Ludmilla schloss das Schloss und atmete erleichtert aus. Endlich. Zwei freie Tage lagen vor ihr, keine Schlangen, kein Abwiegen von Waren, kein Be- und Entladen.
„Frau Meier, arbeiten Sie morgen?“, ertönte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich nicht einmal um – sie wusste sofort, wer es war. Klaus Wagner. Immer zur Unzeit.
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie knapp, ohne sich umzudrehen. „Frei.“
„Ach so. Verstehe. Na, dann komme ich eben am Montag.“
Ludmilla drehte sich doch um. Der alte Mann stand mit einem abgenutzten Einkaufsnetz da, in einer ausgeblichenen Jacke, und sah sie irgendwie verloren an. Als ob er etwas erhoffte.
„Wieder ewig die Cent zusammenkratzen“, schoss es ihr durch den Kopf.
„Kommen Sie am Montag wieder“, warf sie hin und ging auf ihr Haus zu.
Dabei kam er doch immer so – kurz vor Ladenschluss, suchte sich zwei, drei Kleinigkeiten aus, dann begann er an der Kasse in seinem Portemonnaie zu kramen, die Münzen umzudrehen. Die Schlange hinter ihm wurde länger, die Leute seufzten, aber er schien es nicht zu bemerken. So langsam. Es nervte nur.
Am Sonntagmorgen, als sie am Laden vorbeikam, blieb Ludmilla wie angewurzelt stehen.
Vor der Tür saß eine Katze. Eine ganz gewöhnliche Straßenkatze, grau, struppig und sehr mager. Aber das Seltsame war – sie saß nicht einfach nur. Sie rannte von der Tür zum Fenster, kratzte mit den Krallen an der Schwelle, spähte durch den Spalt, miaute. Und so kläglich, so verzweifelt.
„Verschwinde!“, wedelte Ludmilla mit der Hand.
Die Katze rührte sich nicht. Sie starrte nur auf die Tür.
„Streunerin“, dachte Ludmilla und ging weiter.
Am Montag näherte sich Ludmilla dem Laden mit einem schweren Gefühl. Die Katze war noch da. Sie lag zusammengerollt vor der Tür, erschöpft.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür schwang auf.
Da hörte Ludmilla es. Ein dünnes, kaum hörbares Piepsen. Irgendwo in der Ecke, hinter den Regalen.
Sie trat ein, schaute genauer hin – und ihr Herz rutschte in die Tiefe.
Ein Kätzchen.
Winzig, blind, hilflos. Es lag zwischen Pappkartons, piepste kläglich, bewegte die Pfötchen.
Die Katze stürmte hinter Ludmilla herein, sprang zu dem Kätzchen, begann es zu lecken, zu schnurren.
„Mein Gott“, flüsterte Ludmilla. „Du hast versucht, zu ihm zu gelangen.“
Ludmilla stand über dem Pappkarton und wusste nicht, was tun. Die Katze hatte sich neben das Kätzchen gelegt, leckte es, schnurrte – zum ersten Mal seit einem Tag war sie ruhig.
Und Ludmilla hatte nur einen Gedanken: „Im Laden darf man keine Tiere halten. Wohin nur damit?“
„Mensch, du hast mir echt was eingebrockt“, murmelte sie laut. „Wie bist du überhaupt reingekommen? Wann hast du das geschafft?“
Die Katze drückte sich nur noch fester an das Kätzchen.
Ludmilla erinnerte sich: Am Freitagabend, als sie abschloss, drängten sich Kunden am Eingang. Hektik, Eile. Da war sie wohl unbemerkt reingeschlüpft. Und hatte dann nachts geboren, als der Laden leer stand.
Und den ganzen Sonntag war sie draußen umhergerannt, hatte versucht, wieder hineinzukommen.
