Ich schlief mit meinem Freund, ohne zu wissen, dass er vor zwei Tagen gestorben war – jetzt trage ich das Kind seines GeistesAls das erste zitternde Wehen in mir erwachte, hörte ich ein leises Flüstern, das mir versprach, dass mein ungeborenes Kind die Brücke zwischen den Welten sein würde.

**Episode1**
Ich schwöre, ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn berührt. Ich habe ihn geküsst. Sein Atem war warm, seine Lippen schmeckten nach Minze wie immer. Er trug genau den grauen Kapuzenpullover, den er immer zu eng fand, weil er ihn zu groß machte und ihn wie einen knuddeligen Rüpel wirken ließ. Er war wirklich da. Die ganze Nacht umarmte er mich, flüsterte mir Ich liebe dich ins Ohr und sagte, wir würden nächstes Jahr heiraten. Ich erinnere mich an jede Sekunde: wie seine Finger über meinen Arm glitten, wie er mit mir weinte, wenn ich weinte, und wie er mich mit so viel Leidenschaft liebte, dass ich dachte, meine Seele würde in zwei Hälften brechen. Und dann verschwand er.

Ich wachte allein auf, doch keine Angst ergriff mich. Ich dachte, er sei nur zum Joggen gegangen, wie ich es manchmal tat. Sein Duft hing noch immer in den Bettlaken. Meine Haut brannte noch dort, wo er mich berührt hatte. Aber etwas passte nicht.

Ich rief an.
Wieder.
Und wieder.

Dann trat meine beste Freundin Klara in mein Zimmer, das Gesicht bleich. Sie verstand nicht, warum ich weinte.

Heike, hauchte sie, weißt du das nicht?

Ich lachte. Was soll ich wissen?

Lukas ist tot.

Ich blinzelte. Tot wie?

Sie schluchzte lauter. Er ist vor zwei Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen, in der Nacht des Gewitters.

Nein, nein, nein, schrie ich. Ich schubste sie weg und beschimpfte sie, weil es grausam war, das zu sagen. Ich zeigte ihr die SMS, die Lukas mir am Vorabend geschickt hatte, und die Sprachnachricht: Ich komme gleich. Ich vermisse deinen Körper neben meinem. Klara sah zitternd auf das Handy.

Heike er konnte das nicht mehr geschrieben haben. Er liegt bereits im Leichenschauhaus.

Die Welt kippt. Meine Knie geben nach. Ich rannte ins Bad, schnappte das nasse Handtuch, das er benutzt hatte, und den Pullover, den er auf dem Boden liegen ließ, sowie die Bissspur an meinem Hals.

Er war hier. Er musste hier gewesen sein. Doch die Wahrheit war, Lukas wurde erst gestern beerdigt. Und irgendwie hatte ich letzte Nacht mit ihm Liebe gemacht.

Die Tage vergingen, die Nächte wurden unerträglich. Ich konnte nicht schlafen. Immer, wenn ich die Augen schloss, sah ich ihn manchmal am Fußende meines Bettes, manchmal flüsterte er mir ins Ohr. Eines Nachts hörte ich seine Stimme: Weine nicht, Liebling. Ich bin bei dir. Ich versuchte, das Gespräch aufzunehmen, aber nur Rauschen und mein eigenes ängstliches Atmen kamen zurück.

Dann blieb meine Periode aus zweimal. Ich dachte, Stress, Trauer, das Trauma seien schuld. Bis ich am fünften Tag an einem Tag erbrach.

Ich machte einen Schwangerschaftstest.
Zwei Linien.
Positiv.

Ich fiel in ein Schneckenhaus. Die einzige Person, mit der ich die Nacht verbracht hatte, war Lukas und er war tot, begraben und verfault. Doch etwas wuchs in mir. Etwas trieb nachts, etwas leuchtete unter meiner Haut, wenn das Licht aus war. Und jedes Mal, wenn ich weinte und sagte, ich halte das nicht mehr

hörte ich aus den Schatten flüstern:
Du bist nicht allein. Unser Kind kommt.

**Episode2**
Ich erinnere mich nicht, wann ich eingeschlafen bin. Ich wachte nur in der Badewanne auf, den Schwangerschaftstest fest in der Hand, die rosafarbenen Linien verspotteten meinen Verstand. Ich hatte seit Tagen niemanden mehr gesprochen nicht einmal Klara. Mein Handy vibrierte dutzende Male, der Name leuchtete auf dem Bildschirm, doch ich ignorierte jede Meldung.

