In der Fabrik machten die Männer oft Scherze über den Nachnamen von Savelij. Auch die Frauen konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen – besonders, wenn sie ihn zum ersten Mal hörten.

In der Fabrik machen die Männer oft Witze über den Nachnamen von Siegfried. Auch die Frauen können es sich meist nicht verkneifen, besonders wenn sie ihn zum ersten Mal hören.

An diesem Morgen steht am Werks-Eingang eine neue Sicherheitsmitarbeiterin eine Frau um die vierzig. Als sie beim Einlass die Zugangskarte von Siegfried abliest, huscht sofort ein Lächeln über ihr Gesicht.

Ach du meine Güte! Kobold! Gibt es solche Nachnamen wirklich? fragt sie amüsiert.

Na, du siehst es ja selbst, antwortet Siegfried und wechselt gleich ins vertrauliche du, weil die Frau jünger wirkt als sie vermutlich ist. Kommt öfter vor, als du denkst.

Wo kommt denn so ein Name her? Hat dein Uropa etwa mit einem Kobold Tee getrunken? fragt sie neugierig, mit blitzenden Augen. Also, Kobold?

Siegfried kann darüber nur lachen, denn auf diese Art Fragen hat er sich längst passende Antworten zurechtgelegt.

Heißt es nicht, meine Urgroßmutter habe sich in grauer Vorzeit mit einem Hausgeist eingelassen? Und daraus entstand dann unser Nachname. So erzählen wir das in der Familie gern, schmunzelt Siegfried.

Anstatt über seinen Scherz zu lachen, schaut die Wachfrau ihn mit ernster Miene an Siegfried lacht darüber doppelt so laut.

Redest du ehrlich? fragt sie plötzlich leise und wirkt fast verängstigt.

Klar, treibt Siegfried den Spaß weiter. Seit damals haben alle Kobolds in meiner Familie ein bisschen was Übersinnliches. Also, mach dich lieber nicht mit mir, hübsche Frau, gemein. Sonst erscheine ich dir nachts als Hausgeist dann kannst du nicht schlafen.

Jetzt blickt sie Siegfried ein wenig misstrauisch an, setzt dann wieder ihr strenges Gesicht auf und sagt:

Du brauchst mir keine Angst zu machen. Mit so einem Kobold wie dir komme ich schon klar, also geh jetzt weiter und halt den Betrieb nicht auf.

Am Abend ist sie wieder am Eingang, als Siegfried Feierabend macht. Sie schaut ihn diesmal recht missmutig an.

Hey, hübsche Frau, wieso bist du jetzt so grimmig? fragt er freundlich.

Ich heiße nicht hübsche Frau, sondern Frau Braunschmidt! faucht sie und blickt streng. Und hör auf, mich so zu mustern. Weitergehen!

Na super, denkt Siegfried beim Verlassen des Werksgeländes, jetzt habe ich mir wohl einen Feind gemacht. Sie scheint keinen Sinn für Humor zu haben, diese Frau…

Am nächsten Morgen ist sie nicht an der Pforte. Doch in der Mittagspause steht Frau Braunschmidt plötzlich bei ihm in der Kantine, setzt sich leise an seinen Tisch und flüstert so, dass nur er sie hört:

Nun rück schon raus, Kobold! War das heute Nacht deine Schuld?

Siegfried verschluckt sich fast am Kartoffelpüree.

Wie bitte? Was meinen Sie, Frau Braunschmidt? Was soll denn meine Schuld gewesen sein?

Stell dich nicht dumm, Kobold! Du hast mich doch gewarnt.

Wovor denn?

Du hast doch gestern gedroht, du könntest mir als Hausgeist erscheinen hast du, oder?

Ach was, das war doch nur ein Spaß! Ich erzähl das immer. Die meisten Leute lachen drüber, Sie…

Aha und wer hat mich dann heute Nacht an den Fuß gefasst?

Wie bitte, angefasst?

So wars! Kaum schlafe ich ein, spüre ich, wie meine Bettdecke an meinem Bein entlangrutscht. Und dann grapscht mich jemand ganz sanft am Fuß. Ich bin fast vor Schreck aus dem Bett gefallen!

Frau Braunschmidt, das meinen Sie doch nicht ernst! Glauben Sie tatsächlich, ich bin durch Ihr Fenster geklettert und habe Sie angefasst?

Ob durchs Fenster oder anders, ist mir egal ich habe deine Hand deutlich gespürt!

Meine? Siegfried ist ratlos. Vielleicht wars doch Ihr Mann, der sich da einen Scherz erlaubt hat?

Was für ein Mann? Ich bin seit fünf Jahren geschieden! Das warst eindeutig du!

Und warum glaubst du das?

Weil du eben ein Kobold bist! Deine Vorfahrin war doch mit einem Hausgeist zugange! Das hast du gesagt!

Ich sags doch das war ein Witz! Ich erzähl das jedem, aber Sie…

Und jetzt habe ich den Salat! Sie sieht ihn streng an. Wegen dir konnte ich die ganze Nacht nicht mehr einschlafen. Kaum döse ich ein, raschelt es in allen Ecken.

Sie haben sich das nur eingebildet, Frau Braunschmidt, ehrlich. Ich wars nicht.

Doch sie schüttelt hartnäckig den Kopf.

Nein, Kobold! So leicht kommst du nicht davon. Du hast angefangen, jetzt bring es in Ordnung!

Was in Ordnung bringen? Siegfried schaut sie verblüfft an. Wie meinen Sie das?

Ganz einfach! Ich habe von den Kollegen erfahren, dass du offenbar alleinstehend bist.

Und?

Heute Nacht kommst du zu mir. Niemand wird sich beschweren, richtig?

Wie bitte? Was soll ich bei Ihnen?

Ich möchte, dass du heute Nacht deine Hausgeister von mir fernhältst! Ich will schlafen, aber im Dunkeln hab ich jetzt Angst. Und bei Licht schlafe ich nicht ein. Verstehst du?

Ich… verstehe, nickt Kobold zögerlich, denn mit ihr zu diskutieren bringt wohl nichts. Wann soll ich kommen?

Direkt nach der Schicht. Wir gehen gemeinsam, damit du mich nicht reinlegst. Ich koche was für dich, ein Bett habe ich auch. Um neun wecke ich dich und du passt auf, die ganze Nacht, dass mir kein Hausgeist zu nahe kommt.

Man braucht nicht extra zu erwähnen, dass Siegfried seit dieser Nacht nicht mehr von der Seite von Frau Braunschmidt gewichen ist. Denn wie sich herausstellte war sie eine gute Frau: etwas nervös und leicht zu erschrecken, aber herzlich, liebevoll und fürsorglich. Und was braucht ein Mann mehr? Etwas Zuneigung und Verständnis mehr nicht.

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