Es begab sich, dass ich in einen Zooladen ging, wo wir unsere Mäuse gekauft hatten. Die Verkäuferin war eine nette, freundliche blonde Frau mittleren Alters.
– Wir haben bei Ihnen Mäuse gekauft…
– Ich erinnere mich. Für die Katze.
– Genau!
– Hat sie sie gefressen?
– Nein, wir haben es nicht zugelassen. Die Mäuse sind witziger als die Katze. Freundlich, verspielt und handzahm.
– Und die Katze ist wild?
– Das kann man wohl sagen.
– Was ist nun mit den Mäusen?
– Sie haben uns mit ihnen ein Streu verkauft. Woraus ist es gemacht?
– Warum?
– Verstehen Sie, sie fressen es!
– Das ist Maisgranulat. Es ist essbar.
– Aha! Ich dachte, es wäre synthetisch. Wenn sie synthetisches Streu fressen, könnte man ihnen auch Motoröl statt Wasser geben, dachte ich.
– Womit füttern Sie sie?
– Mit allem Möglichen. Verschiedene Körner. Aber am liebsten mögen sie Wurst und gekochtes Rindfleisch.
– Füttern Sie sie wirklich mit Wurst?! (entsetzt)
– Warum, darf man das nicht?
– Sie sind verrückt! Davon ruinieren Sie ihnen die Leber! Haben Sie die Wurst selbst schon probiert?!
– Nein, ich kaufe sie doch für die Mäuse! Natürlich habe ich sie probiert.
– Wissen Sie überhaupt, woraus die gemacht ist?!
– Na klar. Aus Sehnen und Toilettenpapier. Sehr lecker.
– Meine Schwägerin hat einen Bekannten, der in einem Fleischbetrieb arbeitete, der hat erzählt, woraus die Wurst gemacht wird…
(Jeder hat einen Bekannten, dessen Bekannter ihm erzählt hat, er habe in einem Fleischbetrieb gearbeitet und wisse, woraus die Wurst gemacht wird.)
– Also keine Wurst für die Mäuse. Und Fleisch?
– Auf keinen Fall!
– Irgendein Protein brauchen sie doch? Fisch vielleicht?
(in diesem Moment tritt eine jüngere Version der Verkäuferin ins Gespräch ein)
– Seid ihr verrückt?! Alle Fische haben Würmer!
– Vielleicht Eier?
– Voller Cholesterin!
– Und Käse?
– Wissen Sie nicht, dass Kühe mit Antibiotika vollgestopft werden? Keine Milchprodukte!
(Da wurde mir ein wenig heiß vor Sorge.)
– Hört mal, nichts darf man! Was esst ihr denn selbst, wenn nichts okay ist?
– Was wohl? Gesunde Kost. Gemüse, Obst. Getreidebrei.
– Ernsthaft?
– Warum nicht?
– Habt ihr dieses Obst und Gemüse überprüfen lassen? Da ist nichts Natürliches mehr drin, nur noch Strahlung, Plastik und Pestizide!
– Ach was!
– Doch, wirklich. Wenn ihr euch um eure Gesundheit sorgt, kauft euch ein Messgerät, das kostet nur ein paar Euro. Jeder Tomate leuchtet mehr als Tschernobyl!
– Oh, geht doch!
(Die Verkäuferinnen tauschten Blicke aus und wurden ein wenig blass.)
– Und euer Brei? Das ist Getreide. Ihr wisst schon, dass Deutschland weltweit führend im Getreideexport ist?
– Ja! (Stolz auf das Land schwingt in der Stimme mit.)
– Und das beunruhigt euch nicht?
– Wieso denn?
– Überlegt doch mal! Um solche Ergebnisse zu erzielen, wie viel Chemie muss man in den Boden pumpen!? Euer Brei ist so mit Stoffen belastet, dass dagegen eine Wurst im Vergleich wie Marmelade ist!
Beim Hinausgehen standen sie immer noch mit offenen Mündern da und schauten einander an.
Vermutlich werden sie nun verhungern.
Zu Hause machte ich mir eine Tasse Tee und ein Wurstbrot. Die Mäuse kratzten empört am Glas.
– Ihr bekommt nichts! – verkündete ich mit vollem Mund moralisierend den Mäusen. – Wurst ist ungesund. Frisst eure Maisschicht.
Die Mäuse bliesen sich auf und schnüffelten beleidigt. Die schwarze Mäuse zeigte die Zähne und die rote rollte sich zu einem Ball zusammen und weinte leise.
– Macht doch, was ihr wollt! – sagte ich. – Ich sollte wohl eine Verzichtserklärung von euch verlangen, dass ich keine Verantwortung trage.
Ich nahm ein Stück Wurst, brach es in zwei Hälften und warf eine den Mäusen hin, die sofort mit Appetit zu knabbern begannen. Die andere Hälfte bekam die Katze, die von der anderen Seite des Terrariums aus den Mäusen zuschaute.
Die Katze schnupperte nicht einmal an der Wurst.
In Gegenwart der Mäuse verdarb sich ihr Appetit.
– Ich lass es nicht zu, dass du die Mäuse frisst! – erklärte ich streng und kategorisch.
Die Katze schnaubte verächtlich, trat die Wurst beiseite und ging mit wackelndem schmalem Hintern ins Zimmer.
– Das hättest du nun davon! – rief ich ihr hinterher, erinnernd an Großmutters Spruch aus Kindertagen, wenn wir keinen Brei essen wollten.
Dann schnitt ich mir besonders gefährliche Wurst ab, übergoss sie großzügig mit giftiger Mayonnaise und seufzte bei der Erinnerung an die unglücklichen Verkäuferinnen aus dem Zooladen.
“Macht euch keine Sorgen,” dachte ich, “die werden sich schon holen. Sie haben große Vorräte an ökologisch einwandfreiem Katzenfutter und notfalls essbares Maisstreu…”
Besuch im Zoogeschäft: Eine Begegnung mit einer charmanten Verkäuferin