Oh, habt ihr das gesehen, Mädels, die Frau, die bei uns auf Station ist? Schon betagt… – Ja, völlig ergraut. Sicher hat sie Enkel, aber alles geht drunter – das Baby verlangte es, in ihrem Alter…

Habt ihr das gesehen, Mädels, die alte Frau, die hier auf der Station liegt? Sie ist schon ganz grau

Ja, völlig verblasst. Sie hat bestimmt Enkel, aber hier ist alles das Kleine hat im Alter gerade erst etwas verlangt.

Meine Mutter wirkt noch jünger als sie. Interessant, wie alt ihr Mann wohl ist.

Sie ist still und düster, spricht mit niemandem.

Das ist wohl der Grund, warum sie nicht mit uns redet. Wir versuchen, sie zu den anderen Patientinnen zu holen. Ich weiß gar nicht, wie ich sie ansprechen soll sie heißt wohl Klara.

Vielleicht besser mit Vor und Nachnamen Die Diskussion in dem Kinder­geburt­abteilung beginnt hektisch, als eine der werdenden Mütter kurz das Zimmer verlässt.

Das Schicksal von Klara ist schwer. Als Liselotte vier Jahre alt ist, erkrankt die ganze Familie an Typhus. Mutter, Vater, ein einjähriger Bruder und der Großvater schaffen es nicht. Seitdem zieht die strenge, herrische Oma Maria die Kleine groß Liebe kennt Liselotte kaum.

Im einundvierzigsten Lebensjahr werden Liselotte und Wolfgang, beide dreizehn, zu Erwachsenen. Sie wohnen in verschiedenen Dörfern, ziehen aber wegen einer Fabrik im Landkreis München in die Stadt, wo Arbeitskräfte fehlen. Dort, gleich neben der Fabrik, leben sie, treffen sich und arbeiten von früh bis spät, ganz wie die Älteren.

Mit fünfzehn geht Wolfgang an die Front. Liselotte, ein lebhaftes Mädchen mit feurig rotem Haar, will mit ihm ziehen, doch man nimmt sie nicht mit. Im Hintergrund braucht man euch mehr, heißt es, solche Arbeitskräfte fehlen.

Mit achtzehn heiraten Liselotte und Wolfgang, aber die Hochzeit wird nicht gefeiert. Die Nachkriegsjahre sind hart, keine Lust auf Feierlichkeiten.

Auf Drängen ihrer strengen Oma zieht Liselotte zu ihrem Mann. Ihre Dörfer liegen etwa dreißig Kilometer auseinander. Ein Jahr später bekommen sie einen Sohn, den sie Fritz nennen. Die jungen Eltern sind glücklich, das Haus erfüllt von Idylle. Trotz vieler Schicksalsschläge haben sie ihr Glück verdient.

Doch das Glück währt nicht lange.

Sechs Jahre später ist Fritz sechs. Liselotte und ihr Mann leben wie immer eng zusammen, das ganze Dorf beneidet sie. Wolfgang arbeitet als Ofen­bauer, seine Öfen sind im ganzen Kreis berühmt.

Man ruft Wolfgang, einen Ofen in ein Nachbardorf am anderen Flussufer zu verlegen. Er nimmt Fritz mit, weil Liselotte bei der Arbeit ist. Es ist ein eisiger Winter, sie gehen über das zugefrorene Wasser.

Wolfgang trägt eine schwere Werkzeugkiste, weil er nur sein eigenes Werkzeug benutzt. Fritz hüpft fröhlich, hört kaum auf seinen Vater, der ihn bittet, dicht bei ihm zu bleiben. Kurz vor dem Ufer, etwa zwanzig Meter entfernt, gerät der kleine Junge in eine Schneeverwehung. Wolfgang eilt, ihn zu retten, doch

Klara wird bereits mit fünfundzwanzig grau, verliert ihren Mann und ihren Sohn. In einem Haus, das überall an sie erinnert, kann Liselotte nicht bleiben und kehrt ins Heimatdorf zu Oma Maria zurück.

