Nein, Stefan, und was soll sie denn machen? Meine Frau ist ja ein Holzklotz, das ist ihr völlig egal. Keine Sorge, den Käufer für ihre Wohnung habe ich schon gefunden.
Ich erstarrte im Flur, die Einkäufe fest umklammert. Die Schlüssel baumelten noch im Schloss ich hatte nicht einmal geschafft, die Tür hinter mir zu schließen. In den Tüten lagen Kartoffeln, Zwiebeln, Hähnchenschenkel, grobkörniger Buchweizen im Sonderangebot und drei Joghurts für Jonas nur die fettarmen, ohne Zucker. Ich überlegte, ob ich das Fleisch noch auftauen würde oder es wieder als eiskalten Klumpen in die Pfanne hauen würde, sodass es nicht gebraten, sondern eher gedämpft herauskäme.
Lukas stand mit dem Rücken zur Tür, das Telefon an das Ohr gepresst, und rührte in seiner Tasse sein löslicher Kaffee mit drei Löffeln Zucker. Das Geschirr wusch er nie ab.
Sie wird ja gar nichts merken, murmelte er und ließ einen Schluck aus der Tasse laufen. Ich sag ihr, die Unterlagen für die Umschreibung, du unterschreibst. Sie glaubt mir sie ist ja ein Holzklotz. Keine Gefühle, kein Charakter. Die Haushaltshilfe ist kostenlos.
Er lachte. Ich kannte dieses Lachen so hatte er es im Keller mit seinen Kumpels nach einer Grillparty gemacht, während ich den Abwasch erledigte. So lachte er, als Jonas als Kind vom Fahrrad fiel, ich mit Grünzeug nach Hause rannte und Lukas nur meinte: Na, warum bist du so ein Huhn, lass ihn doch selbst aufstehen.
In meinen Ohren dröhnte das Geräusch eines bevorstehenden Blutdrucksprungs. Meine Finger gruben sich in die Griffgriffe der Tüten, der Plastikfilm kratzte bis zu weißen Streifen an meinen Handflächen. Langsam stellte ich die Einkäufe auf den Boden, zog mein Handy heraus und aktivierte den DiktierRecorder.
Aus der Küche dröhnte ein Murmeln Lukas diskutierte bereits mit Stefan über Angelhaken und den morgigen Ausflug zum See. Er war immer so: erst das Gift ausspucken, dann zum Nonsens übergehen, als wäre nichts geschehen. Als wäre ich wirklich ein Holzklotz.
Ich hielt das Handy an den Spalt der angekippten Tür und wartete, bis er sich von Stefan verabschiedet und versprochen hatte, die Transaktion nächste Woche abzuwickeln.
Dann legte Lukas auf, schnappte nach den Hausschuhen und stapfte zur Kühltheke. Ich stoppte die Aufnahme, steckte das Handy in die Tasche, packte die Tüten und glitt lautlos an der Küche vorbei ins Wohnzimmer. Ich schloss die Tür und lehnte mich mit dem Rücken an den Türrahmen.
Unter der Schürze brannte ein kaltes Feuer ich wollte entweder brüllen oder wie ein Hund jammern. Vierundzwanzig Jahre Ehe. Jonas, Schule, Uni, seine Kredite, die ich aus meinem Urlaubsgeld tilgte. Seine Mutter, die ich dreimal die Woche ins Krankenhaus fuhr, bis zu ihrem Tod. Seine Socken, die Frikadellen, das ewige Liebchen, wo ist mein blaues Hemd?. Und jetzt war ich ein Holzklotz. Und der Käufer stand schon bereit.
Ich setzte mich aufs Bett und starrte auf meine Hände. Da lag Buchweizenstaub. Ich sah auf den Verlobungsring dünn, abgegriffen. Er hatte ihn mir geschenkt, als wir noch in einem Studentenwohnheim lebten und Spaghetti mit Ketchup aßen. Ich wollte ihn vom Tisch reißen und aus dem Fenster werfen. Stattdessen atmete ich tief ein, wie meine Mutter mir beigebracht hatte: Liselotte, wenn dich jemand beleidigt, zähle erst bis zehn, dann entscheide, was du machst.
