Marie weinte am Grab ihrer Freundin Lena. Der vierzigste Tag, und kein einziges Blümchen auf dem Grab…

Maria stand weinend am Grab ihrer Freundin Annemarie. Vierzig Tage waren bereits vergangen, und nicht einmal eine Blume lag auf dem Grab Sie machte sich traurig auf den Heimweg. Plötzlich holte sie ein Mann ein.
Darf ich Sie ein Stück mitnehmen? fragte er höflich. Die Bushaltestelle ist doch recht weit entfernt. Steigen Sie ruhig ein, es macht mir nichts aus. Wen besuchen Sie denn hier?
Meine Freundin sagte Maria.
Ich war heute bei meiner Mutter, sagte er leise. Wohin wollen Sie?
Sie könnten mich an der Haltestelle rauslassen, erwiderte Maria zurückhaltend.
Ich habe heute Zeit, ich bringe Sie bis nach Hause, bot er freundlich an.
Während der Fahrt erzählte Maria von ihrem Leben Zwei Tage später stand Paul vor ihrem Wohnhaus mit einer unerwarteten Frage.

Maria und Annemarie waren seit dem Kindergarten unzertrennlich.

Als sie älter wurden, trugen sie sogar die gleiche Kleidung, sie tauschten untereinander Röcke und Pullover.

Durch die ganze Schulzeit hielten sie zusammen, und auch fürs Studium zogen sie in dieselbe Stadt. Maria studierte Medizin, Annemarie wollte Lehrerin werden.

Sie trafen sich oft, verliebten sich quasi gleichzeitig.

Maria schwärmte für einen Jungen vom Land, Annemarie verliebte sich in einen aus der Stadt.

Annemarie heiratete früh, fast so, als hätte sie Angst gehabt, ihren Liebsten zu verlieren.

Schon nach einem Jahr bekam sie eine kleine Tochter; doch die Familie ihres Mannes wollte sie nicht akzeptieren.

Sie entsprach einfach nicht deren gesellschaftlichen Vorstellungen.

Manchmal passte Maria auf die kleine Irina auf, damit Annemarie und ihr Mann mal abends zusammen ausgehen konnten.

Insgeheim hätte sie gerne getauscht aber sie hatte fest versprochen, aufzupassen.

Eines Abends kamen Annemarie und ihr Mann nicht zurück Erst am Morgen erfuhr Maria, dass sie verunglückt waren. Sie waren mit dem Auto auf der Landstraße verunglückt

Vom Trauerkaffee blieb Maria wenig im Gedächtnis zu sehr war sie beschäftigt mit der kleinen Irina. Was jetzt, wohin mit dem Kind?

Die Großeltern von Annemaries Mann hatten den Kontakt schon zu ihren Lebzeiten gemieden, jetzt wollten sie mit ihrer Enkelin erst recht nichts mehr zu tun haben.

Sie sahen ihre eigenen Trauer vor sich und hatten kein Herz mehr für das kleine Mädchen.

Annemaries Mutter war mit drei jüngeren Kindern allein; wie sollte sie auch noch ein Baby großziehen?

Es blieb nichts anderes, als das Kind ins Heim zu geben. Irina war ja erst ein Jahr alt.

Maria hatte die Kleine sehr liebgewonnen. Ihre ersten Worte, die ersten Schritte alles hatte sie miterlebt.

Inzwischen arbeitete Maria schon und wohnte zur Untermiete bei einer älteren Dame.

Doch wie sollte sie das Sorgerecht bekommen? Sie war alleinstehend, ledig, arbeitete zwar, aber das würde nicht reichen.

Schließlich wurde das Mädchen ins Kinderheim gebracht. Es blieb keine andere Möglichkeit. Irina war gesund sie würde sicher rasch Adoptiveltern finden.

Maria machte sich große Sorgen um Irina.

Niklas, ich habe eine Bitte, sagte sie eines Abends zu ihrem Freund. Lass uns heiraten, nur damit ich das Kind aufnehmen kann

Was?! stieß er entsetzt hervor. Auf diese Bürde lasse ich mich nicht ein!

Ich will wirklich nur Irina zu mir nehmen, danach kannst du tun, was du willst. Ich trenne mich sogar wieder von dir. Bitte hilf mir!

Nein, das will ich nicht, meine Papiere will ich nicht ruinieren! Komisch bist du Erst lässt du mich nicht richtig an dich ran, jetzt soll ich dich heiraten. Such dir lieber jemand anderen!

Traurig stand Maria wieder am Grab ihrer Freundin. Vierzig Tage, und kein einziges Blümchen. Das Grab von Annemaries Mann war hingegen übervoll von Blumen.

Annemarie, ich verspreche dir, mich zu kümmern, damit du es auch schön hast. Bitte, hilf mir

Maria ging langsam Richtung Ausgang des Friedhofs. Dort begegnete ihr wieder der Mann von neulich.

