Die Katze wurde gebracht und zurückgelassen. Nach drei Jahren die Überraschung – was geschah mit ihr?

**Tagebucheintrag, Dienstagabend**

Seit drei Tagen rührt Minka ihr Futter nicht an. Ich habe den Napf heute Morgen näher an die Heizung gestellt, obwohl ich genau weiß, dass es nicht an der Temperatur liegt. Sie liegt auf dem Fensterbrett im Wartezimmer, die Pfoten eng an den Körper gezogen. Sie schläft nicht. Sie starrt nach draußen, als stünde da jemand hinter dem beschlagenen Glas und wartete. Ich streiche ihr über den Rücken; sie zuckt mit dem Ohr, dreht sich aber nicht um. Ihr Fell ist warm und dicht, und unter meinen Fingern spüre ich die Rippen, die früher nicht da waren.

Hier in der Praxis riecht es nach Desinfektionsmittel und Trockenfutter. Der Geruch hat sich in die Wände gefressen, in meinen Kittel, in meine Hände, in meine Haare. Ich nehme ihn längst nicht mehr wahr, aber jeden Morgen, wenn ich die Tür aufschließe und das Licht anknipse, schlägt er mir die ersten Sekunden entgegen, als wollte er mich daran erinnern: Du arbeitest hier, du lebst nicht.

Und doch lebe ich. Vor drei Jahren habe ich Minka zu mir genommen, weil niemand sie abholen kam. Ihre Besitzerin hatte sie nach der Untersuchung hiergelassen, sagte: „Ich bin in einer Stunde zurück“, und kam nie wieder. Weder nach einer Stunde, noch nach einer Woche, noch nach einem Monat. Ich wartete vierzehn Tage, dann hörte ich auf zu warten und holte eine alte Decke von zu Hause.

Im Regal im Behandlungsraum liegt immer noch ihr Halsband. Alt, aus rotbraunem Leder, mit einer Metallplakette, auf der kaum noch eine Telefonnummer zu lesen ist. Die Ziffern sind fast vollständig abgerieben, als hätte jemand immer wieder mit dem Finger darüber gerieben. Ich habe nie versucht, diese Nummer zu entziffern. Wollte es nicht. Ein Mensch, der ein Lebewesen wegwirft, verdient keinen Anruf.

Ich habe Minka das Halsband am ersten Abend abgenommen, als sie in der Praxis übernachtete, und es ganz oben ins Regal gelegt, hinter die Schachtel mit Verbandsmull. Drei Jahre lag es an derselben Stelle, der Staub darum hatte einen gleichmäßigen grauen Ring gebildet.

Ich rückte meine Brille an der Kette zurecht, goss das Restwasser aus dem Napf mit dem Sprung im Boden aus und füllte frisches ein. Der Napf war alt, einer von der Praxis, mit dem verblassten Logo eines Futtermittelherstellers. Provisorisch. Drei Jahre lang hatte ich mir vorgenommen, einen richtigen zu kaufen, aus Keramik, mit niedrigem Rand, wie für Kurznasenkatzen empfohlen. Aber jedes Mal blieb ich vor dem Schaufenster der Tierhandlung stehen und ging weiter. Denn ein richtiger Napf hätte bedeutet, dass Minka mir gehörte. Aber Minka war fremd. Genauer: jetzt war sie niemandes.

* * *

Das Telefon klingelte um halb zehn, als ich mir in der Abstellkammer Tee aufbrühte. Klaus, mein Assistent, nahm zuerst ab, brummte etwas in seinen Bart und reichte mir den Hörer. Sagte, eine Frau sei dran.

Ich nahm ab. Die Stimme am anderen Ende war leise, ohne Druck. Sie stellte sich als Ursula vor und sagte, sie habe vor drei Jahren eine Katze in unserer Praxis gelassen. Eine dreifarbige. Minka.

