Danke für meinen Vater

29. Oktober

Was hat die Polizei gesagt? fragte Anna leise, als meine Mutter den Hörer auf den Tisch legte.

Nichts Gutes, seufzte sie und nahm einen Schluck Wasser. Sie meinten, es ist noch zu früh, um Alarm zu schlagen. Es hätten mindestens 24 Stunden vergehen müssen. Aber ich spüre es Ich spüre, dass irgendetwas passiert ist!

*****

Hallo Mama! Ist Papa schon weg? rief Anna, als sie mit einer Schwarzwälder Kirschtorte ins Haus kam.

Hallo, mein Schatz. Ja, er ist schon unterwegs. Ich hab dir doch erzählt, dass heute sein letzter Tag im Betrieb ist sie feiern ihn zum 50. Geburtstag und verabschieden ihn gemeinsam in den Ruhestand. Er konnte unmöglich fehlen, das verstehst du sicher.

Schade, dachte ich, denn ich hätte ihn gerne gesehen.

Aber er hat versprochen, zum Mittagessen zurück zu sein.

Na gut. Da müsste auch mein Stefan schon hier sein. Dann ist die ganze Familie zusammen. Hilfst du mir bis dahin mit dem Tisch?

Natürlich. Allein schaff ich das sowieso nicht. Aber lass uns erstmal einen Tee trinken. Der Wasserkocher ist gerade durch, und ich hab deine Lieblingseclairs besorgt. Möchtest du?

Sehr gerne.

Wir saßen gemeinsam am Küchentisch, tranken Tee, aßen Eclairs und unterhielten uns über das Wetter, die Natur und natürlich über meinen Vater, der heute seinen 50. Geburtstag feierte.

Eigentlich war alles schön, doch

meiner Mutter fiel auf, dass Anna etwas zu verbergen schien. Als ob sie etwas erzählen wollte, sich aber noch nicht traute.

Ihr wurde gleich mulmig zumute.

Ist bei dir alles in Ordnung, mein Mädchen?

Sieht man mir das etwa an? Anna lachte leise auf.

Schon Willst du mir etwas erzählen?

Ja. Aber bitte keine Sorge, Mama. Es sind wirklich schöne Nachrichten.

Ach ja? Dann schieß los, ich bin gespannt.

Also Stefan und ich haben beschlossen, euch unser kleines Gartengrundstück, das wir letztes Jahr gekauft haben, zu schenken.

Wie verschenken?!

Ganz von Herzen. Stefan hat das Gartenhäuschen gerade frisch renoviert, ihr könnt wunderbar dort wohnen, solange ihr mögt.

Und ihr?

Wir kommen einfach zu Besuch und entspannen dann bei euch. Weißt du, wir hätten sowieso nicht die Zeit, um uns so ums Grundstück zu kümmern, wie ursprünglich vorgehabt Anna hielt inne und lächelte geheimnisvoll.

Warum?

Weil ihr in acht Monaten Großeltern werdet.

Wirklich?

Wirklich!

Mein Gott, ich freu mich so, Anna! Und wie glücklich Papa erst sein wird!

Meine Mutter sprang auf, umarmte Anna fest und küsste sie mehrmals.

Ich wollte euch die Nachricht eigentlich gemeinsam verraten, aber dass Papa so früh losgeht, konnte ich nicht ahnen.

Das macht nichts, er kommt bald zurück, dann erzählst du es ihm gleich. Und jetzt sie blickte auf die Uhr packen wirs an.

Auf gehts!

Bald klapperten die Töpfe, Messer hackten Gemüse, Hand in Hand arbeiteten wir wie ein eingespieltes Team kein bisschen Rivalität in unserer Küche. Das Essen war wunderbar: knusprig gebratene Hähnchen, köstliche Fischfrikadellen, Kartoffelbrei, drei verschiedene Salate.

Meine Mutter schaute erneut auf die Uhr.

Siehst du, wir sind sogar früher fertig als geplant!

Kein Wunder, wenn vier Hände arbeiten, lachte Anna. Willst du Papa anrufen und nachfragen, wann er zu Hause ist?

Mach ich gleich sagte meine Mutter.

Ich ruf währenddessen Stefan an und frage, wann er kommt.

Anna ging in den Flur, während meine Mutter das Handy nahm und Papas Nummer wählte. Doch nur Freizeichen, niemand ging ran, auch beim zweiten Versuch nicht. Mama blickte verzweifelt auf die Uhr und ich sah, dass ihr die Sorge ins Gesicht geschrieben stand.

