Liebes Tagebuch,
heute hat mich das bevorstehende Jubiläum meiner Schwägerin völlig aus der Bahn geworfen. Wie passend, dass sie gerade jetzt ihr silbernes Hochzeitsjubiläum feiern, und das noch im kleinen Dorf Kleinwalde, dachte ich, während ich in der Küche stand und den Kaffeeduft einatmete. Jürgen hatte gerade einen Anruf von seinem Cousin aus dem Ort erhalten: Klaus wollte uns zu seinem 25jährigen Ehejubiläum einladen kurz gesagt, zur silbernen Hochzeit.
Der Telefonklingel war laut und drängend, bis Jürgen schließlich abhob. Es war sein Cousin Klaus aus dem Dorf. Hallo, Jürgen, hallo! Wie läufts? Und wann könnt ihr am Samstag kommen?, fragte er. Ich versprach sofort, unser Kommen zu bestätigen. Natürlich kommen wir, wo sonst sollen wir hin?
Als Jürgen die Information an mich weitergab, fiel mir die Schwere des Moments ein. Klaus hatte uns also zu einem silbernen Jubiläum eingeladen, und dennoch schwebte über uns ein dunkles Wolkenmeer wir hatten beschlossen, uns zu trennen. In den letzten Wochen hatten wir immer mehr Differenzen, eine wachsende Entfremdung, und erst vor zwei Tagen war die Entscheidung gefallen. Die Vorstellung, zur Feier des Paares zu fahren, lag mir überhaupt nicht im Sinn.
Vielleicht fährst du allein, Jürgen, du bist ja sein Bruder, sagte ich zu ihm, während wir über das Telefon mit Sabine, Klaus Frau, sprachen. Ich möchte sie doch gern wiedersehen wir sind immer gut befreundet und besuchen uns regelmäßig. Doch ich fragte mich, wie wir ihnen bei ihrer Feier verkünden sollten, dass wir uns trennen.
Der Weg vom Berliner Stadtleben ins Dorf dauerte mit dem Bus vier Stunden, und unser altes Auto stand seit drei Monaten im Schuppen. Früher nutzten wir es, um zu Klaus nach Kleinwalde zu fahren Jürgen wurde dort geboren und wuchs auf. Jetzt jedoch war das Fahrzeug nicht mehr fahrbereit, und ich wusste nicht, ob wir die Reparaturkosten aufbringen oder ein neues Auto für ein paar Tausend Euro kaufen sollten. Der bevorstehende Abschied hatte all unsere Pläne durcheinandergewirbelt.
Jürgen dachte ebenfalls laut: Wahrscheinlich wird Gerlinde nicht fahren, sie wird absagen. Und wenn ich allein gehe dann muss ich Klaus und Sabine sagen, dass wir uns trennen. Sie werden reden, fragen, und das ist doch nicht das Richtige an ihrem besonderen Tag.
Als ich das Zimmer betrat, meinte er: Klaus hat angerufen, sollen wir losfahren? Wir erzählen ihnen nicht von unserer Situation, wir kommen einfach und erledigen das Ganze. Ich nickte: In Ordnung, das ist ihr Fest, wir gehen hin, wie gesagt.
Der Bus kam schließlich an, doch der Fahrer verkündete abrupt: Wir fahren nicht weiter!
Wie bitte? Noch fünf Kilometer bis zum Dorf!, protestierte Jürgen. Der Fahrer antwortete streng: Die Straße ist schlecht, gerade hat es geregnet, ich will den Bus nicht stecken lassen. Sucht euch ein Mitfahrgelegenheit oder geht zu Fuß.
Wir stiegen aus, Jürgen mit seiner Tasche in der Hand. Fünf Kilometer zu Fuß lagen noch vor uns das war nicht in unserem Plan. Was machen wir jetzt? Auf jemanden warten oder zu Fuß gehen?, fragte er. Ich erwiderte: Wir können bis zum Morgen warten, aber wohl besser zu Fuß.
Der Regen hatte den Weg rutschig gemacht, tiefe Pfützen lagen in der Mitte, doch am Rand konnten wir schleichen. Während wir gingen, dachte ich über Jürgens Schweigen nach. Er schweigt, als würde er zu Hause schon alles zerbrechen, überlegte ich. Vielleicht würde er mir mitten auf dem Weg alles gestehen.
Nach etwa der Hälfte des Weges erreichten wir einen dichten Hain aus Eichen, durch den wir hindurchmüssen, und das Dorf lag bereits in Sicht. Jürgen erwartete ein Aufbegehren meinerseits, doch ich blieb still und folgte ihm. An einer umgestürzten Baumstamm, der wie eine natürliche Sitzbank wirkte, setzte er seine Tasche ab und fragte: Müde? Ein leichter Vorwurf von Schuld schlich sich in mich, weil ich die ganze Reise initiiert hatte.
Ein bisschen, vielleicht können wir kurz auf den Stamm setzen, schlug ich vor. Wir setzten uns, blickten um uns herum. Die Sonne tauchte das Tal in ein warmes Abendlicht, Vögel sangen, Schmetterlinge tanzten, das Laub raschelte, Grillen zirpten. Plötzlich erinnerte ich mich an unsere Anreise vor fast zwanzig Jahren, als die Tische bereits gedeckt waren und Gäste auf das Brautpaar warteten.
Wie sehr hat sich alles verändert, sagte ich leise. Jürgen stimmte zu: Die Zeit fliegt, die Bäume sind gewachsen, die Eichen stehen majestätisch. Er erzählte, wie das Rad eines alten Wagens fast abfiel, während er und ich in unseren Hochzeitsoutfits ich in einem fließenden Kleid, er im Anzug am Straßenrand standen, bis Klaus das Rad reparierte. Wir gingen dann weiter zu Fuß, und ich habe mir dabei die Zehen wund gekratzt, lachte er. Ich lachte mit: Ja, das war damals, aber heute hätten wir das Auto genommen.
Nach einer kurzen Pause setzten wir unseren Weg fort, jeder in seinen Gedanken versunken. Jürgen dachte an die Jugendwanderungen mit Freunden, während ich an das Leben im städtischen Berlin dachte, das nie wirklich im Wald übernachtet hatte. Meine Sorgen kreisten um unsere bevorstehende Trennung: Wenn unser Sohn im Dienst ist, wird er das nicht mögen. Doch wir haben bereits beschlossen.
Der Weg führte uns aus dem Hain heraus und schließlich zum Dorf. Was für ein Anblick! Im Sommer ist es hier besonders schön die Farben leuchten, das Wetter ist warm, bemerkte ich. Jürgen erwiderte: Hier ist es immer schön, egal zu welcher Jahreszeit. Schade, dass unser Auto nicht fuhr, sonst wären wir längst da.
Wir traten durch das Tor, sahen Klaus, der bereits Tische aufbaute, und er stürzte uns entgegen, umarmte uns herzlich: Ihr seid zu Fuß gekommen? Wo ist das Auto? Warum habt ihr mich nicht angerufen? Ich hätte euch abgeholt. Ich erklärte, dass der Bus nicht weitergefahren war und wir deshalb zu Fuß kommen mussten. Klaus lachte: Na, wenigstens habt ihr frische Luft geschnappt und die Landschaft genossen.
Sabine, Klaus Frau, umarmte mich und rief aus: Liebste Gerlinde! Wie schön, euch zu sehen, lange nicht mehr! Morgen feiern wir unser silbernes Jubiläum die Zeit verfliegt wie im Flug. Wir setzten uns zu den Gesprächen, aßen, lachten, und später bekam ich ein neues Sofa zu sehen, das gerade erst in ihrem Wohnzimmer aufgestellt worden war.
Am Abend, nachdem alle Gäste in ihre Zimmer gegangen waren, legte ich mich an die Wand, während Jürgen das neue Sofa befüllte. Er bemerkte: Gerlinde, warum lehnst du dich so an die Wand? Leg dich richtig hin, wir haben genug Platz. Ich antwortete: Nicht das Wort, das du suchst. Er zog die Decke von meinen Füßen und begann, meine Füße zu massieren. Ich sagte: Lass das, Jürgen, das wird schon vorübergehen. Er lächelte und fuhr fort: Jetzt schweig still, das wird gleich besser.
Am nächsten Tag halfen Jürgen und ich beim Decken der Tische im Innenhof, begrüßten die Gäste, und die Stimmung wurde immer lauter. Musik erklang, wir sangen, tanzten, und das Dorf feierte ausgiebig.
Stell dir vor, rief Klaus begeistert zu Jürgen, wir sind seit fünfundzwanzig Jahren zusammen! Vierteljahrhundert! Und ich liebe Sabine über alles. Seine Frau flüsterte ihm ins Ohr: Jetzt reicht es, Klaus. Klaus lachte laut und verkündete: Meine Frau ist die beste der Welt! Die Gäste applaudierten.
Ich beobachtete Jürgen und spürte, wie das Glück des Festes in die Luft ging. Trotz unserer Trennungspläne schien das Fest uns zu berühren. Ich dachte: Vielleicht ist unser Glück hier ganz nah. Jürgen sah mich mit anderen Augen an und flüsterte: Meine Gerlinde ist nicht weniger als Sabine. Ein kurzer Moment des Verstehens und plötzlich fühlte ich die gleiche Wärme, Liebe und ein plötzliches Verstehen.
Der nächste Tag brachte Grillen und lange Gespräche, und Jürgen ließ mich nicht mehr los. Er suchte mich mit den Augen, sobald ich mich entfernte. Klaus brachte uns später mit einem kleinen Bus zurück nach Berlin.
Zuhause, nachdem alles vorbei war, fragte ich Jürgen: Was machen wir mit dem Auto? Reparieren oder neu kaufen? Das kostet ein paar Tausend Euro. Er meinte: Du hast das letzte Wort. Ich kenne mich besser mit Kfz aus, lass uns morgen zum Autohaus gehen. Wir beschlossen, gemeinsam zum Markt zu fahren, um uns das neue Fahrzeug anzusehen.
Seitdem haben wir kaum noch über die Trennung gesprochen das Gespräch schien von selbst zu verschwinden. Unser Sohn ist inzwischen verheiratet, und Jürgen und ich leben weiterhin glücklich.
Ich schließe diesen Eintrag mit dem Gedanken, dass das Leben voller Überraschungen ist und dass ein silbernes Jubiläum uns daran erinnern kann, wie wertvoll die gemeinsamen Jahre sind egal, was die Zukunft bringt.
Bis bald,
GerlindeAm nächsten Morgen beschlossen Gerlinde und Jürgen, das alte Auto zu verkaufen und gemeinsam ein neues Familienauto zu suchen, das sie wieder auf neue Abenteuer führen würde.