Wie sollte ich erklären, dass ich ein Kind eines Mannes erwarte, der seit Wochen im Erdreich liegt? Wer würde mir glauben? Ich selbst glaubte kaum noch an mich, bis in dieser Nacht.

Kaum hatte ich den Schlaf gefunden, drückte etwas von innen gegen meinen Bauch. Es war kein gewöhnlicher Tritt. Es fühlte sich bewusst, gezielt an, fast als wolle es meine Aufmerksamkeit erregen. Ich setzte mich keuchend auf, die Hände auf dem Bauch, und dann hörte ich wieder seine Stimme.

Fürchte dich nicht, mein Schatz. Ich habe dich auserwählt.

Ich schrie und sprang aus dem Bett. Im Spiegel sah ich meinen Bauch, zog das TShirt hoch und schwöre, ich sah ein schwaches blaues Leuchten unter meiner Haut flackern. Es zuckte und verschwand. Meine Beine gaben nach, ich fiel weinend zu Boden.

Am nächsten Tag zwang ich mich ins Krankenhaus. Ich erzählte der Ärztin, dass ich nach einem Besuch meines Freundes schwanger geworden sei. Ich log über den Zeitpunkt, über alles bis auf die Symptome.
Seltsame Träume. Haut, die schimmert. Stimmen, die jemand hört, der nicht mehr da ist.

Der Ausdruck der Ärztin wechselte von Besorgnis zu ruhigem Verdacht.

Wir machen ein paar Untersuchungen, sagte sie vorsichtig. Stress kann den Geist stark beeinflussen, besonders in Kombination mit den Hormonen der Schwangerschaft.

Sie drückte das Stethoskop an meinen Bauch. Ihr Gesicht erstarrte.

Ich kann keinen Herzschlag hören, aber etwas bewegt sich.

Sie ordnete ein Ultraschallbild an. Während ich auf der kalten Metallliege lag, wurde das Gesicht der Technikerin blass. Sie justierte den Scanner, sagte nichts, bis ich nachfragte.

Da ist ein Fötus, hauchte sie. Aber er leuchtet.

Ich verließ das Krankenhaus, ohne auf die Ergebnisse zu warten. Noch in der selben Nacht träumte ich erneut. Lukas stand an unserem alten Lieblingsplatz am Wannsee, die Brise spielte mit seinem Kapuzenpullover.

Unser Kind ist anders als die anderen, sagte er, seine Stimme sanfter als der Wind. Es ist ein Teil von mir und von etwas Größerem.

Was meinst du? fragte ich.

Er lächelte traurig. Du wirst es bald verstehen. Aber du musst es beschützen.

Ich wachte auf und fand die Vorhänge weit geöffnet, obwohl ich alles abgeschlossen hatte. Der Pullover, den Lukas im Traum getragen hatte, lag ordentlich gefaltet am Rand meines Bettes. Ich berührte ihn; er war noch warm.

Dann wusste ich: Was in mir wuchs, war real. Es gehörte ihm, und es veränderte mich.

Am nächsten Tag rief ich endlich Klara an. Sie kam sofort, umarmte mich fest und hörte mir alles zu. Ich zeigte ihr das leuchtende Glühen an meinem Bauch, erzählte von den Träumen, der Stimme, dem Kind.

Sie lachte nicht. Sie schrie nicht. Sie flüsterte:
Ich muss dich an einen Ort bringen.

Wir gingen zu einem alten Haus hinter der Dorfkirche meiner Großmutter. Im Inneren saß eine alte Frau mit grauen Zöpfen und bleichen Augen. Sie sah mich einmal an und sagte:

Du bist nicht die Erste, aber du musst die Letzte sein.

Ich fragte, was das bedeuten solle, und ihre Antwort ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

In deinem Leib trägt ein gebundenes Wesen ein Kind. Dieses Kind ist zugleich Segen und Warnung. Sein Vater durfte nicht zurückkehren. Jetzt ist das Tor offen, und andere wollen hindurch.

Um es zu holen? fragte ich.

Um dich zu holen.

Plötzlich flackerten die Lichter, ein kalter Luftzug schoss durch die Fenster. Und aus den Schatten hörte ich wieder Lukas Stimme:

Lauf.

