Sie war kurz davor, alles zu verkaufen. Doch hinter der Tür hörte sie die Wahrheit…

Wie bitte verkaufst du das?! rief Sofia Müller verzweifelt, während sie ihren Sohn ansah. Wo soll ich denn wohnen? In der Wohnung im Treppenhaus? Auf dem Bahnhof? Willst du mich in ein Altenheim verpflanzen?

Mama, warum fängst du wieder an seufzte Klaus.

Willst du mir etwa die Schachtel einer Waschmaschine anbieten? schnappte sie mit erhobener Stimme. Hast du den Verstand verloren, Klaus?!

Schrei nicht. Ich möchte nur die Möglichkeiten besprechen

Was soll man da besprechen?! Ein Haus ist keine Ware, die man bei Not einfach veräußert! fuhr sie plötzlich vom Tisch ab. Ich bin hier geboren, du bist hier aufgewachsen. Und du hast es gewagt, das Haus zum Verkauf anzubieten!

In diesem Moment trat ungebeten die Nachbarin, Lydia Wagner, ein.

Sofia! Was sitzt du da wie festgenagelt? Hast du doch doch gesagt, dass du dieses Jahr die Beete bepflanzen willst. Der Winter war fast ein Desaster! Wo sind deine Pläne für den Garten?

Lydia, ich habe es ehrlich versucht senkte Sofia den Blick. Die Setzlinge sind gerade erst gekeimt, und meine Hände können sie kaum zerstören

Zerstören? Nein, das soll nicht sein! Vor einem Monat habe ich dir den Kontakt zu Jörg, dem Landwirt aus Lindenau, gegeben! Er hätte das Feld für dich umgegraben und bestellt. Du hättest etwas Nützliches gepflanzt, anstatt dich in Rosen zu verlieren!

Klaus hat gesagt, im Sommer kommen Freunde, wir grillen, ein Lagerfeuer und ich habe Flieder, Rosen

Diese Rosen!, spottete Lydia. In den letzten fünf Jahren ist dein Sohn nur dreimal zu Besuch gekommen und das mit Bier, nicht mit Grill!

Er arbeitet viel, hat zu viel zu erledigen

Und im letzten Winter, erinnerst du dich, wie es schneite? Keine Lebensmittel, keine Medikamente! Gut, dass ich hier bin. Und wo war dein fleißiger Sohn? Nicht mehr zu erreichen!

Er kommt immer, wenn ich rufe

Sofia, du bist wie ein Mädchen: du glaubst und wartest, während die Zeit verrinnt. Denk mit dem Kopf, nicht nur mit dem Herzen. Jetzt brauchst du Beete, nicht Rosenbüsche!

Vielleicht lege ich doch Beete an. Dort, wo der Flieder bereits blüht

Genau. Und was sagt deine Tochter?

Alles wie immer. Klaus ruft nur zu Geburtstagen, zu Neujahr das ist alles, was wir haben.

Je seltener Klaus kommt, desto weniger Sorgen hast du. Ich will dich nicht hetzen, aber es wird immer stiller

Sofia Müller lebte in dem kleinen Dorf Bergdorf, nicht weit von Bremen. Vor zwanzig Jahren war ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihre erste Tochter Heike war schon früh verantwortungsbewusst, lernte zu waschen und zu kochen. Klaus kam erst, als die Mutter über vierzig war, ein Trost in der späten Jugend. Zwischen ihnen lag ein Vierteljahrhundert Unterschied. Verschiedene Zeiten, unterschiedliche Erziehung.

Heike zog zuerst weg.

Mama, ich will heiraten.

Mit wem? Mit dem Romulus aus dem Ort? Ich erlaube das nicht! Er hat weder Ausbildung, noch Bildung, noch Kultur!

Das ist mein Leben, Mama. Ich bin achtzehn.

Hast du je sein Inneres gesehen? Dort findest du keine Seele alles fettig verstopft!

Es geht nicht nur ums Aussehen, er ist gut und klug. Er hat in der Stadt einen Job bekommen.

Und du sollst mit ihm wegziehen?! Und ich bleibe allein hier?

Ich will studieren und selbstständig werden.

Sofia weinte, flehte. Doch Heike packte ihre Sachen, sprang aus dem Fenster und verschwand. Keine Briefe, keine Anrufe. Nur gelegentliche Gerüchte über Bekannte.

Klaus lebte lange bei seiner Mutter. Er richtete im Garten eine Veranda ein, baute eine Schaukel, einen Grill und einen gepflegten Rasen. Blumen, aber keine Beete, keine Kartoffeln.

Mutter, warum brauchst du Beete? In Bergdorf gibt es jetzt einen Supermarkt alles von Kartoffeln bis Zucchini und Kräutern. Warum dich bücken?

Bei uns gilt: Was uns gehört, bleibt bei uns

Das war früher, jetzt ist das 21. Jahrhundert!

