Damals, im Jahre 2005, war unser Leben bereits fest verankert in einer kleinen Familie und einem eigenen Unternehmen. Mein Mann Klaus besaß mehrere Lebensmittelgeschäfte, die wir mit Waren aus Polen, Italien und Deutschland belieferten. Durch seinen Erfolg musste ich nicht mehr arbeiten; ich widmete mich ganz den Hausarbeiten und der Erziehung unseres fünfjährigen Sohnes Julian. Zu Hause wartete stets ein deftiger Eintopf, Maultaschen und Kohlrouladen auf Klaus, und natürlich lag alles makellos sauber schließlich wollte ich, dass unser Heim ein Ort der Ordnung und Geborgenheit bleibt.
Doch an einem schicksalhaften Abend zerbrach das ganze Gefüge. Wir kehrten nach einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, Julian schlief bereits im Auto. Als wir vor dem Tor anhielten, bemerkte ich, dass Klaus nervös wurde. Dort stand eine junge Frau, die ein rosafarbenes Tuch in den Händen hielt. Sobald wir aus dem Wagen stiegen, rannte sie zu meinem Mann:
Na, nimm es! Ich habe dir gehört, und trotzdem habe ich keinen Abort gemacht!
Ich starrte die Frau wie erstarrt an, Klaus war genauso verwirrt wie ich.
Ich will sie weder sehen noch hören! Und du, bitte nicht mehr anrufen, nicht einmal der Tochter etwas sagen!
Einige Minuten stand ich im eisigen Schnee, während ein heftiger Schneesturm um uns wütete. Nachbarn lugten vorsichtig aus den Fenstern, doch Klaus hielt das rosarote Tuch fest in den Armen.
Komm, wir sollten nicht hier in der Kälte stehen bleiben. Ich erkläre dir alles zu Hause
Wie sich herausstellte, war die Frau unsere ehemalige Angestellte Anke, die ein Jahr zuvor das Unternehmen verlassen hatte. Und selbstverständlich kannte ich den Grund ihrer Aufmüpfigkeit.
Und was machen wir nun mit dem Kind? fragte Klaus leise, während er das Mädchen behutsam ins Bett legte.
Was anderes bleibt uns nicht übrig, als es zu erziehen. Es ist ja deine Tochter.
Wir vereinbarten mit den Ärzten, dass sie mir im Umschlag eine falsche Schwangerschaftsbescheinigung ausstellen würden, damit das Kind offiziell in meine Unterlagen eingetragen werden konnte. Das Mädchen bekam den Namen Gundula. Ich hegte keinerlei Hass oder andere negative Gefühle gegenüber ihr das Kind war unschuldig, und warum sollte ich ein zweijähriges Wesen hassen?
Lange Zeit fiel es mir schwer, Klaus Untreue zu verzeihen. Wir besuchten einen Psychologen und spielten sogar mit dem Gedanken an eine Scheidung. Doch die Zeit heilt, wie man sagt. Ich sah, wie mein Mann aufrichtig Reue zeigte und versuchte, das Vertrauen wieder aufzubauen. Ich verzieh ihm nicht an einem Tag; das dauerte Jahre und Monate.
Julian entwickelte eine tiefe Zuneigung zu Gundula. Er spielte ständig mit ihr, schob sie im Kinderwagen durch die Straße, prahlte vor den Freunden, wie schön seine Schwester sei, und ließ niemals zu, dass jemand ihr etwas antat.
Achtzehn Jahre vergingen. Gundula war zu einer exakten Kopie von Klaus herangewachsen sogar das Zucken ihrer Nase, wenn er niesen wollte, war identisch. Ich nannte sie meine leibliche Tochter. Noch heute tuscheln manche Nachbarn hinter vorgehaltener Hand, wenn wir gemeinsam im Hof vorbeigehen, doch das stört uns nicht mehr.
Vor einer Woche feierte Gundula ihren 18. Geburtstag. Wir wollten zunächst im kleinen Familienkreis anstoßen und später mit Freunden in ein Café gehen. Zu uns kamen meine Schwiegereltern, meine eigenen Eltern und die Taufpaten. Unerwartet tauchte eine weitere Besucherinnen auf Gundulas leibliche Mutter.
Was machst du denn hier? knurrte Klaus, während er sie zum Ausgang schob.
Was soll’s? Ich bin zur meiner Tochter gekommen. Wo ist wo ist Viktoria?
Sie heißt nicht Viktoria, sondern Gundula. Was willst du hier?
Herr Gott, hätten sie nicht doch einen besseren Namen wählen können? Ich bin gekommen, habe Geschenke dabei Kosmetik, ein neues Handy. Wo ist sie?
Hör zu, sie hat Eltern. Du bist nur ein leeres Feld, das plötzlich nach 18 Jahren wieder auftaucht. Wo warst du die ganze Zeit?
Was geht dich das an? Ich werde euch verklagen!
Verschwinde und komm nicht mehr zurück. Sonst rufe ich die Polizei.
Klaus jagte die Frau hinaus. In diesem Moment wurde mir klar, dass nichts und niemand unsere Familie zerstören kann, solange wir zusammenstehen. Wir schützen einander und schenken uns Liebe. Klaus ist ein wunderbarer Vater, und ich bin dankbar, dass unsere Kinder einen solch guten Vater haben.
Könntet ihr jemals ein fremdes Kind annehmen, so wie ich es getan habe?
Diese Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit, die uns ein Leser anvertraut hat. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Orten sind rein zufällig. Alle Abbildungen dienen nur zur Veranschaulichung.