Okay, Jungs, das Angeln kann warten, entschied Viktor Schmidt und griff nach dem Fischernetz. Wir müssen das arme Kätzchen retten.
Viktor fuhr mit seiner kleinen Motorboot auf der ruhigen Oberfläche der Ostsee bei Rostock, während seine Passagiere ein Trupp Berliner Urlauber eifrig ihre Angelruten auswarfen. Der Tag war ein Traum: strahlender Sonnenschein, eine sanfte Brise und die Fische beißen sofort an.
Herr Kapitän, da drüben schwimmt doch was, oder? rief plötzlich einer der Feriengäste und deutete in die Ferne.
Der Kapitän blinzelte, sah über das Wasser:
Wie ein Vogel Nein, das ist merkwürdig.
Als das Boot näher kam, tauschten alle erstaunte Blicke. Im Wasser, kaum über der Oberfläche, kämpfte ein nasser, rotbrauner Kater verzweifelt um sein Leben. Er sah aus, als hätte er einen Marathon im Regen gelaufen.
Na, das gibt’s doch nicht!, schüttelte Viktor den Kopf. Wie ist er denn hier gelandet? Das Ufer ist wohl anderthalb Kilometer entfernt!
Vielleicht ist er aus einem anderen Boot gefallen, mutmaßte einer der Touristen.
Oder die Strömung hat ihn hergeschoben, fügte ein anderer hinzu.
Der Kater jaulte kläglich und versuchte, zum Boot zu schwimmen, doch seine Kräfte schwanden zusehends.
Okay, Jungs, das Angeln kann warten, wiederholte Viktor, griff nach dem Fischernetz und sagte: Wir müssen das Kätzchen retten.
Den Kater herauszuziehen war keine leichte Aufgabe er erschrak, kratzte, wackelte wild von einer Seite zur anderen. Schließlich schob man ihn vorsichtig zum Netz, und es gelang, das Tier behutsam an Bord zu heben.
Der kleine Tollpatsch ist total erschöpft, seufzte Viktor, während er das zitternde Fell in seine alte Jacke packte. Wie lange hat er wohl schon im Wasser gelegen?
Der Kater drückte sich in eine Ecke des Decks, die Augen weit aufgerissen, das nasse Fell sträubte in alle Richtungen, die Schnurrhaare zuckten.
Wie ein kleiner Prinz, schwärmte die Ehefrau eines der Touristen, und noch ganz frisch!
Wir sollten ihn zum Tierarzt bringen, meinte Viktor besorgt. Mal sehen, wie viel Wasser er noch geschluckt hat.
Der Tierarzt untersuchte den Vierbeiner und beruhigte die Runde:
Er ist gesund, nur völlig ausgeleiert. Dehydriert und verängstigt, aber lebendig. Nach zehn Tagen Ruhe wird er wie neu sein.
Vielleicht finden wir ja seine Besitzer?, fragte Viktor.
Man könnte eine Anzeige schalten. Aber sieht so aus, als wäre er ein Streuner.
Viktor nahm den Kater mit nach Hause. Seine Frau Heike empfing den neuen Gast herzlich:
Ach du meine Güte, du bist ja ganz schön mager! Wir werden dich kräftig füttern!
In den ersten Tagen versteckte sich das Kätzchen unter dem Sofa, kam nur zum Fressen heraus und schnupperte neugierig das neue Heim. Nach einer Woche schnurrte es bereits, sobald Heike es sanft am Rücken streichelte.
Weißt du, sagte Viktor zu Heike, wir könnten ihn behalten. Wahrscheinlich finden wir keine Besitzer.
Ich habe nichts dagegen, lächelte Heike. Ich habe schon immer von einer Katze geträumt. Und wie nennen wir ihn?
Glückspilz, antwortete Viktor sofort. Nicht jedem gelingt es, in der offenen See gerettet zu werden.
Der Kater, der seinen neuen Namen hörte, hob den Kopf und miaute laut, als würde er die Wahl gutheißen.
Ein Monat verging, und Glückspilz war fest in die Familie integriert. Er begrüßte Viktor am Türrahmen, kuschelte sich auf Heikes Schoß und bettelte kunstvoll um Fischchen aus der Küche. Das Wasser jedoch mied er nach wie vor selbst seine Futterschale berührte er nur vorsichtig.
Er hat wohl ein bisschen ein Trauma, erzählte Heike den Nachbarn. Nach so einem Erlebniss ist das normal.
Vielleicht ist das Schicksal so verrückt, überlegte die Nachbarin Tanja. Er ist direkt zu euch geschwommen.
Viktor streichelte Glückspilz hinter den Ohren:
Vielleicht war es doch das Schicksal. Gut, dass wir an dem Tag fischen gehen wollten sonst
Der rotbraune Kater schmiegte sich an Viktors Hand, schnurrte zufrieden und schien zu sagen: Alles wird gut. Ich bin jetzt bei euch. Für immer.
Und Viktor und Heike nickten stumm im Einverständnis.
Manchmal bringt eine rechtzeitige Hilfe das unerwartet größte Glück. Manchmal taucht das Rettende dort auf, wo man es am wenigsten sucht, und das wahre Glück schwimmt einem direkt entgegen. Entscheidend ist, den Moment nicht zu verpassen, in dem jemand uns braucht.
Denn genau in diesen Sekunden klopft neues, unverhofftes Glück an die Tür. Und obwohl der Anfang etwas chaotisch war, entstehen die stärksten Bande meist gerade in stürmischen Zeiten.
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