Müller steckte Katze in Sack – Nachbarsjunge sah zufälligDer Junge rannte sofort zu seiner Mutter und erzählte alles.

Die Gartentür von Heinrich Berger ließ sich seit dem letzten Sommer nicht mehr schließen. Der Riegel war abgebrochen, als er sie mit der Schulter gestoßen hatte, weil die Hände voller Eimer waren. Seitdem hing das Türchen nur noch an einem Scharnier, und der Wind klapperte nachts damit, als käme und ginge jemand, der sich nicht hereinzutraute.

Heinrich hatte sich daran gewöhnt. Er gewöhnte sich überhaupt schnell an alles. An den Tod seiner Frau vor drei Jahren. Daran, dass sein Sohn einmal im Monat sonntags anrief und das Gespräch in vier Minuten passte. Daran, dass der Garten mit Unkraut zuwucherte, weil der Rücken ihm das Bücken nicht erlaubte, und Hilfe zu holen hieße zuzugeben, dass man nicht mehr zurechtkam.

Die Katze kam im September. Grau, mit einem weißen Fleck auf der Brust und einem eingerissenen Ohr. Sie setzte sich vor die Haustür und starrte auf die Tür. Miaute nicht. Strich sich nicht an den Beinen. Sie saß nur da, als wäre sie geschäftlich gekommen und wartete auf Empfang.

Heinrich trat hinaus, sah sie an und sagte:

»Ich habe selbst nichts zu fressen.«

Die Katze ging nicht.

Er ging zurück ins Haus, holte ein Stück gekochten Kabeljau aus dem Kühlschrank, legte es auf Zeitungspapier und stellte es auf die Freitreppe. Die Katze fraß den Fisch, leckte sich und setzte sich wieder an die gleiche Stelle.

»Dann bleib halt sitzen«, sagte Heinrich.

Bis Oktober wohnte sie im Haus. Nicht weil Heinrich sie gerufen hätte, sondern weil er eines Morgens die Tür öffnete und feststellte, dass die Katze auf der Fußmatte im Flur schlief. Wie sie hereingekommen war – unklar. Die Tür war zu. Später bemerkte er, dass das Küchenfenster nicht ganz einrastete, und verstand.

Er reparierte das Fenster nicht.

Der Nachbarsjunge Lukas Weber ging jeden Tag an Heinrichs Haus vorbei. Er war neun, besuchte die dritte Klasse und kam auf dem Rückweg von der Schule durch die Gasse, weil das kürzer war. Die Gartentür mit dem abgebrochenen Riegel lag genau auf seinem Weg. Lukas schaute immer in den Hof – nicht aus Neugier, sondern weil bei Heinrich hinter dem Schuppen ein alter Apfelbaum stand, und im Herbst lagen dort gelbe, kleine, saure Äpfel, die Lukas trotzdem auflas und aß.

Jetzt gab es keine Äpfel. Aber die Gewohnheit zu schauen blieb.

An jenem Donnerstag kam Lukas von der Schule und sah Heinrich auf der Freitreppe stehen, einen Jutesack in der Hand. Der Sack bewegte sich.

Lukas blieb an der Gartentür stehen. Der Sack in Heinrichs Händen zuckte, und etwas darin kratzte dumpf, als ob Nägel über ein Brett fuhren.

Heinrich sah den Jungen nicht. Er stieg die Treppe hinunter, ging durch den Hof zu seinem alten Auto – einem verbeulten VW Käfer, der am Zaun stand, bedeckt mit einer Kruste aus Dreck. Er öffnete die hintere Tür, legte den Sack auf den Sitz und ging zurück ins Haus.

Lukas stand da und regte sich nicht. Das Herz schlug ihm, als wäre er gerannt, obwohl er stand. Er hatte die Katze um Heinrichs Haus gesehen. Die Graue mit dem weißen Fleck. Manchmal saß sie auf dem Fensterbrett und schaute auf die Straße. Lukas hatte ihr einmal gewinkt, und die Katze hatte den Kopf geneigt, als hätte sie ihn nicht verstanden.

Der Sack. Die Katze im Sack. Lukas wusste, was das bedeutete. Seine Oma hatte ihm erzählt, dass man früher auf dem Dorf Kätzchen im Fluss ertränkte. Nicht aus Bosheit, sondern weil es niemanden gab, der sie füttern konnte. Oma hatte das ganz ruhig gesagt, wie übers Wetter, und Lukas hatte damals bis Mitternacht nicht einschlafen können, weil er den Sack vor sich sah, der ins schwarze Wasser sank.

Heinrich kam wieder. Jetzt hatte er einen Karton in der Hand. Er stellte ihn auf den Rücksitz neben den Sack, setzte sich ans Steuer und startete den Motor. Der Käfer hustete, schnaubte und kroch aus dem Hof durch die offene Einfahrt.

Lukas drückte sich an den Zaun, damit das Auto ihn nicht streifte. Heinrich fuhr vorbei und drehte nicht den Kopf.

Der Junge rannte nach Hause.

Seine Mutter Ingrid stand in der Küche und schnitt Zwiebeln. Die Augen rot, aber nicht vom Weinen, sondern vom Zwiebelsaft. Lukas stürmte in den Flur, ohne die Schuhe auszuziehen, und platzte los:

»Mama, Heinrich hat die Katze in einen Sack gesteckt und weggefahren!«

Ingrid legte das Messer hin.

»Welche Katze?«

»Die graue mit dem weißen Fleck! Sie hat bei ihm gewohnt! Er hat sie in den Sack getan und ins Auto!«

»Lukas, zieh die Schuhe aus. Du machst den ganzen Fußboden…«

»Mama! Er fährt sie zum Ertränken! Oder setzt sie im Wald aus!«

Ingrid wischte die Hände am Handtuch ab. Sie sah ihren Sohn an. Er stand da in der offenen Jacke, den Schulranzen auf einer Schulter, und seine Unterlippe zitterte. Er weinte nicht, aber er war kurz davor.

»Lukas, setz dich. Wir wissen nicht, wohin er gefahren ist. Vielleicht zum Tierarzt.«

»Zum Tierarzt fährt man nicht im Sack! In einer Transportbox!«

Und da fiel Ingrid keine Antwort ein. Denn ihr Sohn hatte recht. Zum Tierarzt fährt man nicht im Sack.

»Gut«, sagte sie. »Ich rede mit Heinrich, wenn er zurückkommt.«

»Und wenn es zu spät ist?«

»Lukas.«

»Und wenn es zu spät ist, Mama?«

Ingrid band die Schürze ab.

»Zieh dich an. Wir fahren.«

Sie wusste nicht, warum sie das tat. Heinrich war seit zwanzig Jahren der Nachbar. Ein ruhiger, wortkarger Mann, der früher als Mechaniker in einer Fabrik gearbeitet hatte und jetzt in Rente war und für ein kleines Entgelt Kleinigkeiten bei den Nachbarn reparierte. Er trank nicht. Er stritt nicht. Nach dem Tod seiner Frau war er noch leiser geworden, als hätte man die Lautstärke um einige Stufen heruntergedreht. Ingrid brachte ihm jedes Jahr zu Silvester ein Glas selbstgemachte Marmelade, und jedes Mal sagte er dasselbe: »Ach, Ingrid, das wäre doch nicht nötig gewesen.« Er nahm es. Und beim nächsten Mal sagte er wieder »nicht nötig«.

Er sah nicht aus wie jemand, der Katzen ertränkt.

Aber der Sack hatte sich bewegt. Lukas hatte es gesehen.

Ingrid fuhr den Wagen aus der Garage. Lukas setzte sich neben sie, schnallte sich an und starrte aus dem Fenster, als könnte die Katze plötzlich irgendwo auf der Straße auftauchen. Sie hatten kein Ziel – sie wussten nicht, wohin Heinrich abgebogen war. Zum Fluss? In den Wald? Zur Landstraße?

»Zum Fluss«, sagte Lukas mit Überzeugung.

»Warum zum Fluss?«

»Weil Oma gesagt hat, das macht man immer am Fluss.«

Ingrid bog zum Fluss ab. Nicht weil sie den Geschichten der Oma glaubte. Sondern weil sie keinen anderen Plan hatte, und Lukas sah sie so an, wie Kinder gucken, wenn sie darauf warten, dass ein Erwachsener alles wieder in Ordnung bringt.

Die Straße zum Fluss führte über ein Feld, dann durch einen Birkenhain, dann steil hinunter zu einer alten Brücke. Die Brücke war aus Holz, sie wurde nur im Sommer befahren. Meistens fuhr man jetzt durch Karpowka, das war ein Umweg von acht Kilometern, aber dafür Asphalt.

Heinrichs Käfer war nicht da.

»Er ist nicht hier«, sagte Ingrid.

Lukas antwortete nicht. Er starrte auf den Fluss. Der war nicht zugefroren, weil der Februar mild war, und das Wasser floss trüb, graubraun, mit dunklen Flecken an den Ufern.

»Fahren wir zurück«, sagte Ingrid sanft.