Sofia stimmte zu. Sie lebte bescheiden, aber behaglich. Klaus brachte Lebensmittel, Medikamente und fuhr sie zu Ärzten. Dann lernte er Marina kennen, heiratete und brachte sie mit. Sofia nahm sie auf, aber die beiden passten nie zusammen. Sie verbarg keine Verachtung für das Landleben, besonders nicht gegenüber der Schwiegermutter.

Bei einem weiteren Besuch umarmte Klaus wie immer seine Mutter, stellte die Einkäufe auf den Tisch und sagte:

Mama, ich muss mit dir reden. Ich habe eine Idee Sehr profitabel.

Wieder dieses Business?

Mutter, in Bergdorf kaufen Investoren Land! Sie wollen ein Reihenhausviertel bauen Infrastruktur, alles wie es sein soll. Wenn wir das Haus mit Grundstück verkaufen, könnten wir eine hübsche Einzimmerwohnung in Bremen kaufen. Und ich hätte Startkapital.

Warte Und ich? Wo soll ich wohnen?

Mama, überleg dir ein Pflegeheim oder eine Mietwohnung. Nicht auf der Straße, bitte!

Du willst mich in eine Wohnung stecken, wo jede Kachel ein Stück Geschichte ist?! Bist du verrückt?! Das ist das Haus unserer Familie!

Mama, es ist nur ein Haus. Alt, unbequem. Solange der Preis hält, muss man verkaufen.

Nie! ballte Sofia die Fäuste. Solange ich lebe, bleibt das Haus stehen. Und ich setze es nicht in mein Testament!

Klaus fuhr abrupt zurück, schnappte die Schlüssel und ging, ohne sich zu verabschieden.

Sofia trat in den Garten. Auf dem Beet stand ein halbgeblühter Rosenbusch. In einer Hand eine Schaufel, in der anderen eine Axt. Sie wollte das Beet umgraben, doch sie konnte es nicht vom Fleck reißen.

Kommt noch was? rief Lydia von jenseits des Zauns.

Keine Kraft mehr. Weder in den Händen noch im Herzen.

Zu spät! Die Saison ist vorbei. Und vielleicht kommt Klaus nie zurück.

Was würdest du mir raten?

Denk nüchtern. Reguliere alles korrekt du bekommst ein Einzimmer in Bremen. Ärzte, Supermarkt, Wärme, Nachbarn. Zivilisation.

Die ganze Nacht schlief Sofia nicht. Am Morgen nahm sie den Bus nach Bremen, zu Klaus, um friedlich zu verhandeln.

Sie fuhr ins dritte Obergeschoss, blieb vor der Tür stehen. Drinnen hörte sie eine Stimme:

Vera, sie will nicht verkaufen! Stur wie ein Bagger!

Dann mach den Lastwagenfahrer! Wie soll ich das Business halten? Wir stehen am Rand, und du spielst die Zärtliche! Lass das in Bergdorf zugrunde gehen!

Sofia erstarrte, dann schlug sie wütend die Tür.

Mutter?! öffnete Klaus.

Danke, mein Sohn, dass du mich schon begraben hast! Ihre Stimme zitterte. Ich kam, um zu reden, um Frieden zu schließen. Aber jetzt wisse: Ich verkaufe nicht! Nie! Lieber begrabe ich mich im Boden, als es deinem Business zu überlassen!

Mama

Verschwinde von hier mit deinem Gesindel! Lass deine Eltern ihre Wohnungen verkaufen! Mein Haus nicht anfassen!

Sofia drehte sich um und ging. Die Nacht verbrachte sie am Bahnhof. Am Morgen kehrte sie nach Hause zurück. Drei Tage lag sie im Bett, dann sammelte sie die Axt, doch sie konnte die Rosenbüsche nicht erreichen.

Am nächsten Morgen klopfte jemand an der Tür.

Wer ist da?

Mama, ich bin’s, Heike.

Heike?!, erstarrte Sofia. Meine Tochter

Mama, wie geht’s dir?

Es ihre Stimme brach.

Klaus hat angerufen. Er sagt, du bist verrückt geworden, willst das Haus nicht verkaufen. Ich habe ihm gesagt, er soll gehen. Er dachte, du hast alles aufgegeben Aber ich verstehe, es ist Zeit zurückzukehren.

Tochter aber wir

Wann war das? Ich habe drei Kinder. Und jetzt verstehe ich dich endlich!

Kinder?

Zwei Töchter und ein Sohn. Und Ralf ist jetzt sportlich, arbeitet in der IT.

Und du?

Wir kommen am Wochenende. Ich bringe Lebensmittel, alles was du brauchst. Wir sind jetzt nah, Mama.

Beete?

Du brauchst keine Beete mehr. Jetzt hast du Enkelkinder.

Sofia brach in Tränen aus und umarmte ihre Tochter.

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