Wie du deine Beine lockern kannst, das geht. Doch wenn du Verantwortung für dich selbst übernimmst, ist es besser, auf ein Kind zu verzichten.

Das Kind, das Ilse zusammen mit ihrem Mann bekam, war das erste und sehnlichst ersehnte. Neun Monate lang bewachte er sie, begleitete sie zur Universität und verringerte das Haus zu einem stillen Refugium.

Gerade im eisigen Frost verbot er ihr das Verlassen des Heims. Kurz vor den Wehen schickte man ihn auf eine Dienstreise. Er hätte auch ablehnen können doch er hatte bereits geplant, sich zu trennen, sobald das Baby geboren wäre. Denn es ging nicht um den Wachdienst, sondern nur um Ilse, die allein zu Hause mit dem Neugeborenen bleiben musste.

Der Wehenbeginn kam, kaum dass Jens noch rechtzeitig losfahren konnte. Die Schmerzen waren unerträglich, und ihr Mann war nicht an ihrer Seite. Ilse hatte nicht davon geträumt, ein Erstgeborenes ganz allein zu empfangen.

Als das Kind schließlich gesund zur Welt kam, wollte Ilse dem Mann nichts davon erzählen. Er würde jetzt von Fremden erfahren, dachte sie.

Ilse blickte ins Krankenzimmer. Gegenüber lag eine Frau um die vierzig. Auf einem benachbarten Bett flüsterte ein junges Mädchen in ihr Handy. Neben der Tür weinte eine weitere Frau, den Kopf an die Wand gelehnt.

Nach einer unglaublichen Anstrengung, die Ilse gerade erst im Kreißsaal erlebt hatte, fiel sie auf ein blaues Kissen mit dreieckigem Muster und versank in einen tiefen Schlaf, als gäbe es nichts Weiteres um sie herum.

Wollen wir das Kind stillen? hörte Ilse aus dem Traum. Sie drehte sich freudig um.

Eine Krankenschwester stand neben der weinenden Frau, die immer noch den Kopf an die Wand gelehnt hatte.

Warum schweigst du? Nimm das Kind doch in die Hände. Sieh, welch ein Schönes hast du. Die Frau erstarrte, wandte sich jedoch nicht um.

Du kannst die Beine ausstrecken, wenn du willst. Aber wenn du die Verantwortung übernimmst, solltest du lieber auf das Kind verzichten. Die Krankenschwester schlurfte ein Stück weiter und verließ den Raum.

Erst dann sprach die etwa vierzigjährige Frau, Klara, unbeirrt:

Dachtest du wirklich, ich hätte dieses Kind gewollt? Ich bin schon dreiundvierzig, mein Sohn ist verheiratet. Bald bekomme ich Enkelkinder, und jetzt das Was soll ich tun? Es ist geschehen, das Kind ist unschuldig. Hättest du es nicht gewollt, hättest du es nicht abgelegt. Und jetzt soll das Kind in einem Kinderheim landen? Hast du jemals darüber nachgedacht, wie es leben soll, wenn es gleich nach seiner Geburt verraten wird?

Anke weinte noch heftiger. Jetzt ließ sie die Tränen nicht mehr zurückhalten; sie schluchzte laut, als würde ihr ein Sturm das Herz zerreißen.

Warum so laut? Hilft das irgendwas? fuhr Klara unbeirrt fort. Nimm das Kind, füttere es und sei kein Dummkopf.

Vielleicht wurde es missbraucht? schlug Alma ein, nachdem sie endlich das Handy zur Seite gelegt hatte. Oder ist das Kind von einem Verwandten, etwa vom Stiefvater?

Ilse lauschte Ankes Geschichte und fühlte sich, als sei sie selbst schuld an diesem Schicksal. Sie dachte an ihr eigenes Glück: ihr Mann hielt ihre Hand, ihre Eltern liebten sie. Und doch fand sie immer einen Grund, missmutig zu sein.

Hier lebte ein Mensch, dem niemand etwas bedeutete und ein neugeborenes Wesen, das noch nichts verschuldet hatte, aber bereits niemandem zugehört.

Das Mädchen würde heranwachsen, verbittert bis an ihr Lebensende. Denn ihre Mutter trank, ihr Mann hatte sie betrogen, obwohl er ihr die Ehe versprochen hatte. Wer sie beschützen sollte, verließ sie, sobald das Kind erwähnt wurde.

Keine Luftballons für das Neugeborene, keine Blumen für die Mutter. Die Mutter würde allein bleiben, das Kind völlig allein.

Scham überkam Ilse, und ein Stich der Trauer für diese fremden, unglücklichen Seelen drängte sie, zu fragen:

Wenn es irgendwo hin muss, nimmst du das Kind mit?

Anke sah sie an, als wäre sie verrückt:

Natürlich, aber das wird nie geschehen. Sie nahm die Worte als spöttisch, wandte sich wieder der Wand zu und sprach kein weiteres Wort.

Einige Stunden später sprach Ilse feierlich:

Sie werden mit dem Kind im Studentenwohnheim wohnen. Meine Mutter ist Hausaufseherin. Du wirst dort den Boden wischen, und sie geben dir ein Zimmer.

Ach, ich habe einen neuen Ausweis für die Entlassung, unterbrach Alma ihr Handy. Ich rufe gleich meinem Mann. Wir sind zu zweit, warum also so viel?

Ich bringe Kleidung, sagte Nadine, von meiner Tochter übrig. Sie ist nicht neu, aber gut. Ich habe sie gewaschen und gebügelt. Wir brauchen sie nicht, ich habe einen Sohn. Die Enkel bekommen alles Neue.

Am nächsten Tag kamen Frauen aus anderen Zimmern, um Kleinigkeiten zu spenden: ein Kinderwagen, ein Bettchen, eine Decke.

Ach, ich habe nichts, sagte die junge Frau aus dem Nebenraum, kann ich ein Päckchen Milchpulver kaufen? Vielleicht reicht die Milch nicht.

Anke brach in lautes Schluchzen aus, diesmal nicht aus Verzweiflung, sondern aus einer plötzlichen, überwältigenden Freude, die ihr über den Kopf fiel.

Ich gebe es weg, ich verdiene es, murmelte sie. Und die Mütter strichen ihr über die Schulter und flüsterten:

Gib es an jemanden, der es braucht.

Spät am Abend, während sie einschlief, dachte Ilse darüber nach, wie wunderbar alles verlaufen war. Alles würde gut werden für Anke. Sie würde noch einen würdigen Menschen finden.

Und für ihr Kind würde alles gut werden. Es würde nun mit seiner Mutter leben. Was man sonst noch brauchen könnte.

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