Ungebetene GästeAls das alte Gemälde plötzlich zu flüstern begann, wussten sie, dass die ungebetenen Gäste nicht von dieser Welt stammten.

Der Wecker klingelte mit einem schrillen Piepen, das das flüchtige Zwielicht zerbrach, und weckte Liselotte um fünf Uhr morgens. Auf dem Display leuchtete eine unbekannte Nummer.

Ja, sagte sie trocken.

Liselottchen?, ertönte eine laute, freudige Frauenstimme, die durch das Zimmer hallte. Bist du das?

Ich, antwortete Liselotte lässig.

Ich bin es, rief die Stimme begeistert. Erkennst du mich?

Ich erkenne Sie, sagte Liselotte höflich, um nicht unhöflich zu wirken, obwohl sie keinerlei Ahnung hatte, wer am Apparat saß.

Ich war mir sicher, dass du mich sofort erkennst, fuhr die Frau fröhlich fort. Wie gut, dass ich dich erwischt habe. Hast du gerade Zeit zum Reden?

Ja, ich kann.

Wunderbar. Mein Mann, die Kinder und ich sind gerade am Hauptbahnhof. Wir sind vor etwa einer Stunde aus dem Zug gestiegen. Hörst du mich gut?

Ja.

Deine Stimme ist etwas leise. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Liselottchen?

Alles bestens.

Ich freue mich für dich. Zuerst wollten wir ein Hotel buchen wir dachten, wir hätten hier keine Verwandten. Dann fiel uns ein, dass du in Dresden wohnst. Verstehst du?

Ja.

Wie schön, dass wir an dich gedacht haben. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir uns gefreut haben besonders die Kinder.

Ich kann es mir vorstellen.

Und mein Mann sagte gleich: Ruf Veronika an. Sie lässt dich nicht im Stich.

Er hat recht. Ich lasse dich nicht im Stich.

Also, darf ich dich bitten, bei uns zu übernachten? Habe ich das richtig verstanden?

Richtig. Ich erlaube es.

Wir bleiben nicht lange, fuhr die Frau weiter, während im Hintergrund ein Zug durch ein endloses Feld aus Nebel fuhr. Nur ein paar Wochen, um die Stadt zu besichtigen, dann zurück nach Berlin. Wie man so sagt: Zu Gast sein ist schön, zu Hause ist besser. Bist du einverstanden?

Einverstanden.

Genau das dachten wir besonders mein Mann. Er bestand darauf, dass Liselottchen uns nicht abweisen darf. Schließlich sind wir Verwandte, auch wenn wir uns seit zehn Jahren nicht gesehen haben. Das ist doch klar, oder?

Ja.

Wohnst du jetzt allein?

Allein.

In einer Dreizimmerwohnung?

Ja.

Dann kommen wir gleich zu dir?

Kommt nur.

Wir sind in einer Stunde da. Bist du noch dort?

Ja, ich bin noch hier.

Dann warte. Wir sind bald bei dir.

Ich warte, murmelte Liselotte.

Veronika legte das Telefon auf den Nachttisch, zog die Decke über ihren Kopf und schlief ein, ohne zu ahnen, mit wem sie gerade gesprochen hatte. In ihrem Traum verwandelte sich das Handy in einen kleinen Laternenbaum, dessen Licht flackerte wie ein scheues Glühwürmchen.

Eine Stunde später klopfte es an der Tür. Veronika blickte auf die Uhr, schloss die Augen und drehte sich um. Das Telefon klingelte erneut. Liselotte schlief weiter.

Nach einer Weile begannen Leute an die Tür zu schlagen. Liselotte blieb indifferent. Schließlich läutete das Telefon erneut.

Ja, sagte Veronika, ohne die Augen zu öffnen.

Liselottchen?, jubelte die Stimme erneut, dieselbe fröhliche Frau.

Ja.

Wir sind hier. Wir haben geklopft und gerufen, aber du öffnest die Tür nicht.

Ruft ihr an?

Ja.

Warum höre ich dich nicht?

Ich weiß es nicht.

Dann ruft doch nochmal.

Ein weiteres Klingeln ertönte im Flur.

Wir rufen, sagte die Frau.

Nein, sagte Liselotte, ich höre dich nicht. Klopf doch an.

Ein Schlag hallte durch die Tür.

Wir klopfen, rief die Stimme.

Nein, antwortete Veronika, ich höre nichts.

Ich glaube, ich habe mich vertan, murmelte die Stimme.

Was? fragte Liselotte verwirrt.

Wo bist du gerade, Liselottchen?

Was meinst du mit wo? Zuhause.

Wo genau?

In Berlin, antwortete Veronika, das erste Wort, das ihr einfiel. Wo sonst könnte ich sein?

In Berlin? Warum nicht in Dresden?

Ich bin vor neun Jahren nach Berlin gezogen, gleich nach meiner Scheidung.

Warum?

Warum die Scheidung?

Warum der Umzug?

Mir wurde Berlin zu eng, zu viele schwere Erinnerungen. In Dresden ist es ruhiger.

Ist Dresden besser?

Natürlich. Viel friedlicher.

Was ist dort besser?

Alles ist besser. Keine schlimmen Erinnerungen mehr. Komm doch vorbei und sieh selbst. Wie viele seid ihr?

Wir sind zu viert: ich, mein Mann Klaus und unsere beiden Kinder, Paul und Andreas. Andreas will zum dritten Mal dieses Jahr die Uni starten.

Dann kommt alle vier. Wir haben hier auch eine feine Universität.

Wann sollen wir kommen?

Am liebsten sofort.

Jetzt geht nicht. Ich habe noch viel zu erledigen in Berlin. Andreas will nur in Berlin studieren. Wir kommen hierher, um Arbeit zu finden. Wir hatten geplant, ein Jahr bei dir zu wohnen. Aber sieh nur, wie das läuft.

Kommt ihr heute nicht?

Nein.

Schade. Ich hatte mich schon darauf gefreut.

Uns tut das auch leid. Du kannst dir das nicht vorstellen.

Ich kann es mir vorstellen.

Nein, du kannst es dir nicht vorstellen. Wenn ich an das denke, was uns jetzt erwartet, habe ich keine Lust mehr zu leben.

Veronika beschloss, das Gespräch zu beenden.

Na gut, sagte sie, wenn ihr jetzt nicht könnt, kommt, wann immer ihr könnt. Ich freue mich immer, euch zu sehen. Und wenn ihr euch in Berlin einrichtet, gib mir sofort deine Adresse. Ich komme zu dir zu Besuch, ebenfalls für ein paar Wochen. Dann schauen wir, was passiert. Schließlich habe ich jetzt in Berlin niemanden mehr außer dir. Haben wir das so vereinbart? Du schickst mir deine Adresse?

Doch Veronika hörte keine Antwort mehr, denn die Verbindung brach plötzlich ab, wie ein Traum, der im Morgengrauen zerfällt.

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