Ursula briet Frikadellen, als ihr Mann hereinkam.
Ursula, wir müssen reden, sagte Friedrich entschlossen.
Nur zu, erwiderte sie, ohne den Kochlöffel aus der Hand zu geben.
Setz dich doch, hör mir wenigstens zu, kam es etwas ungeduldig aus seiner Stimme.
Ich muss ja ständig auf die Frikadellen achten, erwiderte die Frau.
Was willst du mir sagen? fragte er, stolperte über die Worte.
Ich, begann er, suchte nach den richtigen Worten. Ich habe eine andere Frau getroffen Ich verlasse dich!
Ursula lächelte nur. Herzlichen Glückwunsch. Und ich freue mich für dich!
Im Sinne von Glückwünsche? Oder im Sinne von Freude für mich? staunte Friedrich überrascht. Doch er hatte nicht die leiseste Ahnung, was Ursula jetzt im Schilde führte.
Ehrlich gesagt, begann ihre Freundin plötzlich, nachdem sie kurz verstummt hatte, ich verstehe nicht, wie du das wagen konntest. Das geht ja über alle Grenzen, Ursula!
Über welche Grenzen? fragte sie. Gute oder böse?
Na ja, das ist wie ein Blickfang.
Hier gibt es kein Ausweichen, grinste Ursula. Entscheidend ist das Ergebnis. Und meines ist spitze ich habe bekommen, was ich wollte!
Trotzdem, kommentierte die Nachbarin düster, es wird sicher negative Folgen geben
Und jetzt nicht jammern! Wenn es dann passiert, reden wir drüber. Momentan genieße ich meinen kleinen Sieg! Also, lass mir nicht den Spaß verderben!
Die Nachbarin zuckte genervt die Schultern und wandte sich ab, als sei das Fenster draußen besonders interessant.
—
Alles begann an diesem Abend, als Friedrich von der Arbeit heimkam und vorsichtig seine Verlegenheit verbarg:
Wir müssen reden
Ursula kniff die Stirn zusammen. Sie hatte schon lange darauf gewartet, dass Friedrich endlich den Mut fasste. Und jetzt ging es los.
Nur zu, warf sie ihm die Frikadellen zu, die sie für das Abendessen zubereitete.
Vielleicht setzt du dich, hörst mir endlich zu? klang es etwas verzweifelt in seiner Stimme. Oder redest du lieber hinter meinem Rücken?
Sitzen? Nie, mein Lieber, antwortete Ursula gelassen. Jetzt erinnert sich unser kleiner Klaus daran, dass ich hier das Sagen habe. Also lass uns keine Zeit verlieren. Was wolltest du mir sagen?
Ich, stammelte Friedrich, fast ohne Worte, ich habe eine andere Frau
Und? fragte Ursula, ohne sich umzudrehen, während sie die Pfanne schwenkte. Was nun?
Schalt den Herd aus!, brüllte Friedrich, irritiert. Verstehst du überhaupt, was ich sage? Ich liebe eine andere Frau!
Verstanden, sagte Ursula endlich und drehte sich zu ihm um. Herzlichen Glückwunsch.
Was?!, warf er entsetzt zurück. Er hatte mit jeder möglichen Reaktion gerechnet, nur nicht mit dieser Gleichgültigkeit.
Sei leiser, wir wecken sonst die Kinder, sagte Ursula, nach wie vor ganz ruhig.
Wusstest du das? hauchte Friedrich.
Nein, nicht wirklich, schüttelte Ursula den Kopf leicht. Aber ich hatte meine Vermutungen.
Vermutungen?
Natürlich. Und hättest du gedacht, dass ich nach der Arbeit ein paar Stunden zu spät komme, ständig mit dem Handy in der Tasche rumfummle und dann plötzlich im anderen Zimmer einschlafe, weil mir ein lächerlicher Vorwand einfällt? Und dann jeder Mensch spürt, ob er geliebt wird oder nicht.
Warum hast du damals geschwiegen, als du alles gemerkt hast? fragte Friedrich, leicht beruhigt.
Weißt du, du hast mir das Angebot gemacht, die Familie zu ruinieren also war das dein Vorschlag.
Warum das Ganze?
Wie denn? Wenn du einfach nur Spaß haben willst, würdest du deine Abenteuer weiter verheimlichen. Sobald du das Gespräch beginnst, hast du bereits eine Entscheidung getroffen. Also sprich weiter, ohne Bange zu haben.