Wollen Sie nicht doch mitfahren? Der Weg zur Bushaltestelle ist weit. Ich fahre Sie gerne. Was haben Sie hier besucht? Entschuldigen Sie, Sie müssen nicht antworten

Eine Freundin

Bei mir war es meine Mutter Wo darf ich Sie rausschmeißen?

Die Bushaltestelle reicht, ich möchte Ihnen wirklich keine Umstände machen.

Kein Problem. Ich habe niemanden, meine Mutter ist verstorben, meine Frau hat mich verlassen Sie weinen haben Sie etwas Ernstes erlebt? Ich glaube, ich habe Sie sogar gesehen, damals bei der Beerdigung. Ein junges Paar, vor vierzig Tagen?

Ja, genau.

Heute ist auch bei meiner Mutter der vierzigste Tag Haben Sie Sorgen?

Maria erzählte ihm während der Fahrt alles.

So, wir sind angekommen. Danke, dass Sie mich mitgenommen und zugehört haben

Zwei Tage später wartete Paul bereits vor Marias Haustür mit einer überraschenden Idee.

Sie kam aus der Haustür.

Maria, ich habe nachgedacht. Ich helfe Ihnen. Ich bin frei, wir können sogar sofort heiraten, wenn Sie wollen!

Maria war ganz baff.

Und? Haben Sie keine Angst?

Nein, warum auch?

Mein letzter Freund ist vor der Verantwortung geflohen. Ich wollte ihn nur bitten, das Sorgerecht für Irina zu übernehmen.

Ich helfe Ihnen! Aber sagen Sie mir wo leben Sie dann mit dem Kind?

Wenn meine Vermieterin nichts dagegen hat, dann weiterhin hier im Zimmer. Oder ich ziehe um, wenn nötig.

Das wird doch so nichts. Sie ziehen zu mir. Morgen machen wir alles beim Amt klar. Das muss zügig gehen. Kein Widerspruch! Ich habe ein großes Haus, Raum genug für alle.

Ein Haus?!

Ja, in der Stadt gibt es doch nicht nur Wohnungen. Meine Mutter wollte immer ein Haus. Sie fühlte sich in der Wohnung eingeengt.

Ich hab mich bis heute nicht daran gewöhnt wir sind ja beide aus dem Dorf nach München gezogen

Paul kümmerte sich direkt um alle Formalitäten. Sie heirateten still, adoptierten Irina gemeinsam, und Paul holte sie zu sich ins Haus.

Danke. Ab jetzt schaffe ich das aber wirklich alleine.

Allein? Natürlich. Das Haus gehört jetzt ganz Ihnen. Ich halte mich im Hintergrund, aber ich bin da, wenn Sie mich brauchen.

Vielleicht wäre es besser, ich suche mir und Irina eine eigene Wohnung?

Die Ehefrau lebt getrennt? Kommt überhaupt nicht infrage.

Paul drängte sich nie auf, half aber immer, wenn seine Unterstützung nötig war. Maria schaffte den Alltag meist allein: Sie kochte für alle, putzte, kümmerte sich um Irina. Und wenn sie ehrlich war, verliebte sie sich langsam in Paul aber sie traute sich nicht, es zuzugeben.

Mama, warum liebst du mich eigentlich?

Weil du einfach da bist. Du bist meine Tochter.

Maria war Paul sehr dankbar. Er kümmerte sich herzlich um die beiden, als wären sie seine leibliche Familie. Sogar mit Irina spielte er, als wäre sie sein eigenes Kind.

Paul sah in Maria längst die perfekte Ehefrau, auch wenn ihre Ehe bislang nur auf dem Papier bestand

Eines Abends nahm Paul all seinen Mut zusammen und machte Maria einen Heiratsantrag so richtig. Irina war längst drei Jahre alt.

Aber wir sind doch schon verheiratet.

Ich will, dass wir eine richtige Familie sind.

Das will ich auch

Von da an waren sie eine echte Familie, nicht nur auf dem Papier.

Sie feiern nun zwei Hochzeitstage, mit zwei Jahren Unterschied.

Und Irina bekam einen Bruder und eine Schwester.

Diese Geschichte begann vor vielen Jahren. Alle Kinder sind inzwischen erwachsen. Irina weiß, wo das Grab ihrer leiblichen Eltern liegt.

Heute sind die Gräber gleich gepflegt. Paul und Maria sind für Irina ihre echte Familie.

Irina hat bereits ihre erste Enkeltochter. Und Maria und Paul sind stolze Urgroßeltern. Eine große, glückliche deutsche Familie.

Was ich daraus gelernt habe? Es gibt Dinge im Leben, die man alleine kaum stemmen kann. Aber wenn das Herz offen ist und andere dir helfen, entsteht aus Schmerz vielleicht ein echtes Zuhause. In Familie wird alles leichter und Liebe wächst manchmal unerwartet, aber dafür umso fester.

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