Rentner wollte seine Katze verkaufen – doch die unerwartete Reaktion der Käuferin verblüffte ihnDie alte Dame nahm die Katze sanft in den Arm und flüsterte: „Ich habe ihn vor zwanzig Jahren verloren – jetzt bist du wieder da.“

Andreas Weber saß am Fenster und starrte auf die Anzeige in seinem Handy. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen – die Brille war mal wieder verschwunden. Dabei war der Text doch simpel:

„Gebe Kater in gute Hände. Rot, kastriert, stubenrein.“

Nein. Nicht verschenken. Verkaufen. So war die Chance größer, dass er in eine wohlhabende Familie kam.

– Felix, – rief er leise. – Komm her, Roter.

Der Kater erschien wie von Zauberhand – ein dickes, schnurrendes Traktörchen auf weichen Pfoten. Sprang auf den Schoß, rollte sich zusammen. So warm, so lebendig.

Andreas Weber kraulte ihn hinterm Ohr. Felix schloss genüsslich die Augen, und der Besitzer spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Seit einem halben Jahr schon allein.

– Was machen wir nur mit dir, was? – flüsterte der alte Mann. – Die Medikamente gehen zur Neige, und die Rente reicht auch nicht.

Der Kater schnurrte, ahnungslos. Andreas Weber öffnete den Taschenrechner. Futter – zehn Euro im Monat. Streu – noch fünf. An den Tierarzt lieber nicht denken.

Und die Blutdrucktabletten kosteten zwanzig Euro. Jeden Monat.

– Versteh mich, Felix, ich will mich nicht von dir trennen, aber ich schaff es einfach nicht mehr.

Er tippte in die Anzeige: „Kater in gute Hände. Dreißig Euro.“ Löschte. Schrieb neu: „Verkaufe Kater. Fünfzig Euro.“

Das Handy klingelte sofort. Eine Frauenstimme:

– Guten Tag, ich rufe wegen des Katers an. Kann ich ihn mir ansehen?

– Ja, – krächzte Andreas Weber. – Kommen Sie vorbei.

Eine Stunde später klopfte es an der Tür. Auf der Schwelle stand eine Frau um die fünfzig mit traurigen Augen.

– Ingrid, – stellte sie sich vor. – Und wo ist der Kater?

Felix kam wie aus der Pistole geschossen aus der Küche, aber nicht zur Besucherin – zu seinem Herrn. Er strich um die Beine, schnurrte, sah ihn mit verliebten Augen an.

– Da ist er, mein Roter, – sagte Andreas Weber und bemühte sich um Gleichmut. – Ein guter Kater. Sehr anschmiegsam.

Ingrid hockte sich hin, streckte die Hand aus. Felix schnupperte, aber ging nicht zu ihr. Er kehrte zum Herrn zurück.

– Warum verkaufen Sie ihn? – fragte die Frau leise.

– Na ja, die Umstände, – murmelte der alte Mann und sah weg.

Da bemerkte Ingrid: Die Hände des Rentners zitterten. Und der Kater wich ihm nicht von der Seite.

Ingrid ließ langsam den Blick durch die Wohnung schweifen. Alles sauber, ordentlich, aber irgendwie leer. Auf der Fensterbank ein vertrockneter Gummibaum. Auf dem Tisch eine fast leere Tablettenbox. Und noch eine, ebenfalls fast leer.

– Schöne Wohnung, – sagte sie. – Wohnen Sie schon lange hier?

– Seit vierzig Jahren, – antwortete Andreas Weber und streichelte Felix. – Mit meiner Frau gekauft…

Er sprach nicht weiter. Musste auch nicht.

Ingrid nickte. Sie selbst hatte vor nicht allzu langer Zeit ihre Luna verloren – eine Promenadenmischung, fünfzehn Jahre alt geworden. Die Leere im Haus war so groß, dass die Wände einzustürzen drohten.

– Ist der Kater krank? – fragte sie.

