Anton bemerkte den am Bänken liegenden Hund und rannte sofort zu ihm. Auch das lose Geschirr, das Heike achtlos fallen gelassen hatte, rollte in sein Blickfeld. Fritz, der Hund, starrte mit mürbeler, klagender Augen zu seinem Besitzer
Seit fast zwei Jahren sprachen die Geschwister kaum noch miteinander. Heike hatte bis heute nicht begriffen, wie aus einer winzigen Begebenheit ein so heftiger Konflikt entstehen konnte.
Heike und ihr Bruder Viktor Rumjanzew waren ein Jahr apart geboren. Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich, immer füreinander einstehend. Welcher Streich auch immer ihnen einfiel, die Verantwortung teilten sie gleichmäßig, nie schoben sie den anderen in den Hinterhalt.
Ihr Heimatdorf Kleinau blühte von Jahr zu Jahr auf. Glücklicherweise stand dort der Dorfvorsteher Paul Meyer, ein gebürtiger Ökonom, der das Dorf mit klarem Kopf leitete.
Nach dem Abschluss seines Agrarstudiums kehrte Paul in sein Dorf zurück und begann sofort, aktiv zu wirken. Seine Anstrengungen wurden rasch anerkannt, und nach zehn Jahren war er Vorsitzender der Gemeindeverwaltung von Kleinau.
Auch ihr Privatleben entwickelte sich gut. Heike, nachdem sie die Fachschule für Gesundheitswesen abgeschlossen hatte, arbeitete in der Dorfarztpraxis als Krankenschwester. Paul konnte nicht einfach an einer solch ansprechenden Frau vorbeigehen. Heike erwiderte sein Interesse, sie heirateten, und das ganze Dorf feierte die Hochzeit. Viktor freute sich aufrichtig über das Glück seiner Schwester, obwohl seine eigene Ehe mit Nadine alles andere als sorgenfrei verlief.
Während Heike noch jung und unerfahren war, kritisierte Nadine sie gelegentlich, nannte sie wertlos oder eingebildet. Doch nach der Heirat verwandelte sich die Missgunst in Neid. Nadine stellte immer höhere Forderungen: ein größeres Haus, ein besseres Auto, ein teureres Trikot
Viktor beschwerte sich immer wieder: Alle anderen haben alles, wir haben nichts! Er gab sein Bestes, doch Nadines Wünsche ließ weder Geld noch Kraft befriedigen.
Auch Nadine war unglücklich: das Glück der Mutterschaft blieb ihr verwehrt. Während Heike eine glückliche Familie gründete, einen Sohn und später eine Tochter bekam, ein geräumiges Haus baute und ihr Mann eine angesehene Position erlangte
Die Familientreffen endeten immer häufiger in Scharmützel. Jedes Mal, wenn Viktor Heike besuchte, begann Nadine sofort, ihren Mann zu schikanieren.
Der letzte Streit ereignete sich an Viktors Geburtstag. Heike brachte ihm aus der Stadt einen Labradorwelpen, den er sich schon lange gewünscht hatte. Paul schenkte ihm zusätzlich ein neues Motorrad.
Alles verlief noch friedlich, bis die betrunkene Nadine in einen Wutanfall geriet und Heike die aufgestaute Stimmung an den Pranger stellte:
Na, Heike, der Hund das ist doch nur ein Spiel? Wenn wir keine Kinder mehr haben, kaufen wir doch einfach einen Hund, oder?
Heike versuchte die Situation zu beruhigen:
Nadine, beruhige dich. Später wirst du dich schämen
Doch ihre Worte fanden keinen Anklang. Ein gewaltiger Streit brach aus, die Gäste spalteten sich in zwei Lager. Paul flüsterte seiner Frau zu, sie sollten gehen, und nachdem sie sich verabschiedet hatten, verließen sie die Feier.