„Also gut“, seufzte Ludmilla. „Jetzt überlegen wir uns etwas.“
Sie goss Wasser in einen Plastikbecher für die Katze, brach ein Stück Fleischwurst von ihrem eigenen Butterbrot ab. Die Katze trank gierig, hastig, als fürchtete sie, dass man es ihr wieder wegnähme.
Dann öffnete Ludmilla den Laden für die Kunden.
Als erste kam die Nachbarin, Tante Hilde. Sie sah die Katze mit dem Kätzchen und schlug die Hände zusammen:
„Ach, Frau Meier! Wo kommen die denn her?“
„Na ja…“, winkte Ludmilla ab. „Irgendwie reingekommen. Sag mal, Hilde, willst du sie vielleicht nehmen? Deine Enkel mögen doch Tiere so gern.“
Tante Hilde verzog das Gesicht:
„Wir haben schon einen Kater. Alt, bösartig. Der würde alle tothetzen. Nein, nein, tut mir leid.“
Als Nächstes kam Onkel Karl, der Installateur. Auch er lehnte ab:
„Meine Frau lässt es nicht zu. Sie niest von Katzenhaaren.“
Dann kam eine junge Mutter mit Kind. Der Kleine streckte sogar die Händchen nach dem Kätzchen aus, aber die Mutter zog ihn zurück:
„Nicht anfassen! Das ist doch schmutzig! Überall Krankheiten. Komm weg hier.“
Ludmilla stand hinter der Theke und spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Jede Ablehnung hallte dumpf in ihrer Brust.
„Will denn niemand sie nehmen?“
Gegen Mittag hatte sie die Hoffnung fast aufgegeben.
Gegen drei Uhr nachmittags öffnete sich die Tür, und Klaus Wagner kam herein.
Wie immer – langsam, vorsichtig. Das Einkaufsnetz in der Hand. Er grüßte leise, nickte.
Ludmilla kam gar nicht dazu zu antworten – er blieb am Eingang stehen, hockte sich neben den Karton.
„Oh“, sagte er leise. „Wer ist denn das?“
Die Katze hob den Kopf, sah ihn misstrauisch an.
Klaus Wagner streckte vorsichtig die Hand aus, streichelte die Katze am Kopf. Sie kniff die Augen zu, begann zu schnurren.
„Frau Meier“, wandte er sich zur Verkäuferin. „Was wird aus ihnen?“
Ludmilla seufzte:
„Ich weiß nicht, Herr Wagner. Hier darf ich sie nicht behalten. Und nehmen will sie keiner.“
„Verstehe.“
Er schwieg, dann streichelte er wieder die Katze. Das Kätzchen piepste leise, bewegte sich.
„Darf ich“, begann Klaus Wagner stockend. „Darf ich sie nehmen?“
Ludmilla erstarrte. Sie sah den alten Mann an und traute ihren Ohren nicht.
„Sie?“, wiederholte sie. „Ernsthaft?“
„Ja, warum nicht.“ Er lächelte verlegen. „Mir ist ohnehin langweilig allein. Da habe ich Gesellschaft. Ich weiß nur nicht, wie man sie pflegt. Aber ich lerne es. Ich schaue im Internet nach.“
Ludmilla spürte plötzlich einen Kloß im Hals. Dieser langsame alte Mann, den sie so oft gedrängt, gehetzt, über den sie sich geärgert hatte.
Er war der Einzige, der nicht vorbeiging.
„Herr Wagner“, brachte sie hervor. „Vielen Dank. Wirklich. Danke.“
Er winkte ab:
„Ach was. Mir tut es selbst gut. Zuhause ist es leer. Meine Frau ist seit drei Jahren tot. Keine Kinder. Darum komme ich jeden Tag hierher, um mich mit jemandem zu unterhalten.“
Ludmilla wurde schamrot. So sehr, dass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre.
Sie hatte sich immer geärgert, dass er so langsam war. Dass er die Schlange aufhielt.
Dabei war er nur einsam.
