Ein Mann führte seinen Hund in einen deutschen Wald, band ihn an einen Baum und ließ ihn zurück, in der Hoffnung, ihn loszuwerden. Doch niemand konnte ahnen, was ein Wolf mit dem Hund tun würde.

Vor langer Zeit, in einem kleinen Dorf nahe der Wälder im Schwarzwald, lebte ein Mann namens Hans Stein. Er hatte eine Hündin, die er Liesel nannte. Liesel war ihm anfangs alles. Einst hatte er sie als Welpe selbst ausgesucht, ihr mühsam die ersten Kommandos beigebracht und ihre Freude bewundert, wenn sie auf ihn zulief, den Schweif wedelnd, über die weiten Wiesen. Sie gingen zusammen auf die Jagd, kehrten gemeinsam heim, und jede Nacht schlief Liesel treu vor seiner Türe. Sie war seine große Freude und sein Stolz.

Doch die Zeiten änderten sich. Hans entdeckte, dass sich mit Welpen gutes Geld verdienen ließ. Anfangs schien es harmlos, aber bald passierte es immer häufiger. Liesel wurde dünner, erschöpfter, lag oft nur noch in einer Ecke und rang nach Luft. Der Tierarzt warnte ihn gar deutlich: Sollte er so weitermachen, würde Liesel es nicht überleben.

Diese Worte missfielen Hans er ertrug keine Probleme. Statt innezuhalten, wurde er ärgerlich, empfand Liesel nur noch als Last. Eine Last, die er gewohnt war schnell und ohne viele Umstände aus der Welt zu schaffen.

So führte er eines Tages die erschöpfte Hündin weit hinaus in die dunklen Tannenwälder. Schweigend. Liesel war wie immer voller Hoffnung, ahnte nicht, dass sich an diesem Tag ihr Leben ändern würde. Als Hans schließlich stehen blieb, band er sie wortlos an einen Baum und verschwand. Zuerst dachte Liesel, es sei ein neues Spiel.

Sie wartete. Dann begann sie, am Seil zu ziehen, dann zu winseln.

Bis zum Abend jaulte sie. Ihre Stimme riss, sie zerrte an der Kette, bis diese ihr schmerzhaft in den Hals schnitt. Das Laub raschelte, Kälte sickerte in die Glieder, und Finsternis breitete sich aus. Doch niemand kam.

Kurz vor Einbruch der Nacht tauchte aus dem Dickicht des Waldes ein großer, grauer Wolf auf. Langsam, vorsichtig näherte er sich, blieb einige Schritte entfernt stehen und sah Liesel an. Kein Knurren, kein Zähnefletschen. Nur ein langer, stiller Blick.

Liesel erstarrte. Sie erwartete einen Angriff, aber sie fürchtete sich nicht mehr, denn das Schlimmste war ihr bereits widerfahren.

Doch der Wolf tat das Unerwartete.

Er griff sie nicht an. Kein Laut, kein Funke von Bosheit. Mit Bedacht umrundete er den Baum, witterte im Wind, besah sich das Seil, den Stamm, den Waldboden drumherum. Dann legte er sich wenige Meter entfernt ins Moos, die Augen stets auf Liesel gerichtet.

Die Nacht fiel rasch über den Schwarzwald. Das Leben regte sich, hier und dort erklang Heulen aus der Ferne, und aus dem Unterholz schlichen kleine Raubtiere heran, angelockt von Liesels geschwächter Gestalt.

Jedes Mal aber, wenn sich eines wagte zu nähern, erhob sich der Wolf, stellte sich leise knurrend zwischen sie und das bedrohliche Wesen. Das reichte, und alles kroch wieder davon ins Dunkel.

Der Wolf rührte Liesel nicht an. Er kam nicht näher, wich aber auch nicht von ihrer Seite.

Liesel hörte auf zu jaulen. Schwer atmend lag sie da und hob nur hin und wieder den Kopf, um nachzusehen, ob ihr Wächter noch da sei. Und tatsächlich: Er wich nicht. Die ganze Nacht.

Bei Morgengrauen betraten Förster das Gehölz auf der Suche nach Tierspuren. Sie erhaschten ein schwaches Winseln und entdeckten schließlich das merkwürdige Bild: eine erschöpfte, angebundene Hündin, beschützt von einem Wolf, der ruhig und würdevoll Wache stand.

Die Männer erstarrten. Der Wolf betrachtete sie still, furchtlos, zog sich dann langsam zurück, verschmolz mit dem Schatten zwischen den alten Tannen.

Erst jetzt band einer der Förster Liesel los. Sie war am Leben, nur weil in jener Nacht ein Wolf beschlossen hatte, kein Raubtier zu sein.

Es gibt Zeiten, da zeigen die Wildesten unter den Geschöpfen mehr Menschlichkeit als jene, die sich selbst als zutiefst menschlich bezeichnen.

Quelle.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: