Er pachtete einen Berg, um 30 Schweine zu züchten, verließ ihn jedoch für 5 Jahre – als er eines Tages zurückkehrte, erstarrte er vor dem, was er sah…

10. Juni 2023

Heute kann ich es kaum fassen, was ich gesehen habe. Ich muss alles aufschreiben, sonst glaube ich es selbst nicht mehr.

Vor fünfeinhalb Jahren, im Winter 2018, war ich fest entschlossen, meiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Als Sohn einer Arbeiterfamilie in der Nähe von Fulda sah ich nie viel Wohlstand, doch ich hatte eine Idee: Schweinezucht auf dem Land. Also mietete ich mir für ganz schön viel Geld ein ungenutztes Stück Wald an einem Hang bei Gersfeld in der Rhön. Mein Traum: eine kleine, aber feine Schweinezucht.

Ich, Jonas Bauer, damals 34 Jahre, schüttete mein gesamtes Erspartes hinein, nahm sogar einen Kredit bei der Sparkasse Fulda auf, baute Ställe, zog einen Brunnen und kaufte dreißig Ferkel.

An dem Tag, als ich die ersten neun Ferkel auf mein kleines Stück Berg brachte, strahlte ich meine Frau Annemarie an, damals 31. Ich sagte: Warte nur ab, Liebste. In einem Jahr haben wir genug, um unser eigenes Häuschen zu bauen. Ich fühlte mich unbesiegbar.

Doch wie so oft kam alles anders. Nach weniger als drei Monaten brach die afrikanische Schweinepest in Hessen aus. Einer nach dem anderen mussten die Bauern in der Umgebung ihre Ställe abbrennen. Dicker, beißender Rauch hing tagelang über den Hügeln.

Annemarie bekam Angst. Lass uns die Schweine verkaufen, solange sie noch leben, flehte sie.

Aber ich war stur. Das geht vorbei. Wir müssen durchhalten, sagte ich, obwohl ich selbst immer öfter nachts wach lag, unruhig und mit pochendem Herzen. Die Angst und die Sorgen fraßen mich auf. Dann kam der Zusammenbruch ich landete zwei Wochen im Klinikum Fulda. Stress, Erschöpfung ich war einfach am Ende.

Als ich wieder auf meinen Berg zurückkam, waren die Hälfte meiner Schweine futsch. Die Futterpreise hatten sich verdoppelt. Die Sparkasse mahnte, ich sollte endlich die Raten zahlen. Es regnete nur noch, das Blechdach des Stalls dröhnte, und nachts fragte ich mich: Warum nur?

An einem besonders harten Tag, nach dem nächsten harten Telefonat mit einem Gläubiger, sank ich zu Boden und flüsterte nur: Ich kann nicht mehr.

Am Morgen darauf schloss ich alles ab mit zitternden Händen gab ich Herrn Steinmann, dem Grundbesitzer, den Schlüssel. Ich konnte meinen Traum nicht sterben sehen und floh nach Frankfurt. Alles schien verloren.

Annemarie fand Arbeit als Näherin in einer kleinen Fabrik, ich stemmte Kisten im Lager. Wir kamen über die Runden. Es war ruhig, aber der Traum war ausgeträumt. Wenn jemand über Landwirtschaft sprach, lächelte ich nur verbittert. Ich hab mein Geld einfach dem Berg zum Fraß vorgeworfen, sagte ich dann.

Bis heute. Heute, nach fünf Jahren, rief Herr Steinmann an zitternde Stimme: Jonas, du musst nochmal herkommen Mit deinem alten Stall stimmt was nicht.

Also fuhr ich früh los, zurück nach Gersfeld. Die Wege waren überwuchert, Moos und Gras verdeckten alles. Auf jedem Schritt fühlte ich mehr Angst. Würde ich nur Ruinen finden? Würde ich überhaupt noch irgendwas entdecken?

Als ich um die letzte Kurve bog, blieb ich stehen wie angewurzelt.

Wo früher mein kleiner Stall war, hatte sich der Wald alles zurückgeholt. Das Wellblechdach war kaum noch zu sehen, Efeu und Brombeeren überall. Die alten Weiden waren zu Wald geworden. Doch da war noch etwas.

Ich hörte ein Grunzen.

Vorsichtig schlich ich zum Zaun, der kaum mehr zu erkennen war. Und dann stockte mir der Atem.

Drinnen im halb zugewachsenen Gehege liefen Schweine herum. Viele. Große und kleine. Die Ferkel, die ich vor fünf Jahren zurücklassen musste, hatten eine Herde gebildet.

Das konnte doch nicht sein

Herr Steinmann kam auf mich zu. Die Tiere sind nach deinem Weggang ausgebrochen. Ich dachte, sie verenden in der Wildnis. Aber sie haben überlebt.

Ich blickte mich um. Ein kleiner Bach, den ich nie zuvor bemerkt hatte, sprudelte hinter dem Stall. Überall wucherten Kartoffel- und Rübenpflanzen, sogar ein paar Apfelbäume. Die Schweine hatten alles gefunden, was sie zum Überleben brauchten und sich vermehrt.

Manche reckten die Köpfe, als würden sie mich erkennen. Eine große Sau trat näher an den Zaun: rötliche Haut, ein altes Kerbchen im Ohr. Das war Lotte, mein erstes Ferkel überhaupt

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Alles, was ich verloren glaubte, hatte sich weiterentwickelt. Mein Traum er war noch da, lebendiger denn je.

Und jetzt? Herr Steinmann fragte nur: Und? Was machen wir jetzt?

Ich habe heute nicht geantwortet. Ich konnte nur schauen auf die Hügel, die Schweine, die Ruhe nach all den Jahren.

Vielleicht ist mein Traum doch nicht vorbei.

Vielleicht wartet das Leben manchmal einfach ab, bis wir bereit sind, wieder anzufangen.

JonasIch stand lange einfach nur da. Die Sonne drang in goldenen Strahlen durch das grüne Blätterdach, und irgendwo im Unterholz knackte ein Reh. Lotte kam näher, blinzelte mir entgegen, als wollte sie sagen: Was jetzt, Jonas? Ich spürte, dass ich zum ersten Mal seit Jahren Frieden hatte mit dem Berg, dem alten Schmerz und mit mir selbst.

Am Abend fuhren Herr Steinmann und ich in seinem klapprigen Kombi zum Gasthaus nach Gersfeld. Am Tisch, über dampfender Roulade, sprachen wir wenig. Aber in meinem Kopf entstanden plötzlich Pläne. Idee folgte auf Idee. Keine großen Träume mehr, kein Bauen von palastartigen Häusern. Stattdessen dachte ich an Führungen für Kinder, alte Obstsorten, an Apfelsaft aus wild gewachsenen Bäumen, an einen Hof, von dem niemand viel erwartet außer, dass Leben bleibt.

Als ich später zu den Schweinen zurückkehrte, hob Lotte ihren Rüssel in die Luft und grunzte. Ich setzte mich ins feuchte Gras, lehnte mich ans verfallene Stallbrett und lachte laut, so frei wie seit Jahren nicht.

Vielleicht dauert Glück manchmal länger. Vielleicht findet es uns erst dann, wenn wir längst aufgehört haben es zu suchen.

In dieser Nacht fuhr ich nicht zurück in die Stadt. Ich blieb, lauschte den Geräuschen des Waldes und fühlte, dass mein Traum am Leben war. Und ich? Auch.

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