Klaus Wagner hob vorsichtig den Karton mit der Katze und dem Kätzchen an. Er stützte ihn von unten, damit er nicht wackelte. Die Katze sah ihn misstrauisch an, aber sie wehrte sich nicht. Als hätte sie verstanden – dieser Mensch tut ihr nichts.
„Nur weiß ich nicht, wie ich sie nach Hause bringen soll“, überlegte er. „Der Karton ist so groß und unhandlich. Sie rutschen da drin herum.“
„Warten Sie“, Ludmilla eilte ins Lager und kam mit einem stabileren, kleineren Karton zurück. „Hier, der ist besser. Und er hat Henkel.“
Sie legte selbst die Katze mit dem Kätzchen hinein, polsterte den Boden mit einem weichen Lappen. Ihre Hände zitterten. Sie wusste nicht warum – vor Aufregung oder vor Scham, die immer stärker an ihr nagte.
„Frau Meier, können Sie mir vielleicht einen Rat geben?“, lächelte Klaus Wagner unsicher. „Was muss ich ihnen kaufen? Futter oder so? Näpfe?“
Ludmilla sah plötzlich ganz deutlich: Der alte Mann war ratlos. Er hatte Verantwortung übernommen, aber keine Ahnung, was weiter tun. Und trotzdem nahm er sie. Weil er nicht vorbeigehen konnte.
„Moment“, sagte sie entschlossen.
Sie ging die Regale entlang und sammelte alles Nötige: eine Dose Fleischfutter für die Katze, eine Tüte Trockenfutter, zwei Plastiknäpfe, eine Packung Katzenstreu.
„Das ist für Sie“, reichte sie Klaus Wagner die Tüte.
„Aber nein, ich bezahle doch.“
„Nicht nötig“, wehrte Ludmilla ab. „Von mir. Einfach so.“
Er wollte widersprechen, aber sie sah ihn so streng an, dass er nur nickte:
„Danke. Vielen herzlichen Dank.“
Klaus Wagner nahm den Karton, die Tüte, ging zum Ausgang. An der Tür drehte er sich um:
„Frau Meier, was meinen Sie. Muss ich mit ihnen zum Tierarzt?“
„Ja“, nickte sie. „Gehen Sie morgen hin. Lassen Sie die beiden durchchecken.“
„Gut. Das mache ich.“
Er ging hinaus. Die Tür schloss sich mit leisem Klingeln.
Ludmilla blieb allein zurück.
Im Laden war es still. Leer. Nur auf dem Boden, in der Ecke, lag der alte Pappkarton – derselbe, in dem das Kätzchen gelegen hatte.
Sie ging hin, hob den Karton auf, wollte ihn wegwerfen. Aber plötzlich konnte sie nicht. Sie setzte sich direkt auf den Boden, drückte den Karton an ihre Brust und weinte.
Die Tränen rollten über ihre Wangen, tropften auf die Pappe.
Sie erinnerte sich, wie sie sich über Klaus Wagner geärgert hatte. Wie sie ihn gedrängt hatte. Wie sie geseufzt hatte, wenn er den Laden betrat. Wie sie dachte: „Schon wieder dieser Alte. Schon wieder wird er die Cent zusammenzählen.“
Und dabei war er so.
Ohne zu zögern, nahm er die Katze mit dem Kätzchen. Obwohl er selbst kaum über die Runden kam – das sah man an seiner Kleidung, daran, wie er das Kleingeld im Portemonnaie zählte.
Aber er ging nicht vorbei.
„Mein Gott“, dachte Ludmilla, „was bin ich nur für ein Dummkopf. Wie herzlos.“
Sie wischte sich die Tränen mit der Handfläche ab, stand auf. Warf den Karton in den Müll. Kehrte hinter die Theke zurück.
Kunden kamen in den Laden.
Ein normaler Arbeitstag.
