Der letzte Anruf

Der letzte Einsatz

Schon in aller Frühe beschlich mich, Anneliese, ein seltsames Gefühl, als würde etwas Schlimmes geschehen.

Etwas Unheilvolles

Sofort rief ich meine Mutter an. Brigitte, meine Mutter, überzeugte mich, dass alles in Ordnung war:

Mein Blutdruck ist wie bei einer Astronautin, der Kopf tut nicht weh. Warum fragst du?

Ach, nur so, vorsichtshalber antwortete ich. Gut, ich muss mich für die Arbeit vorbereiten. Ruf mich bitte an, falls etwas ist.

Natürlich, mein Schatz.

Eigentlich hätte mich das Gespräch beruhigen sollen, doch das Gefühl blieb und wollte einfach nicht verschwinden.

Ich verstand nicht recht, was mir so zusetzte, denn es gab keinen offensichtlichen Anlass zur Sorge. Andererseits, mit meinem Job konnte jederzeit alles passieren und montags war es eh immer besonders schwer.

Ich trank den Kaffee aus, warf einen Blick auf die alte Schwarzwälder Uhr, die auf halb sieben stand, zog mich schnell an, griff mir noch etwas zu essen und machte mich auf den Weg zur Arbeit.

*****

Auf dem Gelände der Rettungswache begegnete ich Matthias der Fahrer, mit dem ich die heutige Schicht im Krankenwagen durch Freiburg düsen würde. Er winkte mir freundlich, ich nickte nur müde zurück.

Anneliese, was schaust du so grimmig drein? grinste Matthias, während er sich eine Zigarette anzündete. Ist was passiert?

Nein, Matthias. Noch nicht. Aber ich spüre, heute wird noch was passieren, sagte ich gedankenverloren.

Ach was Wie kommst du denn auf so einen Gedanken am frühen Morgen? Hast du schlecht geschlafen?

Ich schwieg.

Stattdessen blickte ich zum Himmel. Alles war grau und wolkenverhangen; bald würde es heftig zu regnen beginnen.

Regen mochte ich noch nie besonders.

Vielleicht lags also nur an der schlechten Stimmung? Vielleicht ist es ja gar kein schlechtes Vorzeichen, sondern einfach nur diese Stimmung wegen des Wetters? Da musste ich tatsächlich lächeln, froh darüber, eine Erklärung für meine Unruhe gefunden zu haben.

Aber schon im nächsten Moment kehrte das ungute Gefühl zurück.

Gute Schicht Euch! rief eine junge Kollegin, die an uns vorbeihetzte.

Matthias verschluckte sich beinahe am Rauch, ballte dann seine Faust und hob sie scherzhaft. Die Kollegin erschrak sichtlich.

Ach herrje, tut mir leid voll vergessen, meinte sie betreten.

Sie war erst seit letzter Woche auf der Wache, frisch gebackene Notfallsanitäterin. Noch war ihr nicht bewusst, dass es als schlechtes Omen gilt, einer neuen Schicht Glück zu wünschen.

Jetzt passiert erst recht was, murmelte ich leise und mir lief ein Schauer den Rücken hinab.

Pah, Schicksalsglaube grummelte Matthias, warf die Kippe in einen Blechmülleimer.

*****

Ich kaute nervös an meinen Lippen immer dann, wenn die Disponentin am Funk einen neuen Einsatzauftrag durchgab:

Mann, 35 Jahre alt, starke Kopfschmerzen, spricht verwaschen. Verdacht auf Schlaganfall.

Das hätte ich jetzt echt nicht gebraucht , dachte ich. Rettungskräfte müssen auf alles gefasst sein, aber

Jeder Einsatz ging mir nahe, besonders, wenn es ums Leben ging. Bei Verdacht auf Schlaganfall durfte ich nichts falsch machen. Gerade heute

Glücklicherweise war es bei diesem Mann kein Schlaganfall.

Seine verwaschene Sprache kam daher, dass er fast die ganze Nacht den Geburtstag eines Freundes gefeiert hatte. Der Kopf brummte ihm vom Kater. Ich gab ihm natürlich eine Tablette und riet, sich auszuschlafen.

Und ein Bierchen gegen die Kopfschmerzen, hilft das? fragte er hoffnungsvoll.

Bloß nicht! Das macht es schlimmer. Wenn Sie lange und glücklich leben möchten lassen Sie besser ganz die Finger vom Alkohol.

Als ich aus der Wohnung trat, war ich richtig erleichtert.

Vielleicht hatte Matthias ja recht und alles Ungute stammte einfach nur von Überarbeitung und Stress. Ich begann mich zu beruhigen, da meldete sich die Leitstelle:

Ab zum Friedhof

Wohin?! Matthias schaute erstaunt.

