Einsame Hausmeisterin findet Handy im Park. Beim Einschalten bleibt sie lange benommen.

Marta Valerien steht heute viel früher als sonst auf, weil am Wochenende immer wieder Müll auf den Gehwegen liegt. Sie kommt um vier Uhr morgens zur Arbeit, um alles rechtzeitig zu erledigen. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Hausmeisterin in einem Berliner Wohnblock. Früher sah ihr Leben ganz anders aus.

Als sie die Besenstiele in die Hand nimmt, erinnert sie sich an ihren geliebten Sohn Lukas, den sie mit fünfunddreißig Jahren bekommen hat. Die Männer in ihrem Leben haben ihr nicht das Glück gebracht, das sie sich erhofft hatte, also widmet sie sich ganz ihrem Kind. Lukas ist intelligent und gut aussehend, doch er mag das Viertel, in dem sie wohnen, überhaupt nicht.

Mama, wenn ich groß bin, werde ich ein richtiger Kerl!, sagt er oft zu ihr.
Natürlich, mein Sohn, was solls denn anders sein?, bestärkt sie ihn.

Gerade hat Lukas sechzehn Jahre vollendet und zieht in ein Studentenwohnheim in der Nähe der Fachhochschule. Marta mag es nicht, dass ihr Sohn nun so weit weg ist, doch er verspricht, öfter zu Besuch zu kommen.

Anfangs hält Lukas sein Versprechen und kommt regelmäßig vorbei. Dann bekommt er eine Freundin, und die Besuche werden seltener. Eines Tages kehrt er zurück und berichtet, dass er unheilbar krank ist. Marta versteht nicht, warum das Schicksal sie und ihren Sohn so hart prüft.

Der Arzt rät, Lukas in einer Spezialklinik zu behandeln, aber dort werden hohe Summen in Euro verlangt. Ohne zu zögern verkauft Marta ihre Wohnung, um das Geld zu sammeln. In einer dunklen Nacht ruft der Arzt an:

Ihr Sohn ist nicht mehr am Leben.

Marta fühlt sich leer, ihr Leben verliert jeglichen Sinn ohne ihren geliebten Lukas.

Wie jeden Morgen schnappt sie sich den Besen und geht zum Innenhof. Dort trifft sie auf Sven Lehmann, der seinen Hund Balu ausführt.

Guten Morgen!, ruft er fröhlich.
Guten Morgen! Sind Sie so früh unterwegs?, erwidert Marta.
Zu Hause sitzt man ja nur rum. Ich gehe mit dem Hund spazieren und plaudere gern ein wenig, sagt Sven lachend.

Sven ist ein alleinstehender Junggeselle, und Marta ist ein wenig verlegen wegen seiner Aufmerksamkeit.

Plötzlich entdeckt sie ein Smartphone auf einer Bank. Niemand ist in Sicht. Sie hebt das Gerät, schaltet es ein und sieht Fotos. Jemand hat offensichtlich Bilder gemacht und das Telefon vergessen. Als sie die Aufnahmen genauer betrachtet, bricht ihr das Herz.

Lukas! Mein Lukas!, schluchzt sie.

Das Telefon klingelt. Marta ist verwirrt, hebt aber ab.

Hallo? Das ist mein Handy, kann ich es zurückbekommen?, fragt eine Frauenstimme.
Ja, natürlich. Ich habe es im Park auf einer Bank gefunden. Kommen Sie zu dieser Adresse, sagt Marta und nennt die Wegbeschreibung.

Kurz darauf kommt ein junges Mädchen mit einem schlanken Jungen, der ihr sehr ähnlich sieht.

Woher haben Sie denn Fotos von meinem Sohn auf Ihrem Handy?, fragt Marta.
Egon?, erwidert das Mädchen überrascht.

Der Junge betritt die Wohnung.

Lukas!, schreit Marta und fällt in Ohnmacht.

Der Junge eilt zu ihr:

Was ist passiert?, fragt er.
Wahrscheinlich hat sie dich mit jemand anderem verwechselt. Wir sollten den Krankenwagen rufen, antwortet das Mädchen.

Nach fünfzehn Minuten bringt das medizinische Team Marta wieder zu Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, erfährt sie, warum die Fotos auf dem Telefon waren.

Kennen Sie mich? Wie kommen diese Bilder meines Lukas zu Ihnen?, fragt sie, das Zittern kaum zu zügeln.
Ich heiße Kerstin, sagt das Mädchen. Wir kannten Ihren Sohn. Doch er hat mich verlassen, als er erfuhr, dass ich schwanger bin.

Marta ist erstaunt.

Verlassen? Was soll das heißen? Er hat nie etwas davon erzählt, erwidert sie.

Kerstin erklärt, dass sie mehrere Monate mit Lukas zusammen war, ihm dann von ihrer Schwangerschaft erzählte und er daraufhin einfach verschwand. Sie hatte ihn nicht mehr gesucht, weil sie dachte, er habe Angst.

Nein, Kerstin. Jetzt verstehe ich, warum alles so kam. Mein Sohn war schwer krank. Er wollte niemanden zur Last fallen, auch nicht dich. Lukas ist seit vielen Jahren nicht mehr, sagt Marta, Tränen laufen weiter.

Kerstins Augen weiten sich.

Wie kann das sein? Er ist doch noch hier, fragt sie verwirrt.

Er ist von uns gegangen, flüstert Marta. Ich habe die Wohnung verkauft, um ihn zu retten, aber es reichte nicht. Wir haben es nicht rechtzeitig geschafft.

Kerstin seufzt tief.

Jetzt verstehe ich. Er wollte mich nur schützen, nicht noch mehr Schmerz zufügen.

Sie ruft den Jungen, der die ganze Zeit still da steht.

Egon, komm her!, sagt sie.

Der Junge tritt ein.

Ja, Mama?, fragt er.

Egon, erinnerst du dich, dass ich dir erzählt habe, dein Vater habe uns verlassen? Das stimmt nicht. Er war schwer krank und starb, bevor du geboren wurdest. Und das hier ist deine Großmutter, sagt Kerstin und dreht sich zu Marta.

Marta wird weich und ihr Blick wird warm, als sie den Enkel ansieht.

Oma, sagt Egon schüchtern.

Mein Junge, komm her, lass mich dich umarmen, sagt Marta und fasst ihn fest.

Kerstin lächelt:

Vielleicht wollt ihr bei uns einziehen? Wir haben viel Platz und freuen uns über Gesellschaft. Und wir brauchen eine Großmutter!

Nein, Kerstin, ich bleibe in meinem Viertel, aber ich komme gern zu Besuch, antwortet Marta.

Plötzlich klopft es an der Tür.

Darf ich reinkommen?, fragt Sven Lehmann, der ein großes Blumenbündel trägt. Er reicht das Bouquet Marta.

Das ist für Sie, Frau Valerien. Wollen Sie mit mir spazieren gehen?

Sehr gern, lächelt sie.

Aus der Küche schauen Kerstin und Egon hervor.

Nehmen Sie uns auch mit?, rufen sie im Gleichklang.

Nur wenn ihr euch gut benimmt, scherzt Sven.

Zwei Monate später ist Marta Valerien offiziell die Ehefrau von Sven Lehmann. Sein treuer Hund Balu freut sich riesig über die neuen Familienmitglieder, tollt mit Egon herum, während die glückliche Großmutter in der Küche köstliche Berliner Pfannkuchen für alle backt.

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