KarlaSchmidt eilte nach Hause. Auf der Uhr zeigte fast zehn Uhr abends, und sie verspürte das dringende Bedürfnis, endlich in ihre Wohnung zu kommen, etwas zu essen und sich ins Bett zu werfen. Der Tag war anstrengend gewesen. Ihr Mann war bereits zu Hause, das Abendessen stand auf dem Tisch, ihr zwölfjähriger Sohn Lukas hatte sein Pausenbrot verputzt.
Karla arbeitete in einem kleinen Friseursalon in Kleinburg und war heute die Nachtdiensthabende. Nachdem der Laden geschlossen war, räumte sie ihren Arbeitsplatz auf, aktivierte die Alarmanlage, verschloss die Tür und so blieb sie noch einen Moment stehen.
Der Weg nach Hause führte sie durch einen kleinen Stadtpark. Dort war es tagsüber meist friedlich: Auf den Bänken saßen Rentnerinnen, abends war es leer, aber die Laternen leuchteten, also war nichts zu befürchten.
Doch an diesem Abend war eine der Bänke nicht leer. Eng beieinander gekuschelt saßen zwei Kinder ein etwa neunzehn Jahre alter Junge und ein Mädchen, das nicht älter als fünf schien. Karla verlangsammte ihren Schritt und ging näher.
Was macht ihr denn hier ganz allein? Es ist schon spät! Lasst uns nach Hause gehen, sagte sie.
Der Junge blickte sie aufmerksam an, strich dem Mädchen sanft über den Kopf und umarmte sie noch fester.
Wir haben keinen Weg mehr. Der Stiefvater hat uns rausgeworfen.
Wo ist denn eure Mutter?
Bei ihm. Sie ist betrunken.
Karla zögerte keine Sekunde.
Kommt, steht auf, wir gehen zu mir. Morgen klären wir das.
Die Kinder standen langsam auf. Karla nahm das Mädchen, das sich Lotte hieß, an die Hand und reichte dem Jungen, den sie Max nannte, seine Hand.
So brachte sie die beiden zu sich. Sie erklärte alles ihrem Mann und Lukas. Die beiden, die Karla gut kannten und ihr großes Herz kannten, stellten keine Fragen sie zeigten ihr sofort, wo sie sich die Hände waschen konnten, und setzten die Kinder an den Tisch. Die hungrigen Kinder aßen schüchtern, aber mit großem Appetit alles, was ihnen angeboten wurde.
Danach klopfte Karla bei ihrer Nachbarin Frau Müller, deren Tochter in die erste Klasse ging, und bat um etwas Kleidung für Lotte. Es sammelten sich viele Stücke schließlich hat in jeder Familie nach den Kindern immer etwas übrig.
Karla badete das Mädchen, zog ihr saubere Kleidung an. Max putzte sich selbst und bekam ebenfalls ein paar alte, aber saubere Klamotten von Lukas. Sie legten sich gemeinsam auf das Sofa im Wohnzimmer Lotte ließ nicht von ihrem Bruder lassen, und Max hielt sie fest im Arm.
Gesättigt und erschöpft schliefen die Kinder schnell in einem sauberen Bett ein. Karla schickte Lukas in sein Zimmer, während sie und ihr Mann noch lange an der Küche plauderten und überlegten, was als Nächstes zu tun war.
Am nächsten Morgen stand sie früh auf, fuhr ihren Mann zur Arbeit, weil sie selbst in die zweite Schicht musste. Die Kinder wachte auf, Karla fütterte sie, packte die über Nacht gewaschene Kleidung in einen Beutel und machte sich auf den Weg zur Schule.
Sie brachten die Kinder zu einem Haus, das gleich um die Ecke stand. Die Wohnung im dritten Stock war offen. Die Kinder traten ein und blieben im Flur stehen
Karla blieb stehen. Sie wollte der Frau, die dort saß, einfach nur in die Augen sehen und fragen, worüber sie die ganze Nacht nachgedacht hatte, während ihre Kinder allein herumirrten.
Aus dem Zimmer kam eine junge, aber stark abgemagerte Frau mit einem auffälligen Nasensteg. Sie sah die Kinder desinteressiert an und sagte: Ach ihr seid gekommen Und wer ist das hier?
Das ist Tante Karla. Wir haben hier übernachtet, erklärte Max.
Ach na gut, murmelte sie und ging, als wäre nichts geschehen, zurück in ihr Zimmer. Karla war perplex. War das ihre Mutter?
Plötzlich drehte die Frau sich zu Karla um: Komm in die Küche, wir reden.
Karla folgte ihr. Trotz der ärmlichen Verhältnisse war die Wohnung überraschend sauber. Geschirr stand glänzend, der Boden war gewischt, alles lag an seinem Platz. Sogar Karlas abgetragener Bademantel war sauber, wenn auch mit ein paar ausgefransten Knöpfen. Setz dich, sagte die Frau und deutete auf einen Stuhl.