Friedrich sah seine Frau an und erkannte sie kaum wieder. So viel Ruhe, Selbstbeherrschung, Selbstachtung er dachte, es würden Tränen fließen.
Kurz gesagt, ich habe einen Vorschlag
Interessant, sagte Ursula und setzte sich auf den Hocker, fixierte ihn mit durchdringendem Blick.
Ich habe darüber nachgedacht Wir haben eine Hypothek. Du würdest sie kaum allein mit den Unterhaltszahlungen stemmen
Und das Thema Scheidung lassen wir dann außen vor? fragte Ursula, ihre Stimme klang metallisch, was Friedrich nicht bemerkt hatte.
Was gibt es da zu diskutieren?, sagte er lässig. Natürlich verzeihst du mir nicht.
Nun ja, grinste Ursula, denn du kennst mich ja gut genug.
Also, fuhr Friedrich fort, es wäre besser, wenn du in deine Einzimmerwohnung ziehst und ich hier bleibe.
Und die Kinder?
Die Kinder? Die kommen natürlich mit.
Also lebe ich mit zwei Kindern auf achtzehn Quadratmetern, während du mit deiner neuen Liebe in unserer Dreizimmerwohnung wohnst?
Genau. Du kannst die Hypothek ja nicht allein zahlen. Ich habe sie bisher allein getragen, erklärte Friedrich, überrascht, dass Ursula das gar nicht zu verstehen schien.
Verstanden, sagte Ursula und stand auf. Ich muss darüber nachdenken.
Sie trat auf den Balkon.
Na, na, machs, lachte Friedrich, während er ihr nachsah. In Gedanken war er bei sich selbst: Sie wird ja noch lange überlegen.
Während Ursula auf dem Balkon stand, griff Friedrich zu den Frikadellen, einem warmen Kartoffelstampf aus dem Multikocher und stürzte sich auf das Essen.
Er kam nicht fertig.
Einverstanden, verkündete Ursula, als sie wieder in die Küche kam. Aber zu einer Bedingung.
Welche Bedingung denn? lächelte Friedrich nachsichtig.
Du bleibst in dieser Wohnung mit deiner neuen Liebe und unserem Sohn. Meine Tochter und ich ziehen um.
Was?!, schoss es Friedrich aus den Augen. Du willst die Kinder teilen?!
Genau. Warum nicht? Die Kinder sind gemeinsam, die Verantwortung auch. Der Sohn, den du dir so sehnlich wünschst, lebt bei dir, die Tochter bei mir. Fair, oder?
Bist du völlig verrückt? Man teilt doch keine Kinder, das sind keine Möbel!
Natürlich nicht, erwiderte Ursula unbeirrbar. Ich trage sie bis ans Lebensende, du ruhst dich aus aber das geht so nicht.
Ich zahle Unterhalt! Und helfe, wo ich kann
Genau. Du zahlst mir, ich dir. Wir haben die Kinder zusammen bekommen, wir ziehen sie zusammen groß. Du willst den Sohn? Dann nimm die Tochter. Sie ist älter, das ist einfacher. Siehst du, ich bin kompromissbereit.
Du bist wirklich sonderbar, aber das reicht! brüllte Friedrich. Willst du mit mir um die Kinder kämpfen?
Erfinde nichts, Friedrich. Du bist nicht würdig, dass ich mit dir abrechne. Ich will nur Gerechtigkeit. Du bekommst die Dreizimmerwohnung, die Hypothek und den Sohn. Ich die Einzimmerwohnung und die Tochter. Und wir tauschen Unterhalt.
Nein, ich wusste nicht, dass du so geschäftstüchtig bist.
Lehrer sind ja auch, witzelte Ursula.
—
Friedrich hielt sein Versprechen. Die Wohnung wurde auf Ursula umgeschrieben, die Hypothek weitergezahlt und Unterhalt für beide Kinder geleistet. An den meisten Wochenenden besuchte er sie, brachte immer einen Blumenstrauß mit ganz zu seiner eigenen Ehrfurcht und als kleines Dankeschön dafür, dass sie ihm ihr Einzimmer zur Verfügung gestellt hatte und er nur die Nebenkosten zahlen musste.
Jetzt trauern alle Freundinnen und Verwandten mit Friedrich und halten Ursula für herzlos sie hätten angeblich ihren kleinen Sohn nicht verschont. Doch Ursula genießt ihren Triumph, bereut nichts und glaubt an keinerlei negative Konsequenzen.