Der Tee in der Tasse wurde kalt. Ich sah zu, wie der Dampf aufstieg und sich auflöste, und hörte zu. Ursula sprach langsam, suchte nach Worten. Sie sagte, sie wolle wissen, wo Minka jetzt sei, und ob sie sie abholen könne.

Ich antwortete nicht sofort. Meine Finger umklammerten den Hörer. Dann fragte ich sachlich, wie man eine Diagnose bei einem Kollegen erfragt: „Und wo waren Sie drei Jahre lang? Die Katze lebt hier auf dem Abstellgleis, ohne richtigen Platz.“

Ursula schwieg. Sie rechtfertigte sich nicht, erklärte nichts. Wiederholte nur, sie könne kommen, wenn ich es erlaube.

Ich sagte, ich rufe zurück, und legte den Hörer auf den Tisch. Das Display leuchtete noch, und ein blauer Streifen zog sich über die Wachstuchdecke.

Klaus stand in der Tür, wischte sich die Hände an der Schürze ab, die nach Futter und etwas Säuerlichem roch – nach Sauerkraut aus der Dose, die er sich zum Mittag aufwärmte.

„War das die? Die ausgesetzt hat?“

Ich nickte.

Klaus kratzte sich am Kinn. Schwieg, dann sagte er, er erinnere sich an die Frau. Ihre Augen seien rot gewesen, als sie die Katze brachte. Das habe er mir damals gesagt. Ob ich mich erinnere?

Ich erinnerte mich nicht. Oder wollte nicht.

Klaus zuckte die Achseln und brummte, so sei das hier: erst aussetzen, ein Jahr später wieder einfallen. Dann fügte er hinzu: „Lass sie nicht rein.“ Danach ging er die Käfige putzen, und vom Flur her hörte ich das Klirren von Metallstäben und das Platschen von Wasser.

Ich trank den Tee aus, obwohl er längst kalt war. Der Geschmack des Aufgusses lag auf der Zunge, dick und bitter, wie der Nachgeschmack eines nicht beendeten Gesprächs. Minka saß immer noch auf dem Fensterbrett und starrte nach draußen. Das Trockenfutter im Napf war unberührt.

Am Abend rief ich zurück. Wählte die Nummer, der Hörer wurde nach dem ersten Klingeln abgenommen, als hätte sie all die Stunden auf den Anruf gewartet.

Ich sagte kurz: Minka lebe seit drei Jahren bei uns. Sie sei gesund, geimpft, habe ihre eigene Ecke, ihre Decke, ihre Gewohnheiten. Und ich halte es nicht für richtig, die Katze einem Menschen zurückzugeben, der sie ohne ein Wort in der Praxis zurückgelassen habe.

Es dauerte vier Sekunden. Dann sagte Ursula: „Ich habe sie nicht ausgesetzt.“

Zwei Worte, und darin lag weder Groll noch Wut. Nur eine Tatsache.

Ich wollte antworten, aber die Kehle schnürte sich zu, und ich musste mich räuspern. Wiederholte: Sie seien nicht zurückgekommen, das sei eben Aussetzen. Ursula widersprach nicht. Sagte nur „Ich verstehe“ und legte auf. Die Freizeichen kamen gleichmäßig, lang, und ich hörte sie fast eine Minute lang, bevor ich das Telefon in die Tasche steckte.

* * *

Ursula kam zwei Tage später. Sie rief nicht an, kündigte sich nicht an. Stand einfach vor der Tür der Praxis.

Ich sah sie durch das Milchglas: eine schmale Silhouette in einem viel zu großen Mantel, die Ärmel bedeckten die Finger, die Schultern hochgezogen, als fröre sie, obwohl es draußen achtzehn Grad plus hatte.

Sie stand da, ohne sich zu bewegen, klopfte nicht. Wartete. Wie man in einem Wartezimmer wartet, wenn die Nummern aufgerufen werden und nichts zu beschleunigen ist.