Ich zählte bis zwanzig. Dann stand ich auf, wusch mein Gesicht mit eiskaltem Wasser und zog ein altes Notizbuch aus der Schublade. Darin fand ich die Nummer des Bürgeramtes ich hatte dort früher die Unterlagen für die Invalidenpension meiner Mutter eingereicht.
Am Apparat spielte lange eine Melodie. Eine freundliche Stimme erklärte, dass ein Verbot für Registerakte nur über das OnlinePortal gesetzt werden könne, aber besser persönlich vorbeikommen würde. Ich sagte, ich käme sofort.
Es war etwa drei Uhr nachmittags. Lukas schrie in der Küche er briet sicher ein Omelett. Ich verließ den Flur, zog meinen Mantel an.
Wohin? fragte er, ohne sich umzudrehen. Die Pfanne zischte.
Zum Bäcker. Zum Abendessen gibts nichts.
Na, hol mir noch ein paar Zigaretten.
Ich ging nach draußen. Im Aufzug pochte mein Herz nicht aus Angst, sondern aus der Erkenntnis, dass ich etwas tat, das ich seit 24Jahren nicht allein gemacht hatte. Nie hatte ich eine Entscheidung ohne sein Einverständnis getroffen. Selbst die Tapetenfarbe wählten wir gemeinsam, dann meinte er: Beige ist öde, grün wäre besser. Und ich schwieg.
Im Bürgeramt war es leer. Eine Angestellte stand am Fenster und starrte die Dokumente an.
Sind Sie sicher, dass Sie das Verbot wollen? Ohne Ihr persönliches Erscheinen kann niemand, auch nicht per Vollmacht, die Wohnung verkaufen, verschenken oder tauschen.
Ganz sicher.
Sie tippte eifrig. Nach fünfzehn Minuten verließ ich das Gebäude mit einem Zettel in der Hand, den ich in die Innentasche meines Mantels steckte, wo das Handy mit der Aufnahme lag.
Zuhause kam ich mit einem Butterbrot und einer Packung seiner Lieblingszigaretten zurück. Lukas lag auf der Couch und sah einen Actionfilm. Ich ging in die Küche, ließ den Wasserkocher laufen. Auf der Pfanne brannten Reste vom Omelett. Ich spülte, wie aus Gewohnheit.
Gegen sieben klingelte es an der Tür. Lukas sprang auf, riss sein TShirt hoch.
Ach, das ist für mich. Liebste, stell den Wasserkocher hin, ein netter Herr kommt.
Ich nickte.
Ein Mann um die fünfzig, im schicken Mantel und mit Aktenmappe, trat ein. Lukas begann zu wirbeln, lächelte breit.
Darf ich vorstellen: Herr Berger, Immobilienmakler. Wegen der Wohnung.
Ich trat aus der Küche, wischte mir die Hände am Geschirrtuch ab und sah Lukas an sein selbstgefälliges Grinsen.
Lukas, erinnerst du dich, dass du heute Mittag mit Stefan gesprochen hast?
Er stockte. Das Lächeln verrutschte wie schlecht geklebte Tapete.
Was? Na ja war ja was, aber
Du hast mich Holzklotz genannt und gesagt, du hast schon einen Käufer für meine Wohnung gefunden. Und ich soll nichts merken.
Stille fiel. Der Makler wankte von einem Bein aufs andere. Lukas wurde blass, dann brachen ihm unregelmäßige rote Flecken über die Wangen.
Was laberst du, Liebste? begann er, doch ich hob die Hand.
Genug. Ich hab alles gehört.
Ich zog das Handy heraus und spielte die Aufnahme ab. Sein Stimme erfüllte den Raum: Meine Frau ist ein Holzklotz Käufer gefunden sie vertraut mir Haushaltshilfe kostenlos
Der Makler rückte zur Tür zurück.
Herr Berger, Sie hatten doch noch
Lukas starrte mich an, als wäre ich ein Fremder.
Du hast gefilmt? Mir nachgespäht? knurrte er.
Ich stand im Flur mit den Lebensmitteln, die ich von meinem Lohn gekauft habe, damit du, Jonas und seine Freundin zu Abend essen könnt. Und du hast währenddessen mein Haus verkauft. Mein Haus, Lukas. Nicht unseres. Mein Mamis.
Er trat auf mich zu, doch ich blieb ruhig.
Und noch etwas: Ich war heute im Bürgeramt und habe ein Verbot erlassen, dass ohne meine persönliche Anwesenheit nichts an der Wohnung getan werden darf. Also dein Käufer ich zeigte auf den Makler kann sich einen anderen suchen. Diese Wohnung gehört jetzt mir, das Erbe meiner Mutter, du hast kein Recht.
Der Makler drehte sich um.
Ich glaube, ich gehe. Wir sprechen später. Entschuldigung.
Er verschwand.
Wir standen allein. Lukas stand mitten im Raum, schnappte nach Luft wie ein Fisch am Ufer.
Was hast du getan? Du hast alles zerstört! Wir hatten Pläne!
Du hattest Pläne. Ich hatte Vertrauen. Und du hast es heute verbrannt, weil du mich Holzklotz genannt hast. Holz brennt, Lukas, und ich bin abgebrannt.
Er setzte sich auf die Couch, vergrub das Gesicht in den Händen.
Liselotte
Spare dir das. Du hast keine Ahnung, wie leicht es mir jetzt ist. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten muss ich nicht mehr an das Abendessen denken. Ich habe ein Zuhause. Und ich habe mich selbst.
Ich ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür. Das Handy piepte eine Nachricht von meiner Freundin: Na, wie war dein Tag?
Ich schrieb zurück: Super. Ich bin kein Holzklotz mehr.
Am Morgen wachte ich um sieben auf. Statt wie gewohnt für Lukas den Wasserkocher anzustellen, schlüpfte ich in einen Morgenmantel und kochte mir Kaffee. Gemahlen, mit Zimt. Lukas trank immer nur löslichen Kaffee, ich liebte den Vollkaffee.
Er kam mit verschrientem Gesicht aus dem Bad, sah die kleine Kaffeekanne in meiner Hand.
Und mir?
Lukas, du brauchst dir jetzt eine neue Haushaltshilfe. Holzklötze erwachen ja manchmal.
Ich nahm einen Schluck. Der Kaffee brannte wie Feuer, meine Hände zitterten noch, und die Tasse klirrte an den Zähnen. Doch es war der beste Kaffee meines Lebens, weil ich ihn nur für mich selbst zubereitet hatte.
An der Tür klingelte es. Ich stellte die Tasse ab und öffnete. Vor der Tür stand Herr Berger, wieder ohne Aktenmappe, aber verwirrt.
Entschuldigung, dass ich so früh komme. Ihr Mann erwähnte gestern, die Wohnung sei Ihre, ich wusste das nicht Ich möchte Ihnen meine Dienste anbieten, falls Sie jemals verkaufen oder kaufen wollen. Ehrlich, ohne …
Ich stand da, sah zu Lukas, der verärgert im Küchenzimmer wartete, und zu dem Makler mit dem professionellen Lächeln.
Herr Berger, ich überlege. Aber nicht heute. Heute habe ich vor, eine Katze zu adoptieren. Und vielleicht eine neue Pfanne.
Der Makler nickte, verabschiedete sich und ging. Lukas murmelte etwas und verschwand im Zimmer. Ich lehnte mich an die Tür, lachte leise, fast unhörbar. Zum ersten Mal seit vielen Jahren lachte ich morgens in meinem Flur.
Den Kaffee trank ich mit einem Lächeln und dachte daran, die Katze Marta zu nennen nach der Katze, die wir früher hatten, bevor Papa sie den Nachbarn gab, weil ihr Fell das ganze Haus bedeckte. Jetzt würde ich meine eigene Marta haben, und niemand würde sagen, das Fell sei ein Problem.