Warum geht er nicht ran?

Er hatte versprochen, anzurufen, wenn er im Betrieb angekommen ist. Das hatte er nie vergessen. Mir wurde kalt zumute.

Mama, Stefan meint, er kommt spätestens in einer Stunde! Und Papa?

Er antwortet nicht

Wirklich? Komisch

Komisch Ich hab so ein schlechtes Gefühl. Das ist gar nicht seine Art, er hat mich nie warten lassen. Und er rief heute nicht mal an, als er losgefahren ist. Das ist nicht er. Warum antwortet er nicht?

Vielleicht feiert die Belegschaft mit ihm heute ist ja ein besonderer Tag. Da vergisst er vielleicht echt mal das Handy.

Nein, Anna. Papa ist ein zuverlässiger Mensch. Wenn er verspricht, zum Essen da zu sein, dann hält er das auch. Ich verstehe wirklich nicht, warum er diesmal nicht anruft.

Ruf doch einfach mal seinen Chef an. Vielleicht wissen sie dort, wann er losgeht.

Gute Idee, ich probiers.

Normalerweise war Mama keine Pessimistin, aber heute hatte sie ein ungutes Gefühl. Papa hatte immer erreichbar sein wollen, vor allem heute.

Andererseits,, dachte sie, so ein Tag kommt nur einmal. Nach 25 Jahren in seinem Beruf fällt der Abschied sicher schwer

Hallo! ertönte plötzlich eine Männerstimme.

Guten Tag, Herr Becker! Hier ist Katharina, Michaels Frau. Ich wollte mal nachhören, ob mein Mann bald freibekommt. Seine Tochter ist aus Köln zu Besuch, und wir sitzen schon am gedeckten Tisch

Guten Tag, Frau Wunderlich! Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll

Ich verstehe nicht

Wir warten hier auch schon länger auf ihn. Wir haben ihn mehrfach angerufen, keine Antwort.

Sie meinen, er war noch gar nicht im Betrieb? Meine Mutter war sprachlos.

Nein, noch nicht erschienen. Wir warten aber weiter. Sagen Sie ihm bitte Bescheid, falls er sich bei Ihnen meldet. Ein verdienter Mitarbeiter der muss natürlich offiziell verabschiedet werden, das ist bei uns Tradition.

Mach ich Herr Becker, geben Sie mir bitte auch Bescheid, falls er noch auftaucht.

Zitternd legte meine Mutter auf. Ich sah sofort, wie blass sie war.

Anna, Papa war nicht im Betrieb. Und ans Handy geht er auch nicht. Wo kann er bloß sein?

Ruhig bleiben, Mama. Wir versuchen es weiter.

*****

Papa verließ früh am Morgen das Haus, grüßte die alten Damen im Hof, lächelte in die Morgensonne und lief wie immer zur Straßenbahnhaltestelle. 25 Jahre derselbe Weg heute jedoch nicht in den Dienst, sondern zum offiziellen Abschied; Arbeitszeugnisse abholen und Kollegen Lebewohl sagen.

Er hatte die Nacht kaum geschlafen, immer wieder Corvalol getrunken, das Herz pochte unruhig. Trotzdem hatte er beim Frühstück tapfer gelächelt Mama sollte sich nicht sorgen.

Er wollte nicht, dass sie alles absagt. Die Kollegen warteten. Also verließ er das Haus extra früh, damit niemand etwas bemerkte.

Es vergeht schon wieder, redete Michael sich ein und fasste sich ans Herz. Als er die überfüllte Straßenbahn sah, entschied er, lieber zu laufen frische Luft sollte helfen.

Im kleinen Park, den er auf dem Weg durchquerte, wurde sein Zustand jedoch nicht besser. Er setzte sich schwer atmend auf eine Bank, lockerte den Kragen und rang um Luft. Wie lange er so saß, wusste er selbst nicht aber es wurde schlimmer.

Er wollte noch Mama anrufen, dann den Notdienst. Doch als er das Handy aus der Tasche zog, versagten ihm die Hände, das Gerät fiel auf den Boden und rutschte unter die Bank. Der Schmerz in der Brust wurde unerträglich. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Ein schöner Ruhestand, dachte Michael bitter. Am meisten schmerzte ihn, dass er sich nicht verabschieden konnte.