Liselotte schließt sich völlig in sich zurück, ihr Leben verliert jeglichen Sinn. An eine neue Familie denkt sie nicht mehr.

Klara wird vor Kurzem dreiundvierzig. Mit einem Kind in diesem Alter, ohne Mann, entscheidet sich Liselotte bewusst. Sie kennt die bevorstehenden Schwierigkeiten, doch die Einsamkeit schreckt sie stärker als jede zukünftige Hürde.

Das Dorf, in dem Liselotte lebt, ist abgelegen, die Anreise schwer. Der Winter ist bitter, die Hilfe könnte zu spät kommen, also fährt die Frau frühzeitig ins Krankenhaus. Um das Wohl des Kindes sorgt sie sich sehr, das Alter ist ein Faktor.

Seit dem frühen Morgen wirkt Liselotte wie benommen, wandert durch die Krankenhausflure: Vor achtzehn Jahren verlor sie ihren geliebten Mann und ihren Sohn. Die Zeit heilt nicht, der Schmerz bleibt.

Liselotte wird Mutter eines gesunden Jungen, den sie Dieter nennen. Sie erinnert sich immer, wie Fritz von einem Bruder träumte.

Kauf mir einen kleinen Bruder, bat er. Mein Vater hat mir so viele Spielsachen gemacht! Ich will mit meinem Bruder spielen.

Wie willst du ihn nennen?, fragte der Vater.

Dieter!, antwortete der Junge.

Dann heißt er Dieter!, strahlte Wolfgang, während er Liselotte ansah.

Liselotte hat zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung, Wolfgang weiß das. Sie entscheiden, vorerst nicht über den Verlust zu sprechen. Nachdem ihr Mann und ihr Sohn gestorben sind, hat Liselotte das Kind verloren, das sie überlebt hat.

Und jetzt ist Dieter da, genau wie Fritz es sich gewünscht hat.

Oma Maria begegnet Liselotte mit dem Neugeborenen im Krankenhaus widerwillig.

Warum weinst du wieder, mein Glück?, tröstet Liselotte das Kind.

Ach du das ist doch peinlich, knurrt Maria mit knarrender Stimme. Das ganze Dorf redet bestimmt über deine Schande.

Ich zeige seit einer Woche nicht einmal mein Gesicht nach draußen. Sobald die Leute fragen, was ich sagen soll dass meine alte Enkelin den Verstand verloren hat?

Im Dorf wird natürlich lange getratscht. Nichts beschäftigt die Dorfbewohner mehr als die unverheiratete Liselotte, dreiundvierzig, und ihr neugeborenes Kind.

Die Großmutter schimpft gnadenlos, doch nach einem Jahr wird Maria, trotz ihres hohen Alters, plötzlich schwach und bald nicht mehr. Liselotte trauert, denn trotz allem hat ihre Großmutter sie großgezogen.

Dieter wächst zu einem echten Schönling heran groß, braunäugig, dunkelhaarig, ganz anders als seine Mutter, die er innig liebt.

Mit siebzig wird Liselotte Großmutter. Dieter erfährt von der Geburt einer Tochter, fährt mit seiner Mutter ins Krankenhaus. Seine Frau, Stefanie, liegt im ersten Stock.

Stefanie, Stefanie!, ruft der überglückliche Vater. Zeig uns die Tochter!

Stefanie tritt zum Fenster, hält das Kind im Arm. Liselotte lächelt glücklich, wischte Tränen weg.

Schau, Mama, sie hat rote Haare! Sie sieht dir ganz ähnlich!, lacht der Sohn.

Für Klara ist es ein Trost, ihren Enkel fröhlich zu sehen. Er ist groß geworden, und das Leben erscheint nicht mehr so furchteinflößend.

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