Du bist nicht mehr meine Tochter. Wer er ist und woher er kommt, bleibt ein Rätsel. Ich schäme mich für dich. Zieh in das Haus deiner Großmutter und lebe wie eine Erwachsene. Übernimm Verantwortung für dein Handeln.
Grete, hast du das gehört? Die Firma hat ein Team zur Unterstützung nach Berlin geschickt. Lass uns heute Abend in den Club gehen, ja? jubelte Maren und ließ sich in den Sessel fallen.
Maren, was soll das? Und was ist mit Viktor, wo soll ich ihn lassen? Nimm ich ihn mit? lachte Liselotte.
Und wenn ich Tante Liesel um Hilfe bitte? fragte Maren vorsichtig.
Liselotte schüttelte hilflos den Kopf.
Was soll ich nur machen? Sie hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich einen Sohn bekommen habe. Sie wollte mich mit Andreas verheiraten, doch ich fuhr in die Stadt, um zu studieren. Ich kam nicht zum Studium, sondern zurück mit einem dicken Bauch. Ein ganzes Jahr lang hat sie mich gehasst, erst seit zwei Monaten spricht sie wieder mit mir. Also geh und finde jemanden vielleicht hast du Glück.
Maren seufzte.
Na gut, ich gehe mit Tanja aus. Morgen erzähle ich dir alles.
Liselotte legte ihren kleinen Sohn Gustav ins Bett und trat auf den Balkon. Die fernen Bässe der Musik drangen bis zu ihrem Haus. Eingehüllt in einen Schal stellte sie sich vor, wie alle im Club tanzen und lachen. Maren würde sicher wieder ihr tigerrotes Kleid anziehen. Liselotte lächelte leise, fühlte sich wie ein bunter Raupenkäfer im Sonnenlicht, seufzte und ging schlafen.
Am nächsten Morgen kam Maren atemberaubend schnell zurück. Und wie ein Fluch erschienen plötzlich Olgas Mutter, Frau Schmidt, zu Besuch. Liselotte legte einen Finger auf die Lippen wie sollte man Maren aufhalten?
Schade, dass du gestern nicht da warst. Dort waren ein paar junge Männer. Einer, Vico genannt, hat mich sogar zum Abschied beglückwünscht. Heute habe ich ein Date, riss Maren plötzlich los.
Frau Schmidt fragte misstrauisch:
Schon verheiratet?
Maren zuckte mit den Schultern.
Keine Ahnung, ich habe nicht ins Passbuch geschaut. Und wenn doch, vielleicht ein gutes Gesprächsthema.
Ach, meine Mädchen, was treibt ihr nur? Andreas ist doch kein schlechter Heiratskandidat. Ich habe mein Glück verpasst, aber du, Maren, kannst ihm den Kopf verdrehen, schwärmte Tante Liesel.
Tante Liesel, was redest du da? Wer soll ihn denn brauchen? Und seine Mutter doch auch! Gott bewahre solches Glück! rief Maren.
Sie wandte sich wieder zu Liselotte:
Dort war ein junger Mann, fast hypnotisch. Alle unsere Mädchen waren begeistert. Er blieb kurz mit seinen Freunden, ging dann allein und lud niemanden zum Tanzen ein.
Plötzlich sagte Tante Liesel nachdenklich:
Liselotte, du solltest auch in den Club gehen. Ich bleibe mit Viktor. Vielleicht triffst du dort jemanden ernsthaften und zuverlässigen. Viktor braucht einen Vater. Such dir keinen Verheirateten, die riechen sofort, dass die Frau allein ist. Verstanden?
Liselotte nickte ungläubig, drückte die Hand ihrer Mutter und murmelte:
Geh schon, du Schleimer.
In ihrem schönsten Kleid stand Liselotte mit den Freundinnen beisammen und lachte, als wäre das sorglose Leben zurückgekehrt.
Seht nur, er ist wieder da, flüsterten die Mädchen.
Liselotte blickte neugierig, ihr Herz pochte, die Beine zitterten. Sie wandte sich abrupt ab und flüsterte zu Maren:
Ich gehe wohl nach Hause. Viktor weint sicher ohne mich.
Maren staunte.
Lis, was soll das? Du bist gerade erst aus dem Club gekommen und willst schon wieder nach Hause rennen? Du hast noch nicht einmal einen Tanz getan!
Doch Liselotte entschied entschieden:
Ich gehe. Und du, Vico kommt bestimmt zu dir. Du wirst dich nicht langweilen, sagte sie und ging zur Tür.
Am Eingang packte plötzlich jemand ihre Hand:
Darf ich dich zum Tanzen bitten, Fräulein?
Liselotte wollte die Hand zurückziehen:
Ich tanze nicht.
