Gretchen und ein Umzug kamen ihr nie in den Sinn. Treffen war das eine, zusammenleben das ganz andere. Am Samstag erwartete sie Karl zum üblichen Spaziergang. Sie öffnete die Tür, ließ ihn hinein und sah ihn mit zwei großen Koffern stehen.
Gretchen saß im Lehnstuhl und blätterte durch Fotos auf ihrem Handy. Dort waren sie im Tierpark, wie sie Enten fütterten, Spaziergänge im Grünen, und ein gemeinsamer Pilzausflug. Ein halbes Jahr Kennenlernen war wie im Flug vergangen.
Sie hatten sich auf einer Partnervermittlung kennengelernt. Sie war einundsechzig, er dreiundsechzig. Beide geschieden, erwachsene Kinder, lebten getrennt.
Karl gefiel ihr sofort belesen, witzig, kultiviert. Er suchte keine Mutter für seine Kinder und keine Haushaltshelferin, sondern einfach einen interessanten Gesprächspartner.
Sie trafen sich zwei- bis dreimal die Woche: ein Theaterbesuch, ein Ausflug in die Kunsthalle, Cafébesuche, Stadtspaziergänge, Fahrten zum Wochenendhaus einer Freundin. Gretchen schätzte diese unverbindliche, aber dennoch seelennahe Gesellschaft.
Gretchen, erzähl mir, wie du lebst, fragte Karl nach einem ihrer ersten Treffen.
Ganz ruhig, friedlich. Seit fünf Jahren lebe ich allein, das habe ich gewöhnt, antwortete sie.
Wird dir nicht langweilig?
Manchmal. Aber ich habe Freundinnen, meine Töchter besuchen mich, und jetzt bist du da.
Das freut mich zu hören.
Nach seiner Scheidung wohnte Karl in einer Einzimmerwohnung in einem Altbau. Er klagte, die Vermieterin sei launisch, renoviere nicht und erhöhe die Miete ständig.
Was soll ich machen?, sagte er. Nach der Scheidung blieb alles meiner Exfrau. Meine Eltern hatten einst die Wohnung gekauft, und was ich mit meinem Geld renoviert habe, lässt sich nicht beweisen.
Hast du nicht darüber nachgedacht, etwas zu kaufen?
Woher soll ich das Geld für ein Eigenheim nehmen?
Gretchen verstand das. Sie besaß eine Dreizimmerwohnung in einem guten Stadtteil ein Leben lang dafür gearbeitet. Ihre Töchter lebten bereits eigenständig, sodass viel Platz war.
Dennoch kam ihr die Idee, Karl bei ihr einziehen zu lassen, nicht in den Sinn. Treffen war das eine, zusammenleben das ganz andere.
Am Samstag wartete Gretchen wieder auf Karls Spaziergang. Sie öffnete die Tür, ließ ihn hinein und sah ihn mit zwei großen Koffern.
Karl, was ist passiert?, fragte sie.
Gretchen, darf ich kurz reinkommen? Ich erkläre es gleich, sagte er und ging ins Wohnzimmer. Dort stellte er die Koffer ins Flur und setzte sich aufs Sofa.
Die Vermieterin will die Wohnung verkaufen und hat mir eine Woche Frist gesetzt, sagte er.
Und jetzt?
Jetzt habe ich nirgends mehr ein Dach über dem Kopf. Eine neue Wohnung zu finden, dauert, und ich habe kein Geld.
Gretchen verstand, worauf er hinauswollte.
Gretchen, ich habe überlegt wir haben seit einem halben Jahr eine ernsthafte Beziehung. Vielleicht sollten wir zusammenziehen?
Zusammenziehen?, wiederholte sie ungläubig.
Ja, deine Dreizimmerwohnung hat viel Platz. Ich bin nicht nur zum Frühstücken da, ich arbeite und kann zum Haushalt beitragen.
Karl, darüber haben wir nie gesprochen.
Warum sollte man das vorher ausdiskutieren? Das Leben hat es uns schon gezeigt.
Gretchen fühlte sich überrumpelt. Sie war nicht bereit für diesen Schritt.
Karl, ich muss darüber nachdenken.
Worüber? Wir lieben uns doch.
Lieben und zusammenleben sind nicht dasselbe.
Warum denn nicht? In unserem Alter sollte man Entscheidungen treffen.
Entscheidungen über was?
Über die Beziehung. Wenn wir uns treffen, sollten wir doch zusammenleben.
