Man könnte es sich nicht ausdenken (Erzählung)

Katharina hatte sich verliebt. Ja, es passiert – aber trotzdem. Dreiundvierzig war sie, verheiratet, drei Söhne, und plötzlich war sie wie ausgewechselt. Verliebte sich so heftig, dass es jeder bemerkte. Jeder – außer Martin. Der lebte in seiner kleinen, ruhigen Welt: Arbeit, Angeln, Übernachtungen im Zelt am Fluss – und ein selbstgebautes Paradies.

Mit seiner Frau lebte er, wie er glaubte, gut. Und Katharina versicherte allen, dass es stimmte. Eine Musterfamilie – nach außen hin. Doch was von außen wie ein perfektes Ei wirkte, entpuppte sich innen als faul – unerträglich sogar.

Sie wohnten mit Martins Mutter, Gertrud, einer ehemaligen Offiziersfrau. Für die Familie war sie einfach „Mutti“, und sie hatte Katharina wie eine Tochter aufgenommen. Selten, aber Gertrud war eine kluge Frau. Wer die Schwiegertochter wie ein Kind behandelt, gewinnt eine Tochter – wer es nicht tut, riskiert den Sohn zu verlieren. Sie hatte schon länger gespürt, dass mit Katharina etwas nicht stimmte, aber sie mischte sich nicht ein.

„Im Leben passiert eben alles Mögliche“, dachte sie nur und machte weiter wie gewohnt.

Katharina mietete sich ein Hotelzimmer. Nicht irgendeins – das beste. Für zwei Nächte. Ohne zu zögern.

Dann kam sie nach Hause – fröhlich, laut, lebendig. Martin saß nur da und schwieg. So viel wollte er sagen, fragen – aber wie?

Gertrud rührte ruhig in der Suppe und wiederholte im Kopf: „Im Leben passiert eben alles Mögliche.“

Aber Katharina – sie blühte richtig auf! Genau das macht Liebe mit einer Frau. Ein Leuchten in den Augen, neue Kleider, Romantik, sie wurde schlanker. Manche sagen, mit 43 sei man zu alt für die Liebe. Doch gerade in solchen Umbruchsjahren schlägt sie oft zu.

Natürlich verbarg Katharina ihren neuen Mann. Aber ein Geheimnis lässt sich nicht ewig verstecken. Einerseits wollte sie es geheim halten, andererseits hätte sie es am liebsten hinausgeschrien, wie glücklich sie war.

Am Anfang hatte sie sich selbst nicht eingestanden, dass sie sich verliebt hatte. In den sozialen Medien spielte sie die glückliche Ehefrau. „Beste Familie, liebendster Ehemann“ – immer wieder. Aber wenn das Feuer zu schwinden beginnt, müssen beide Holz nachlegen. Liebe ist Arbeit. Immer.

Einer driftete ab, der andere reichte nicht die Hand. Martin lebte einfach weiter. Na und, wenn’s der Frau langweilig war? Wenn es ihr schlecht ging? Hat sie doch vorher auch geschafft.

Bei uns ist es eben oft so: Was ein Mann darf, darf eine Frau nicht. Und dann fangen die Probleme an. Wenn die Kinder groß sind, und die Eltern noch nicht alt. Vielleicht war die Ehe zu früh. Vielleicht war das Leben einfach zu lang. Auf jeden Fall – Katharina war verliebt. Und die Welt? Die musste warten.

— Kathi, man hat dich mit irgendeinem Kerl gesehen?

Ihre Schwester, Olga, kam auf einen Tee vorbei.

— Ja, und? Neidisch?

— Nein. Aber du bist verheiratet!

— Ich weiß. Und mein Mann liebt mich.

— Bis er es erfährt.

— Fang nicht schon wieder an, Olga. Dein Leben läuft nicht, du beneidest mich ständig. Dir fehlt Aufmerksamkeit, Geld, ein Mann – ich habe alles.