Karla setzte sich. Die Frau setzte sich ihr gegenüber, blickte mit leicht müdem Auge und fragte: Hast du Kinder?
Ja, einen Sohn, zwölf Jahre alt, antwortete Karla.
Hör zu Wenn mir etwas passiert, bitte lass die Kinder nicht allein. Sie haben nichts falsch gemacht.
Willst du sie etwa verlassen?, fragte Karla erstaunt.
Ich kann nicht mehr. Ich habe es schon so oft versucht, doch es klappt nicht. Und er sie wies auf das Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer, wo ein lautes Schnarchen ertönte ich habe die Polizei gerufen. Sie sitzt ein paar Tage, kommt dann aber wieder und schlägt noch schlimmer. Ohne Alkohol halte ich nicht mehr aus. Ich trinke täglich. Und er stellt die Kinder vor die Tür, sie sind ja nicht seine.
Wo ist der Vater?
Er ertrank, als Lotte gerade ein Jahr alt war. Seitdem bin ich allein.
Arbeitest du?
Ich war Verkäuferin im Supermarkt. Letzte Woche wurde ich wegen zu vielen Fehlzeiten quittiert.
Und dein Mann?
Er arbeitet hier und da, ein bisschen hier und da wir halten gerade so durch.
Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie fort: Wenn etwas passiert, bitte lass die Kinder nicht allein. Du bist eine gute Seele. Wenn du sie nicht halten kannst, bring sie ins Kinderheim, bitte.
Karla stand auf. Ihr Verstand wollte das Gehörte kaum fassen. Es klang wie ein Albtraum. Die Kinder kamen zu ihr, umarmten sie beide. Tränen stiegen ihr in die Augen. Schnell wischte sie sie mit dem Ärmel weg und sagte Max, dass er wissen würde, wo er sie finden könne.
Sie verließ das Haus und ließ draußen die Tränen fließen, bis Passanten neugierig zurückblickten. Am selben Abend erzählte sie alles ihrem Mann. Er stellte keine Fragen, sondern sagte nur, dass sie die Kinder auf keinen Fall zurücklassen würden. Lukas, der das Gespräch mitgehört hatte, kam herüber und umarmte beide. So saßen sie noch lange schweigend in der Küche, eng umschlungen.
Drei Tage später kam Max völlig aufgelöst zurück. Mama ist verschwunden, und der Stiefvater wurde von der Polizei abgeführt. Lotte ist jetzt bei der Nachbarin, aber sie holen sie gleich ins Heim. Er erzählte alles im Eiltempo und rannte zurück zu seiner Schwester. Noch am selben Tag wurden die Kinder tatsächlich ins Heim gebracht.
Am folgenden Tag fanden die Behörden die Mutter der Kinder leblos im Fluss. Sie war gewaltsam ums Leben gekommen wohl weil sie ihr Schicksal vorausgesehen hatte und Karla um Hilfe bat.
Karla und ihr Mann begannen, das Jugendamt zu kontaktieren, um das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen. Verwandte von Max und Lotte wurden nicht gefunden, und nach gründlicher Prüfung sowie Karlas Schilderung des Gesprächs mit der Mutter erhielt das Amt schließlich die Genehmigung.
Karla musste ihre Arbeit aufgeben. Lotte war stark verängstigt, vertraute nur noch ihrem Bruder und hielt sich ständig an seiner Seite. Selbst ein umgekippter Löffel ließ sie ängstlich zum Ehemann von Karla blicken, als würde sie eine Strafe erwarten.
Es erforderte viel Geduld, ihr Vertrauen zu gewinnen. Max, der ältere, verstand schnell, dass hier keine Gefahr für sie bestand weder körperlich noch seelisch.
Nach und nach öffnete sich das kleine Mädchen. Sie ging selbstbewusst zu Karla, spielte mit Lukas, lächelte und sprach, obwohl sie den Mann von Karla noch ein wenig fürchtete ein tief verwurzelter Respekt vor erwachsenen Männern war ihr noch präsent.
Doch Karla behandelte sie sanft und behutsam. Sie wünschte sich schon lange eine Tochter, doch aufgrund ihrer gesundheitlichen Lage konnte sie keine mehr bekommen. Und dann kam der Tag, an dem ihr Mann von einer dreitägigen Dienstreise zurückkehrte. Karla und Lotte gingen ihn entgegen. Er umarmte die beiden, streckte die Arme nach dem Mädchen aus.
Lotte trat vorsichtig näher, umarmte ihn am Hals. Er hob sie auf die Arme und zusammen gingen sie in die Küche. Dort sahen sie Lotte lächelnd, Max kam dazu, dann Karla. Alle umarmten sich, standen einen Moment schweigend da, doch mit Wärme im Herzen.
In dieser neuen kleinen Familie wird es nun gut werden.