Auf den Friedhof, antwortete ich, das Tablet ganz fest in der Hand.

Dort, auf dem städtischen Friedhof von Freiburg, sollte ein bekannter Künstler, ein Sohn der Stadt, beigesetzt werden (seltsam, dass ich nie von ihm gehört hatte).

Es waren viele Leute da. Junge und alte, Männer, Frauen, einige weinten. Andere sprachen gute Worte über den Verstorbenen.

Jede Minute wartete ich auf das Unvermeidliche. Matthias rauchte seine Zigaretten.

Doch zum Glück geschah nichts, niemand brauchte unsere Hilfe.

Später kamen noch ein paar Routineeinsätze die alltäglichen Fälle, die sich ständig zu wiederholen schienen.

Fast zwölf Stunden vergingen wie im Flug, die Schicht näherte sich dem Ende.

Noch zehn Minuten, dann konnten wir zurück auf unsere Stammwache.

Ich träumte bereits davon, nach Hause zu kommen, zu duschen und direkt ins Bett zu fallen. Morgen wäre ein neuer Tag, und ich hoffte, er würde besser werden.

Sicherheitshalber rief ich, zum zehnten Mal, meine Mutter an.

Alles bestens, sagte Brigitte. Ich mache mir noch Abendbrot und schau dann ein wenig fern.

Und, was sagt die Mutter? fragte Matthias, nachdem ich das Telefon weggelegt hatte.

Alles gut.

Siehst du! lächelte Matthias breit. Ich habs dir doch gesagt: Heute passiert nichts Schlimmes. Aber du und deine Vorahnungen

Doch, Matthias, dieses Gefühl ist immer noch da Ich versteh einfach nicht, was mich so beunruhigt.

Du solltest dir vielleicht ein Haustier anschaffen. Nichts hilft besser gegen Stress.

Im Ernst?

Aber ja! Ich hab zu Hause meinen Kater Max. Wenn ich heimkomme, springt der auf meinen Schoß, schnurrt und schnurrt davon wird mir direkt warm ums Herz und alle schlechten Gedanken verschwinden. Und ich schlafe wie ein Säugling.

Aber, Matthias, mit meinem Schichtdienst, wie soll das gehen? entgegnete ich. Wer soll sich dann kümmern? Du hast wenigstens Familie. Ich lebe allein.

Ich wollte noch mehr sagen, doch in dem Moment vibrierte das Tablet wieder ein Einsatz. Die Stimme der Disponentin klang aus dem Lautsprecher:

Anneliese, tut mir leid, aber deine Schicht ist noch nicht vorbei. Noch ein letzter Einsatz. Schillerstraße 14. Wohnung einen Moment

Ist das etwa Nummer 30?

Ja, richtig Wohnung 30, Anneliese. Woher weißt du das? wunderte sich die Disponentin.

Da wohnt doch Herr Friedrich. Ich bin da ja schon Stammgast. Was ist diesmal wieder Herzprobleme?

Ich hörte sie schwer aufatmen. Da bekam ich ein ganz ungutes Gefühl.

Er ist verstorben, Anneliese Bereits heute Morgen. Die Polizei ist schon vor Ort, aber du musst wegen der Formalitäten hin, du weißt schon

Ich weiß, entgegnete ich leise.

Mit zitternder Hand legte ich das Tablet auf den Schoß und blickte zu Matthias. Er hatte alles gehört, schwieg aber.

Schließlich sagte er:

Schade um Herrn Friedrich. So, wie du von ihm erzählt hast ein feiner Mensch. Aber Anneliese, gib dir keine Schuld. Er wollte ja selbst nicht ins Krankenhaus und auch beim Arzt war er nie… Das war seine eigene Entscheidung. Du bist nicht verantwortlich.

Hm

Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen und zog mich eine Weile in mich selbst zurück.

*****

Ich hatte Herrn Friedrich vor anderthalb Monaten kennengelernt. Er hatte selbst den Notruf gewählt wegen starker Schmerzen in der Brust.

Die Haustür ist offen, Sie können direkt reinkommen, hatte mir damals die Leitstelle gesagt.

In Ordnung.

Kaum trat ich in den Flur, da kam ein kleiner Welpe auf mich zu. Ganz winzig, passte grade mal so auf meine Handfläche.

Er knurrte erst, dann bellte er energisch. Doch als Herr Friedrich ihn rief, lief der Kleine mit wedelndem Schwänzchen zu ihm.

Ich hab ihn draußen gefunden und bei mir aufgenommen, jetzt beschützt er mich, lächelte Herr Friedrich, als er sich mühsam vom Bett aufrichten wollte.

