**Liselottes Tagebuch 12. März 2026**
Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich praktisch bin!Und was soll’s?, zuckte er mit den Schultern.Ist das denn schlimm?
Heute Morgen, während ich in meinem abgewetzten Bademantel stand, schaute Max mit verächtlichem Blick zu mir hinüber und knöpfte die Manschette seiner Hemdbluse, als würde er Rüstungsteile für eine Schlacht justieren.
Ich stand erstarrt da, den Kaffee in beiden Händen. Der Dampf kletterte wie ein dünner Nebel nach oben und brannte meine Finger, doch ich ließ die Tasse nicht los.
Er ist praktisch.
Ja, praktisch, schnurrte er, während er die Krawatte vor dem Spiegel richtete. Genau wie alles an dir.
Ich senkte den Blick. Der Dampf verzog sich, das Bild an der Decke war nun ein dunkler Fleck, ein kleines zerbrochenes Spiegelsegment.
Max du
Was? er zückte bereits die Schlüssel, das Metall der Ringkette klirrte leise.
Nichts.
Die Tür knallte zu, so stark, dass das Porzellanregal zitterte.
—
Wir hatten uns in der Buchhaltung der Allianz AG kennengelernt. Ich die zurückhaltende, stille Buchhalterin, die ihr Haar zu einem lässigen Knoten zusammenbunden, er der selbstsichere Abteilungsleiter, dessen Lachen die Flure durchdrang. Max machte mir mit Rosen, deren Kelche noch Tropfen vom Morgentau trugen, und Kerzendinnern, bei denen er mir mittelgebratenes Steak bestellte, ganz den Anschein, als wüsste er, was ich mag.
Du bist nicht die Art Mensch, die über Kleinigkeiten nörgelt, oder?, fragte er beim dritten Date, während er das Tischtuch glatt strich.
Nein, lächelte ich, ohne die nervösen Glöckchen in meinem Kopf zu hören.
Gut so. Meine Ex hat permanent Dramen gemacht
Ich schenkte dem nichts mehr Beachtung. Und dann: Hochzeit, Kinder, Haus. Alles ganz gewöhnlich.
Manchmal, wenn ich ein Kleid mit offenen Schultern probierte, sagte er:
Das ist nicht dein Stil, etwas Schlichteres wäre besser.
Oder wenn ich meine Lippen vor dem Spiegel färbte, warf er beiläufig:
Wozu das? Du sitzt doch sowieso zu Hause.
Einmal, als ich ein neues Parfüm mit leichtem Blumenduft kaufte, verzog er das Gesicht:
Riecht nach Billigladen. Willst du etwa mit Tante Liese aus der Buchhaltung mithalten?
Seitdem trug ich es nicht mehr.
Zum Geburtstag schenkte er mir einen Staubsauger.
Der alte macht schon Geräusche, erklärte er, während ich das Päckchen auspackte. Du seufzt immer, wenn du putzt.
Ich bedankte mich, blickte dann nachdenklich aus dem Fenster, bis die Kinder riefen, den Kuchen anzuschneiden.
Ich schwieg. Er war ein guter Mann: nicht gewalttätig, nicht trinkend, brachte Geld nach Hause. Reicht das nicht?
—
Hast du mich je geliebt?
Der gleiche Abend, das gleiche Gespräch. Max wandte den Blick ab, als prüfte er, ob das Fenster verschlossen war.
Na ja du bist die ideale Ehefrau.
Das ist keine Antwort.
Er seufzte, als müsste er mir das Einmaleins erklären.
Liselotte, warum gehst du mir das Hirn ab? Bei uns ist alles in Ordnung.
In Ordnung?! Meine Stimme bebte, nicht vor Tränen, sondern vor einer Wut, die endlich ausgebrochen war. Du hast heute gesagt, du hast mich geheiratet, weil ich praktisch bin!
Und?, zuckte er mit den Schultern. Ist das schlecht?
Ich sah ihn zum ersten Mal wirklich: Der sonnenverwöhnte Nacken vom Tennisspielen mit Kollegen, nicht mit mir. Die Falte zwischen den Augenbrauen kam nicht von Sorgen, sondern von Ärger, weil er stets Rechtfertigungen vor mir fand.
Und Katja?
Sein Gesicht verzog sich, als würde jemand an einer unsichtbaren Schnur ziehen.
Was hat das mit mir zu tun?
Du hast sie geliebt.
Ja, gestand er abrupt, und in diesem Wort lag mehr Gefühl als in all unseren gemeinsamen Jahren. Ich habe sie geliebt. Aber mit ihr hätte ich keine normale Familie aufbauen können.
