Brief von mir selbst

Tagebucheintrag, 19. März 2026

Ein oranger Briefumschlag. Wirklich orange wie eine Mandarine mitten im Schnee. Ich habe ihn ganz unten zwischen Rechnungen für Strom und Wasser und der neuesten Pizza-Werbung aus dem Briekasten gezogen. Mein Name vorne, meine Adresse. In meiner Handschrift. Annike Elisabeth Brandt.

Als ich den Umschlag umdrehe Absender identisch: Annike Elisabeth Brandt. Beide Adressen meine. Wer macht solchen Scherz? Ich schaue den Umschlag genauer an. Die Querstriche auf dem t so lang, das n mit der kleinen Schleife am Ende ich habe seit der Schulzeit nie anders geschrieben. Damals gab mir Frau Niemann, meine Deutschlehrerin, eine Zwei für die Handschrift und sagte: Brandt, du schreibst wie eine erwachsene Frau. Wenn das mal kein Kompliment ist.

Ich hab nie was geändert. Nach fünfundzwanzig Jahren kenne ich meine Buchstaben besser als mein Gesicht.

Im Treppenhaus, erste Etage, stehe ich mit einer REWE-Tüte und verstehe die Welt nicht mehr. Ich fahre mit dem Aufzug hoch bis zum neunten, schließe die Tür auf, stelle die Einkäufe auf den Küchentisch. Der Umschlag liegt daneben.

Meine Wohnung ist klein. Einzimmerwohnung in Berlin-Lichtenberg, Fenster nach Westen raus. Der Flur: ein Haken für meinen Wintermantel, ein Schuhregal, ein Spiegel, in den ich jeden Morgen schaue und denke: Na, das geht. Nicht schön, nicht erholsam brauchbar. Genug.

Abends ist die Sonne hier besonders: dickflüssiges, tiefes Licht, wie geschmolzener Honig über alles gegossen. Mein Trostpflaster neben der Tatsache, dass ich zehn Minuten zur U-Bahn laufe. Jetzt, um sechs, kriecht der Schein die Wand hoch, hin zum Bücherregal, zur Teetasse von heute früh, zum Foto von Mama im Holzrahmen.

Ich setze mich an den Tisch, reibe die Schultern. Immer noch hochgezogen als würde ich einen Schlag erwarten. Irgendwann, über Jahre voller Meetings und nervöser Anrufe vom Chef, hat mein Körper gelernt: Vorbereitet sein ist sicherer als hoffen.

Ich mustere den Umschlag.

Orange. Dickes Papier. Unversehrt, als hätte ihn jemand sorgsam getragen. Mein eigener Name mit einem Finger gestreichelt.

Das ist kein Scherz, weiß ich. Meine Handschrift kenne ich besser als mein Spiegelbild.

Vorsichtig reiße ich die Kante auf und sehe hinein. Ein gefaltetes Blatt, ganz normales A4, und noch etwas flach, glänzend.

Ich ziehe den Brief heraus, falte auf.

Hallo. Das bist du. Du aus dem März 2025. Du bist jetzt 37, sitzt nachts um zwei in der Küche und fühlst dich schrecklich. Du hast die vierte Nacht in Folge nicht geschlafen. Du glaubst, du packst das alles nicht. Die Arbeit. Dich selbst. Diese Stadt, die so fest auf dir drückt.

Ich schreibe dir, weil es jemand tun muss. Morgen ruft eine Freundin an, übermorgen Mama aber heute Nacht, um zwei, ist niemand da. Nur du.

Ich will dir eines sagen:

Du bist damals durchgekommen du packst es auch diesmal.

Lieb dich selbst. Du hast es verdient.

Wenn du das liest, ist ein Jahr vergangen. Du hast es geschafft. Also hat es sich gelohnt.

Ich lasse das Papier auf den Tisch sinken.

Mir schnürt es die Kehle zu. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus tiefer Kenntnis. Das bin ich. Jedes Wort von mir, sogar der Fehler beim Komma nach heute Nacht, selbst der Absatzbeginn mit Ich will dir….

Aber ich erinnere mich nicht.

Nicht daran, es geschrieben zu haben. Nicht an den orangen Umschlag, nicht an die Wahl des Papiers. Ein Jahr und kein Gedanke daran.

Dann sehe ich das Foto.

Es muss beim Herausziehen gefallen sein, landet glänzend nach unten. Ich drehe es um.

Eine Frau aschfahles Gesicht, dunkle Schatten bis zu den Wangenknochen, rissige Lippen, zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Die Haare hochgesteckt, aber die eine Seite hängt herunter, die Strähne am Gesicht. Und der graue Strickpulli an Ellbogen ausgeleiert. Der, den ich letzten Sommer weggeworfen habe.

