— Mama, vielleicht soll Oma einfach verschwinden? Dann wäre es für alle besser, — forderte Lena heraus.

Mama, wie lange soll das noch weitergehen? Soll das unser ganzes Leben lang so bleiben? schnappte sich die fünfzehnjährige Ilse, ihre Stimme bebte vor verletztem Stolz.

Nicht ein Leben lang, aber solange wir Oma haben. Wenn sie raus in die Straße geht, verliert sie sich und

Und sie stirbt hinter dem Zaun, und wir leben mit einem Schuldgefühl Mama, warum nicht einfach lassen? fragte Ilse erneut, die Herausforderung in ihren Augen.

Was soll das heißen, lassen? hakte die Mutter, Kerstin, verwirrt.

Lass sie einfach weglaufen. Du hast doch gesagt, du hast die Nase voll von ihr.

Wie kannst du das sagen? Sie ist meine Schwiegermutter, keine Blutsverwandte, aber für dich ist sie die geliebte Oma.

Oma? kniff Ilse die Augen zusammen, wie sie es immer tat, wenn sie wütend wurde. Wo war sie, als ihr Sohn uns verließ? Als sie sich weigerte, mit mir zusammenzusitzen? Mit ihrer eigenen Enkelin? Sie hat dich nie verschont, als du jede Kleinigkeit annahmst, um ein bisschen Geld zu verdienen und sie hat dich beschuldigt, weil dein Mann gegangen ist

Hör sofort damit auf! platzte Kerstin heraus. Sie seufzte schwer. Ich habe dich schlecht erzogen, weil du kein Mitgefühl hast. Ich fürchte, wenn ich alt bin, wirst du mir das Gleiche antun. Was ist nur mit dir geschehen? Du warst immer das gute Mädchen, hast niemals ein Kätzchen oder einen Welpen vorbeigehen lassen, hast sie nach Hause gebracht. Aber eine Oma ist kein Welpen Kerstin schüttelte erschöpft den Kopf. Sie ist ohnehin schon genug bestraft. Dein Vater hat nicht nur uns, sondern auch sie verlassen.

Mama, geh zur Arbeit, du kommst zu spät. Ich versprich dir, die Tür zu schließen. Ilse blickte schuldbewusst zu ihrer Mutter.

In Ordnung, sonst reden wir noch unnötiges Zeug Doch Kerstin blieb regungslos.

Mama, es tut mir leid, aber dich anzusehen schmerzt mich. Haut und Knochen. Du bist erst vierzig, aber du hinkst wie eine alte Frau, deine Beine kaum noch bewegen sich. Immer müde. Warum siehst du mich so an? Wer wird dir die Wahrheit sagen, wenn nicht eine fremde Tochter? Ilse ließ ihre Stimme wieder steigen, ohne es zu merken.

Danke. Achte darauf, dass sie das Gas nicht anmacht und das Wasser im Bad nicht laufen lässt.

Siehst du, wir sitzen mit ihr fest, als wären wir angekettet. Kein richtiges Leben. Mama, lass uns sie ins Altenheim geben. Dort wird sie ständig überwacht. Sie versteht nichts

Du wieder? schnitt Ilse Kerstin das Wort ab.

Es wird allen besser gehen, besonders ihr. Ilse bemerkte die wachsende Gereiztheit ihrer Mutter nicht.

Ich will dich nicht mehr hören. Ich werde sie nicht irgendwohin geben. Wie lange hat sie noch? Lass sie zu Hause

Sie wird es mit uns schaffen. Geh zur Arbeit. Ich bleibe hier, schließe die Tür, versprochen. Ilse kehrte die Worte in eisiger Wut zurück.

Entschuldige, ich habe überreagiert Alle gehen raus, und du kümmerst dich um Oma.

Währenddessen vergaßen sie die Tür zu Omas Zimmer zu schließen. Oma Erna hörte alles, verstand aber kaum und vergaß es im nächsten Moment wieder.

Kerstin ging zur Arbeit, Ilse zog in das einst ihr Zimmer, das nun Omas Zufluchtsort war.