Bleiben Sie liegen, bremste ich ihn. Und, der Hund ist ja wirklich süß. Ich hätte selbst gern einen, könnte mich aber nicht kümmern.

Warum nicht?

Es gibt Gründe. Aber reden wir über Sie: Was spüren Sie, seit wann, gehen Sie zum Arzt?

Der Rentner beantwortete alle Fragen. Die Herzprobleme begannen vor einem Jahr, als seine Frau gestorben war. Früher ging er regelmäßig zur Praxis, aber die Behandlung brachte wenig.

Wissen Sie, mir wird in den Wartezimmern immer schlechter. Und die Schmerzen sie kommen und gehen.

Können Sie sie genauer beschreiben?

Nichts Besonderes. Es tut eben weh, manchmal mehr, manchmal weniger. Mal helfen Tropfen, mal eine Tablette unter die Zunge.

Aber beides ist keine Therapie, lächelte ich. Wir sollten ein EKG machen.

Tatsächlich zeigte das EKG Probleme. Ich empfahl Einweisung ins Krankenhaus, aber Herr Friedrich weigerte sich strikt.

Und was ist dann mit Max? Sie können mir was zum Spritzen geben, aber ins Krankenhaus gehe ich nicht.

Aber das hilft nur kurzzeitig. Ich würde Ihnen wirklich raten, in die Klinik zu gehen.

Ihre Kollegen haben auch nie gedrängt. Und wie Sie sehen, ich lebe ja noch. Krankenhaus? Nur über meine Leiche. Schreiben Sie mir notfalls eine Ablehnung.

Ich konnte ihn nicht überzeugen, nicht an diesem Tag, nicht beim nächsten Mal.

Schließlich fuhr immer ich zu seinen Einsätzen. Herr Friedrich rief oft an bestimmt einmal die Woche.

Früher war das nie so. Jetzt lassen die Schmerzen nicht mehr nach

Weil Ihre Krankheit schlimmer wird, und es keine Behandlung gibt. Vielleicht diesmal ins Krankenhaus?

Nein entschuldigen Sie, Anneliese, das geht nicht. Er streichelte mit zitternden Händen den Welpen. Ich kann Max doch nicht alleinlassen, er ist doch noch so klein.

Und wenn Ihnen was passiert was dann mit ihm?

Mir passiert nichts! Und sollte doch was sein, dann finden sich bestimmt liebe Menschen, die sich kümmern. Ich hab sogar meiner Nachbarin gezeigt, wo das Geld für Futter liegt.

Geld? Warum das?

Na, damit sie Futter für ihn kaufen kann. Viele nehmen keine Hunde von der Straße, weil ihnen das Geld fehlt.

Ein guter Mensch.

Und jetzt fuhr ich erneut zu Herrn Friedrich aber dieses Mal würde ich nicht mehr mit ihm reden können. Es tat weh

Es war tatsächlich der letzte Einsatz.

Und ehrlich gesagt anders als Matthias meinte fühlte ich mich schuldig. Ich hätte ihn überzeugen müssen, ins Krankenhaus zu gehen ich hätte es müssen

Anneliese, wir sind da.

Was? Ich spürte erst jetzt seine schwere Hand auf meiner Schulter.

Wir sind angekommen.

Mit wackligen Knien stieg ich die Treppe hinauf zur dritten Etage, betrat die Wohnung, wo schon der Bezirksbeamte und die Nachbarin, Frau Baumgartner, warteten. Sie hatte ich auch kennengelernt bei einem früheren Notfall.

Damals war Herrn Friedrich auf der Straße schlecht geworden. Er hatte Max auf dem Arm und bat die Nachbarin zu telefonieren. Frau Baumgartner war damals da, wir kamen ins Gespräch.

Guten Abend, Anneliese.

Guten Abend, Frau Baumgartner, sagte ich leise. Sie haben also die Polizei gerufen?

Ja, sicher. Wer denn sonst. Der Hund bellte den ganzen Morgen. Ich wunderte mich schon, warum Herr Friedrich nicht wie immer Gassi ging. Dachte, vielleicht ist er schlecht drauf. Dann fuhr ich zur Kleingartenanlage und kam erst spät zurück. Er bellte immer noch. Da hab ich die Polizei gerufen. Der Bezirksbeamte kam mit einem Schlüsseldienst, sie haben die Tür geöffnet, und dann sie zeigte in Richtung Schlafzimmer.

Ich verstehe, danke.

Ich ging hinüber, betrachtete Herrn Friedrich lange, kämpfte mit den Tränen, schrieb letztlich das Formular. Plötzlich kam ein Gedanke ich suchte in der Wohnung herum, schaute in die Küche, im Bad und auf dem Balkon.

Suchen Sie etwas? fragte der Polizist aufmerksam.