Ich kenne das Teil. Und das Gesicht erst recht.

Das bin ich. März ein Jahr davor.

Unten auf dem Foto, handschriftlich: Du bist stärker geworden. Sieh her dann weißt du, woher du kommst.

Ich lege das Bild neben den Brief. Die letzten Sonnenstrahlen erreichen den Tisch, wärmen das Foto. Der Ausdruck darauf wird milder aber nicht fröhlicher.

Und auf einmal kommt es zurück.

***

März 2025. Zwei Uhr nachts. Die Küche derselbe Tisch, aber darauf ein Laptop. Das Licht lässt meine Augen brennen.

Ich in T-Shirt und Jogginghose, barfuß, Füße eiskalt, beim Klicken von Links. Keine Nachrichten, keine sozialen Medien. Ich suchte irgendwas, ohne Namen. Vielleicht ein Zeichen, einen Grund zum Aufstehen.

Drei Tage in dem März war ich nicht aus dem Bett gekommen. Nicht aus Faulheit. Es fühlte sich an, als hätte mich jemand unter eine Betonplatte gelegt. Ich konnte nicht, egal wie.

Seit der Trennung sind drei Jahre vergangen. Florian verschwand 2023 zur Kollegin, zu Britta aus dem Vertrieb, zu einer, die mehr lachte und weniger fragte. Ich habe nicht geweint, habe seine Sachen in zwei Koffer gepackt und einfach an die Tür gestellt: Komm, hol sie ab. Das tat er.

Eineinhalb Jahre habe ich nur geschuftet. Als Einkäuferin bei der Bauthaus GmbH: morgens ab acht Lieferanten durchtelefonieren, Tabellen bis abends zehn, in Pausen Meetings, bei denen Chef Petersen seinen Standardspruch loswurde: Markt schwächelt. Wir optimieren. Wers nicht schafft, ist selbst schuld.

Und ich? Ich schaffte. Machte, trug, schwieg.

Im Herbst sagte mein Körper Genug: Erst verschwand der Schlaf. Dann der Appetit. Dann die Energie. Im Januar schlief ich nur noch mit laufendem Fernseher ein, aß einmal am Tag und redete allein mit Mama am Telefon. Meistens aus Pflichtgefühl.

Mama spürte das. Elke Brandt sie rief jeden Abend an: Annike, hast du gegessen? Ich antwortete: Ja, Mama. Suppe. Suppe hatte ich seit November nicht gekocht.

In dieser Märznacht suchte ich online nach Brief an mein Zukunfts-Ich. Einfach so, weil ich irgendwo Werbung dafür gesehen hatte. Ein Zeitkapsel-Anbieter war unter den ersten Treffern. Man schreibt einen Brief, wählt das Jahr von einem Monat bis zu zehn zahlt und bekommt das Ding analog per Post zugeschickt.

Ich wählte Orange. Grau hatte ich genug. Schrieb per Hand, scannte den Text, lud alles auf deren Portal. Ein Selfie dazu genau da, am Küchentisch, im Laptoplicht. Gezahlt zwanzig Euro. Liefertermin: zwölf Monate.

Ich klappe den Laptop zu. Schlafen. Danach hab ich das alles kein einziges Mal im Jahr bedacht.

Weil mein Leben langsam weiterging. Nicht schwungvoll, sondern mit Rucken, wie ein alter Fahrstuhl im Altbau. Aber immerhin vorwärts.

Im April suchte ich das erste Mal im Leben eine Psychologin auf. Frau Schiller kurze Haare, Praxis in Friedrichshain, fünfzig Minuten pro Woche. Beim dritten Termin musste ich zwanzig Minuten lang weinen. Beim sechsten habe ich zum ersten Mal seit Monaten gelacht.

Im Juni Beförderung: Senior-Einkäuferin. Nach dem Meeting sagte Petersenausnahmsweise: Frau Brandt, Sie sind die Einzige, die nicht jammert, sondern einfach macht. Das ist mir nicht entgangen. Ich nickte, setzte mich, zog die Schultern hoch aus Freude und Angst zugleich.

Herbst: Es wurde leichter. Ich kochte wieder Suppe. Ging sonntags spazieren Park an der Frankfurter Allee, mit einem Buch und Tee im Thermobecher. Rief nun Mama an, nicht umgekehrt.

Den Brief vergaß ich vollständig. Wie einen Versicherungsnachweis hinten in der Schublade.

Bis heute.