Was willst du? fragte Erna mit leerem Blick.

Komm, ich gebe dir eine Süßigkeit. Ilse half ihr beim Aufstehen und führte sie in die Küche.

Und wer bist du? starrte Erna Ilse hohl an.

Trink Tee, seufzte Ilse und legte eine Bonbon vor sie.

Erna liebte Süßes. Sie hatten immer nur ein Bonbon zum Tee versteckt. Ilse sah zu, wie Erna das bunte Papier öffnete, ihr graues Haar schimmerte durch die dünne Haut.

Früher färbte und frisiert Erna ihr Haar, trug auffälligen Lippenstift, schminkte ihre Brauen zu breiten Bögen. Ihr Parfüm roch nach süßen Früchten, und Männer blickten ihr hinterher, bis der Verstand nachließ.

Ilse wusste nicht, was sie für Erna fühlte Mitleid, Mitgefühl oder Abneigung? Ein kurzer Klopfen an der Tür riss sie aus dem Grübeln.

Mama hat wohl etwas vergessen, murmelte Ilse und ging zur Tür.

Draußen stand ihr Freund, der Oberstufenschüler Jens. Kerstin hatte ihre Freundschaft nie gutgeheißen, deshalb kam er nur, wenn sie nicht zu Hause war.

Hey. Warum so früh? Mama ist gerade gegangen, flüsterte Ilse.

Ich weiß. Sie hat mich nicht bemerkt.

Mila!, ertönte Omas Stimme aus der Küche.

Wer ist Mila? fragte Jens verwirrt.

So nennt sie mich meine Mutter und meine Tochter. Ich bringe sie jetzt ins Zimmer. Geh ins Bad und sei still. Heute hat sie Erleuchtung. Ilse schob Jens zur Badtür.

Da ist niemand. Ilse ging zurück in die Küche, sah eine leere Tasse und ein Bonbon auf dem Tisch.

Ich will Tee, sagte Erna.

Aber Ilse merkte, wie sinnlos ihre Erklärungen waren.

Erna vergaß alles schnell, besonders das, was gerade erst geschehen war. Ihre Erinnerung an die Vergangenheit war klar, das HierundJetzt jedoch ein Wirbel. Manchmal hatte sie kurze Momente der Klarheit.

Ilse konnte nicht einschätzen, ob Erna nur nach einer weiteren Süßigkeit schlich oder wirklich vergessen hatte, gerade erst Tee zu trinken. Sie seufzte, stellte erneut eine Tasse Tee hin und legte ein weiteres Bonbon darauf.

Erna packte das Bonbon mit unbeholfenen Fingern. Als die Tasse leer war, brachte Ilse sie zurück ins Schlafzimmer, ließ sie aufs Bett fallen.

Jetzt schlaf, sagte sie und schloss die Tür.

Jens stand bereits im Flur.

Kann ich raus?

Ja, geh in die Küche. Ilse blickte nervös auf die Tür und folgte ihm.

Sie setzten sich dicht beieinander, Köpfe fast berührend, jeder mit einem Kopfhörer im Ohr, die leise Musik aus einem Smartphone. Ilse schloss die Augen, nickte im Takt. Sie bemerkte nicht, wie Erna plötzlich im Flur auftauchte

Als Ilse zum Flur ging, um Jens zu begleiten, sah sie die Tür zum Schlafzimmer offen. Sie rannte hin, doch Erna war verschwunden.

Die Tür ich habe sie nicht abgeschlossen. Sie ist weg. Mama wird denken, ich habe das absichtlich gemacht, schluchzte Ilse fast weinend.

Warum sollte sie das denken? fragte Jens.

Ich habe ihr gerade gesagt, sie solle besser verschwinden. Mama wird denken, ich habe die Tür offen gelassen, nur um ihr zu schaden.

Okay, zieh dich an, wir suchen sie. Sie kann nicht weit gegangen sein. Jens eilte die Treppe hinunter.

Ilse sah den Mantel von Erna, noch an dem Kleiderständer, die Hausschuhe ebenfalls.

Sie ist im Hausanzug und Hausmantel rausgegangen? Ilse blickte verwirrt zu Jens.

