„Kaum im Ruhestand, begannen die Probleme“ – wie das Alter die über Jahre angesammelte Einsamkeit offenbart.

Sie ist siebzig Jahre alt, und zum ersten Mal fühlt sie sich, als würde sie überhaupt nicht mehr existieren weder für ihre Kinder, noch für ihre Enkel, weder für ihren ExEhemann, kaum für die ganze Welt.

Physisch ist sie hier. Sie geht die Straße hinunter, tritt in die Apotheke, kauft ein frisches Brötchen, kehrt den Patioschuppen unter ihrem Fenster. Doch in ihr wächst ein leeres Vakuum, das jeden Morgen größer wird, jetzt wo sie nicht mehr zur Arbeit hetzen muss. Jetzt, wo niemand mehr anruft: Mama, wie gehts dir?

Sie lebt allein. Das schon seit vielen Jahren. Ihre Kinder sind erwachsen, haben jede­für­sicheigene Familien und wohnen in anderen Städten: ihr Sohn Klaus lebt in München, ihre Tochter Liselotte in Hamburg. Die Enkelkinder wachsen heran, und sie kennt sie kaum. Sie sieht sie nicht zur Schule gehen, strickt keine Schals mehr für sie, erzählt ihnen keine GuteNachtGeschichten. Nie wurde sie überhaupt eingeladen, sie zu besuchen. Kein einziges Mal.

Eines Tages stellte sie Liselotte die Frage:
Warum willst du nicht, dass ich komme? Ich könnte mit den Kindern helfen
Die Tochter antwortete, ruhig, aber kalt:
Mama, du weißt doch mein Mann kann dich nicht ausstehen. Du mischst dich immer ein und hast deine eigenen Vorstellungen

Der Satz traf sie wie ein Faustschlag ins Herz. Er ließ sie sich gedemütigt, wütend, verletzt fühlen. Sie wollte nicht bedrängen, nur nahe sein. Die Botschaft war klar: Du bist nicht erwünscht. Weder bei ihren Kindern, noch bei den Enkeln. Es war, als wäre sie ausgelöscht. Selbst ihr ExEhemann, der in einem nahegelegenen Dorf namens BadBerg lebt, findet nie Zeit, sie zu sehen. Einmal im Jahr erreicht sie ein frostiger Weihnachtsgruß, als wäre es ein Gefallen.

Als sie in Rente ging, dachte sie: endlich Zeit für mich. Ich werde Stricken, morgendliche Spaziergänge, den Malkurs besuchen, den ich immer wollte. Statt Freude kam jedoch Angst.

Zuerst kamen seltsame Symptome: Herzrasen, Schwindel, eine tiefe Angst zu sterben. Sie suchte mehrere Ärzte auf. Sie machten Untersuchungen, EKG, MRT alles unverändert. Dann sagte ein Doktor:
Frau Weber, das ist emotional bedingt. Sie müssen mit jemandem reden, soziale Kontakte pflegen. Sie sind sehr einsam.

Das war schlimmer als jede Diagnose. Es gibt keine Pille gegen Einsamkeit.

Manchmal geht sie zum Supermarkt nur, um die Stimme der Kassiererin zu hören. Manchmal setzt sie sich auf eine Parkbank, ein Buch in der Hand, liest nur scheinbar, hofft, dass jemand sich nähert. Doch die Menschen haben immer Eile. Jeder hat ein Ziel. Und sie sie existiert einfach. Sie atmet. Sie erinnert sich.

Was hat sie falsch gemacht? Warum hat sich ihre Familie entfernt? Sie hat sie allein großgezogen. Der Vater der Kinder war früh gegangen. Sie arbeitete in zwei Schichten, kochte, bügelte Uniformen, pflegte sie, wenn sie krank waren. Sie trank nicht, ging nicht aus. Sie gab alles, was sie hatte.

Und jetzt ist sie nur ein Überbleibsel.

War sie zu streng? Zu autoritär? Sie wollte nur das Beste für sie. Sie wollte, dass sie gute, verantwortungsbewusste Menschen werden. Sie hielt sie fern von schlechtem Einfluss. Und am Ende blieb sie allein.

Sie sucht keinen Mitleid. Sie will nur verstehen: War sie wirklich eine so schlechte Mutter? Oder ist das einfach der Takt des modernen Lebens Kredite, Nachmittagsbetreuung, endlose Rennen wo kein Platz mehr für eine alte Frau bleibt?

Jemand rät ihr:
Such dir einen Partner. Meld dich bei einer Partnerbörse.
Doch das geht nicht. Sie vertraut nicht mehr leicht. Nach all den Jahren allein fehlt ihr die Kraft, sich zu öffnen, zu verlieben, einen Fremden ins Leben zu lassen. Und ihre Gesundheit ist nicht mehr die, die sie einst hatte.

Sie kann nicht mehr arbeiten. Früher gab es ein Team: Gespräche, Lachen. Jetzt herrscht Stille. Eine so schwere Stille, dass sie manchmal den Fernseher einschaltet, nur um Stimmen zu hören.

Manchmal denkt sie: Wenn ich verschwinde, würde es jemand merken? Weder die Kinder, noch der ExEhemann, noch die Nachbarin im dritten Stock. Der Gedanke erstickt sie vor Angst.

Doch dann atmet sie tief durch. Sie steht auf, macht einen Tee in der Küche und sagt zu sich: Vielleicht wird morgen ein besserer Tag. Vielleicht erinnert sich jemand. Vielleicht ein Anruf. Ein Brief. Vielleicht zählt noch etwas.

Solange Hoffnung da ist, wird sie weiterleben.

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