Ich sitze nun, Brief und Foto in den Händen, und schaue auf das ein Jahr alte Ich. Blass, müde, in dem Pullover.

Und eine Stimme in mir sagt: Na und? Wieder nichts geschafft. Alles wie gehabt.

***

Diese Stimme ist alt. Vielleicht seit dem Ende mit Florian, vielleicht noch länger. Nie laut, nie wütend immer sachlich, sanft, beinahe fürsorglich. Und deshalb am schlimmsten.

Beförderung Zufall. Petersen findet bestimmt niemand Besseres…

Du schaffst eh nicht. Sieh dich an: Schultern bei den Ohren, vier Stunden Schlaf, Frühstück: Kaffee mit Unruhe…

Sie sparen dich sicher auch weg. April. Mai. Mit Ansage.

Ich höre zu. Nicht, weil ich glauben will nur, weil ich es nicht anders kann. Diese Stimme ist so vertraut wie mein ganzes Ich, so wie meine Handschrift und meine Schultern. Sie ist einfach da.

Am nächsten Morgen 19. März stehe ich um sechs auf. Dusche, Kaffee, Mascara. Wie immer.

Die Stimmung im Berliner Bauthaus-Büro auf der Frankfurter Allee ist angespannt. Offenes Großraumbüro, dreiunddreißig Tische, und eine schwer zu greifende Stille liegt seit zwei Wochen in der Luft. Neulich gab es Kündigungen in der Logistik. Nun warten alle auf Runde Zwei.

Ich marschiere zum Schreibtisch, hänge die Handtasche über den Stuhl, PC: Passwort sechs Ziffern, Mamas Geburtstag, tippe blind. Postfach. 114 ungelesene Mails. Lieferrant aus Leipzig will Aufschub, Lager meldet fehlenden Stahl, Buchhaltung will Abgleich bis Freitag. Alltag. Wäre da nicht diese Anspannung, könnte man glauben, alles wäre normal.

Petersen ruft zur Besprechung.

Er kommt mit schnellen Schritten herein, nimmt Platz, klappt den Stift, schaut in die Runde.

Kurz und klar, sagt er. Frau Riedel geht auf eigenen Wunsch, offiziell. Ihr wisst, wie es ist.

Julia Riedel. 29, Projektabteilung, seit drei Jahren im Haus. Ich kenne sie, nicht gut, aber gut genug, um ihre Oma-Piroggen von der Teeküche zu kennen (Bedient euch, sind mit Kohl!). Und einmal gestand sie mir auf der Weihnachtsfeier, wie viel mehr sie Angst vor Jobverlust hat als vor sonst irgendwas. Und mein Kater bleibt. Dem kann ichs nicht erklären.

Petersen klickt: Im April folgt Phase Drei. Wer bleibt, entscheidet sich nach Quartalsergebnis.

Ich sitze aufrecht, Schultern bei den Ohren, Finger unter dem Tisch. Die Stimme: Siehst du? Bald bist du dran.

Nachher lehne ich mich draußen an die Wand, schließe kurz die Augen.

Zwei Stimmen im Kopf. Die aus dem Brief: Du hast es damals geschafft du schaffst es jetzt. Und dann die andere: Papier aus dem Netz für zwanzig Euro. Täusch dich nicht. Julia trifft es, dich bald vielleicht auch.

Ich trinke Wasser am Wasserspender und arbeite weiter. Das kann ich: arbeiten. Aber reicht das?

Am Abend esse ich Buchweizen und Frikadelle. Mamas Anruf.

Annike, hallo wie gehts?, Mamas Stimme rau vom Frühlingshusten.

Es passt, Mama. Viel los im Büro…

Hast du gegessen?

Esse gerade. Buchweizen, ganz brav.

Pause. Sie hört zwischen den Worten, wie immer.

Annike, deine Stimme klingt wieder so… angespannt.

Ich bin müde aber nicht wie damals. Nur Arbeit.

Du weißt ich bin immer da. Ich kann am Wochenende vorbeikommen. Mit Echte-Suppe, nicht aus Tüte.

Ich lächle erstmals am Tag.

Danke, Mama. Noch gehts.

Wir reden noch zehn Minuten. Mamas Blutdruck, die Nachbarin mit neuer Katze, die nachts schreit. Der Frühling in Hamburg ihre Veilchen blühen schon, Foto kommt aufs Handy. Sieh mal, Annike Frühling ist da, und du hockst in Berlin… Die Mundwinkel heben sich wieder. Alltäglich. Und dieses Alltägliche macht alles leichter.

Mama fragt nie, ob ich jemanden treffe oder wann Enkel kommen. Dreißig Jahre Bibliothek, da weiß man: Schweigen kann wertvoller sein als Fragen. Sie ist einfach da, zwei Stunden und einen Anruf weit weg.

Nach dem Gespräch räume ich ab, sehe auf den Brief, das Foto.

Du bist stärker geworden. Sieh her dann weißt du, woher du kommst.

Ich halte das Bild ans Gesicht. Die Frau auf dem Foto schaut direkt als wollte sie um Hilfe bitten.

Um neun ruft Cordis an.

Cordis Schulfreundin, 22 Jahre, tiefe Stimme mit Lachen, sogar wenn ihr gar nicht danach ist.

Annike! Erzähl schon!

Was soll ich…

Alles. Ich weiß, bei euch knallts am Arbeitsplatz. Maria hats im Alumni-Chat gepostet.

Ich seufze.

Heute wurde Julia gekündigt. Petersen sagte, im April ist die nächste Runde.

Und du?

Noch nicht. Noch ist das Wort.

Annike, weißt du noch, damals letzter März? Drei Uhr nachts. Du hast geweint und gesagt: Du packst das nicht. Erinnerst du das?

Verschwommen wie durch Wasser. Damals rief ich sie wirklich an.

Ich erinnere mich.

Und? Du bist noch da. Arbeitest. Bist befördert worden. Kochst Buchweizen und gehst an mein Telefon. Das ist Leben, Annike. Nicht das Ende.

Ich schweige.

Annike, hörst du mich?

Ja.

Dann: Hör zum Selbstzerfleischen auf.

Cordis redet noch zehn Minuten über ihre Arbeit (sie verkauft Küchen, verflucht Kunden, die in der dritten Woche die Farbe wechseln), ihren Kater Linus, der das Sofa ruiniert, und dass man am Samstag Wein trinken sollte.

Ich höre zu. Genau das schreibt auch der Brief. Und Mama. Und Cordis: Bleib da. Du bist durchgekommen. Du musst dich nicht immer schlechtmachen.

Nach dem Gespräch ist es zehn Uhr. Die Wohnung ist ruhig. Kein Druck, keine Schwere einfach still. Kühlschrank brummt, draußen Busse, irgendwo lacht ein Kind.

Ich gehe ins Bad, das Licht an, und sehe in den Spiegel.

Mein Gesicht. 38 Jahre, braune, leicht wellige Schulterhaare. Haut normal, mit Teeresten vom Abend. Schatten unter den Augen halb so schlimm. Alltag, um sechs aufstehen-Schatten.

Zurück zur Küche. Foto. Ins Bad. Stelle es neben meinen Spiegel.

Zwei Gesichter.

Eins im Spiegel. Lebendig, warm, ein bisschen müde.

Eins auf dem Foto. Grau, stumm nach Hilfe schauend.

Ein Jahr dazwischen.

Die Stimme im Hinterkopf: Das zählt nicht. Foto täuscht. Licht war schlecht. Es war bloß…

Ich unterbreche. Dieses Mal laut. Zum ersten Mal seit Ewigkeit.

Nein.

Das sage ich zum Spiegelbild. Und es sieht zurück, gelassen, gesammelt, sogar ein bisschen überrascht.

Nein, wiederhole ich. Ich bin nicht mehr sie. Sieh das war ich, das bin ich jetzt.

Stille.

Ich stehe barfuß da, in bequemer Hose, mit altem Shirt und Foto in der Hand und sehe mich an zum ersten Mal seit einem Jahr ohne zu beurteilen.

Nicht: Bin ich gut genug? Nicht: Halte ich durch? Nicht: Was, wenn wieder alles zusammenbricht?

Nur: Ich sehe.

Und erkenne. Keine Heldin, nicht perfekt. Einfach Mensch. Lebendig, müde, mit einer verrutschten Strähne. Hände, die 320 Wareneingänge unterschrieben haben und kein einziges Mal gezuckt haben. Schultern, die oben waren aber gehalten haben.

***

Nacht. Kein Schlaf bis zwei. Nicht aus Unruhe, sondern wegen Gedanken.

Ich liege im Dunkeln und gehe das vergangene Jahr durch. Nicht die Ereignisse, sondern das Gefühl. Wie ich zum ersten Mal wieder Frühstück gekocht und gegessen habe. Wie ich zum Park bin, zwanzig Minuten lang einfach saß Sonne im Gesicht. Wie ich bei Frau Schiller lachen musste über meinen Spleen, mich immer für alles zu entschuldigen.

Kleinigkeiten, aus denen ein Jahr wurde.

Wieder die Stimme: Das zählt nicht. Das schafft doch jeder.

