Marias Krankheit war für Julia ein völliger Schock. Wie konnte es sein, dass Mama krank wurde? Sie, die immer so stark ist! Mama war doch immer die Stärkste! Mama konnte alles schaffen!
Mamas Nachbarin vom Treppenhaus rief morgens an. Julia schlief noch und hörte das Klingeln nicht sofort.
– Julia! Ich habe dich endlich erreicht! Warum hebst du nicht ab?
– Wer ist da? – Julia war noch verschlafen und begriff nicht sofort.
– Lydia hier! Aus Wohnung 32! Die Nachbarin deiner Mama.
– Ah, hallo… – Julia setzte sich schlagartig auf. – Was ist passiert?
– Julia, deine Mama wurde letzte Nacht vom Krankenwagen abgeholt.
– Wie abgeholt? Was ist passiert?
– Das Herz, Julia… Sie ist doch nicht mehr die Jüngste.
So erfuhr Julia plötzlich, dass Mama nicht mehr so jung war.
Im Krankenhaus, zu dem Julia so schnell wie möglich eilte, ließ man sie nicht zu ihrer Mutter. Es hieß, es wäre noch nicht möglich.
– Bringen Sie ihr Sachen, sie hatte keine Zeit, sich zu packen, – meinte die junge Ärztin. – Und kommen Sie abends wieder. Vielleicht können Sie dann hinein.
***
Julia ließ sich bei der Arbeit „aus familiären Gründen“ freistellen und eilte zu ihrer Mutter.
Zu ihrem Bedauern konnte sie nicht behaupten, dass sie oft zu ihrer Mutter fuhr. Immer war sie beschäftigt: Arbeit, der Versuch, das Privatleben zu gestalten, Sport, Treffen mit Freundinnen… Die Zeit rast so schnell, dass man einfach nicht alles schaffen kann.
Und wenn Julia anrief, sagte ihre Mutter immer: „Julia, kümmere dich um deine Angelegenheiten! Bei mir ist alles wunderbar! Ich sitze hier und trinke Tee mit Marmelade!“
Und Julia war beruhigt. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter zufrieden und glücklich in ihrer hellen Küche sitzt, Tee trinkt und fern sieht. Alles ist gut bei Mama!
Seitdem ihre Mutter in Rente war, versuchte Julia manchmal, Geld anzubieten. Doch ihre Mutter lehnte stets ab.
„Nicht nötig! – sagte sie. – Ich komme zurecht!“
Mama hat Julia allein großgezogen. Und Julia war es gewohnt, dass ihre Mutter alles meistern konnte. Immer aktiv, positiv und unermüdlich.
– Selbst wenn es dir richtig schlecht geht, musst du morgens Gymnastik machen und dich frisieren, – lehrte Mama. – Dann kommen die Kräfte und die gute Laune!
Mama lehrte Julia, dass das Leben sehr wahrhaftig und gerecht ist. Und man kann jedes Problem lösen, wenn man nicht den Kopf hängen lässt und nicht verzweifelt.
So glaubte Julia stets, dass es Mama gut geht. Und selbst wenn Probleme auftauchten, bewältigte sie diese leicht.
Julia fuhr manchmal natürlich zu ihrer Mutter. Aber selten. Meistens, wenn sie geschäftlich in der Nähe war. Sie huschte für ein paar Minuten hinein und blieb nicht einmal zum Tee. Sie umarmte Mama, küsste sie und eilte wieder davon.
„Lauf, mein Schatz, lauf! – verabschiedete Mama sie. – Du hast wichtige Dinge zu erledigen. Wir reden später. Am Telefon.“
Mama klagte nie über große Probleme. Sie schaffte alles alleine. Anders als Julia.
Vor zehn Jahren, als Julia sich auf Initiative ihres Mannes scheiden ließ, fiel sie in eine Depression und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mama kam jeden Tag.
Julia nahm unbezahlten Urlaub, lag zu Hause und dachte, dass in ihrem Leben nichts Gutes mehr passieren würde.
Und Mama kam jeden Morgen. Sie fuhr mit dem Bus durch die ganze Stadt. Einmal da, forderte sie Julia dazu auf, aufzustehen und Gymnastik zu machen. Dann aßen sie Frühstück und fingen an, aufzuräumen. Sie wischten die Böden, staubten ab, suchten alte, unnötige Gegenstände und warfen sie weg. Dann gingen sie einkaufen und kauften Essen nur für einen Tag. Danach kochten sie und redeten über alles Mögliche außer Julias Scheidung.
Und nach einem Monat war Julia wieder auferstanden. Und Mama hörte auf, zu ihr zu kommen.
Julias Freundinnen klagten oft über ihre Eltern. Sie würden jammern, versuchen zu erziehen und sich beschweren, dass das Leben schlechter geworden sei als in ihrer Jugend.
Julias Mutter beschwerte sich nie. Kein Wort über gesundheitliche Probleme, Unzufriedenheit mit der Politik oder der heutigen Jugend.