Der Welpe müsste hier irgendwo sein, aber ich sehe ihn nicht. Haben Sie ihn gesehen?

Dunkel, klein? Ja, der war hier. Ist uns unter die Füße gelaufen, hat gebellt, grinste der Beamte, wollte wohl den Chef schützen. Ich glaube, die Nachbarin hat ihn genommen.

Gott sei Dank!, atmete ich aus.

Ich hatte schon Angst gehabt, man habe das Tier auf die Straße gesetzt. Herr Friedrich liebte ihn doch so sehr.

Ich verabschiedete mich und ging rüber zu Frau Baumgartner, die schon gegangen war.

Anneliese? sie war überrascht. Ist noch was?

Ich wollte Ihnen nur danken, dass Sie Max genommen haben. Geht’s ihm gut? Ist er sehr verstört?

Wer denn?

Max, der Welpe Sie haben ihn doch?

Ach, der Kleine Ich hab ihn wirklich geholt, aber dann wieder rausgelassen. Er bellte ständig, sogar auf die Polizei los. Da dachte ich, draußen ists vielleicht besser für ihn. In der Wohnung macht das ja keinen Sinn mehr, der Herr ist ja tot. Und ich habe Kopfschmerzen vom Lärm bekommen.

Sie haben ihn auf die Straße gesetzt?

Nicht auf die Straße, nur rausgelassen er findet schon seinen Weg. Und vielleicht findet sich ein gutes Herz, das ihn aufnimmt.

*****

Ich rannte hinaus in den Regen, der jetzt richtig losgelegt hatte. Winzige Tropfen wurden immer größer.

Was machst du da im Regen? rief Matthias. Komm ins Auto, du wirst noch krank!

Ich stellte meine Medizinkiste ins Fahrzeug, schlug dann die Tür zu.

Was jetzt? wundert sich Matthias, der ausstieg und auf mich zukam.

Matthias, fahr schon mal zur Wache. Ich muss noch etwas erledigen.

Was denn?

Den Hund finden.

Was für einen Hund? Erklärs mir!

Ich erzählte es in aller Kürze. Matthias zündete sich eine Zigarette an und nickte.

Der Max kann nicht weit sein. Bleib bloß nicht allein. Wir suchen zusammen!

Aber du darfst das Auto doch nicht stehen lassen!

Das bleibt unser Geheimnis, Anneliese. Sonst passiert schon nichts.

So liefen wir zehn Minuten durch den Hof Hundespuren suchend, der Regen peitschte. Gleich darauf stieß auch der Beamte hinzu, der helfen wollte. Ich nahm das Angebot dankend an.

Gefunden! rief plötzlich Matthias. Ich lief hinüber.

Da genau unter der alten Bank auf der anderen Seite , da war Max. Er knurrte Matthias an, doch ließ er mich heran.

Max, du Guter! die Tränen vermischten sich mit dem Regen, der mir ins Gesicht lief. Du hast mich erkannt, Max?

Der Kleine kroch unter der Bank hervor, schaute mich traurig an, winselte.

Ich weiß, mein Lieber, ich weiß Unser Herr Friedrich ist gegangen. Er wacht jetzt von oben.

Matthias drehte sich weg, um sich die Augen zu wischen, der Beamte schaute stur zum Himmel.

Ich kann dir dein altes Zuhause nicht ersetzen. Aber ich will es versuchen, mein Kleiner. Kommst du mit?

Und Max kam.

Denn er spürte, ich würde ihm nichts Böses tun und außerdem hasste er den Regen.

*****

Am Anfang hatte ich große Angst, es nicht zu schaffen. Doch meine Mutter half wenn ich Dienst hatte, ging sie mit ihm Gassi, brachte Futter, kümmerte sich.

An freien Tagen zogen wir gemeinsam in den Park: ich, Brigitte und Max. Ich hätte nicht einen Tag bereut, diesen heimatlosen, verlassenen Welpen zu mir genommen zu haben.

Jetzt ergab alles wieder Sinn. Und ich verstand Herrn Friedrich mehr als je zuvor, auch wenn ich als Ärztin seine Entscheidung nicht gutheißen konnte.

Einige Zeit später kam sogar noch einer zu unserer kleinen Familie: der gute Polizeibeamte, Volker, den ich seit jenem Tag kannte. Schon bald stand er mit Blumen vor der Türe.

Max prüfte ihn gründlich schnupperte, blickte ihn an, und nach ein paar Sekunden bellte er klar und deutlich: Der Kerl war annehmbar.

Das bedeutete, meiner Herrin konnte jetzt wirklich nichts mehr passieren außer vielleicht, dass sie so glücklich wurde, wie sie es immer verdient hatte.

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