Der junge Mann blieb jedoch beharrlich.
Einen einzigen Tanz, bitte.
Sie drehte sich um, ihr Herz schlug schneller. Es war derselbe junge Mann, dessen zufälliges Auftauchen ihr Leben für immer verändern würde. Er schien sie nicht zu erkennen. Ein warmes Lächeln glitt über ihr Gesicht:
Nur einmal, ich habe es eilig.
Er wirbelte sie durch den Saal.
Ich nehme an, dein Mann ist besorgt?
Liselotte antwortete kühl:
Ich bin nicht verheiratet.
Er zwinkerte, und ihr Atem stockte.
Dann habe ich also eine Chance? fragte er verschmitzt.
Liselotte wich zurück.
Glaub bloß nicht daran, rannte sie aus dem Club.
Auf dem Heimweg weinte sie. Sie erinnerte sich an ihn, als wäre sie sofort verliebt und er hatte sie nicht erkannt.
Später, im Zug, trafen sie sich erneut. Sie kehrte nach einem missglückten Examen deprimiert nach Hause zurück, er fuhr zu seinen Eltern. Als er sah, dass Liselotte traurig war, versuchte er sie aufzumuntern.
Ich heiße Max, stellte er sich vor. Meine Mutter nennt mich Max, mein Neffe heißt Kaspar. Wähle, was dir gefällt.
Liselotte lächelte.
Kaspar klingt interessanter.
Er reichte ihr die Hand:
Fast hätten wir uns schon kennengelernt. Und wie heißt du, schönes Wesen?
Sie erwiderte:
Liselotte.
Max nickte ernsthaft:
Ich dachte mir das schon. Ein königlicher Name.
Wort für Wort erzählte sie ihm von den durchgefallenen Prüfungen am Institut und davon, dass ihre Mutter ihr das noch lange nachhängen würde.
Bereite dich für den Winter vor und versuch es nochmal, riet Max.
Liselotte strahlte:
Das ist wirklich ein guter Gedanke. Danke.
Max blickte nachdenklich:
Gern geschehen. Und hat dir noch niemand gesagt, wie wunderschön du bist?
Liselotte errötete.
Ich bin nur gewöhnlich, übertreib nicht. Aber danke dafür.
Max rückte näher:
Das stimmt, und küsste sie plötzlich. Liselotte drehte sich benommen, ein Moment voller Scham und Süße. Max stand bald wieder auf.
Ich werde dich finden.
Er fragte sie jedoch nie nach ihrer Adresse.
Später erfuhr Liselotte, dass sie schwanger war, und ihre Mutter schrie:
Du bist nicht mehr meine Tochter! Wer ist er, und woher kommt er? Ich schäme mich für dich. Zieh in das Haus deiner Großmutter und lebe wie eine Erwachsene. Nimm Verantwortung für deine Taten!
Liselotte ließ das Kind in der Bibliothek zur Welt kommen, arbeitete bis zur Elternzeit. Beim Verlassen des Krankenhauses begegnete ihr Maren. Die Mutter blieb weg, erst als Viktor fünf Monate alt war, kam sie endlich.
Das ist nicht unsere Rasse, verurteilte sie.
Doch sie kam öfter, brachte Spielzeug für den Enkel.
Warum so früh? fragte die Mutter. Es war nicht besonders interessant hier. Wie geht es Viktor?
Die Mutter lächelte.
Dein Sohn schläft. Wenn du schon da bist, bleib doch.
Liselotte schloss hinter ihr die Tür und versuchte zu schlafen, doch erst am frühen Morgen fiel ihr das Einschlafen leicht. Verschlafen fütterte sie ihr Kind, während Viktor das Essen verweigerte.
Wenn du keine Brei isst, wirst du nicht so werden wie dein Vater, ein starker, schöner Mann.
Redest du von mir? Das schmeichelt mir, sagte das Kind.
Eine Stimme aus der Tür ertönte.
Wer bist du? Woher? lächelte Max.
Ich sagte doch, ich finde dich. Ich wusste nicht, dass in der Zeit unser Sohn geboren wurde. Ich hatte dich so sehr im Blick, dass ich vergaß, wo du wohnst. Aber das Schicksal wollte, dass wir zusammenkommen, sagte er und grinste Viktor zu.
Viktor lachte fröhlich.
Am Morgen kam die Mutter und sah Liselotte glücklich mit einem fremden Mann, der zufrieden ihren Sohn auf den Schultern trug.
Ist das er? fragte sie.
Ja, lächelte Liselotte glücklich.
Die Mutter trat zu Max und reichte ihm die Hand:
Ich heiße Liebe Georgine. Und du wirst streng über deinen Mann und Vater wachen.
Max schüttelte fest die Hand und nickte.
Verstanden.