Zwei Jahre vergingen. An jenem Abend begann Viktor, den Kontakt zu seiner Schwester zu meiden; ihre Treffen wurden zu wenigen, kurzen Begegnungen. Gleichzeitig wuchs die Spannung zwischen ihm und Nadine.
Abends schlenderte Viktor immer häufiger zum Fluss mit Fritz. Zu zweien schienen sie glücklich: Viktor warf einen Stock, Fritz rannte begeistert hinterher, legte sich dann an seine Füße und lauschte aufmerksam den leisen Erzählungen seines Herrn.
Die Nachbarn wussten davon, taten aber nichts Viktor blieb unbeirrt.
Nach dem unglücklichen Wortgefecht hasste Nadine Heike immer mehr, ebenso den ihr geschenkten Fritz. Wenn Viktor nicht zu Hause war, trieb sie den Hund aus dem Haus, ließ ihn liegen und schlug ihn sogar gelegentlich.
Die neugierigen Nachbarsfrauen gossen das Öl ins Feuer:
Hör zu, Nadine, dein Mann wandert wieder mit dem Hund am Fluss entlang
Gestern traf er Heike, ihren Mann und die Kinder Sie lachten und scherzten!
Der Neid überflutete Nadine völlig. Einmal fragte Viktor:
Nadine, tust du Fritz weh?
Brauche ich deinen Hund?! fauchte sie und verließ den Raum.
Fritz versteckte sich immer öfter vor Nadine und zitterte, sobald sie auftauchte.
Alles endete, als Viktor eines Morgens wütend ausrief:
Mir reicht das ewige Neidschlagen!
Allein und vor Wut kochend, zerrte Nadine Fritz zum Hof, band ihn an die Bank und schlug mit dem Gürtel zu. Der arme Hund jaulte vor Schmerz. Nachdem ihr Zorn verraucht war, ließ sie den Gürtel fallen, packte ihre Sachen und verließ das Haus für immer.
Abends kam Viktor zurück, doch der Hund war am Tor nicht zu finden. Im Haus herrschte Chaos. An der Bank entdeckte er Fritz, gefesselt, die Hände wütend zusammengebunden. Schnell befreite er ihn und trug den verletzten Hund in die Tierarztpraxis.
Heike bereitete sich gerade darauf vor, nach Hause zu gehen, als sie ihren Bruder mit dem blutenden Fritz im Arm sah:
Heike, hilf flehte Viktor verzweifelt.
Sie brachten Fritz sofort zur Behandlung. Heike untersuchte das Tier gründlich:
Wer hat das getan?
Nadine senkte Viktor den Blick.
Heike nickte schweigend, nähte die Wunden, wischte das Blut ab, gab ihm Wasser.
Später flüsterte Viktor ihr im Flur zu:
Entschuldige, Heike
Schon gut, lächelte die erschöpfte Schwester. Und Nadine?
Nein, Heike. Das wars.
Heike rief Paul an:
Paul, komm bitte zu mir.
Kaum hörte sie die müde Stimme ihrer Frau, fuhr Paul sofort los.
Eine halbe Stunde später stand er im Flur. Als er das zusammengekauerte Geschwisterpaar sah, lag Fritz daneben, leise stöhnend, ohne Fragen zu stellen, nur lächelnd:
Kommt her, meine Helden.
Sie brachten Viktor nach Hause und gaben ihm Ratschläge zur Pflege des Hundes.
Als Heike ihrer Mutter vom Vorfall erzählte, seufzte diese nur:
Sie hätten sich längst scheiden lassen sollen.
Sie drehte sich um und eilte zu ihrem Sohn, um beim Aufräumen zu helfen.
Im Trainingsraum saß Viktor, streichelte Fritz. Die Mutter kam, streichelte beide:
Seid ihr am Leben?
Am Leben, antwortete Viktor.
Ein zarter Duft von gekochtem Fleisch und frischem Gemüse wehte aus dem Haus. Fritz schnüffelte, wedelte mit dem Schwanz. Viktor lächelte und stand auf.
Das Leben ging weiter.