Vielleicht bei den Nachbarn? Sie hat die Treppe nicht erkannt Ich gehe nach draußen, du gehst von Wohnung zu Wohnung, sagte Jens und rannte die Treppe hinab.

Keiner der Nachbarn öffnete die Tür. Ilse lief weiter, bis sie auf die Straße kam. Jens suchte hinter Büschen, unter dem Spielplatz.

Nirgendwo. Lass uns in den gegenüberliegenden Höfen suchen. Du links, ich rechts. Wer sie zuerst findet, ruft den anderen. befahl Jens und sprintte los.

Ilse rannte sogar zum Busbahnhof, doch Erna war nirgends zu finden. Wie lange war sie weg? Zwanzig Minuten? Vierzig? Wie weit kann man in Hausmantel und Hausschuhen laufen?

Wir sollten die Polizei rufen, sagte sie.

Warte. Erinnere dich, wo sie am liebsten war, wo sie gern hingegangen ist, drängte Jens. Ilse überlegte, aber nichts fiel ihr ein. Sie zuckte mit den Schultern.

Dann erweitern wir den Suchradius. Du zur Schule, ich hierher. Jens winkte in die entgegengesetzte Richtung.

Die Straßenlaternen flackerten, manche waren dunkel. Ilse lief, als wäre jemand hinter den Büschen. Vor der Schule erinnerte sie sich an Ernas Geschichte: Sie hatte ihr Heft in der Klasse vergessen, die Tür war verschlossen, sie sprang aus dem Fenster im ersten Stock und hätte beinahe ihr Bein gebrochen.

Obwohl Erna nie dort lernte, erzählte sie die Geschichte immer wieder. Ilse schob das Tor des Schulhofs auf nicht abgeschlossen. Das Schulgebäude war ein schlichtes Pförmiges Gebäude. Sie umging ein Flügel, sah eine Gruppe Jungs, die lachten.

Oma!, rief Ilse, als sie die alte Dame in ihrem graublauen Hausmantel sah, wie ein Junge ihr ein leeres Bonbon reichen wollte. Er dachte, es sei eine Süßigkeit, zog die Hand zurück und lachte mit den anderen.

Sie versteht doch nichts. Von welcher Nervenheilanstalt bist du geflohen? Willst du eine Süßigkeit? drängte der Junge erneut.

Haltet euch von ihr fern!, schrie Ilse laut.

Die Jungs drehten sich zu ihr um.

Sieh mal, noch einer!

Wer bist du? Enkelkind?

Mit der Oma aus der Nervenheilanstalt geflohen?

Ach, Enkelkind, willst du eine Süßigkeit?, rief einer und ging auf Ilse zu. Die anderen folgten.

Ilse wich zurück, die Jungs stellten sich zwischen sie und Erna, blockierten sie. Sie standen dicht an einem Zaun, das Tor blieb offen. Auf ein Zeichen hin stürmten die Jungs auf Ilse zu.

Sie schlug mit den Armen nach Luft, versuchte Abstand zu halten, doch zu zu sein. Einer packte sie an den Armen, die anderen drückten sie gegen den Zaun, keiner ließ sie sich rühren. Sie tasteten, wer zuerst zuschlagen würde

Haut euch von ihr!, schrie Jens, der gerade um die Ecke kam.

Zwei Jungen lösten sich, der dritte hielt sie noch. Jetzt gerieten die Jungs in einen Kampf mit Jens. Ilse trat den Jungen, der sie hielt, dieser stöhnte und ließ los. Sie griff nach einem Brettstück, das auf dem Boden lag, hob es, rannte zu den Kämpfenden, wollte einen der Jungen am Kopf treffen, doch das Brett traf sie am Rücken.

Der Junge wankte, stürzte auf Ilse. Sie flüchtete zur Gartentor.

Mädchen, kommen Sie nach vorne. Wir haben die Polizei gerufen rief ein Mann hinter dem Tor. Randalierer, die haben kein Leben

Der Hinweis auf die Polizei ließ die Jungs erschrocken fliehen. Ilse drehte sich zu Jens.