Draußen nieselte es. Ein feiner, warmer Mai-Regen. Der Geruch von nassem Asphalt und Pappelblättern drang durch den Spalt unter der Tür, und die Luft im Flur wurde feucht.

Im Behandlungsraum pfiff der Wasserkocher, und ich ging vom Fenster weg, um ihn abzuschalten. Meine Hände machten die Bewegungen wie immer: Kocher, Tasse, Teebeutel. Aber im Kopf nur eines: nicht öffnen. Nicht nötig.

Minka sprang vom Fensterbrett. Zum ersten Mal seit drei Tagen bewegte sie sich von selbst, ohne dass ich sie hochnehmen musste. Sie ging zur Tür und setzte sich, den Schwanz um die Vorderpfoten gelegt. Sie sah auf das Glas. Der Schwanz bewegte sich nicht.

Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Der Wasserkocher dampfte in meiner Hand. Ich wartete, bis die Silhouette verschwand. Sie verschwand. Drehte sich langsam um und ging weg, gebeugt, wie jemand, der keine Kraft hat, den Rücken gerade zu machen.

Minka blieb bis zum Abend an der Tür sitzen. Fraß nicht, trank nicht, putzte sich nicht. Als ich sie auf den Arm nahm und ins Behandlungszimmer trug, drehte sie den Kopf über die Schulter und sah zum Milchglas. Im Glas war nichts. Nur Regen und Laternenlicht.

Klaus bemerkte es und schwieg. Brummte aus der Ecke, dass das Schloss an der Eingangstür hakelig sei und ausgewechselt werden müsse. Ich nickte. Das Schloss wechselte ich nicht.

* * *

Der Umschlag lag am nächsten Morgen unter der Tür, als ich die Praxis aufschloss. Weiß, ohne Briefmarke, ohne Absender. Nur ein Name, handschriftlich: „Sabine“. Die Buchstaben klein, nach links geneigt.

Ich hob ihn mit zwei Fingern auf, als könnte der Umschlag verbrennen. Das Papier roch nach fremdem Parfum, etwas Blumigem und Schwachem, wie der letzte Atemzug eines getrockneten Lavendelsäckchens. Der Umschlag war leicht, aber meine Hände fühlten sein Gewicht, wie man das Gewicht schlechter Nachrichten spürt, noch bevor man sie liest.

Darin lagen drei Blätter und ein Foto.

Das erste Blatt: ein Entlassungsbericht aus einem Onkozentrum, datiert auf vor drei Jahren. Diagnose, Stadium, Behandlungsplan. Ich lese medizinische Unterlagen jeden Tag, ich wusste, was diese Codes und Abkürzungen bedeuteten. Bei den Zeilen in der standardisierten Krankenhaus-Schrift fingen meine Finger an zu zittern, und ich legte das Blatt auf die Knie, um es nicht fallen zu lassen.

Das zweite Blatt: eine Bescheinigung über den Abschluss der Behandlung. Datum, Unterschrift des behandelnden Arztes, runder Stempel mit Bundesadler. Remission. Zwei Jahre stabile Remission.

Das dritte Blatt: ein handgeschriebener Zettel. Dieselbe Schrift wie auf dem Umschlag, klein, die Buchstaben aneinandergepresst, als sei wenig Platz, aber viel zu sagen. Nur wenige Zeilen.

„Ich habe Minka dagelassen, weil ich nicht wusste, ob ich zurückkomme. Chemotherapie, dann Bestrahlung, dann Operation. Ich war monatelang nicht zu Hause. Ich konnte sie nicht mitnehmen und nicht allein in einer leeren Wohnung lassen. Die Tierarztpraxis war der einzige Ort, an dem ich wusste, dass man sich um sie kümmert. Im ersten Jahr habe ich jeden Monat angerufen. Man sagte mir, eine Tierärztin habe die Katze genommen. Ich habe mich nicht getraut, vorbeizukommen, bis ich gesund war. Ich habe ihr versprochen, zurückzukommen.“

Das Foto war klein, neun mal sechs Zentimeter, mit einer umgeknickten Ecke. Darauf eine Frau mit kurzen Haaren nach der Chemotherapie, die eine dreifarbige Katze auf dem Arm hielt. Die Haare fingen erst an nachzuwachsen, ein dunkler Flaum, wie bei einem Neugeborenen. Die Katze rieb ihr Gesicht an ihrem Kinn, und die Frau drückte sie mit beiden Armen fest an die Brust, wie man das drückt, was man zu verlieren fürchtet und schon fast verloren hat.

Ich setzte mich mitten im Flur auf den Boden. Las den Zettel noch einmal. Dann noch einmal.

Minka kam lautlos und legte sich neben mich. Ihr Fell war warm und weich wie immer. Drei Jahre lang hatte ich sie gestreichelt und für meine gehalten. Und Minka hatte all diese Jahre auf dem Fensterbrett gesessen und aus dem Fenster gestarrt.

* * *

Ich rief mittags an. Meine Stimme zitterte nicht, aber der Hals war trocken, und die Worte kamen kurz, wie Zahlen auf einem Rezept.

„Ursula. Kommen Sie. Holen Sie Minka ab.“

Stille. Dann die Frage: „Sind Sie sicher?“

Und ich antwortete „Ja“, und dieses Ja war das kürzeste und schwerste Wort, das ich seit drei Jahren ausgesprochen hatte.

Ursula kam nach vierzig Minuten. Sie trat leise ein, blieb an der Schwelle stehen. Der Mantel war derselbe, viel zu groß, mit langen Ärmeln. Aber ihre Augen waren andere. Nicht bittend, nicht schuldbewusst. Dankbar, ohne ein Wort, nur mit einem Blick.

Minka saß auf dem Fensterbrett. Als Ursula ins Wartezimmer trat, drehte die Katze den Kopf. Hielt inne, eine Sekunde, als prüfe sie. Dann sprang sie herab und ging auf sie zu. Nicht rennend, nicht springend. Sie ging einfach, wie man zu dem geht, den man lange erwartet hat und endlich gefunden.

Ich holte das Halsband aus dem Regal. Rotes Leder, rissig und an einer Stelle weich, die Plakette mit einem Kratzer vom Nagel. Ich reichte es Ursula und sagte nur: „Das gehört ihr.“

Ursula nahm das Halsband und legte es Minka an. Ihre Finger waren dünn, der Verschluss ließ sich nicht sofort schließen, sie musste drücken. Der Klick war leise und genau, wie ein Punkt am Ende eines langen Satzes.

Minka hob den Kopf und stupste Ursula an der Hand. Ursula legte die Hand auf sie und stand einen Moment so, ohne sich zu bewegen. Dann nahm sie die Katze auf den Arm, und Minka vergrub ihr Gesicht in ihrem Hals, in der Mulde zwischen den Schlüsselbeinen, und schloss die Augen.

Ich räumte den Napf mit dem Sprung vom Tisch. Wusch ihn aus, wischte ihn mit einem Handtuch trocken, stellte ihn in den Schrank. Klaus stand in der Tür des Behandlungsraums, aber er brummte nichts und kommentierte nichts.

„Kaufen Sie ihr einen richtigen Napf“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. „Der hier war provisorisch. Drei Jahre provisorisch.“

Ursula nickte. Drückte Minka mit beiden Armen an die Brust und ging.

Die Tür fiel ins Schloss. Im Flur roch es nach Regen und fremdem Blumenparfüm. Ich stand am Fenster und sah zu, wie Ursula zum Auto ging, die Katze an sich gepresst.

Im Regal blieb eine leere Stelle vom Halsband. Ich fuhr mit dem Finger über die staubige Kontur und wischte sie weg. Dann setzte ich meine Brille auf, schaltete das Licht im Wartezimmer ein und öffnete die Tür für den ersten Patienten.

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