Vielleicht lügt sie? Nicht aus Bösartigkeit. Sie kann nicht anders. Wie ein Mensch, der nie ans Tageslicht durfte und sich die Sonne nicht vorstellen kann.

Ich stehe auf, gehe in die Küche, das Licht an.

Der Umschlag liegt da. Diesmal drehe ich ihn um, nehme meinen blauen Lieblingskugelschreiber.

Fange an zu schreiben.

Hallo. Ich bins wieder, dein März 2026. 38. Die Arbeit macht Sorge, das Leben ist ein Rätsel. Aber du schaffst das.

Weißt du, vor einem Jahr schrieb ich dir schon einen Brief. Damals aus Dunkelheit. Aus einer, in der die Wände sich verlieren und nichts einen Ausweg zeigt.

Heute, wo ich das las, habe ich mich selbst auf dem Foto nicht erkannt. Es dauerte drei Sekunden ein ganzes Jahr.

Dieses Mal schreibe ich nicht aus Schmerz. Sondern aus Wärme. Denn wenn du das liest ist ein weiteres Jahr vorbei. Wieder geschafft.

Lieb dich selbst. Du hast es verdient.

Deine Annike, März 2026.

P.S. Falls die Schultern wieder oben sind lass sie jetzt fallen. Genau. Gut gemacht.

Einmal gefaltet, in den orangen Umschlag gesteckt aber genau den vom Morgen. Adresse drauf.

Laptop auf. Zeitkapsel-Website. Versand auf März 2027. Scan laden. Noch ein Selfie im Licht der Küchenlampe.

Das Gesicht darauf ist anders. Nicht grau, nicht leer. Eher ruhig, mit müden Augen. Aber da.

Foto speichern. Überweisen. Laptop zu.

Am Fenster: Berlin im Lichterglanz, Straßenlaternen, die roten Rücklichter. März, zwei Grad, Wind.

Ich stehe barfuß auf kaltem Boden und spüre, wie sich meine Schultern von alleine senken.

Die Stimme im Kopf setzt an.

Ich höre nicht hin.

Blicke auf den Straßenatlas an Lichtern da draußen und denke an die Frau, die den orangen Umschlag in einem Jahr bekommt. Älter, vielleicht mit neuem Job oder neuem Stadtteil. Vielleicht nicht. Unwichtig.

Wichtig ist: Im Umschlag liegt das Foto, daneben steht: Sieh her. Das hast du hinter dir.

Sie wird zurückblicken. Und sehen.

Ich lächle, lösche das Licht, gehe ins Bett.

Draußen Berliner Märznacht, feucht, nach Asphalt.

Drinnen Stille.

Auf dem Tisch: Ein oranger Umschlag mit neuem Brief.

***

Am nächsten Morgen wache ich um sieben auf. Ohne Wecker. Das Licht kommt aus Osten blasses, kühles Morgenlicht. Kein Honig, sondern Silber.

Ich gehe in die Küche, koche Tee.

Briefumschlag, Foto, Brief alles auf dem Tisch.

Kein Bedürfnis, nochmal zu lesen. Ich lege alles ordentlich zusammen. In den Schrank hole ich einen kleinen Glasrahmen, der nie für Urlaubsfotos zum Einsatz kam. Letztes Jahr-Foto rein, ab ins Regal zu den Büchern.

Das graue Gesicht. Die Schatten. Schiefer Dutt. Abgenutzter Pulli.

Nicht, um die Schmerzen zu bewahren sondern den Weg dahinter.

Wasserkocher klickt. Ich gieße Tee auf, beide Hände an der warmen Tasse, gehe zum Fenster.

Sehe mich im Spiegelbild, Hausanzug, ungeschminkt, Tasse in der Hand und: kein Kommentar. Kein Urteil.

Ich trinke aus, ziehe mich an. Nehme die Tasche, gehe zur Tür.

Vor dem Losgehen überprüfe ich die Schultern.

Sie sind unten. Ruhig, entspannt. Einfach meine Schultern.

Abgeschlossen, raus in den Tag.

Auf dem Tisch bleibt der orange Umschlag. Neues Jahr, neuer Brief, neues Foto. Bereit zum Verschicken.

In einem Jahr kommt er an. Ich werde ihn öffnen, mein Jetzt anschauen und vielleicht wieder stutzen. Denn ein Jahr verändert alles.

Oder fast alles.

Die Handschrift bleibt. Mit lange durchgezogenem t und Schleife am n, wie immer.

Und darin steht wieder: Du hast es damals geschafft du packst es auch jetzt.

Nur diesmal ist es kein Licht am Ende des Tunnels.

Sondern Licht, das schon da ist.

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