– Ach wo, kerngesund. Nur ich, – Der alte Mann zögerte. – Ich schaff es einfach nicht mehr. Das Alter, wissen Sie.

Felix miaute plötzlich langgezogen und rieb sich an Herrn Bein. Als ob er verstand, worum es ging.

– Und was füttern Sie ihn? – forschte Ingrid weiter.

Andreas Weber zeigte in die Küche. Dort standen zwei Näpfe – einer mit Wasser, einer mit Trockenfutter. Billiges, vom Aldi. Nicht das Schlechteste, aber auch nicht gut.

– Ist er heikel beim Fressen?

– Nein, was er kriegt, das frisst er. Ein guter Junge. Sehr klug. Als Gerda krank war, legte er sich zu ihr ins Bett und wärmte sie. Als ob er es verstand. – Die Stimme des Herrn zitterte.

Ingrid hockte sich vor den Kater. Felix sah sie an, aber drückte sich an seinen Herrn.

– Sagen Sie ehrlich, – fragte sie leise, – warum verlangen Sie genau fünfzig Euro?

Der Alte war verwirrt:

– Na ja, ein guter Kater. Edelkatze.

– Felix ist ein Hauskater, – widersprach Ingrid sanft. – Hübsch, aber eben ein Hauskater. Und Sie lieben ihn. Warum verkaufen Sie ihn?

Andreas Weber drehte sich zum Fenster. Schwieg lange. Felix schnurrte auf seinem Schoß, der Herr streichelte ihn mit zitternden Händen.

– Die Medikamente sind so teuer geworden. Und das Futter. Er war vor einem Monat krank, beim Tierarzt. Fünfzig Euro hat es gekostet. Die letzten.

– Und die Tochter? Ein Sohn? Verwandte?

– Die Tochter lebt in der Schweiz. Zieht ihre drei Kinder groß, hat keine Zeit für den alten Vater. Ich verlange ja auch nichts.

Er seufzte.

– Mit Gerda haben wir irgendwie klargekommen. Aber allein – das klappt nicht.

Ingrid hörte zu und spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Da saß er, dieser stolze alte Mann, und verkaufte das Einzige Lebendige, das ihm geblieben war. Und der Kater verstand nicht, drückte sich an ihn, vertraute ihm.

– Und wenn ich ihn nicht kaufe? – fragte sie.

– Dann kauft ihn ein anderer. – Die Stimme war fest, aber die Hände zitterten noch immer. – Die Anzeige hängt, es gibt Anrufe.

– Und tut es Ihnen nicht leid?

Andreas Weber riss den Kopf hoch:

– Glauben Sie, das fällt mir leicht?! Glauben Sie, ich mache das aus Jux?

Er brach ab, presste die Lippen zusammen. Felix erschrak über die heftige Bewegung, sprang vom Schoß, ging aber nicht weit – setzte sich daneben.

Da begriff Ingrid: Sie konnte nicht einfach den Kater kaufen und gehen. Sie durfte die beiden nicht trennen.

Aber irgendetwas musste sich einfallen lassen.

Ingrid schwieg. Lange.

– Andreas Weber, und wenn ich den Kater nun nicht kaufe? – sagte sie.

Der Alte fuhr zusammen:

– Wie nicht kaufen?! Wozu sind Sie dann gekommen?

– Gekommen, um zu sehen. Habe gesehen. Und verstanden – ich kaufe den Kater nicht.

Andreas Weber erbleichte. Die Hände zitterten noch stärker.

– Sie haben doch selbst angerufen! Selbst gesagt, Sie brauchen einen Kater!

– Brauche ich, – Ingrid stand auf und ging zum Fenster. – Aber nicht diesen.

– Was stimmt nicht mit ihm?!

Sie drehte sich um. Und der Alte sah Tränen in ihren Augen.

– Mit dem Kater stimmt alles. Aber mit dem Herrn stimmt etwas nicht.

– Ich verstehe nicht.

– Sie verstehen schon, Andreas Weber. – Ihre Stimme zitterte. – Ich habe vor Kurzem meine Hündin verloren. Alte, kranke. Fünfzehn Jahre bei mir. Und wissen Sie, was das Schlimmste vor ihrem Tod war? Nicht die Krankheit. Nicht der Schmerz. Sondern dass sie mich ansah und um Verzeihung zu bitten schien. Dafür, dass sie Umstände macht.

Andreas Weber schluckte. Felix kam zu ihm, strich um sein Bein.

– Und jetzt sehe ich Sie mit Felix – und sehe dasselbe. Er sucht Ihre Nähe, und Sie schämen sich, dass Sie ihn nicht durchfüttern können. Sie denken, Sie tun das Richtige, indem Sie ihn in gute Hände geben.

– Und das ist etwa falsch?! – fuhr der Alte auf. – Soll er lieber mit mir hungern?!

– Wer hat gesagt, dass er hungern muss?

Eine Pause entstand. Felix miaute leise, langgezogen.

– Ich schlage etwas anderes vor, – fuhr Ingrid fort. – Ich bringe Futter. Jede Woche. Und Geld für den Tierarzt – falls nötig.

– Was?! – Andreas Weber sah sie an, als wäre sie verrückt. – Warum sollten Sie das tun?

– Weil ich dem Kater helfen will. Aber ich will euch nicht trennen. – Sie lächelte unter Tränen. – Nennen Sie es Glücksmiete.

– Glücksmiete?!

– Ja. Ich zahle dafür, dass ich Felix besuchen und streicheln kann. Und nebenbei habe ich einen Grund, einen einsamen Menschen zu besuchen. Tee trinken. Reden.

Der Alte schwieg. Die Augen weit aufgerissen, die Lippen zitterten.

– Das ist irgendwie demütigend, – presste er hervor.

– Warum demütigend? – wunderte sich Ingrid aufrichtig. – Es ist ein Vertrag. Ein fairer Vertrag. Ich kriege den Kater zum Schmusen – Sie kriegen Hilfe beim Futter. Gegenseitiger Vorteil.

– Nein! Ich bin kein Bettler! Ich bin kein Schnorrer! – Andreas Weber sprang auf.

– Wer hat das gesagt?

– Sie doch selbst! Sie bieten einem fremden alten Mann Geld an!

Ingrid schüttelte den Kopf:

– Ich biete einen Vertrag an. Bezahlung für die Möglichkeit, mit dem Kater und einem klugen, interessanten Menschen, der ihn aufgezogen hat, Zeit zu verbringen.

– Hören Sie auf! – Die Stimme überschlug sich. – Bedauern Sie mich nicht!

Und dann verstummte er. Setzte sich wieder in den Sessel. Ließ den Kopf hängen.

Felix sprang auf seinen Schoß.

– Wissen Sie, was das Schlimmste ist, Andreas Weber? – fragte Ingrid leise. – Nicht die Armut. Nicht das Alter. Sondern der Stolz, der einen daran hindert, Hilfe anzunehmen.

– Das ist kein Stolz, – flüsterte er. – Das ist Scham.

– Scham wofür?

– Dass ich es nicht geschafft habe. Dass meine Frau tot ist und ich übrig blieb. Dass ich kein Geld zurückgelegt habe. Dass die Tochter weit weg ist. Dass ich nicht einmal meinen Kater ernähren kann.

Tränen liefen über die faltigen Wangen.

– Und jetzt kommen Sie und bieten Hilfe an. Und ich bin wie der letzte…

– Dummkopf? – ergänzte Ingrid sanft.

– Ja. Dummkopf.

Sie trat näher, hockte sich neben den Sessel:

– Andreas Weber. Meine Wohnung ist leer. Mein Hund ist tot. Ich habe einen Job, zu dem ich nicht gehen will. Und niemanden, dem ich erzählen kann, wie mein Tag war. Aber Sie haben Felix. Und ein gutes Herz.

– Woher wissen Sie das mit dem guten Herzen?

– Ein böser Mensch kann einen Kater nicht so lieben.

Felix schnurrte lauter, als ob er zustimmte.

– Also, was sagen Sie? Handeln wir?

Andreas Weber schwieg lange. Streichelte das rote Fell. Dachte nach.

Der Alte seufzte. Tief, ganz tief.

– Dann probieren wir es vielleicht?

Zwei Monate vergingen.

Andreas Weber saß am Fenster mit Felix auf dem Schoß und blickte auf den Hof. Bald musste Ingrid kommen – dienstags brachte sie immer Futter und etwas Leckeres mit.

– Hörst du, Roter? – sagte er leise zum Kater. – Das klingt nach vertrauten Schritten.

Felix hob den Kopf, spitzte die Ohren. Ja, genau – sie war es.

Klopfen an der Tür.

– Andreas Weber? Ich bin’s!

– Kommen Sie rein, kommen Sie rein! – Der Alte stand auf, strich sein Hemd glatt. In den zwei Monaten war er richtig aufgeblüht, sogar die Wangen waren rosig.

Ingrid kam mit großen Tüten herein, lächelnd:

– Hallo, Schönling! – Das galt Felix.

Der Kater fing sofort an zu schnurren und strich um ihre Beine.

– Und Ihnen Hallo, Andreas Weber. Wie geht’s? Wie ist das Befinden?

– Ach, alles bestens. Gestern beim Arzt – der Blutdruck ist in Ordnung. Ihre Tabletten helfen.

– Ach! Morgen ist Samstag, vielleicht gehen wir in den Park? Felix an der Leine ausführen?

Andreas Weber wurde verlegen:

– Ach was. In den Park. Die Leute gucken – ein alter Mann mit Kater an der Leine.

– Sollen sie doch gucken! – lachte Ingrid. – Die werden neidisch sein, was für ein Prachtkerl Sie haben. Stimmt’s, Felix?

Der Kater miaute zustimmend.

Sie tranken Tee in der Küche. Andreas Weber erzählte von den Nachbarn, von Neuigkeiten im Hof. Und Ingrid hörte zu, nickte, lachte. In den zwei Monaten war eine besondere Vertrautheit zwischen ihnen entstanden – nicht verwandtschaftlich, aber sehr herzlich.

– Wissen Sie, – sagte sie, als sie den Tee austrank, – Ihre Tochter hat diese Woche angerufen?

– Ja. Fragte, wie es mir geht. Ich habe ihr von Ihnen erzählt.

– Und was hat sie gesagt?

– Sie war überrascht, – gestand der Alte. – Sie sagte: »Papa, ich bin so froh, dass du eine Freundin hast.« Freundin. – Er lächelte. – Komisch in meinem Alter, oder?

– Warum komisch? Freundschaft kennt kein Alter.

Felix sprang plötzlich vom Fensterbrett und ging zu seinem Futternapf. Mit hochwertigem Futter, das kein Problem mehr war.

– Und ich wollte ihn verkaufen, – sagte Andreas Weber leise.

– Gut, dass Sie es nicht getan haben.

– Ja, ja… Ich dachte damals, es wäre das Ende der Welt. Aber eigentlich war es der Beginn eines neuen Lebens.

Ingrid nickte:

– Manchmal führen die schlimmsten Momente zu den hellsten Veränderungen.

Sie schwiegen und sahen zu, wie Felix geschäftig am Futter knabberte. Er hatte jetzt alles – Futter, Zuneigung, die Aufmerksamkeit zweier Menschen, die ihn liebten.

Und der alte Mann hatte gelernt: Stolz ist kein guter Ratgeber. Manchmal braucht man nur den Mut, Hilfe anzunehmen – und schon stellt sich heraus, dass man nicht allein ist.

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