Aber etwas in Ludmilla hatte sich verändert. Sie sah die Kunden mit anderen Augen. Nicht mehr nur als eine Schlange, die sie schnell abfertigen musste. Sondern als Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Und man wusste nie, was in einem vorging.
Morgen würde sie Klaus Wagner ganz bestimmt fragen, wie es der Katze und dem Kätzchen ging. Wie sie sich eingelebt hatten. Ob er Hilfe brauchte.
Und nie wieder würde sie ihn hetzen.
Zwei Tage vergingen.
Ludmilla wartete auf Klaus Wagner. Schielte zur Tür, lauschte auf Schritte im Flur. Aber er kam nicht.
Und die Sorge wuchs. „Ist was passiert? Ist er krank? Oder stimmt etwas mit der Katze nicht?“
Am dritten Tag hielt sie es nicht mehr aus.
Sie fragte die Nachbarn nach seiner Adresse. Es stellte sich heraus: Klaus Wagner wohnte im Nachbarhaus, dritter Stock.
Ludmilla kaufte eine Tüte Äpfel, eine Packung Kekse – nur so zum Anstand, nicht mit leeren Händen – und machte sich nach Feierabend auf den Weg zu ihm.
Die Tür öffnete sich nicht sofort. Dann hörte sie schlurfende Schritte, und Klaus Wagner erschien auf der Schwelle. Überrascht, verlegen.
„Frau Meier? Sie … bei mir?“
„Ja, ich“, Sie reichte ihm die Tüte. „Ich wollte mal nach Ihnen sehen. Wie geht es Ihnen? Und der Katze und dem Kätzchen?“
Das Gesicht des alten Mannes strahlte. Ein so warmes, echtes Lächeln, dass Ludmilla leichter ums Herz wurde.
„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“ Er trat beiseite. „Sie haben sich bei mir wunderbar eingelebt!“
Die Wohnung war klein, bescheiden. Alte Möbel, abgetretener Teppich. Aber sauber, gemütlich.
Auf dem Fensterbrett, auf einer gefalteten Decke, döste die Katze. Daneben krabbelte das Kätzchen – schon kräftiger, flauschig.
„Da sind sie“, sagte Klaus Wagner stolz. „Die Katze hab ich Murr getauft. Und das Kätzchen – Taps. Weil es so tapsig ist.“
Ludmilla trat näher, streichelte vorsichtig Murr. Die Katze öffnete ein Auge, schnurrte kurz und schlief weiter.
„Was für Prachtstücke“, sagte Ludmilla leise.
„Ja.“ Klaus Wagner strahlte über das ganze Gesicht. „Wissen Sie, ich war mit ihnen beim Tierarzt. Alles in Ordnung.“
Er redete und redete – wie Murr die erste Nacht unter dem Sofa versteckt hatte und das Kätzchen mitgezerrt, wie sie sich dann eingewöhnt hatte, wie sie ihn jetzt an der Tür begrüßte, wenn er nach Hause kam.
Beim Gehen blieb Ludmilla an der Tür stehen:
„Herr Wagner, kommen Sie wieder in den Laden. Ich warte auf Sie.“
Er nickte:
„Ich komme.“
Und fügte leise hinzu:
„Danke Ihnen, Frau Meier. Für alles.“
„Nein, Ihnen danke ich“, antwortete sie. „Sie sind ein wirklich guter Mensch.“
Am nächsten Tag kam Klaus Wagner wieder in den Laden. Wie immer – langsam, mit dem Einkaufsnetz.
Aber diesmal empfing ihn Ludmilla mit einem Lächeln. Sie holte einen Hocker aus dem Lager, stellte ihn neben die Theke:
„Setzen Sie sich, Herr Wagner. Nehmen Sie sich Zeit. Ich habe keine Eile.“
Er nickte dankbar. Setzte sich. Begann in Ruhe seine Lebensmittel auszusuchen.
Und zum ersten Mal drängte Ludmilla den alten Mann nicht.