**Episode3**
Der Raum erstarrte. Die Augen der alten Frau weiteten sich vor Furcht, während Schatten unnatürlich lange Krallen an die Wände warfen.
Er ist hier, flüsterte sie und drückte ein Rosenkranz aus Dornen und Knochen zusammen.

Klara zog mich hinter die alte Frau. Doch ich fürchtete nicht mehr Lukas, sondern die Wesen, von denen die Frau gesprochen hatte die, die er durch das Brechen der Regeln freigesetzt hatte.

Sie streute Asche zu einem Kreis und befahl mir, hineinzustehen.
Verlasse den Kreis nicht, egal was passiert. Verstehst du?, warnte sie. Du bist jetzt eine Brücke zwischen Leben und Tod. Und Brücken werden von beiden Seiten überquert.

Ich trat in den Kreis. Mein Bauch strahlte erneut das unheimliche Licht. Das Baby trat kräftiger als je zuvor.

Dann hörte ich Stimmen Dutzende, vielleicht Hunderte. Schreie, Stöhnen, Flehen, Lachen. Alles kam aus der Dunkelheit.

Lukas, bitte, flehte ich. Was geschieht hier?

Plötzlich sah ich ihn nicht mehr wie zuvor. Seine Augen waren leer, gefüllt mit Trauer und Angst.

Es tut mir leid, sagte er. Ich wollte dich nicht in das hineinziehen. Ich wollte nur noch einen weiteren Abend, einen Moment mehr. Ich wusste nicht, dass ich ein Tor öffne.

Tränen liefen meine Wangen hinunter.
Warum ich? Warum das Kind?

Er sah zuerst zu meinem Bauch, dann zu mir.
Weil unsere Liebe stärker war als der Tod. Aber eine solche Liebe bricht die Gesetze.

Aus den Schatten kam eine verdrehte Gestalt mit halbgesichtigem, feurigem Blick. Sie pfiff, als sie mich sah. Lukas stellte sich schützend vor uns.

Du darfst sie nicht haben!, brüllte die Gestalt. Du kannst unser Kind nicht mitnehmen!

Das Monster lachte.
Du hast das Gesetz gebrochen, Geist. Du hast die Lebenden berührt. Jetzt schmausen wir.

Der Raum bebte. Die alte Frau begann in einer fremden Sprache zu singen. Klara hielt meine Hand, weinte.

Heike! Verlass den Kreis nicht!

Ich schrie, während das Monster auf mich zusprang. Lukas stieß es in die Luft. Die alte Frau schrie:

JETZT! Wähle, Kind! Leben oder Liebe?

Lukas, blutend und verblassend, wandte sich zu mir.
Lass mich los, mein Herz. Für unser Kind. Für dich.

Ich schüttelte den Kopf, weinte.
Ich kann dich nicht noch einmal verlieren!

Du hast mich nie verloren. Ich lebe in ihm, in dir. Aber wenn du festhältst, werden sie alles nehmen.

Lichter explodierten, der Boden zerbrach, Schatten heulten. Mit allem Schmerz in meinem Herzen schrie ich seinen Namen und sagte Lebewohl.

In diesem Moment lächelte er. Und verschwand.

Die Dunkelheit zog sich zurück. Das Monster kreischte, zerfiel zu Rauch. Stille fiel.

Ich sackte zusammen. Der Kreis erlosch. Das Baby in mir trat einmal, dann noch einmal und beruhigte sich.

Neun Monate später brachte ich einen Jungen zur Welt. Er weinte nicht wie andere Kinder, er sah mich still und ruhig an, als wüsste er bereits alles. Seine Haut schimmerte leicht im Dunkeln. Und manchmal, wenn ich ihm nachts ein Wiegenlied singe, höre ich eine zweite Stimme, die mit meiner harmoniert Lukas Stimme.

Ich nannte unser Kind **LukasHein**, was so viel bedeutet wie Lukas gehört Gott.

Denn er war nie ganz meiner.

Bevor er in das Jenseits ging, hinterließ er mir ein letztes Geschenk: ein Stück von ihm, das kein Schatten je rauben kann.

**Lern­satz:** Man kann die Vergangenheit nicht leugnen, doch wenn wir das Herz öffnen, lernen wir, dass wahre Liebe nicht an den Tod gebunden, sondern an das Licht in uns weiterlebt.

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