Ich habe ein halbes Leben allein überstanden. Nein, ich war verheiratet, doch mein Mann verschwand ein Jahr nach der Hochzeit aus der Familie. Zu dieser Zeit war gerade meine Tochter geboren worden. Am Ende hinterließ Peter uns eine dreizimmerWohnung er sorgte also wenigstens für ein Dach über dem Kopf. Noch einmal heiraten wollte ich nicht, und ich war auch nicht der Typ, der das nötig hätte. Meine Kleine, die ich Liselotte nannte, wuchs heran. Sie musste auf eigenen Beinen stehen lernen die Sorgen stapelten sich wie ein Berg und drückten mich fast um.
Ich wusste, dass ich mich mit aller Kraft bemühte, doch Liselotte fehlte stets die Vaterfigur, die ich ihr nicht mehr geben konnte. Deshalb klammerte sie sich zunehmend an jeden Jungen, den sie kannte oder mit dem sie Beziehungen einging. Nicht jeder mochte diese Aufdringlichkeit. Oft musste ich meine Tochter trösten und ihr gebrochenes Herz heilen. Aber Gott ist gut, und schließlich traf Liselotte ihren Mann.
Dieter war ordentlich, ehrlich und freundlich. Ich wollte nur, dass Liselotte ihn heiratet. Er respektierte mich und meine Tochter. Was wollte man mehr? So hielt ich ihn für den perfekten Schwiegersohn. Doch das Märchen hielt nicht ewig. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit hatte sich Dieter stark verändert.
In der Zwischenzeit kümmerte ich mich um meine alte Mutter, die noch lebte. Sie hatte mich früh zur Welt gebracht, genau wie ich Liselotte, und hatte deshalb sogar noch eine Enkelin kennengelernt. Genau dann wurde meine Mutter krank. Die Schwäche nahm überhand, sodass ich die alte Dame zu mir holen und rund um die Uhr betreuen musste. Hinzu kam, dass wir keinen anderen Ort hatten, an dem sie wohnen konnte; also zog sie bei mir ein. Diese Idee gefiel meinem Schwiegersohn überhaupt nicht.
Was ihn so verärgerte, weiß ich nicht. Ich zwang ihn ja nicht, die alte Frau zu pflegen alle Verpflichtungen lagen allein auf meinen Schultern. Und meine Mutter war weder anspruchsvoll noch schwer zu handhaben. Ich verstehe nicht, was Dieter daran störte.
Mit der Zeit verschlechterte sich die Situation immer weiter. Liselotte zog auf Dieter zu; beide mieden mich. Früher saßen wir noch gemeinsam am Familientisch, jetzt verkriechen sich die Kinder in ihr Zimmer. Ich versuchte, mit meiner Tochter zu reden, doch sie blieb stumm und suchte nur Ausflüchte.
Auch die Enkelkinder machten mir nicht mehr froh. Sie sagten, solange sie nicht in Eile hätten, lebten sie nur für sich. Zuerst bestand ich darauf, dann ließ ich es bleiben das war ihre Sache, sie müssten es selbst regeln. Doch Dieter begann, mich zu tyrannisieren. In meinem Haus benahm er sich wie ein Eigentümer, obwohl er nicht die Hand rührte, um etwas zu renovieren oder für die Wohnung einzukaufen. Stattdessen verschwand er oft mit Freunden in Diskotheken. Ich verstehe nicht, wohin der einst so wunderbare Schwiegersohn verschwunden ist, den ich anfangs kannte.
Er zeigte erst jetzt sein wahres Gesicht.
Woche für Woche wurde er unerträglicher. Dann kam das neue Jahr, und Dieter weigerte sich, es mit uns im Familienkreis zu feiern. Er zog Liselotte in ein separates Zimmer und feierte mit ihr und meiner Mutter allein. Um Mitternacht kam die Tochter noch, um zu grüßen, doch ihr Mann wagte nicht einmal, die Nase zu rühren.
Am nächsten Tag erklärte er mir: Wir verkaufen das Haus deiner Mutter und kaufen uns eine eigene Wohnung. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Und warum sollten sie, die seit einem halben Jahr bei mir wohnen, das jetzt auf meine Kosten tun? Reicht das nicht?
Nein, das sehe ich nicht so, erwiderte ich empört. Kauft euch selbst eine Wohnung. Das ist das Haus meiner Mutter. Wir werden nichts verkaufen. Das ist ihr Eigentum, und sie wird selbst darüber entscheiden.
Dieter war darüber verärgert. Noch am selben Tag packte er seine Sachen, nahm meine Tochter und fuhr zu seinen Eltern.
Es war traurig, dass Liselotte nicht einmal ein Wort dagegen sagte, aber das ist ihr Leben. Wenn sie glaubt, das sei das Beste für sie, dann soll sie mit Dieter zusammenleben.
Habe ich als Mann richtig gehandelt?
Wie würdet ihr an meiner Stelle reagieren?
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