Als Julia einmal sagte, dass die heutige Jugend nur mit Smartphones beschäftigt ist, lachte Mama und meinte, dass jede Zeit ihre Eigenheiten hat. Und dass alles vorübergeht.
„Es gab eine Zeit, als Frauen das Lesen verboten war, – sagte sie. – Aber auch das ging vorbei. Heute ist eine lesende Frau angesehen.“
Julia hielt ihre Mutter immer für die weiseste und stärkste Frau der Welt. Und so absurd es klang, fast unsterblich.
Doch nun war Mama krank geworden.
Als Julia die Tür zur Wohnung ihrer Mutter öffnete, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie seit Jahren nicht wirklich hier gewesen war. So richtig, um zu schauen und zu verweilen…
Die Wohnung war veraltet. Kein Wunder. Mama hatte vor 15 Jahren zuletzt renoviert.
Julia betrat die Küche. Sauber. Mama ließ natürlich keinen Schmutz und Chaot zu. Aber die Schranktür hing herunter. Und hier war die Arbeitsplatte abgeplatzt. Der Wasserhahn tropfte. Und an der Decke war ein großer Wasserfleck. Offenbar hatten die Nachbarn sie einmal überflutet, und Mama sagte nichts…
Julia öffnete den Kühlschrank. Ein Glas Marmelade, Kartoffeln und Eier. Merkwürdig, Mama hatte doch immer gerne gut gegessen. Julia erinnerte sich gut, dass es bei Mama immer Gebäck gab, Suppen… Fehlen ihr etwa Geld oder Kräfte?
Julia ging ins Schlafzimmer und öffnete den Schrank. Zwei Kleider hingen auf den Bügeln. Mama hatte sie vor zehn Jahren gekauft. Auf den Ablagen sah man gestopfte, ausgebesserte Strumpfhosen, altmodische Wäsche. Und dabei war Mama immer eine Modebewusste gewesen und hatte Julia gesagt, dass eine Frau selbst zu Hause schick aussehen müsse.
Weiter ins Badezimmer. Ein Riss in der Wand und daneben eine riesige Kakerlake. Am Haken hing ein altes Handtuch. In der Seifenschale lag ein Stück Seifenrest.
Julia bekam eine Gänsehaut. Und sie hatte geglaubt, als Mama sagte, das Geld reiche. Wie dumm! Von welcher Rente könnte jemand heute vernünftig leben? Wovon denn? Davor zu bewahren, zu verhungern?
Julia begann, Sachen für die Klinik zu packen. Einen alten Morgenmantel, ein geflicktes Nachthemd, Wäsche… Dann beschloss sie anders. Nahm nur die Wäsche mit.
„Den Rest bringe ich von mir, – entschied sie. – Schließlich haben wir die gleiche Größe. Aber meine Sachen sind wenigstens hübsch… Und neue Hygieneartikel kaufe ich auch.“
Als Julia abends zu Mama kam, ließ man sie zu ihr. Mama lag blass und schwach da, aber ihre Augen funkelten vor Freude.
– Julia, was hast du denn vor? – lachte sie, als sie sah, dass Julia eigene Sachen gebracht hatte. – Wofür?
– Weil ich dumm bin, Mama, – erwiderte Julia. – Ich dachte, es geht dir gut, aber in Wirklichkeit…
Und plötzlich fing sie an zu weinen.
– Julia, ich darf mich nicht aufregen! – Mama klopfte sie auf die Hand. – Also heul nicht.
– Nach dem Krankenhaus ziehst du zu mir! – schluchzte Julia. – Damit ich dich im Blick habe.
Mama schwieg und schaute Julia fröhlich an. In ihren Augen sah man, dass sie natürlich nirgendwohin ziehen würde.
***
Mama wurde nach zwei Wochen entlassen. Der Arzt versuchte, sie noch eine weitere Woche zu behalten, aber hält man Julias Mama auf?
– Mama, zieh zu mir, – bat Julia. – Bei mir ist genug Platz. Ich mache mir Sorgen um dich.
– Mir geht’s gut! Mach dir keine Sorgen!
Was konnte man auch anderes von Julias Mutter erwarten?
Doch Julia zog ihre Schlüsse. Sie rief ihre Mama täglich an und besuchte sie einmal pro Woche. Und nicht einfach so, sondern mit Lebensmitteln. Sie half beim Aufräumen, Kochen.
Sie erneuerten Mamas Garderobe. Neue Bettwäsche, Handtücher und viele andere häusliche Kleinigkeiten wurden gekauft.
Mama widersetzte sich natürlich zuerst. Sagte, Julia solle sich um ihr eigenes Leben kümmern, sie selbst würde schon zurechtkommen. Aber Julia wollte in diese Falle nicht mehr tappen.
Mütter sind ja im Alter wie Kinder. Man muss ein Auge auf sie haben.