— Du nervst echt. Ich beneide dich nicht.

Stille. Dann ging Olga. Katharina griff zum Handy. Eine neue Nachricht von ihm.

Sie hatten sich online kennengelernt. Zufällig. Nun schon fast ein Jahr war Katharina im Strudel der Gefühle gefangen.

Gertrud kam vom Einkaufen zurück. Sie kochte immer das Abendessen. Katharina kümmerte sich nur um das Backen. Es funktionierte für alle.

Martin war für drei Tage auf Dienstreise. Katharina erzählte, sie müsse zu einer Untersuchung in die Stadt. In Wahrheit – ein Treffen mit ihrer großen Liebe.

„Martin, kannst du mir Geld überweisen? Die Untersuchung ist teurer als gedacht.“

Solche Nachrichten waren keine Seltenheit. Martin seufzte und überwies.

Katharina mietete wieder das beste Zimmer. Für zwei Tage. Alexander – ihr Liebhaber – würde bald kommen. Mit ihm fühlte sich alles richtig an. Wie für einander gemacht.

Martin kam zurück. Wirklich gefehlt hatte ihm das Zuhause nicht. Er mochte seine ruhige Welt. Seine Frau dagegen wollte Farben, Lichter, Emotionen. Ihr Leben war wie ein kitschiges Gemälde. Seines – schwarz, weiß, grau. Aber ebenso schön.

Er hatte sie immer gut behandelt. Doch sie erschöpfte ihn. Leider merkt man das oft zu spät. Drei Söhne. Über zwanzig gemeinsame Jahre.

Und dann – ein neues Leben. Mit Lena. Ruhig, häuslich, deutlich jünger. Eine zufällige Begegnung wurde zu etwas Ernstem. Ihre Tochter Clara wurde geboren. Mit Lena konnte er atmen. Die „Geschäftsreisen“ wurden häufiger.

Katharina war nicht zu Hause. Martin ging ins Schlafzimmer. Sie hatte sich nicht aus dem Onlinebanking ausgeloggt.

Er begann zu lesen. Hotelbuchungen, Restaurants, Ballonfahrt, Freizeitpark. Kein einziger Zahlungseintrag eines Krankenhauses. Keine Medikamente. Absolut nichts deutete auf eine Krankheit hin. Im Gegenteil – sie war fröhlich, gesund, aktiv.

Sein Herz sank. Sie belügt mich, dachte er.

Er scrollte weiter. Onlineshops, Schuhe, bunte Kleider. Typisch für sie. Laut, grell, billig. Nicht wie Lena – dezent, geschmackvoll.

Dann entdeckte er Überweisungen. Immer vom selben Absender – Alexander. Mit Vermerken: „Für mein Mäuschen“, „Für deine Kette, Liebling.“ Mehr brauchte er nicht.

Dann hörte er sie. Katharina kam zurück, laut wie immer.

— Martin, du bist schon da? Wie war’s?

Sie lächelte, umarmte ihn. Ihr Duft – wie immer süß. Er hatte sie auch vermisst. Und doch… was jetzt?

— Hallo, Katharina. Wie war deine Untersuchung?

— Gut. Ich muss noch ein paar Tests machen, aber es ist nichts Ernstes.

— Das ist schön. Ich habe dir deine Lieblingspralinen mitgebracht.

— Oh, danke. Du bist der Beste!

Er brachte ihr immer etwas mit. Kleine Dinge – Schokolade, Früchte. Sie freute sich wie ein Kind.

Am Abend saßen sie mit den Kindern beim Essen. Der Älteste studierte in Berlin. Die beiden anderen lebten noch daheim. Eine schöne Familie, könnte man meinen.

Gertrud kochte Pilaw. Katharina hatte Tschebureki gebacken. Alles wirkte perfekt.

Der nächste Tag. Katharina war zur Arbeit gegangen. Martin hatte frei. Er saß mit seiner Mutter in der Küche.

