Liebes Tagebuch,
heute kam Heike nach Hause aber ungewöhnlich früh. Sie war bereits in der Küche und rührte das Abendessen. Ich zog meine Jacke aus, wusch mir die Hände und trat zu ihr.
Warum prahlst du nicht ein bisschen? fragte ich, während ich ihr über die Schulter blickte.
Wofür? Worüber soll ich denn prahlen? erwiderte Heike überrascht.
Auf dem Weg von der Arbeit habe ich Anna aus unserer Abteilung getroffen. Sie meinte, eure Abteilung hat diese Woche den Quartalsbonus bekommen ein schönes Stück Geld.
Ja, das stimmt. Und was nützt dir das?, erwiderte sie.
Wie denn? Gestern habe ich dir noch erzählt, dass meine Mutter angerufen hat und um Hilfe bei der Hypothek bat. Du hast gesagt, wir haben kein Geld. Jetzt plötzlich haben wir etwas.
Ermutigt schlug ich vor: Lass uns ZehnerEuroScheine an Zoe schicken, die bei uns in der Nachbarschaft wohnt.
Warum gerade das? fragte Heike neugierig.
Weil Zoe sonst die monatlichen Raten nicht stemmen kann. Ich rufe gleich meiner Mutter, dass wir das Geld überweisen.
Heike hielt mich auf: Warte! Hast du mich etwa gefragt, die Hypothek für deine Schwester zu übernehmen? Ich habe nie gesagt, dass ich das tun würde.
Warum nicht helfen, wenn wir das Geld haben? hakte ich nach.
Der Bonus liegt nicht bei uns, sondern bei mir. Ich habe die extra Stunden in den letzten drei Monaten geschuftet.
Ich musste mein Grinsen verbergen: Dachtest du etwa, ich schaufle von früh bis spät nur, um deiner Schwester eine Freude zu machen? Hast du sonst keinen Grund?
Thomas, aber meine Schwester hat doch Kinder!, protestierte Heike.
Ich habe auch ein Kind unsere Tochter Vera, zweites Semester an der Universität, wohnt in einer WG in Berlin.
Ich überweise ihr jeden Monat Geld zum Leben. Hast du ihr in den letzten zwei Jahren auch nur einen Cent gegeben?
Ich weiß, dass du es tust.
Wäre es nicht schön, wenn ihr Vater ihr auch nur ein paar Euro für Strumpfhosen zukommen lässt? fragte Heike. Und deine Schwester, bevor sie sich in die Hypothek stürzt, muss ja erst prüfen, ob sie das schaffen kann.
Die Bank hat ihr bereits zugestimmt, erinnerte ich mich.
Richtig, die Bankangestellten rechnen mit Zahlen. Sie haben festgestellt, dass Zoe genug Geld hat. Wenn es ihr fehlt, liegt das an ihrem Ausgabeverhalten.
Zum Beispiel zu oft im Café sitzen, anstatt den Kredit zu tilgen. Darum zahle ich ihre Wünsche nicht!, erwiderte ich schroff.
Am Abend hörte ich, wie Heike ihrer Mutter per Telefon mitteilte, dass sie gerade 800 Euro überwiesen hatte.
Interessant: Für Zoe hast du kein Geld, für meine Mutter aber doch bitte, schnappte ich zurück.
Ja, meine Mutter braucht neue Zahnprothese, ihr Rentenbezug ist klein. Und sie ist meine Mutter, Zoe ist nur eine Bekannte, erklärte Heike.
Zoe ist übrigens meine leibliche Schwester!, erinnerte ich sie.
Richtig, deine, nicht meine. Welche Vorwürfe hast du an mich?
Dann bekomme ich übermorgen mein Gehalt und überweise das Geld selbst an Zoe.
Bitte, aber zuerst wie gewohnt zehn Euro auf das Haushaltskonto.
Thomas, ist das nicht zu viel? Kann’s nicht auch weniger sein?
Weniger geht, dann gibt’s nur Nudeln mit Ketchup zum Abendessen, keine hausgemachten Frikadellen oder Schnitzel. Und du sparst bei Strom, Waschmittel und Co. lächelte Heike.