»Durch Karpowka«, bat Lukas.

Sie fuhren durch Karpowka.

Den Käfer sahen sie auf der Rückfahrt. Er stand am Straßenrand am Ortsausgang von Karpowka, vor einem langen, eingeschossigen Gebäude mit der Aufschrift »Tierarztpraxis«. Das Schild war alt, die Buchstaben verblasst, und »Praxis« las sich wie »axis«. An der Tür hing ein Blatt Papier, aber aus der Entfernung war nichts zu erkennen.

Ingrid hielt an.

»Lukas, warte im Auto.«

»Nein.«

»Dann komm mit.«

Sie stritt nicht.

Drinnen roch es nach Chlor und etwas Süßlichem, wie in Apotheken. Hinter einem Tresen saß eine Frau im blauen Kittel und schrieb in ein Heft. Im Flur standen Stühle, leer. Aus einem geschlossenen Raum mit der Türschild »Sprechzimmer« hörte man eine Stimme. Ingrid erkannte sie sofort.

Heinrich.

Sie ging zur Tür und blieb stehen. Lukas klammerte sich an ihre Hand.

Die Tür war einen Spalt offen.

Heinrich saß auf einem Hocker vor einem metallenen Tisch. Auf dem Tisch, auf einer sauberen Unterlage, lag die Katze. Grau, mit einem weißen Fleck auf der Brust. Lebendig. Der Tierarzt, ein junger Mann mit Brille, tastete ihren Bauch ab. Die Katze lag ruhig, nur der Schwanz zuckte.

»Wann haben Sie es bemerkt?«, fragte der Tierarzt.

»Vor drei Tagen. Sie hat aufgehört zu fressen. Dann fing sie an, sich zu verstecken. Unter den Trog gekrochen und nicht mehr rausgekommen. Ich hab sie mühsam rausgeholt.«

»Womit haben Sie sie gebracht?«

»Im Sack. Ich habe keine Transportbox. Hätte ich eine gekauft, aber in unserem Dorfladen gibt es keine, und in die Stadt fahren… ich habe Löcher in den Sack gemacht, damit sie atmen kann. Und eine Decke reingelegt.«

Der Tierarzt nickte. Er drückte auf den Bauch der Katze und ließ die Hand liegen.

»Heinrich, Ihre Katze ist nicht krank. Ihre Katze bekommt Junge. In einer Woche, vielleicht zehn Tagen.«

Heinrich nahm die Mütze ab. Rieb sich die Stirn. Setzte sie wieder auf.

»Junge?«

»Drei oder vier, soweit ich fühlen kann. Sie ist nicht alt, gesund, die Geburt dürfte normal verlaufen.«

»Ich dachte, sie stirbt«, sagte Heinrich leise. »Frisst nicht. Versteckt sich. Miaut nachts, leise, als würde sie sich beschweren. Ich dachte, das war’s.«

Der Tierarzt lächelte.

»Nicht das Ende. Eher der Anfang.«

Heinrich sah die Katze an. Sie drehte den Kopf und kniff die Augen zusammen, als wollte sie sagen: »Na, kapiert?«

Er streckte die Hand aus und streichelte sie zwischen den Ohren. Einmal. Noch einmal. Die Katze legte die Ohren an und fing an zu schnurren, und der Ton ging durch den metallenen Tisch wie eine Vibration.

Lukas atmete nicht mehr. Er hatte alles gehört. Ingrid legte ihm die Hand auf die Schulter und spürte, wie der Junge weich wurde, als hätte man eine Stütze aus ihm herausgenommen, an der er die letzte Stunde festgehalten hatte.

Sie stieß die Tür auf.

Heinrich drehte sich um. Er sah Ingrid. Er sah Lukas. Er wunderte sich.

»Ingrid? Was machst du denn hier?«

Ingrid öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Denn zu sagen »Wir dachten, du fährst die Katze zum Ertränken« war peinlich, dumm und unmöglich. Aber Lukas kam ihr zuvor.

»Heinrich, ich habe gesehen, wie Sie die Katze in den Sack gesteckt haben. Ich dachte, Sie würden sie… na ja…«

Er sprach nicht zu Ende. Heinrich sah den Jungen an, und in seinem Gesicht passierte etwas Langsames und Kompliziertes, als würde er aus einzelnen Worten ein ganzes Bild zusammensetzen.

»Du dachtest, ich wollte sie ersäufen?«

Lukas nickte.

Heinrich schwieg. Dann stand er auf, ging zu dem Jungen und hockte sich hin. Die Knie knackten, und Heinrich zuckte zusammen, aber er stand nicht auf.