Gretchen sah auf die Koffer im Flur. Es schien, als hätte Karl bereits alles für sie entschieden.
Und wenn ich dagegen bin?
Gegen was? Gegen das Glück?
Gegen das Aufkommen fremder Sachen in meiner Wohnung, ohne vorher zu fragen.
Gretchen, sei nicht böse. Ich habe es nicht böse gemeint, die Umstände drängen mich nur.
Umstände werden nicht geschaffen, Menschen machen sie.
Was meinst du damit?
Dass man zuerst mit mir reden sollte, bevor man Koffer hereinbringt.
Karl schwieg und überlegte.
Gut, dann reden wir jetzt. Ich schlage vor, wir ziehen zusammen.
Ich lehne ab.
Warum?
Weil ich es lieber habe, allein zu wohnen. Mir gefällt unsere Gesellschaft, aber ein gemeinsames Zuhause will ich nicht.
Aber warum? Wir passen doch zusammen.
Wir passen für Treffen, Spaziergänge, gemeinsame Hobbys nicht für den Alltag.
Was ist der Unterschied?
Der Alltag ist täglich. Gewohnheiten, Ordnung, Kompromisse.
Doch wir könnten uns anpassen.
Genau das will ich nicht. Mir ist das, wie es ist, gut genug.
Karl wirkte bedrückt.
Gretchen, was, wenn ich vorschlage, zu heiraten?
Warum?
Damit alles offiziell ist, nach dem Gesetz.
Eine Ehe ändert nichts. Ich will nicht zusammenleben.
Dann was ist der Sinn unserer Beziehung?
Der gleiche wie vorher: Treffen, reden, Zeit zusammen verbringen.
Und danach?
Dann weiter treffen.
Das klingt nicht seriös!
Für mich ist diese Form von Beziehung passend.
Ich wünsche mir Stabilität.
Welche Stabilität brauchst du?
Eine familiäre, gemeinsame Zukunft zusammen frühstücken, Pläne schmieden.
Ich will nicht täglich mit jemandem frühstücken. Ich will meine eigenen Pläne.
Aber du bist allein!
Ich bin nicht allein. Meine Töchter, Freundinnen und du sind da. Alleinsein und eigenständiges Leben sind verschieden.
Ich verstehe den Unterschied nicht.
Jetzt entscheide ich, wann und mit wem ich kommuniziere. Würden wir zusammenleben, bliebe mir diese Freiheit verwehrt.
Gretchen, mit sechzig Jahren sollte man an die Zeit im Alter denken.
Denke ich. Aber das muss nicht zwangsläufig ein Mann sein.
Wer dann?
Töchter, Pfleger, Sozialdienste es gibt Optionen.
Doch das ist nicht das, was ich will!
Vielleicht ist es das, was du brauchst. Für mich ist es in Ordnung.
Karl stand auf und ging im Zimmer umher.
Also schlägst du vor, ich bleibe weiterhin in meiner Mietwohnung und treffe dich am Wochenende?
Ja, wie es dir passt. Und wir treffen uns, wann immer wir wollen.
Und wenn ich keine eigene Wohnung mehr habe?
Dann sind das deine Probleme, nicht meine.
Das ist hart, Gretchen.
Ehrlich, aber ich muss nicht deine Wohnungsfrage lösen.
Aber wir treffen uns doch!
Das bedeutet nicht, dass ich für dein Leben verantwortlich bin.
Karl setzte sich wieder aufs Sofa und dachte nach.
Gretchen, wenn ich eine neue Wohnung finde, bleiben wir in Kontakt?
Natürlich, wenn wir das wollen.
Und solange ich suche, kann ich bei dir übernachten?
Nein.
Gar nicht?
Gar nicht.
Er begriff, dass sie es ernst meinte. Er nahm die Koffer und ging zur Tür.
Dann muss ich sowohl eine neue Wohnung als auch neue Beziehungen finden.
Vielleicht.
Gretchen, bereust du das?
Nein.
Karl verließ das Haus und rief nie wieder an. Gretchen kehrte zu ihrem ruhigen Leben zurück. Mit einundsechzig schätzte sie den Frieden mehr als jede Beziehung und die Freiheit mehr als jede Gesellschaft.
**Die Erkenntnis:** Im hohen Alter kann man wählen, ob man seine Unabhängigkeit bewahrt oder sich neu bindet beides ist legitim, solange man ehrlich zu sich selbst bleibt.