Die Witwe

Klara band ein buntes Tuch um, das ihr Mann Friedrich ihr einst geschenkt hatte, und machte sich auf den Weg zur Kirche.

Klara war ein einfaches Mädchen, das in einem kleinen Dorf in Bayern lebte. Sie war bereits 27 Jahre alt, ein Alter, das in jener Zeit als recht fortgeschritten galt, wenn eine Frau unverheiratet war. Damals wurde von Frauen erwartet, dass sie früh heirateten, da sie sonst als alte Jungfern galten und ihre Ehre darunter litt.

Klara war weder besonders schön noch auffallend hässlich. Doch sie hatte weder Vater noch Mutter und wohnte im Haus ihrer Tante, einer strengen und mürrischen Frau. Da Klara ohne Mitgift war, wollte sie kein Mann zur Frau nehmen.

So hätte Klara wohl ihr Leben als unverheiratete Frau verbracht, hätte sich nicht ein Mann aus einem benachbarten Dorf entschieden, um ihre Hand anzuhalten.

Ein neues Leben
Friedrich war ein Mann mittleren Alters. Nach seiner Wehrzeit hatte er sich entschieden, als Berufssoldat zu bleiben und nicht ins Heimatdorf zurückzukehren. Doch ein Unfall während des Dienstes führte dazu, dass er ein Auge verlor und vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde. Als er nach Hause zurückkehrte, waren seine Eltern bereits verstorben, und er fand das elterliche Haus in einem heruntergekommenen Zustand vor.

Die Nachbarn rieten ihm, um Klaras Hand anzuhalten.

Friedrich galt nicht als begehrter Bräutigam. Er besaß nur ein altes, halb verfallenes Haus, keine Tiere und kein Land. Zudem trug er eine auffällige Narbe, die sich von seiner Stirn bis zur Wange zog.

Doch Klara nahm Friedrichs Heiratsantrag mit Freude an. Sie hatte genug vom Leben bei ihrer Tante, die ständig nörgelte, und den ständigen Streitereien mit ihrer Cousine.

Nach der Hochzeit lebten Klara und Friedrich ein glückliches Leben. Friedrich war ein fleißiger Mann, und Klara war eine ausgezeichnete Hausfrau. Gemeinsam schafften sie sich zwei Kühe und einige Ziegen an. Aus der Milch stellten sie Butter und Käse her, die Friedrich auf dem Markt in der nahen Stadt verkaufte.

Jedes Mal, wenn Friedrich aus der Stadt zurückkam, brachte er Klara kleine Geschenke mit: ein Stück Stoff für ein neues Kleid, ein buntes Tuch oder süße Lebkuchen. Diese Gesten machten Klara glücklich, und die Nachbarinnen bemerkten, wie sie aufblühte.

Doch trotz ihres Glücks blieb ein Wermutstropfen: Das Paar hatte keine Kinder.

Der Sturm
Eines Abends, als Friedrich vom Markt nach Hause wollte, zog ein schweres Gewitter auf. Die anderen Männer, die ebenfalls auf dem Markt gewesen waren, entschieden, die Nacht in einem Gasthaus zu verbringen. Doch Friedrich wollte so schnell wie möglich zu seiner Klara zurückkehren.

Der Weg führte durch einen Wald. Der Sturm tobte mit solcher Gewalt, dass Blitze den Himmel erhellten und der Donner das Rumpeln eines Wagens übertönte. Plötzlich schlug ein Blitz in eine hohe Tanne ein, die in der Mitte auseinanderbrach. Ein Teil des Baumes stürzte auf Friedrichs Wagen und tötete ihn auf der Stelle.

Klara war untröstlich. Sie trauerte Tag und Nacht um Friedrich und verließ das Haus nur selten. Immer trug sie ein schwarzes Tuch als Zeichen ihrer Trauer.

Die Frauen aus dem Dorf, die Klaras Schmerz sahen, begannen, sie zu abendlichen Treffen einzuladen. Nach erledigter Hausarbeit saßen sie zusammen, plauderten über ihre Männer und Kinder und zerbrachen Sonnenblumenkerne. Klara nahm nur widerwillig daran teil, fand jedoch ein wenig Trost in diesen Gesprächen. Doch sobald sie wieder allein zu Hause war, überkam sie erneut die Einsamkeit.

Der nächtliche Besucher
Eines Nachts wachte Klara von einem Klopfen an der Tür auf. Draußen tobte immer noch der Sturm. Sie nahm eine alte Öllampe und ging zur Tür. Als sie öffnete, sah sie Friedrich stehen. Ihr Herz füllte sich mit Freude, und sie warf sich ihm um den Hals, ohne darüber nachzudenken, ob sie träumte oder wach war.

Friedrich trat wortlos ins Haus, setzte sich an den Tisch und aß das Abendessen, das Klara ihm zubereitet hatte. Danach legte er sich in ihr gemeinsames Bett. Klara legte sich an seine Seite, überwältigt von Glück.

Am nächsten Morgen wachte sie allein auf. Sie konnte kaum glauben, was in der Nacht passiert war, und war sich sicher, dass es nur ein Traum gewesen war.

Doch in der darauffolgenden Nacht wiederholte sich die Szene.

Der Rat der weisen Frau
Verwirrt und verängstigt erzählte Klara einer alten Nachbarin von dem nächtlichen Besucher. Diese war bekannt für ihren klugen Rat. Die Nachbarin hörte aufmerksam zu und sagte dann:

— Das ist nicht dein Friedrich. Es ist ein Wesen, das sein Aussehen angenommen hat. Du musst dich von einem erfahrenen Medium beraten lassen.

Klara wurde zu einer alten Frau geschickt, die tief im Wald lebte. Mit einer Gabe von Käse, Butter und Eiern machte sie sich auf den Weg.

Das Medium, eine weißhaarige Frau mit unterschiedlich farbigen Augen, hörte Klaras Geschichte an und gab ihr Anweisungen:

— Du hältst den Geist deines Mannes fest, weil du ihn nicht loslassen kannst. Aber was kommt, ist nicht wirklich er. Folge meinen Anweisungen, und du wirst Frieden finden.

Die letzte Nacht
In der folgenden Nacht kam Friedrich erneut. Klara tat, was das Medium ihr geraten hatte. Sie ließ absichtlich eine Gabel auf den Boden fallen. Als sie sich bückte, um sie aufzuheben, bemerkte sie, dass unter dem Tisch keine Füße, sondern Hufe waren.

Mit zittrigen Händen machte Klara ein Kreuzzeichen. Die Gestalt brüllte auf, wuchs zu einer riesigen, unheimlichen Kreatur heran und verschwand schließlich mit einem lauten Knall.

Ein neuer Anfang
Am nächsten Morgen zog Klara das bunte Tuch an, das Friedrich ihr einst geschenkt hatte, und ging zur Kirche. Sie zündete eine Kerze für seinen Frieden an und betete, dass seine Seele Ruhe finde.

Klara verstand, dass sie die Vergangenheit loslassen musste, um Frieden zu finden. Sie würde Friedrich für immer in ihrem Herzen behalten, doch sie war bereit, ein neues Leben zu beginnen.

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