Das Handy vibrierte um fünf Uhr morgens und riss Liselotte Weber aus dem Halbschlaf. Ein unbekannter Anrufer drängte sich ans Gerät.
Ja, sagte Liselotte trocken.
Liselotte?, ertönte eine laute, freudige Frauenstimme. Bist du das?
Ich, antwortete Liselotte gleichgültig.
Und ich bins, rief die Stimme begeistert. Erkennst du mich?
Ich erkenne Sie, sagte Liselotte höflich, um niemanden zu beleidigen, obwohl sie keinen blassen Schimmer hatte, wer wohl am Apparat war.
Ich war mir sicher, dass du mich sofort erkennst, fuhr die Frau fort, die sich vor Freude kaum halten konnte. Wie gut, dass ich dich erwischt habe. Hast du gerade Zeit zum Reden?
Ja, ich kann.
Perfekt. Wir sind mit meinem Mann, den Kindern und ich gerade am Hauptbahnhof. Wir sind vor etwa einer Stunde aus dem Zug gestiegen. Hörst du mich gut?
Ja.
Deine Stimme ist ein bisschen leise. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Liselotte?
Alles bestens.
Das freut mich für dich. Anfangs wollten wir ein Hotel buchen, weil wir dachten, wir hätten hier keine Verwandten. Dann fiel uns ein, dass du ja in Hamburg wohnst. Verstehst du?
Ja, verstehe.
Umso schöner, dass wir an dich gedacht haben. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns gefreut haben besonders die Kinder.
Ich kann es mir vorstellen.
Und mein Mann sagte sofort: Ruf Katrin an. Sie lässt dich nicht im Stich.
Er hat recht. Ich lasse dich nicht im Stich.
Dann erlaubt ihr uns, bei euch zu übernachten? Habe ich das richtig verstanden?
Richtig. Ich erlaube es.
Wir bleiben nur kurz, fuhr die Stimme weiter, voller Begeisterung. Nur ein paar Wochen, um die Stadt zu sehen, danach fahren wir zurück. Zu Hause warten Berge von Aufgaben, und wie man so sagt: Auf Reisen ist es schön, zu Hause ist es besser. Bist du einverstanden?
Ich bin einverstanden.
Genau, das dachten wir auch besonders mein Mann. Er bestand darauf, dass du uns nicht ablehnen kannst. Schließlich sind wir Familie. Auch wenn wir uns seit zehn Jahren nicht gesehen haben, sind wir doch verwandt, oder?
Ja.
Wohnst du jetzt allein?
Allein.
In einer DreiZimmerWohnung?
Ja.
Wir kommen also zu dir?
Kommt nur.
Wir sind in etwa einer Stunde da. Bist du noch da?
Ja, ich bin noch hier.
Dann warte bitte. Wir sind gleich da.
Ich warte, erwiderte Liselotte.
Katrin legte das Telefon auf den Nachttisch, drehte sich um, zog die Decke über den Kopf und schlief ein, ohne zu ahnen, mit wem sie gerade gesprochen hatte.
Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Katrin warf einen Blick auf die Uhr, schloss die Augen und drehte sich noch einmal. Das Handy begann zu läuten Liselotte schlief noch.
Nach einer Weile klopfte es heftig an der Tür. Liselotte blieb regungslos. Schließlich ertönte das Telefon erneut.
Ja, sagte Katrin, ohne die Augen zu öffnen.
Liselotte?, rief die Frau begeistert.
Ja.
Wir sind hier. Wir rufen an und klopfen, aber du öffnest die Tür nicht.
Ruft ihr an?
Ja.
Warum höre ich dich nicht?
Ich weiß nicht.
Ruf doch noch einmal.
Im Flur ertönte ein weiteres Klingeln.
Wir klingeln, sagte die Frau.
Nein, sagte Liselotte, ich höre dich nicht. Klopf jetzt.
Ein Klopfen hallte durch die Wohnung.
Wir klopfen, wiederholte die Frau.
Nein, antwortete Katrin, ich höre nichts.
Ich glaube, ich habe mich verspätet, sagte die Stimme am Telefon.
Was?, fragte Liselotte verwirrt.
Wo bist du gerade, Liselotte?
Was meinst du mit wo? Zuhause.
Wo genau zu Hause?
In Hamburg, sagte Katrin das Erste, was ihr einfiel. Wo sonst könnte ich sein?
In Hamburg? Warum nicht in Berlin?
Ich bin vor neun Jahren nach Hamburg gezogen, gleich nach meiner Scheidung.
Warum?
Warum die Scheidung?
Warum der Umzug?
Mir reichte das Leben in Berlin, zu viele schlechte Erinnerungen.
Ist Hamburg besser?
Natürlich, deutlich besser.
Was ist besser dort?
Alles! Alles ist besser. Keine schlechten Erinnerungen mehr. Aber genug der Worte. Kommt und seht selbst. Wie viele seid ihr?
Wir sind vier: ich, mein Mann und unsere zwei Kinder. Der Ältere heißt Paul, der Jüngere Andreas. Andreas will dieses Jahr zum dritten Mal zur Uni gehen.
Dann seid ihr zu viert und kommt. Wir haben hier auch eine ausgezeichnete Uni.
Wann sollen wir kommen?
Schon jetzt.
Jetzt geht nicht. Ich habe noch viele Dinge in Berlin zu erledigen. Andreas will nur in Berlin studieren. Wir sind hier, um Arbeit zu finden. Wir hatten vor, ein Jahr bei dir zu wohnen aber jetzt hat sich alles geändert.
Kommt ihr also heute nicht?
Nein.
Schade. Ich habe mich schon darauf gefreut.
Und uns tut es leid. Du kannst dir das nicht vorstellen.
Ich kann es mir vorstellen.
Nein, du kannst es dir nicht vorstellen. Wenn ich an das denke, was uns jetzt erwartet, habe ich keine Lust mehr zu leben.
Katrin beschloss, das Gespräch zu beenden.
Na gut, sagte sie, wenn ihr jetzt nicht könnt, kommt, wenn ihr könnt. Ich freue mich immer, euch zu sehen. Und wenn ihr wieder in Berlin seid, gib mir sofort deine Adresse. Ich komme zu Besuch auch nur für ein paar Wochen. Dann sehen wir, was passiert. Schließlich habe ich jetzt in Berlin niemanden mehr außer dir. Haben wir das so vereinbart? Schickst du mir deine Adresse?
Doch bevor Liselotte antworten konnte, brach die Verbindung abrupt ab.