— Mama, ich habe eine andere Frau.

Gertrud sah ihn lange an. Schon grau an den Schläfen. Ganz der Vater.

— Ich weiß, mein Sohn.

— Du… weißt es?

— Ich kenne dich. Ich sehe, wenn du liebst.

— Wir haben ein Kind. Sie heißt Clara.

— Kinder sind ein Segen.

Sie schwiegen.

— Mama, Katharina betrügt mich. Sie hat jemanden.

— Denkst du, ich bin blind?

— Du wusstest es?

— Genau weiß ich nichts. Aber ich ahne es.

— Warum, Mama?

— Das müsst ihr euch gegenseitig fragen. Ehrlich. Direkt.

— Wir hatten doch ein gutes Leben!

— Ihr dachtet, es sei gut.

— Und jetzt?

Er sprang auf, lief in der Küche auf und ab. Wütend, verletzt. Er wollte jemand anderem die Schuld geben. Aber sie steckten beide tief drin.

— Ist das wirklich so schlimm?

— Ich hab mit deinem Vater gelebt. Das war schlimm. Das hier ist… kompliziert, traurig. Aber nicht hoffnungslos.

— Sollen wir uns scheiden lassen?

— Vielleicht. Das ist auch ein Weg.

— Sie lügt, sie spielt Theater…

— Und du? Lügt du nicht auch?

— Ich… ja. Ich auch.

Wieder Stille. Keine Lösung. Wie früher, als er hoffte, die Mutter könnte die Welt wieder gut machen.

— Früher dachte ich auch, man müsse sofort handeln, alles beenden. Aber nein. Solange man noch zusammen ist, solange man sich noch hört – kann man vielleicht noch etwas retten. Manchmal gibst du nach, manchmal wird dir nachgegeben.

— Und jetzt?

— Jetzt habt ihr viel zerstört. Aber rennt nicht. Das Leben selbst wird ordnen.

Die Tür knallte. Katharina kam mit dem jüngsten Sohn.

— Mama, wir haben tolle Pralinen gekauft! Martin, deine Lieblingssorte!

Wieder: Tee. Süßigkeiten. Familie am Tisch.

Martin sah Katharina an. So viele Jahre. So viel geteilt. Und jetzt?

Vielleicht sollte er ihr alles sagen. Über Lena. Über Clara. Über seinen Schmerz.

Aber wenn sie dann auch alles gesteht? Kann er das verzeihen?

Sie waren wie ineinander verwachsene Bäume. Doch Einsamkeit, Schweigen und Alltag hatten sie mürbe gemacht.

Er würde nachdenken. Vielleicht die Trennung vorschlagen. Doch Überbringer schlechter Nachrichten… leben gefährlich.

Er litt. Wer von beiden zuerst den falschen Weg einschlug – egal.

Am Morgen wachte er auf. Sie machte sich fertig für die Arbeit.

— Katharina, wir müssen reden.

— Martin, ich bin spät dran. Heute Abend, ja?

— Gut.

— Worum geht’s?

— Um uns. Unser Leben.

— Du mochtest solche Gespräche nie. Was hat sich geändert?

— Alles.

— Heute Abend, Martin. Ich beeile mich.

— Wann ist dein nächster „Termin“?

— Weiß ich noch nicht. Hängt von den Tests ab.

Sie küsste ihn auf die Wange und verschwand – bunt, schön, flatternd wie ein Schmetterling.

Er wusste: Das Gespräch musste stattfinden.

Und dann – würde das Leben entscheiden.

Niemand weiß, was richtig ist. Es scheint so einfach. Greif nur zu. Doch das Leben ist ein Durcheinander aus Jahren, Entscheidungen, Gefühlen.

Gehen oder bleiben – das entscheidest nur du.

Und Weisheit? Die kommt. Mit der Zeit.

Irgendwann. Einfach so.

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