Du hast mir nachher geholfen, aber keine Dankbarkeit, knurrte der Mann hinter ihnen.

Hauptsache, alles gut, sagte die Frau neben ihm.

Ilse half Jens, aufzustehen. Sie gingen zur zitternden Erna, die dachte, das seien wieder die Randalierer.

Baba, das bin ich, Ilse. Lass uns nach Hause gehen. Ilse umarmte sie.

Welche Ilse? Ich warte auf Borya. Er hat jetzt Unterricht

Borya ist längst aus der Schule. Komm, wir gehen.

Erna schwieg plötzlich.

Was hast du gehört? fragte Ilse ängstlich, obwohl sie sofort begriff, worum es ging.

Vielleicht verstand Erna doch mehr, als sie zugeben wollte.

Mila will mich ins Pflegeheim geben. Gib mich nicht her, schluchzte Erna.

Okay, gehen wir. Es ist kalt und du trägst nur einen Mantel. Du wirst krank, dann wird man dich ins Krankenhaus bringen

Ich will nicht ins Krankenhaus, stöhnte Erna.

Sie brachten Erna zurück nach Hause. Ilse legte ihr neue Kleidung an, schenkte ihr heißen Tee mit einer Süßigkeit und legte sie ins Bett.

Wie willst du nach Hause kommen? Ganz dreckig, voller Blut, sagte Ilse zu Jens an der Tür.

Ist egal, Hauptsache, die Oma ist gefunden. Und du, du hast dich nicht weggeschrien, lächelte Jens.

Ich habe mich fast gewehrt. Wenn du nicht rechtzeitig gewesen wärst

Alles gut. Tut mir leid, dass ich die Tür offen gelassen habe

Ilse schloss hinter Jens die Tür und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Herz beruhigte sich nicht, doch der Druck ließ nach. Sie dachte daran, wie ihre Mutter gesagt hatte, sie würde ihr Leben lang mit Schuld leben, wenn sie Erna nicht gefunden hätte. Zum Glück war alles glimpflich ausgegangen.

Scham über den Streit mit ihrer Mutter brannte in ihr, doch die Last war größer: Sie pflegte nicht nur Erna, sondern auch ihre Mutter, die seit zwei Jahren an Krebs litt. Jetzt bat der ExVater ihrer Mutter um Hilfe Ilse war erst fünfzehn, das ganze Leben lag vor ihr, doch wie viele Jahre bleiben Erna noch? Möge sie glücklich in ihrem vergessenen Kinderzimmer weiterleben.

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter mit dem Alter so werden würde, dass sie Ilse nicht mehr erkenne. Sie dachte sogar daran, lieber die körperliche Gesundheit zu verlieren, als den Verstand. Nein, besser wäre, überhaupt keine unheilbaren Krankheiten zu haben. Menschen sollten einfach alt werden und sterben.

Ilse dachte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach. Vielleicht war Oma für etwas bestraft, während Mutter und sie litten, ohne zu verstehen. Haben sie das wirklich verdient? Sollte das alles ein Test sein, um Ilse Mitgefühl und Reue zu lehren? Sie musste lernen, Worte und Taten zu bedenken.

Zum ersten Mal dachte sie über Dinge nach, über die ihre Gleichaltrigen wahrscheinlich nie nachdachten. Es schien, als hätte sie in dieser einen Nacht ein ganzes Leben an Reife gewonnen. Als ihre Mutter zurückkam, lag Ilse noch wach.

Bist du schon auf? Alles in Ordnung? setzte Kerstin müde auf den Stuhl neben ihr.

Alles gut. Willst du Tee? fragte Ilse.

Gern.

Ilse stellte zwei Tassen auf den Tisch, legte je ein Bonbon dazu. Sie sahen sich an, lachten, und das Lachen ließ die Spannung lange nicht mehr loslassen.

Vielleicht ist das alte Unverständnis ein Geschenk für jene, die nicht mehr in die eigene Vergangenheit blicken können.

Kolja Mäckelow

Alle wollen lange leben, doch keiner will alt sein.

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