Ich spürte, wie etwas in mir leise knackte, wie ein abgebrochener Absatz: Man kann weitergehen, aber nicht mehr wie zuvor.
Also bin ich nur die fügsame, häusliche Ersatzfrau?
Mach nicht so ein Drama, winkte er ab, als würde er eine Mücke verscheuchen. Wir haben Kinder. Ein Haus. Was willst du noch?
—
Ich zögerte.
Vielleicht hatte er Recht? Vielleicht ist Liebe ein Luxus, die Familie wichtiger? Ich stand am Fenster und beobachtete, wie die ersten Regentropfen das Glas verwischten. Meine Fingerabdrücke zeigten sich im Spiegel ich stand dort zu oft, als würde ich auf eine Antwort vom Himmel warten.
Max lebte weiter, als hätte sich nichts geändert.
Eine Woche später, weil ich wieder geduldig war, hörte er plötzlich auf, die Rolle zu spielen.
Wieder Nudeln?, stocherte er mit der Gabel in der Schüssel, als würde er Beweise für meine Unfähigkeit sammeln. Vielleicht würdest du wenigstens das Gewürz hinzufügen.
Du hast doch gesagt, du magst nichts Scharfes, erwiderte ich, doch meine Stimme klang fremd, als käme sie aus jemand anderem.
Und was dann?, schob er die Schüssel beiseite, als hätte er mir eine klebrige Suppe serviert. Katja hat immer gekocht
Ich sprang abrupt auf. Der Stuhl kratzte über den Boden, hinterließ einen Kratzer ein weiteres Mal, ein neues Risschen in diesem Haus.
Willst du zu Katja? Geh!
Du kannst mich doch vergessen, lachte er, laut genug, um den Raum zu füllen. Wohin soll ich sonst gehen? Du weißt doch, dass es mir mit dir bequem ist.
In diesem Moment begriff ich endlich.
Er versuchte nicht, mich festzuhalten, weil er meine Liebe kannte, sondern weil er meine Unterwerfung kannte.
Ich bemerkte das überall: Wie er mich nicht mehr korrigierte, wenn ich falsch gekleidet war, sondern einfach vorbeiging; wie er nicht mehr auf mich starrte, als wäre ich ein Möbelstück, das man kaum benutzt; wie seine ruhigen Tage wochenlang andauerten ohne Zank, ohne Vorwürfe, einfach nichts.
Und das Nichts war lauter als jeder Schrei.
Ich stand in der Küche, drückte die Tischkante mit den Händen, und plötzlich wurde mir klar: Er ärgert sich nicht. Er wartet nur, bis ich mich mit dem Staubsauger statt mit einem Geschenk abfinde, bis ich die Parfüms aufgebe, bis ich nicht mehr zur KleinlichkeitsKönigin gehöre.
Dann drehte sich etwas in meinem Inneren.
Keine Schmerzen, keine Wut Befreiung.
Denn wenn dich niemand mehr liebt, aber du noch wütend bist, existierst du noch. Und wenn du nicht einmal mehr wütend bist
Dann bist du einfach nicht mehr da.
—
Ein Monat später reichte ich die Scheidung ein.
Max war zunächst fassungslos. Er trat in die Küche, wo ich Kinderkleidung in Kartons sortierte, und blieb wie erstarrt an der Tür stehen, als sähe er nicht mehr seine Frau, sondern eine Fremde.
Meinst du das ernst?, fragte er und seine Stimme zitterte zum ersten Mal seit langer Zeit.
Ich hob den Kopf nicht, stapelte weiter die kleinen Strampler.
Ja.
Wegen irgendeinem Unsinn?, er trat einen Schritt vor und ich spürte, wie meine Schultern sich anspannen.
Das ist kein Unsinn, flüsterte ich. Ich bin keine Einrichtung.
Er lachte plötzlich, nervös, scharf.
Oh, wieder Drama! Du übertreibst immer alles.
Ich sah ihn schließlich an. Sein Gesicht war schmerzhaft vertraut, doch jetzt sah ich die zusammengekniffenen Lippen, die leicht geröteten Augen er war zerbrochen, nicht weil er mich verlor, sondern weil seine bequeme Welt Risse bekam.
Ich übertreibe nicht, sagte ich. Ich bin einfach müde, nur praktisch zu sein.
Max schwieg, griff dann hastig nach den Schlüsseln auf dem Tisch.