Können wir nicht sparsamer wirtschaften, damit alles reicht?
Probiers aus. Wenn du es schaffst, lern ich davon. antwortete sie.
Damit endete unser Gespräch. Trotzdem übermittelte ich fast mein gesamtes Gehalt an meine Schwester, weil ich dachte, Heike würde ihr Versprechen halten.
Am nächsten Tag, nach der Arbeit, fand ich die Küche leer.
Heike, was steht heute zum Essen an? fragte ich.
Schau bitte in den Kühlschrank.
Ich öffnete und sah nur eine einsame Flasche Ketchup und zwei schrumpelige Äpfel im Gemüsefach.
Hier ist nichts.
Wirklich? Hast du etwas reingelegt? fragte sie. Weißt du, dass man erst etwas hineintun muss, um etwas herauszuholen?
Ganz ehrlich, ich bin hungrig.
Sie zuckte mit den Schultern: Ich habe dich gewarnt wo das Geld hinfließt, dort geht das Essen hin. Und setzte sich in den Sessel, um zu stricken.
Ich fuhr zur Mutter, um dort zu übernachten.
Am folgenden Tag kam meine Schwiegermutter, Hilde Müller, persönlich, um die Schwiegertochter zu belehren. Nach ihrer langen Tirade sagte Heike:
Sie reden nur um der Worte willen, Frau Müller. Ich weiß, dass ich nicht die beste Ehefrau bin. Soll ich vielleicht zu Ihnen ziehen? Warum soll ich das für Sie tun?
Quatsch! Bist du verheiratet, dann lebst du mit deinem Mann! schaltete die Schwiegermutter ein.
Klar, das Problem ist nur: Ich habe eine schöne Wohnung, gutes Gehalt, Bonus! Aber ich will nicht mit Ihnen und Zoe teilen.
Also wollen Sie den Geldbeutel des Sohnes leeren? Dann haltet ihn den ganzen Monat selbst. Und denkt dran, er mag keine Würstchen, das Hähnchen auch nicht.
Für das Abendessen also Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat. Vielleicht etwas Kohlrouladen, aber mehr Fleisch reinpacken.
Heike, bist du verrückt? Früher habt ihr doch auch gut gelebt!
Manchmal sogar ganz gut, solange ihr euch nicht einmischt. Zoe und Gregor sind geschieden, jetzt sollen wir uns um alles kümmern?
Wen habe ich geschieden?, schnaubte Hilde.
Eure Kinder haben euch doch gestresst: Gregor ist kein richtiger Mann, verdient zu wenig, hat keine Ausbildung, die Wohnung zu klein
Gregor hat dann die Flucht ergriffen! Zoe bleibt allein mit zwei Kindern und einer riesigen Hypothek. Und ihr seid jetzt zufrieden?
Bestimmt nicht! Euch ist langweilig, deshalb mischt ihr euch ein! Ich bin nicht Gregor, ich halte das nicht mehr aus kümmert euch selbst um Vasily!
Was, Thomas! Ich hatte das nie im Sinn! Ich will nicht auseinander gehen! Meine Mutter wollte Zoe nur helfen.
Helfen? Dann lebe bis zur nächsten Gehaltszahlung bei deiner Mutter oder bei Zoe wie ihr euch absprecht.
Ich begriff, dass Heike es ernst meinte. Den ganzen Monat über wohnte ich bei meiner Mutter.
Am fünften des Monats kam ich nach Hause.
Thomas, ich habe dir das Gehalt überwiesen und Vera drei Euro geschickt, meldete ich beim Betreten.
Der Duft von gebratener Schweinebrust in süß-saurer Sauce drang aus der Küche.
Geh Hände waschen und setz dich zum Essen, lächelte Heike. Oder gehst du zur Mutter?
Ich verzog die Lippen, das Herz schlug schneller, die Zunge bekam einen Knoten. Und Heike verstand, dass weitere Erklärungen sinnlos waren.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Geld kann Beziehungen belasten, doch Ehrlichkeit und ein klares Gespräch sind das wahre Fundament einer Partnerschaft. Ich habe gelernt, dass man nicht nur die Zahlen, sondern auch die Gefühle im Blick behalten muss.
Ende des Eintrags.