»Lukas. Ich hätte das nie getan. Hörst du? Niemals.«

»Ich weiß. Jetzt weiß ich es.«

»Der Sack, weil ich keine Transportbox habe. Sie mag es nicht, wenn man sie hält. Sie kratzt. Im Sack ist es dunkel und ruhig. Ich habe einen alten Pullover reingelegt, damit es weich ist.«

»Ich habe gesehen, wie der Sack sich bewegt hat. Und ich hatte Angst.«

Heinrich legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. Die Handfläche war groß, schwer, mit gelben Schwielen.

»Richtig, dass du Angst hattest«, sagte Heinrich ernst. »Richtig, dass du losgerannt bist. Wenn es wirklich so gewesen wäre, hättest du noch rechtzeitig eingreifen können.«

Die Katze auf dem Tisch hatte aufgehört zu schnurren und sah die beiden an, als verstände sie, worüber gesprochen wurde. Der Tierarzt schrieb schweigend in die Karteikarte.

Ingrid wandte sich zum Fenster. Draußen begann der erste Schnee zu fallen, fein und trocken, und die Laterne vor der Tierarztpraxis sah aus wie eine trübe Sonne in einer weißen Wolke.

Der Karton, den Heinrich nach dem Sack ins Auto gestellt hatte, stand offen auf dem Boden neben dem Tisch. Darin lagen ein altes Frottiertuch, eine mit Plastikfolie abgedeckte Wasserschale, damit nichts verschüttet, und ein Päckchen Katzenfutter. Das wurde in ihrem Dorf nur in einem Laden verkauft, bei Tante Luise, und es war teuer. Heinrich hatte es schon vorher gekauft.

Nach Hause fuhren sie im Dunkeln. Lukas saß auf dem Rücksitz und schwieg. Er schlief nicht, er schwieg nur, wie ein Erwachsener, dem die Worte ausgegangen sind, aber die Gedanken noch nicht.

»Mama«, sagte er, als sie sich dem Dorf näherten, »darf ich zu Heinrich gehen? Wenn die Jungen da sind?«

»Darfst du, wenn er nichts dagegen hat.«

»Er wird nichts dagegen haben.«

Ingrid fragte nicht, woher diese Sicherheit kam. Denn sie hatte gesehen, wie Heinrich den Jungen im Sprechzimmer angesehen hatte, und in diesem Blick lag etwas, das sie seit Jahren nicht mehr bei ihrem Nachbarn bemerkt hatte. Keine Dankbarkeit. Etwas Einfacheres und Wichtigeres. Als wäre er zum ersten Mal seit drei Jahren nicht über den Zaun hinweg gesehen worden, sondern aus der Nähe.

Die Jungen kamen neun Tage später zur Welt. Vier. Drei graue und einer weiß, mit einem dunklen Fleck auf dem Rücken, der wie ein Klecks aussah.

Lukas kam am selben Abend. Heinrich öffnete die Tür und ließ ihn wortlos herein. Der Junge setzte sich auf den Boden neben den Karton, in dem die Katze mit ihren Jungen lag, und blieb eine halbe Stunde sitzen, ohne sich zu rühren.

»Der hier sieht aus wie du«, sagte Heinrich und deutete auf das weiße. »Genauso quirlig.«

»Er liegt doch.«

»Warte nur ab.«

Die Gartentür reparierte Heinrich. Lukas half, hielt das Scharnier, während Heinrich die Schrauben anzog. Den neuen Riegel kaufte Ingrid. Sie brachte ihn in einer Tüte, zusammen mit einem Glas Marmelade. Heinrich sagte: »Ach, Ingrid, das wäre doch nicht nötig gewesen.« Aber er baute den Riegel noch am selben Tag ein.

Jetzt schloss die Tür fest, und der Wind klapperte nachts nicht mehr. Aber Lukas kam trotzdem jeden Tag nach der Schule durch diese Tür. Er öffnete sie, trat ein, schloss sie hinter sich. Der Riegel schnappte sauber und kurz ein, wie ein Punkt am Ende eines Satzes.

Das weiße Kätzchen nahm Lukas mit nach Hause, als es groß genug war. Er nannte es Flocke. Heinrich hörte den Namen, brummte und sagte nichts. Er streichelte nur die Katze, die auf dem Fensterbrett saß und zusah, wie der Junge ihren Sohn durch den Hof trug.

Die Katze folgte den beiden mit den Blicken bis zur Gartentür. Dann wandte sie sich ab und rollte sich auf dem Fensterbrett zusammen.

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