*****

Meine Mutter nahm herzstärkende Tropfen, wählte wieder Papas Nummer. Nichts. Auch Anna rief unentwegt an keine Reaktion.

Kurz darauf kam Stefan. Wir saßen schweigend am Feiertagstisch und warteten.

Worauf warten wir? rief Mama plötzlich. Wir müssen die Polizei informieren! Vielleicht können sie helfen, Papa zu finden!

Wir waren uns einig: Papa würde uns nie absichtlich so lange in Ungewissheit lassen.

Er hatte viele Jahre bei der Feuerwehr in Stuttgart gearbeitet, half anderen in Extremsituationen dass er jetzt nicht erreichbar war, konnte nur heißen, dass ihm etwas passiert war.

Was hat die Polizei gesagt? Anna fragte, als Mama wiederkam.

Nichts Tröstliches, sie trank Wasser. Es sei zu früh. Erst wenn ein ganzer Tag vergangen ist Aber ich fühle, dass etwas passiert ist.

Dann suchen wir selbst! rief Anna diesmal fest entschlossen.

Du hast recht, mein Schatz. Er wollte doch mit der Straßenbahn fahren. Also gehen wir zur Haltestelle und fragen Leute, ob sie ihn morgens gesehen haben. Und vielleicht die Fahrer. Wir dürfen keine Zeit verlieren.

Mama, Stefan und ich kümmern uns um die Suche. Bleib du zu Hause, falls Papa zurückkommt. Rufe bitte alle Krankenhäuser an. Ich will nicht schwarzmalen, aber besser, wir checken alles.

In Ordnung

Anna und Stefan zogen Schuhe und Jacken an und gingen los, während Mama die nächste Runde Telefonate an alle nahegelegenen Kliniken startete.

Bitte lass ihm nichts passiert sein, flüsterte sie und bekreuzigte sich.

*****

Michael war noch bei Bewusstsein, aber seine Kräfte schwanden zusehends. Als er zwei Frauen an sich vorbeigehen sah, versuchte er zu rufen:

Hilf mir stammelte er.

Doch die Frauen blickten ihn verächtlich an.

Noch ein Säufer, schnaubte eine.

Bestimmt seit früh betrunken, kann nicht mal mehr nach Hause, liegt auf der Parkbank rum Leute gibts!

Michael hörte die Worte, es tat ihm weh, dass niemand helfen wollte. Unzählige Menschen hatte er selber einst gerettet sogar Tiere nun lag er hilflos da.

Warum gerade heute?

Plötzlich hörte er dicht am Ohr lautes Bellen. Eine Hundeschnauze leckte ihm das Kinn, Pfoten kletterten auf seine Brust.

Ein Hund!, schoss es ihm durch den Kopf wo ein Hund ist, sind oft Menschen in der Nähe.

Mit Mühe öffnete er die Augen und erkannte einen älteren Mischling, den er merkwürdigerweise kannte aber woher?

Sofort schossen Erinnerungen durch den Kopf.

Einst hatte er bei einem Wohnungsbrand ein Ehepaar und ihre Hündin gerettet. Niemand hatte daran gedacht, das Tier aus dem Haus zu holen. Michael tat es trotzdem und trug die Hündin, halb erstickt, ins Freie. In den Augen des Tiers las er damals riesengroßen Dank.

Diese Erinnerungen blitzten auf und vergingen wieder. Dunkelheit und Kälte blieben zurück.

Wuff-wuff! bellte der Hund, leckte über Michaels Gesicht. Er erkannte seinen Retter und wollte nun helfen.

Bitte hol Hilfe, flüsterte Michael, dann verlor er das Bewusstsein.

Der Hund verstand. Sofort rannte er zur Parkausgang, hielt erst einen Studenten an, versuchte dann, eine Frau mit Kind zu alarmieren, zuletzt legte er sich einem Mann vors Fahrrad. Doch niemand hörte hin; sie scheuchten ihn fort, hielten ihn für lästig oder gar gefährlich. Aber der Hund wollte nur Hilfe holen.

*****

An der Haltestelle erfuhren Anna und Stefan nichts Neues. Niemand hatte Michaels Foto wiedererkannt, alle verneinten. Verzweifelt rannten sie von Laden zu Laden, durch jede Straße der Umgebung.

Keine Spur von Papa.

Beim Vorbeilaufen am Park hörte Anna plötzlich heftiges Gebell. Sie drehte sich um, sah einen alten Hund, der sich immer wieder passierenden Menschen in den Weg stellte, zurückwich, wenn sie ihn verscheuchten.

