Es ist Morgen. Die Hausmeisterin des Wohnkomplexes rennt entlang des Gebäudes, für das sie verantwortlich ist. Sie strebt nach einem Weltrekord im Hundert-Meter-Lauf. Mit ihrem im Wind flatternden Haarteil, blutigen Fäusten und einem Rock, dessen Reißverschluss nach vorne gerutscht ist, sieht sie wild aus. Der linke Teil ihrer Bluse ist zerrissen, während der rechte noch durchhält. Im schummrigen Licht der Straßenlaternen erinnert sie an Delacroix’ Freiheit auf den Barrikaden.
Der Grund für ihren spektakulären Auftritt ist folgender: Sie inspizierte das Gelände und zählte die Hundehaufen auf dem Rasen. Da kam um die Ecke Herr Müller aus Wohnung 62 mit seinem Hund Fritz. Normalerweise ist Fritz ein braver Hund. Klar, er hat schon mal ein Autoreifen während der Fahrt angeknabbert, aber das sind Kleinigkeiten. Sie wären aneinander vorbeigelaufen, aber vor den Augen der Hausmeisterin hebt Fritz plötzlich sein Bein und versorgt mit einem strammen Strahl ihre geliebten Petunien im Vorgarten.
Da wurde die Hausmeisterin heiß und kalt zugleich, und eine Welle der Empörung erfasste sie. Nicht selten fühlen sich Frauen wie herbst. und sind egozentrischer, wenn solche Wellen sie treffen. Sie holte aus und schlug mit einer Zeitung auf Fritz ein. Die Zeitung zerfiel und sie hielt nur noch das Impressum in der Hand.
Jetzt rennt Fritz hinter der Hausmeisterin her, während er schluchzend informiert, dass die Geschichten über die Gefährlichkeit von Pitbulls wissenschaftlich nicht begründet sind. Er könne Katzen nicht ausstehen, aber seine Lieblingsfilme seien die über den Bernhardiner Beethoven. Er wolle keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber wenn er die Frau jetzt fängt, dann muss Herr Müller sieben bis zwölf Jahre sitzen. Wenn ihm jetzt keiner zur Hilfe kommt, vielleicht sogar zehn bis zwanzig Jahre.
Hinter Fritz trottet Herr Müller, der den linken Teil eines Büstenhalters umklammert hält und versucht, die Hausmeisterin zu überzeugen, dass man das problemlos nähen könne und es dann wie neu sei. Die Haarteile von Frau Furtseva sind ohnehin nicht mehr modern, jetzt trägt man Dreadlocks. Und ins Gefängnis kann er nicht, denn er soll am Freitag eine Prüfung in Kirchengeschichte abnehmen.
Es sah nach einer Versöhnung aus, als plötzlich aus dem dritten Treppenhaus Herr Schmidt mit seinem Riesenschnauzer Max an der Leine auftauchte. Max, der offensichtlich schon einiges verpasst hatte, verstrickt sich sofort mit der Kleidung von Fritz’ Herrchen in eine wilde Rangelei, sodass Herrn Müller nichts anderes übrig bleibt, als sich entweder mit dem übrig gebliebenen Teil seines Outfits zu schützen oder die Prüfung sausen zu lassen.
Fritz indes geht auf die Hausmeisterin, den Riesenschnauzer und dessen Besitzer los. Auf dem Heimweg zerkaut er den Gehstock einer alten Dame auf einer Bank und hinterlässt eine Sprühmarke am Mülleimer.
Jetzt trübt die Hausmeisterin allen das Leben im Polizeirevier mit ihrem unaufhaltsamen Erscheinen. Jeden Tag befragt sie den Revierleiter und will wissen, wie viele Jahre ihr Mann Herr Müller bekommen wird und wann der Polizeileutnant plant, den verdammten Fritz einzuschläfern.
Polizisten kann man nicht mit solchen Fragen belästigen. Sie sind machtlos gegenüber der Natur und sterblich. Momentan tendiert man zu einer Anklage wegen Ruhestörung. Aber wie soll man Fritz als Verdächtigen vernehmen? Gut, dieses Hindernis könnte man vielleicht überwinden. Angenommen, er unterschreibt sogar, er hat ja, gemessen an den Petunien, eine feste und leserliche Pfote. Aber wie ihm die Anklageschrift übergeben? Das ist die eigentliche Frage. Es scheint, als stünde er gedruckten Publikationen inzwischen skeptisch gegenüber.