Liselotte, bist du zu Hause?rief Wolfgang, als er die Wohnung betrat.
Ich bin in der Küche,antwortete sie.
Sie war heute früher von der Arbeit zurückgekommen und hatte bereits das Abendessen vorbereitet.
Wolfgang zog sich aus, wusch sich die Hände und ging hinein.
Warum prahlst du nicht ein bisschen?fragte er.
Worauf soll ich denn angeben?staunte sie.
Auf dem Heimweg habe ich unsere Kollegin Rita aus der Abteilung getroffen. Sie meinte, ihr habt den Quartalsbonus bekommen. Ganz schön fett, sag ich dir.
Ja, stimmt. Und was bringt dir das?
Na, ich hab’s dir doch gestern gesagt: Meine Mutter hat angerufen, wollte, dass Sofia bei der Hypothek hilft. Du meintest, wir haben gar kein Geld. Jetzt haben wir welche. Wie wärs, wenn wir Sofia zehntausend Euro überweisen?
Wofür?fragte Liselotte neugierig.
Ach, du weißt doch, dass es für Sofia schwer ist, die Hypothek allein zu stemmen. Ich ruf gleich meiner Mutter an und sag ihr, dass wir das Geld überweisen,sagte Wolfgang und griff nach dem Telefon.
Halt!schrie Liselotte.Ich habe nie gesagt, dass ich die Hypothek für deine Schwester übernehmen soll!
Warum nicht, wenn wir Geld haben?fragte er.
Das Geld liegt nicht bei uns, sondern bei mir. Das ist der Bonus, den ich in den letzten drei Monaten mit voller Kraft erarbeitet habe!
Glaubst du ernsthaft, ich habe den ganzen Tag gemäht, nur damit deine Schwester etwas hat?biss sie zurück.Und ich habe ja keinen anderen Grund.
Lisel, sie hat doch Kinder!
Wolfgang, ich habe auch ein Kind. Viktoria ist unsere Tochter, du erinnerst dich? Sie studiert im zweiten Fachsemester und wohnt in einer WG in einer anderen Stadt.
Ich schicke ihr jeden Monat Geld zum Leben. Hast du deiner Schwester in den zwei Jahren auch nur einen Euro gegeben?
Ich weiß, dass du ihr Geld schickst.
Wäre es nicht schön, wenn ihr Vater ihr wenigstens tausend Euro für neue Strumpfhosen spendet?fragte Liselotte.Und deine Schwester, bevor sie sich in die Hypothek verstrickt, sollte doch prüfen, ob sie das überhaupt stemmen kann.
Aber die Bank hat ihr das genehmigt,widerlegte Wolfgang.
Genau. Die Bank hat kluge Leute, die rechnen können. Sie haben wohl berechnet, dass Sofia genug Geld hat. Und wenn es ihr nicht reicht, liegt das an ihrer falschen Ausgabepolitik.
Wie zum Beispiel zu oft ins Café oder den Salon zu gehen, anstatt das Darlehen zu tilgen. Deshalb zahle ich ihre Luxusausgaben nicht!
Am Abend hörte Wolfgang, wie Liselotte ihrer Mutter am Telefon sagte, dass sie gerade achttausend Euro überwiesen habe.
Interessant: Für Sofia hast du kein Geld, für deine Mutter aber schon,klagte er.
Ja, meine Mutter braucht ein neues Zahnprothese und hat nur eine kleine Rente. Und das ist meine Mutter, nicht Sofia,erklärte Liselotte.
Tatsache ist, Sofia ist meine leibliche Schwester!erinnerte Wolfgang.
Richtig, deine, nicht meine. Was willst du von mir?
Na ja, übermorgen bekomme ich mein Gehalt und überweise das Geld selbst an Sofia,sagte er.
Bitte. Noch vorher schick wie immer zehntausend Euro auf das Haushaltskonto,antwortete Liselotte.
Lisel, ich wollte schon immer fragen: Zehntausend sind nicht viel? Können wir das nicht ein bisschen senken?
Können, ja. Dann gibts nur Spaghetti mit Ketchup zum Abendessen, keine Hausklöße oder Schnitzel. Und du sparst beim Strom, beim Waschmittel und so weiter,lächelte Liselotte.
Kann man nicht einfach sparsamer haushalten, damit trotzdem Fleisch und alles andere reicht?
Probiers aus. Wenn dus schaffst, lerne ich dich gern,entgegnete sie.
Damit war das Gespräch beendet. Trotzdem dachte Wolfgang, dass Liselotte ihr Drohen nicht einhalten würde, und übertrug fast sein ganzes Gehalt an die Schwester.