Anna, was ist los? fragte Stefan, als sie anhielt. Sie wollten eigentlich weiter Richtung Taxistand, in der Hoffnung auf eine Spur.

Ich weiß nicht Der Hund bellt nicht einfach so Als wollte er etwas mitteilen Ich kanns nicht erklären, aber ich spüre es.

Der Hund blickte Anna an ihre Blicke trafen sich, und sie sah in seinen Augen nicht nur eine Bitte, sondern eine flehentliche Aufforderung.

Anna, wohin gehst du denn? rief Stefan ihr verwundert hinterher.

Doch Anna hörte ihn nicht mehr. Sie lief auf den Hund zu, und der Hund bellend rannte ihr voraus, führte sie tiefer in den Park, bis dorthin, wo Michael bewusstlos auf der Bank lag. Zum Glück atmete er noch.

Er lebte!

Papa! schrie Anna, kniete sich hin und schüttelte ihn. Stefan! Ruf den Notarzt!

*****

Der Rettungsdienst kam rasch und brachte Michael mit Blaulicht in die Kardiologie der Uniklinik.

Während Stefan sich um den Wagen kümmerte, nahm Anna den Hund an sich. Auf dem Weg ins Krankenhaus informierte sie ihre Mutter und versprach, sich zu melden, sobald sie etwas wusste.

Ihr Vater hatte wirklich Glück, sagte der Arzt später. Sie waren rechtzeitig da, wenige Minuten später wäre es zu spät gewesen.

Wird er wieder gesund? fragte Anna unter Tränen.

Er wird es.

Draußen, vor dem Krankenhaus, setzte sich Anna zu Stefan und dem Hund, drückte das Tier an sich.

Danke Danke für Papa.

Wie geht es deinem Vater? fragte Stefan.

Es geht aufwärts, entgegnete Anna erschöpft. Und das alles nur wegen diesem Hund.

Er trägt ein Halsband. Er gehört offenbar jemandem.

Wir sollten ihn behalten, bis wir seinen Besitzer finden. Nach dem, was er heute für Papa getan hat, kann ich ihn nicht einfach draußen lassen.

Selbstverständlich, Liebling.

*****

Katharina, Stefan und Balthasar (so stand es auf der Marken-Plakette am Halsband) warteten vor dem Krankenhaus in Esslingen. Zehn Minuten später kam Anna mit ihrem Vater aus dem Eingang.

Balthasar sprang sofort auf Michael zu, bellte vor Freude, leckte seine Hand Dank und Wiedersehensfreude in den Augen.

Papa, das ist der Hund, der dich gerettet hat. Er war dein schönstes Geburtstagsgeschenk er hat dir das Leben geschenkt.

Danke, mein Freund, Michael streichelte vorsichtig sein Fell. Aber weißt du, wo ist denn sein Besitzer?

Wir haben Aushänge gemacht, Online-Anzeigen geschaltet niemand hat sich gemeldet, während du im Krankenhaus warst.

Später fuhr Michael selber zu dem Haus, das vor einem Jahr abgebrannt war. Es stand schon lange leer, Nachbarn meinten, die früheren Besitzer seien weggezogen und hätten den Hund zurückgelassen.

Da blieb Balthasar natürlich bei uns.

Und ich muss sagen Michael war mehr als zufrieden damit.

Gemeinsam mit Balthasar fuhr er zur offiziellen Verabschiedung im Betrieb, verbrachte im Sommer viele Stunden im Garten und holte mit Stefan zusammen Anna nach der Geburt ihrer Tochter aus der Klinik.

Glückwunsch, Papa! strahlte Anna. Jetzt bist du Opa und hast zwei Enkelinnen!

Was für ein Glück! freute sich Michael.

Wuff-wuff! bestätigte Balthasar, denn auch für ihn zählte nur: der Familie geht es gut.

Das Leben hat sich für uns alle zum Besseren gewendet mehr Sinn, mehr Freude, mehr Dankbarkeit für jeden Tag.

Persönliche Lehre:
Heute habe ich begriffen, wie schnell alles anders werden kann. Wie kostbar Gesundheit und Familie sind. Und dass Hilfe manchmal von dort kommt, wo man sie nie erwartet. Ich werde Balthasar immer dankbar sein für mein Leben und für das Glück, meine Liebsten wiedersehen zu dürfen.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: