck Tee. Ihr lebt normal, habt Arbeit, Kinder wachsen.

Am nächsten Tag besuchte Fritz die Eltern. Klaus las die Zeitung, Anke kümmerte sich um die Kräuter auf der Fensterbank.

Fritz, setz dich, legte Klaus das Blatt beiseite. Wir haben uns beraten

Kurz und bündig, Papa.

Wir wollen dir Geld für die Anzahlung einer eigenen Wohnung geben. Wir haben etwas gespart.

Ihr wollt mir Geld geben?, erwiderte er überrascht. Was soll das?

Streit nicht mit dem Vater, sagte Anke. Wir sehen, wie viel du sparst. Und jetzt, wo deine Rente naht

Nein, schüttelte er den Kopf. Ich schaffe das allein. Behaltet das Geld.

Wir wissen, wie du dich schlägst, knurrte Klaus. Du nimmst Zusatzfahrten, arbeitest bis zur Erschöpfung. Nimm das Geld, argumentiere nicht.

Fritz dachte nach warum immer noch in einer Mietwohnung? Er nahm das Angebot an.

Zwei Wochen später fand er eine passende EinzimmerWohnung, nicht im Zentrum, aber nahe seiner Arbeit. Die Eltern leisteten die Anzahlung, den Rest übernahm die Bank.

Jetzt hast du dein eigenes Nest, sagte Anke, half beim Umzug. Endlich nicht mehr nur Mieten.

Alles gut, Mama. Ich hab’s geschafft.

Liselotte kam ebenfalls, brachte Vorhänge und Töpfe mit.

Das ist von uns, ein Einzugsgeschenk.

Ich habe alles.

Nimm es, nimm es, rief sie, stellte das Geschirr ab. Ich habe nachgedacht du hattest recht, mich anzuschreien. Ich war wirklich überheblich.

Schon gut, wischte Fritz ab. Hauptsache, du hast es verstanden.

Am Abend, nach dem Umzug, saß ich, Klaus, in meiner neuen Küche, der Stadt Lärm drang durch das Fenster, der Wasserkocher pfiff. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus alles hatte sich zum Guten gewendet. Ich hatte eine eigene Wohnung, meine Schwester und ich hatten Frieden geschlossen, und meine Eltern lebten noch immer in ihrer gemütlichen ZweizimmerWohnung.

Am Wochenende bringe ich Lebensmittel zu den Eltern, helfe im Haushalt. Anke schiebt immer wieder einen Teller mit Frikadellen zu mir:

Nimm, mein Junge. Du kochst doch nicht selbst.

Ich esse schon genug, Mama.

Nimm, nimm, murmelt sie.

Was braucht man sonst noch von den Eltern? Nur dass die Kinder in der Nähe sind. Und dass Liselotte und ich unser Leben wieder in den Griff bekommen haben. Das Leben kehrt langsam zu seiner gewohnten Ordnung zurück.

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