Na und? Denkst du, es wird mir schwerfallen?, warf er einen Blick auf die Kartons. Du kannst nicht einmal richtig kochen.
Ein altes, vertrautes Stechen durchfuhr mich. Früher hatten solche Worte mich klein gemacht, jetzt klangen sie leer.
Vielleicht, gab ich zu. Aber manche sehen das anders.
Sein Gesicht verzog sich.
Ach, das ist also so! Du hast schon jemanden, nicht wahr?, fauchte er. Na klar, wohin denn sonst? Schau dich an wer braucht dich noch?
In mir knirschte alles ein alter, bekannter Schmerz. Ich wollte fast sagen: Du hast Recht, verzeih mir, wie ich es hundertmal zuvor getan hatte.
Doch dann wurde mir klar: Ich will das nicht mehr.
Ich, sagte ich fest, brauche mich selbst.
Max blieb wie erstarrt stehen. Er hatte das nicht kommen sehen.
Bist du verrückt, knurrte er. Und was ist mit den Kindern? Denkst du nicht an sie?
Ich schloss die Augen für einen Moment. Die Kinder Sie schwirrten ständig in meinem Kopf.
Sie werden lernen, sich selbst zu respektieren, antwortete ich.
Ach, hör auf!, wischte er die Hand über die Schulter. Du bist egoistisch. Wir haben ein Haus, genug Geld und du willst das alles wegen irgendwelcher Kleinigkeiten aufgeben?
Ich sah ihn an und plötzlich verstand ich: Für ihn waren das nur Kleinigkeiten.
Für dich, sagte ich, ja. Für mich nicht.
Er drehte sich um, klopfte nervös mit den Schlüsseln auf die Handfläche.
Na gut. Du wirst es bereuen.
Am Tag, an dem ich die letzten Kisten packte, fragte er plötzlich:
Und was, du glaubst, du findest jemanden Besseren?
Ich blieb vor der Tür stehen, spürte den leichten Frühlingswind, der vom Bürgersteig gegen mein Gesicht wehte.
Besseren?, fragte ich. Weiß nicht. Aber wenigstens jemanden, der mich sieht, und nicht nur die Leere.
Er schwieg. Und ich trat nach draußen, wo der Regen nachließ und Freiheit in der Luft lag.
—
Zwei Jahre später.
Ich habe einen Mann geheiratet, der mich morgens auf die Schulter küsst, selbst wenn ich verärgert schnurre, weil es zu früh ist. Der flüstert: Du bist wunderschön, wenn ich im abgetragenen Bademantel sitze, die Haare zerzaust, müde Augen. Einmal kaufte er mir zum Geburtstag, statt des alten Staubsaugers, einen Strauß Pfingstrosen, weil sie die Farbe seiner Lippen erinnerten.
Ich trage wieder Parfüm, färbe meine Lippen, wähle Kleider mit offenen Schultern. Und jedes Mal, wenn ich den bewundernden Blick meines Mannes spüre, erwärmt sich mein Herz, als würde etwas, das lange gefroren war, wieder schmelzen.
Und Max
Eines Tages traf ich ihn zufällig in einem Café in Berlin. Er saß allein an einer Eckbank, trank Kaffee und starrte auf sein Handy. Vor ihm lag ein Foto unserer Kinder, leicht zerknittert, als hätte jemand immer wieder darüber gestrichen.
Ich wollte vorbeigehen, doch er hob den Kopf. Unsere Blicke trafen sich.
Und ich sah nichts.
Keine Wut, keine Trauer, kein Ärger. Nur Leere so klar und bodenlos wie ein Fenster, aus dem schon lange die Möbel entfernt wurden.
Er nickte. Ich lächelte. Wir gingen getrennte Wege.
Später, zu Hause, umarmte ich meinen Mann und dachte daran, wie sehr ich einst Angst hatte, allein zu bleiben. Jetzt weiß ich: Nicht die Einsamkeit ist das Schlimme, sondern das Alleinsein, wenn jemand an deiner Seite ist.
Und Max
Er hat nie wieder geheiratet.
Karla, die er nach der Scheidung anrief, lachte und sagte, sie habe ein neues Leben.
Die Kinder kommen zu ihm an den Wochenenden, doch in ihren Augen liest er immer mehr höfliche Distanz.
Abends gießt er sich einen Schluck Whisky ein, schaltet den Fernseher ein und sieht Menschen schweigend vorbeiziehen.
Denn die Bequemen gehen weiter. Die Geliebten bleiben.
Aber um geliebt zu werden, muss man zuerst lernen, sich selbst zu lieben.