Er lag damit falsch. Schon am nächsten Tag, nach der Arbeit, fand er in der Küche keinerlei Spuren eines Essens.
Lisel, was gibts heute zum Abendessen?fragte er.
Schau in den Kühlschrank,sagte sie.
Er öffnete den Kühlschrank: er war leer. Nur eine einsame Flasche Ketchup stand in der Tür, und im Gemüsefach lagen zwei schrumpelige Äpfel.
Lisel, hier ist nichts.
Wirklich? Was sollte denn da sein? Hast du was reingestellt?fragte sie.Und wusstest du nicht, dass man erst etwas hineinlegen muss, bevor man etwas herausnehmen kann?
Ich bin einfach nur hungrig,gab Wolfgang zu.
Ich hab dich ja gewarnt: Wo das Geld hinfließt, da geht das Essen hin und auch das Frühstück,sagte Liselotte, setzte sich in den Sessel und strickte.
Wolfgang musste zur Mutter fahren.
Am nächsten Tag kam Schwiegermutter Ingrid Volkmann persönlich vorbei, um die Schwiegertochter zu belehren.
Nach einem langen Monolog der Schwiegermutter sagte Liselotte:
Sie haben sich wirklich vergebens angestrengt, Ingrid. Ich habe nichts Neues gehört. Ich weiß, dass ich keine gute Ehefrau bin. Vielleicht soll ich zu Ihnen ziehen? Warum soll ich mich noch um ihn kümmern?
Quatsch! Wenn du verheiratet bist, lebst du mit deinem Mann!schrie die Schwiegermutter.
Klar, ich bin die Schlechte! Meine Wohnung ist schön, das Gehalt gut, der Bonus da. Ein Problem: Ich will das Geld nicht mit Ihnen und Sofia teilen!
Also wollt ihr also den Geldbeutel meines Sohnes leeren? Dann haltet ihn den ganzen Monat selbst. Und sag ihm, er soll keine Würstchen essen, das Hähnchen gibt er zurück,meinte Ingrid.
Zum Abendessen also Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat. Vielleicht ein paar Kohlrouladen, aber mehr Fleisch reinpacken. Und die Wäsche wird er auch selbst waschen,antwortete Liselotte.
Liselotte, bist du jetzt verrückt? Ihr habt ja früher noch zusammengelebt!staunte die Schwiegermutter.
Manchmal haben wir sogar gut gelebt,gab die Schwiegertochter zu.Aber ihr habt euch jetzt in unser Leben eingemischt. Sofia und Gregor haben sich getrennt, und jetzt wollt ihr uns noch was aufzwingen?
Was redest du da? Wen habe ich getrennt?schrie Ingrid.
Ihr habt doch unsere Töchter genervt:Gregor ist so ein Versager, er verdient wenig, hat keine gute Ausbildung, die Wohnung ist klein tönte Liselotte.
Wir haben Gregor bis in die Leber gestresst, er ist geflohen! Und Sofia bleibt allein mit zwei Kindern und einer unbezwingbaren Hypothek. Zufrieden?
Bestimmt nicht! Ihr habt euch langweilen und jetzt greift ihr ein! Ich habe Gregor nicht, ich halte das nicht länger aus gebt mir Wagner zurück und kümmert euch selbst um ihn,schrie Liselotte.Ist das nicht, was eine Mutter besser kann?
Ach, Lisel! Das habe ich nie gedacht! Ich will nicht von dir getrennt werden! Meine Mutter wollte nur Sofia helfen,verteidigte sich Wolfgang.
Helfen? Dann wohnst du bis zur nächsten Gehaltszahlung bei deiner Mutter oder bei Sofia, je nachdem, wie sie sich einigen. Ich überleg mir das.
Wolfgang begriff, dass Liselotte es ernst meinte. Den ganzen Monat bis zur nächsten Gehaltszahlung lebte er bei seiner Mutter.
Am fünften des Monats kam er nach Hause.
Lisel, ich habe das Gehalt überwiesen und dir dreitausend Euro an Vicky geschickt,meldete er beim Eintreten.
Aus der Küche stieg ein betörender Geruch von gebratener Schweinshaxe in süß-saurer Sauce auf.
Wasch dir die Hände und setz dich zum Essen,lächelte Liselotte.Oder willst du zur Mutter gehen?
Wolfgang schaute erschrocken, schnappte nach Luft und seine Zunge blieb ihm im Hals stecken. Liselotte merkte, dass Worte nichts mehr nützen würden.
Und so, lieber Freund, hast du die kleine List von Liselotte gesehen. Sie hat’s geschafft, dass er endlich wieder an den Tisch kommt. Schreib mir, was du davon hältst, und gib gern ein Like!